Schreibkick: Ins Netz gegangen

??? (Titel s. Blog-Beitrag!)

von Nicole Vergin

„Willst Du schon gehen?“

Der Typ mit den raspelkurz geschnittenen Haaren und dem Oberarm Tattoo das aussah wie eine Kuh beim kalben griff nach ihrem Arm. Vanessa entzog sich geschickt und machte einen Sicherheitsschritt zur Seite.

„Ja, ist doch total öde hier…“ Verflixt, nun hatte sie auch noch prompt seinen Namen vergessen. Dabei hatten sie vor wenigen Minuten noch wild ihre Zungen miteinander verknotet. Und das war gar nicht mal schlecht gewesen, wie sie zugeben musste. Trotzdem. Ihr war langweilig. Und das nun schon seit Wochen. Egal, auf welche Party sie ging, mit welchen Leuten sie unterwegs war – alles ödete sie nur noch an.

„Bleib doch noch.“ Sein Gesicht näherte sich ihrem und seine Zunge wollte bereits wieder auf Knutschkurs gehen.

„Du, ein andern mal, ok?“ Sie schenkte ihm ein süßes Lächeln, woraufhin er sie glücklicherweise gehen ließ.

Rasch stieß sie die Tür des Clubs auf und trat in die kalte Januarluft hinaus. Sie zog hastig den Reißverschluss ihrer gelben Daunenjacke zu, aber der Wind hatte schon einen Weg gefunden ihren schlanken Körper mit einer Gänsehaut zu überziehen.

So gut es in ihren hochhackigen Stiefeletten möglich war schritt sie aus, um ein wenig Wärme zurück zu bekommen.

Inzwischen war es 22.30 Uhr geworden, eigentlich die perfekte Zeit, um eine Party zu besuchen. Vanessa sah sich im Gehen um. In dieser Gegend war sie bisher noch nicht so oft gewesen. Nicht oft genug, um sich auszukennen. Wo war doch gleich nochmal die U-Bahn Haltestelle von der sie den Club angesteuert hatten? Keine Ahnung. Sie war mit einer Freundin hergekommen. Naja, Freundin war vielleicht zu viel gesagt. Eine der zahlreichen Partybekanntschaften der letzten Wochen. Und diese Evelyn – oder hieß sie Emily? – hatte noch keinen Bock darauf gehabt nach Hause zu gehen. Und nun lief sie, Vanessa, hier in der dieser Scheiß verlassenden Gegend herum.

Das Licht der Straßenlaternen beleuchtete hier und da aufgestauten Müll. Säcke, die einfach neben volle Container geschmissen und nicht mit abtransportiert worden waren. Zumindest so zerfetzt wie sie aussahen.

Ein Rascheln flog durch die Nacht an ihr Ohr. Obwohl Vanessa durch den minutenlangen Marsch wieder etwas wärmer geworden war, erschauderte sie nun doch. Das waren bestimmt Ratten, bei all dem Dreck der sich hier ausgebreitet hatte.

Sie kam an eine Kreuzung, an der die Ampel bereits ausgeschaltet war. Oder war sie kaputt? Vermutlich. Wer würde schon vor Mitternacht eine Ampel ausschalten? Sie lauschte, konnte aber außer dem pfeifen des Windes nichts hören. Merkwürdig. Sie war mitten in einer Stadt, zugegeben keine Weltstadt wie Berlin oder Hamburg. Aber doch groß genug, dass es hier irgendwo um diese Uhrzeit Menschen geben müsste. Oder zumindest sollte doch wohl mal ein Auto vorbeifahren.

Langsam wurde es ihr unheimlich. Sollte sie hier nun rechts oder links abbiegen? Oder doch lieber geradeaus weitergehen? Unschlüssig blieb sie stehen und überlegte. Vielleicht sollte sie sich einfach ein Taxi rufen. Sie kramte in ihrer kleinen Umhängetasche nach ihrem Smartphone.

„Shit!“, rief sie laut in die stille Nacht hinaus.

Sie hatte Evelyn-Emily das Teil vorhin geliehen und diese blöde bitch hatte es ihr nicht zurückgeben. Wütend sah sie sich nach einer Tankstelle, einer Kneipe oder irgendeinem anderen Ort um, wo sie telefonieren könnte. Aber bis auf die Straßenlaternen war nirgendwo ein Lichtschein zu entdecken. Irgendetwas musste sie tun. Hier an dieser gottverlassenen Kreuzung stehen zu bleiben, würde jedenfalls nichts bringen.

Vanessa bog mit entschlossenen Schritten rechts ab. Kam ihr das nur so vor, oder wurde es immer kälter? Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper und zog die Hände so weit wie möglich in die Ärmel ihrer Daunenjacke zurück. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihr ganzer Körper von einer Gänsehaut überzogen wurde.

Nach einigen Minuten sah sie am Ende der Straße ein Licht. Es flackerte oder vielmehr ging an und aus wie der Blinker eines Autos. Na bitte, irgendwas oder irgendwen würde sie dort schon finden.

„Wo willst Du hin?“

Vanessa schrie auf. Aus einem dunklen Hauseingang war eine Hand hervor geschossen. Sie spürte einen festen Griff um ihren Oberarm und stolperte vor Schreck. Der Lichtstrahl einer Laterne erfasste die Hand und Vanessa sah bleiche Knochenn. Panisch riss sie sich los und im selben Moment sah die Hand aus, wie die einer alten Frau, übersät mit Altersflecken. Ohne sich weiter damit zu befassen, ob ihre Augen ihr einen Streich gespielt hatten, rannte Vanessa, so gut es ihre hohen Absätze zuließen, die Straße hinunter. Hinter ihr pfiffen Worte durch die Nachtluft.

„Bleib stehen, Mädchen! Du rennst in Dein Unglück!“

Sicherheitshalber warf sie einen Blick über die Schulter zurück, konnte jedoch nur eine kleine gekrümmte Gestalt auf dem Bürgersteig sehen. Abrupt bremste sie ihren Lauf. Rannte sie da etwa gerade vor einem alten Mütterchen davon?

Vanessa wischte sich mit der rechten Hand über die Augen. Was zum Teufel war denn das für ein Alptraum Abend? Erst langweilte sie sich fast zu Tode, dann verlief sie sich in dieser blöden Stadt und nun sah sie im Schummerlicht Knochen aufblitzen wo eigentlich nur irgendeine arme Irre herumstand.

In diesem Moment drangen vereinzelt Töne an ihr Ohr. Sie lauschte kurz, während sie sich nochmals nach der Gestalt umsah, die aber in der Zwischenzeit wieder verschwunden war. Eine Mischung zwischen Erleichterung und Besorgnis kroch durch Vanessas Innerstes.

Die Töne formten sich mittlerweile zu einer Melodie zusammen. Musik! Na, wunderbar, dachte sie erleichtert. Wo Musik ist, da müssen doch wohl auch Menschen sein. Sie ging weiter die Straße entlang, nicht ohne sich immer mal wieder umzusehen und ging auf die lauter werdende Musik zu.

Da, direkt vor ihr erschien ein helles Rechteck, wie ein Fenster aus dem Licht auf den Bürgersteig herausstrahlte. Da musste die Musik herkommen. Als sie näher kam, sah sie auch was sie vorher nur als Blinken wahrgenommen hatte. Über der Eingangstür war eine Leuchtreklame angebracht, die ganz offensichtlich nicht mehr richtig funktionierte.

Mit zusammen gekniffenen Augen versuchte Vanessa den defekten Schriftzug zu entziffern. Aber die erste Hälfte sah aus, als hätte Jemand mit einem Hammer darauf herumgeschlagen. Nur der zweite Teil war einigermaßen leserlich: E I T S.

Egal, wie dieses Dreckloch auch hieß, sie wollte schließlich nur ein Taxi rufen, dass sie endlich nach Hause bringen würde.

Sie öffnete die Tür und die Musik brandete ihr wie eine Welle entgegen. Der erste Blick ins Innere des Clubs verhieß nichts Gutes. Runtergekommen sah das Ganze aus. Der Boden war mit Dielen ausgelegt auf denen ein fettiger Schmierfilm glänzte. Als sie den ersten Schritt darauf machte, meinte sie mit dem Absatz festzukleben. Angeekelt verzog sie das Gesicht.

„Hallo!“ Ein paar Beine in einer engen Jeans tauchten in ihrem Blickfeld auf. Sie sah nach oben und musste blinzeln, da sie direkt in das Licht eines Strahlers sah, der an der Decke angebracht war. Sie erschrak, als sie ein bleiches Gesicht mit eingefallenen Augen sah.

„Schön, dass Du hier bist! Ich bin Anton.“

Vanessa machte einen Schritt nach vorn, so dass sie dem hellen Lichtstrahl entkommen konnte. Dann besah sie sich ihr Gegenüber ein zweites Mal. Was für ein gut aussehender Typ, schoss es ihr durch den Kopf. Und von Blässe keine Spur.

Vor ihr stand ein durchtrainierter, sexy aussehender junger Mann mit einem umwerfenden Lächeln. Nur die Haare waren für ihren Geschmack etwas zu lang.

„Komm tanzen!“

Ohne weitere Umschweife zog Anton sie am Arm in die Mitte des Raumes, der ihr auf einmal gar nicht mehr so herunter gekommen vorkam. Und auch die Musik, irgendwas im 80-er Jahre Stil, gefiel ihr auf einmal.

„Ich wollte eigentlich nur ein Taxi rufen.“

Der gut aussehende Typ lächelte nur und begann sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Vanessa konnte gar nicht anders, als einfach auch zu tanzen. Anton wirbelte gekonnt um sie herum. Als der Song wechselte, strahlte er sie an:

„Hey, das ist Queen. Findest Du die auch so genial?“

Mit großen Augen starrte sie ihn an. Queen? Herrje, so was von altbacken. Aber bereits wenig später sang sie mit ihm und all den anderen Partygästen gemeinsam die Worte: „Who wants to live forever.“

Um das Paar herum bildete sich eine klatschende und johlende Menge. Vanessa, durch die Zurufe angefeuert, tanzte immer wilder und ausgelassener. Auch die Musik wurde schneller und Anton, der Mann mit dem recht altmodisch anmutenden Namen, strahlte sie an, als hätte er eine 100 Watt Birne verschluckt.

Als die Musik eine Pause machte, führte ihr Verehrer sie zu der Bar in einer Ecke des Raumes, wo sie sich erschöpft auf einen Hocker plumpsen ließ.

„Geile Party“, japste sie und strich sich die am Ansatz verschwitzten, langen Haare aus der Stirn.

„Was magst Du trinken?“

Vanessa sah Anton an und wunderte sich im Stillen ein wenig. Dieser etwas altmodische Name und dann war er so höflich und nett. So ganz anders, als die Typen mit denen sie sich sonst so traf. Noch vor einer Stunde hätte sie das wahrscheinlich spießig genannt, aber irgendwie hatte das was.

„Ein Wasser wäre toll“, antwortete sie auf seine Frage und schon im nächsten Moment stand ein großes Glas vor ihr. Sie trank es mit gierigen Schlucken aus, es schmeckte ein wenig modrig-muffig. Abgestanden, ja das war das passende Wort. Egal. Hauptsache die Party war super. Und das war sie!

Vanessa sah sich um und staunte. Alles um sie herum wirkte zwar ziemlich retro, aber es war alles intakt hier. Sie schüttelte den Kopf, als sie sich den Bodenbelag besah. Keine Spur klebrig und rissig. Im Gegenteil, es wirkte beinahe wie neu.

„Sag mal“, wandte sie sich an ihren Begleiter, der gerade ausgesprochen manierlich Bier aus dem Glas trank. „Was ist das denn hier eigentlich für ein Laden? Als ich reinkam, kam es mir so vor, als wäre alles abgewrackt…“

Ohne jede Vorwarnung beugte sich Anton vor und küsste sie auf sanfte und doch nachdrücklich Weise auf ihre vom Wasser noch feuchten Lippen. Sie riss die Augen für einen Moment auf, ließ sich dann jedoch ohne weiter zu fragen, auf diesen Kuss ein. Ihr Herz schlug wie verrückt, sie hatte beinahe das Gefühl als würde es sich im Kreis drehen.

Als Anton sich wieder auf seinen Hocker setzte, sagte sie nur: „Das war schön.“

So etwas hatte sie noch zu keinem Typ gesagt. Was war bloß mit dieser Nacht los? Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, setzte die Musik wieder ein und die uralte Scheibe von Nena mit den Luftballons tönte aus den Boxen. Sie wollte sich schon darüber lustig machen, als Anton bereits nach ihrer Hand griff und sie sich ein weiteres Mal auf der Tanzfläche wiederfand.

Es war der Wahnsinn! Diese Stimmung, die Leute, die alle tanzten. Keiner saß nur dröge in der Ecke herum und versuchte eine Bierflasche oder ähnliches zu hypnotisieren. Nein, hier hatten alle Spaß und das zeigten sie auch.

„Ich könnte immer so mit Euch weiterfeiern“, rief Vanessa zwischen die Töne in Antons Ohr.

„Dann mach das doch einfach.“

Sie lachte und war begeistert darüber, wie locker er das Leben zu nehmen schien. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine große Standuhr wahr. Sie grinste. Herrje, hier war es ja wirklich fast wie bei Oma und Opa zuhause. Aber irgendwie passte auch alles zusammen. Und warum nicht mal in einem Retro-Club abfeiern. