NaNoWriMo / Tag 6 – Ungeschminkte Leseprobe

Ob es wohl eine gute Idee ist, dass Heike ihren Sohn Benjamin überraschend in seiner Studentenbude besucht? Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht!

1.796 Wörter sind heute dazu gekommen, so dass mein aktueller WordCount bei 11.221 liegt. Und so langsam habe ich das Gefühl, dass meine Figuren bei mir eingezogen sind und ihren Platz in meinem Leben beanspruchen. Ein gutes Zeichen!

Leseprobe (ungeschminkt):

Es dauerte eine Weile, bis sie Bennis Namen auf unter den zahlreichen Klingelschildern entdeckt hatte. Herrje, wie viele waren das? 30, 40 Namen? Sie drückte auf den Knopf und wartete. Nichts passierte. Aber das hatte sie sich ja schon beinahe gedacht.

Entschlossen hob sie ihre Beutel vom Boden auf und ging den offenstehenden Gang entlang. Wahrscheinlich klingelte hier sowieso kein Mensch unten an der Haustür, sondern erst oben an den Zimmern. Einen Moment überlegte sie, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Du wirst doch wohl das Zimmer Deines Sohnes finden, schimpfte sie im stillem mit sich.

Genau, hier war sie richtig. Sie schob eine Tür auf und stieg zwei Treppenabsätze nach oben. Dann nochmal links um die Ecke herum und da genau, da war es auch schon.

Dieses Mal klingelte sie gleich etwas ausdauernder. Eine Weile regte sich nichts und dann hörte sie eine heisere Stimme rufen.

„Ja, Mann, komm ja schon!“

Ein junger Mann in einer ausgewaschenen, fast in den Knien hängenden Hose und mit freiem Oberkörper öffnete ihr die Tür.

„Hmm?“, machte er nur.

„Hi, ich bin Bennis Mutter Heike.“ Erwartungsvoll sah sie ihn an.

„Und?“

„Ich wollte ihn überraschen und dachte ich könnte hier auf ihn warten“, sie hielt den Beutel mit dem daraus hervor lugenden Fladenbrot hoch. „Ich habe Essen dabei.“

Der junge Mann glotzte einen Moment auf den Beutel und öffnete dann die Tür so weit, dass sie an ihm vorbeigehen konnte. Sie schlüpfte in den miefigen kleinen Flur, bevor er es sich anders überlegen konnte. Anscheinend hat ihn das Essen überzeugt, dachte sie vergnügt. Gut, dass ich vorsichtshalber mehr eingekauft habe!

„Mögen Sie eventuell auch etwas haben?“, fragte sie, nachdem sie die kleine Gemeinschaftsküche betreten hatte.

„Klar“, ein Strahlen ging über sein vermutlich vom Schlaf zerknittertes Gesicht, „ich bin übrigens Lukas.“

„Hi Lukas. Heike“, sie winkte ihm fröhlich zu.

„Zieh mir nur kurz was an.“ Als er wenige Minuten später zurück kam, trug er ein sauberes T-Shirt und eine Hose, die sich nur in der Farbe durch die vorherige unterschied.

„Ich hab mir mal erlaubt, den Tisch ein bisschen zu decken“, entschuldigte sie sich und wies auf die Teller und das Besteck.

„Super! Ich hab nämlich noch gar nicht gefrühstückt.“

Fladenbrot, Pepperoni und Schafskäsecreme zum Frühstück. Das konnten doch auch nur die Mägen von jungen Leuten vertragen. Ihr eigener drehte sich bei diesem Gedanken jedenfalls um.

Eine Weile kauten sie einträchtig, wechselten hin und wieder so wichtige Wörter wie „mmh“, „lecker“ oder „echt geil“ und schwiegen ansonsten. Als Heike endlich das Besteck zur Seite legte und sich auf dem Stuhl zurück lehnte, fühlte sie sich einfach nur gut. Es war schön, einmal aus all dem Trott heraus zu kommen. Mal spontan zu sein und neue Leute kennen zu lernen. Wobei sie sich nichts vor machte. Lukas hatte sie jetzt nur kennen gelernt, weil sie Futter für die Raubtiere mitgebracht hatte. Sie grinste in sich hinein.

„Was machst Du so?“, wandte sie sich nun an ihr immer noch kauendes Gegenüber.

„Studieren.“

„Und was?“

„Kommunikationswissenschaften im Rahmen des Bachelor of Science.“

„Interessant.“ Das Wort Kommunikation aus diesem gesprächigen Mund hatte ja beinahe was. Aber sie war ja selber schuld, schließlich hatte sie ihn aus seinem Dornröschenschlaf geweckt.

