Schreibkick: Prinzessin ohne Pflichten

„… dann leben sie noch heute?“
von Nicole Vergin

 RUMMS!

Mariella zuckt zusammen. Anton, ihr Mann, ist weg. Was soll sie jetzt tun? Ihr Blick wandert zu den liebevoll verpackten Weihnachtsgeschenken, die verstreut in der Wohnküche liegen.

Sie sitzt auf dem Sofa, die schlanken Beine unter sich gezogen. Gedankenverloren zippelt sie an ihrer eleganten Bluse.

„Warum kannst Du nicht auch mal etwas tun?“, brüllte Anton sie an, kurz bevor er Türen schlagend die gemeinsame Wohnung verließ.

Bei dem Gedanken daran, schüttelt die junge Frau ungläubig den Kopf. Noch nie hat sie ihren Mann außer Fassung erlebt. Im Gegenteil, er ist stets so ruhig und bedächtig, dass sie ihn im Stillen eher als langweilig bezeichnet.

Bestimmt kommt er gleich zurück, macht sie sich selber Mut. Und: ich habe doch nichts falsch gemacht!

Bei diesem Gedanken reibt sie mit den Handinnenflächen angestrengt über ihre Oberschenkel. Wie immer, wenn sie nervös ist oder etwas nicht versteht.

Was hat Anton bloß gemeint? Was genau soll sie denn tun?

Nein, so hat sie sich den Heiligen Abend nicht vorgestellt.

Den Großteil des Tages verbrachte sie mit der Pflege ihrer Schönheit. Einem ausgiebigen Wannenbad, folgte eine Mani- und Pediküre im Schönheitssalon, wo sie ebenso Stammkundin ist, wie bei Manolo ihrem Starfriseur. Laut seinen Angaben hat er auch schon Paris Hilton frisiert! Anton hat nur gelegentlich die Kosten für all die Verschönerungen zu bedenken gegeben. Aber selbstverständlich wusste sie ihn stets von der Notwendigkeit zu überzeugen.

Schließlich tut sie all das nur für ihn. Damit sie, wenn er abends von der Arbeit heimkehrt eine schöne Frau um sich hat.

Warum ist es mir heute nicht gelungen, ihn zu überzeugen, fragt sie sich und wischt einen imaginären Fussel von ihrem Rock, den sie sich erst kürzlich hat auf den Leib schneidern lassen. Gegen einen entsprechenden Preis – natürlich!

Aber heute war ihr Anton irgendwie anders als sonst. Mit Schaudern denkt sie an den Moment seiner Heimkehr zurück.

Sorgfältig drapierte sie sich nach all den ergriffenen Schönheitsmaßnahmen auf dem Sofa. Die Bluse einen Knopf weiter geöffnet, als es züchtig war und den hoch angesetzten Schlitz ihres Rocks gekonnt in Szene gesetzt. Auf ihrem Gesicht ihr bezauberndstes Lächeln.

Und er? Mit einem Arm voller Geschenke stand er auf den marmornen Fliesen im Wohnbereich. Und anstatt seine wunderschöne Frau zu bewundern, suchten und fanden seine Blicke Fehler in dem Bild.

Auf der Küchentheke die vom Frühstück übrig gebliebenen Teller und Tassen mit den dazugehörenden Kaffeeflecken und Brötchenkrümeln. Der Herd, auf dem eine nackte und vor allem noch rohe Gans in einem Bratentopf lag, anstatt sich in der Hitze des Backofens aufzuwärmen. Die Kisten voller Weihnachts-Schnickschnack und der kahle Baum, der in ein Netz gezwängt im Ständer auf Erlösung wartete.

„Nichts…“, murmelte Anton mit trüben Augen und herunterhängenden Mundwinkeln. „Nichts ist fertig.“

Doch!, wollte sie rufen, doch! Ich bin fertig, bereit für Dich – sieh doch her!

Aber sie schwieg.

Warum musstest Du auch heute noch, am Heiligen Abend, zu Deinem blöden Zweitjob gehen? Ja, das lag ihr auf der Zunge.

Auch jetzt, als sie die Situation erneut überdenkt, warten die Worte noch immer an dieser Stelle. Ungenutzt. Denn Anton ist weg. Und es ist Niemand bei ihr, mit dem sie darüber sprechen kann.

Vielleicht kehrt er zurück, macht sie sich selber Mut. Vielleicht.

Sie steht auf, zieht ihren Rock gerade und geht widerwillig hinüber zur Küchentheke. Mit spitzen Fingern angelt sie nach einem vor Schmutz starrenden Putzlappen und wischt halbherzig über die Küchentheke. Verteilt den Dreck, anstatt ihn zu entfernen.

Die beiden Frühstücksteller in der einen Hand, öffnet sie mit der anderen die Geschirrspülmaschine und überlegt, wo sie die Teller am besten platziert. Eine hochgezogene Augenbraue, ein Stirnrunzeln das beinahe augenblicklich wieder geglättet wird. Dann stellt sie die Teller seufzend wieder ab und macht einen Bogen um die geöffnete Tür der Geschirrspülmaschine, geht ziellos durch den Raum und bleibt vor einem Staubbedeckten ehemals weißen Regal stehen.

„Papa“, flüstert sie leise einem gut aussehenden älteren Herrn zu, der ihr von einem gerahmten Foto eine Kusshand zuwirft, „was soll Deine kleine Prinzessin jetzt bloß tun?“

Mariella zuckt mit den Schultern, geht zurück zum Sofa und drapiert sich erneut zwischen die Polster.

Anton wird zu mir zurückkommen, denkt sie und fügt leise murmelnd hinzu:

„Und wenn sie nicht gestorben sind…“

Dieses Mal waren dabei:
Sabrina
Schreibfee

Worum gehts beim Schreibkick?
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2 Gedanken zu „Schreibkick: Prinzessin ohne Pflichten

  1. Hey Nicole,

    danke für deinen tollen Text. Er gefällt mir richtig gut!
    Lustig, dass wir beide doch noch vom klassischen Märchen weggekommen sind. Ich hatte nämlich zuerst auch was ähnliches vor, wie du in deinen früheren Versuchen, die du bereits gepostet hast.

    Ich freue mich auf den neuen Schreibkick mit deinem Thema und auf viiiele, viele neue Texte 🙂

    lg,
    Sabi

    P.S.: ich heiße Sabrina *lach*

    Gefällt 1 Person

    • Hey Sabi,

      sorrysorry wegen Deinem Namen… uff, war wohl gestern doch noch etwas matschig im Kopf… DANKE jedenfalls für Deine lieben Worte! Ja, wieso sind wir eigentlich von den Märchen abgedriftet?? 🙂 Und wir haben Beide dies Vater-Tochter-Prinzessin-Ding drin…
      Ja, ich freu mich auch auf weitere Schreibkicks. Ich hab noch keine Ahnung, was ich in diesem Monat schreibe. Und das trotz „Heimvorteil“…

      Liebe Grüße
      Nicole

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