Aus Richtung der Wohnungstür hörte sie plötzlich Geräusche, die sich nach dem aufschließen der Wohnungstür anhörten. Ihr Herzschlag beschleunigte sich ungewollt. Ein Rumpeln, als die Tür zugeschlagen wurde und dann hörte sie zwei Stimmen. Eine war ihr so bekannt, wie ihre eigene. Und die andere? Eine Mädchenstimme?

Bevor sie darüber nachdenken konnte, ob Benni vielleicht mit einer Kommilitonin unterwegs war, öffnete sich die Küchentür und ihr Sohn trat ein.

„Schon wach?“

Dann ein plumpsen, als ihm seine Tasche von der Schulter auf den Boden glitt. Aufgerissene Augen: „Mama? Was zur Hölle machst Du hier?“

Na, das war doch genau die Begrüßung, die sie sich vorgestellt hatte. Nun wurde Heike doch ein wenig mulmig und ihr kam zum ersten Mal der Gedanke, dass ihre Überraschung vielleicht nicht so gut ankommen würde.

„Ich wollte Dich überraschen.“

„Das ist Dir gelungen!“

Das klang alles irgendwie nicht nach Wiedersehensfreude, sondern nur nach einem abgeschmackten Film, den sie vermutlich nicht zu Ende geschaut hätte.

„Willst Du uns nicht vorstellen Ben?“

Eine blasse Schönheit mit einer frechen Kurzhaarfrisur schob sich an Benjamin vorbei.

„Hi, ich bin Carolin, die Freundin von Ben.“

Carolin? Freundin? BEN??

„Ja, äh, hi, ich bin Heike, die Mutter von äh Benni.“

Ihr Sohn sah sie strafend an, während Carolin ihn in die Seite knuffte.

„Hey, Du wirst zuhause Benni genannt. Hast Du mir gar nicht erzählt.“

Ben-Benni-Benjamin sagte kein Wort.

„Ich habe Essen mit gebracht“, sagte Heike leise.

„Fladenbrot und so?“ Carolin sah sich auf dem Tisch um. „Oh, super. Ben, wir wollten doch sowieso gerade was essen.“ Ohne Umschweife ließ sie sich neben Heike auf dem freien Stuhl nieder und griff ungeniert zu.

Wenn Enttäuschung und Neid nicht gerade in ihr gewütet hätten, hätte sie zugeben müssen, dass BEN´s neue Freundin einen wirklich netten Eindruck machte. Aber so war ihr einfach nicht danach, freundlich über sie zu denken. Oder über irgendwen anders.

Dabei war das Wort Neid nie ein Thema gewesen in Bezug auf ihren Sohn und seine Freundinnen. Im Gegenteil, sie hatte sich immer gefreut, wenn er nette Mädels mit nach Hause brachte. Und die Meisten waren wirklich nett gewesen und sie hatte immer rasch einen Kontakt aufbauen können.

Und genau das war es wohl. IHR Benni hatte ihr nichts von Carolin erzählt. Dass er so kurz nach seinem Umzug schon eine neue Freundin gefunden hatte. Normalerweise auch kein Ding, sie war froh, dass er so schnell Anschluss fand, aber sie fühlte sich ausgeschlossen. Und das zu einem Zeitpunkt, wo er ihr so sehr in ihrem Leben fehlte. Sie ihm anscheinend nicht. Das wurde ihr in diesem Augenblick mehr als bewusst.

„Lecker“, rief Carolin begeistert und fügte mit einem Blick auf Heike zu, „ist doch in Ordnung, wenn ich noch was nehme.“

Heike nickte. Zu mehr war sie gerade nicht in der Lage.

Plötzlich war da eine Hand auf ihrer Schulter und eine Stimme, die ihr ein „hi“ ins Ohr flüsterte. Freute Benni sich doch, sie zu sehen? Hätte sie sich einfach nur vorher ankündigen müssen? Ebenso leise flüsterte sie „sorry“ zurück. Ein leichtes Drücken der Schulter, bevor die Hand wieder verschwand und sich gleich darauf samt Arm um Carolins Schultern legte. Ein Anblick, der Heike nochmal einen Stich versetzte, aber nicht mehr so tief.

Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor sie in die Runde sagte: „Greift ruhig zu, ich will den Krams nicht wieder mit nach Hause nehmen!“

Kurz darauf unterhielten sich die Fünf ungezwungen und es wurde beinahe so, wie sie es sich in ihrer Fantasie ausgemalt hatte. Aber eben nur beinahe.

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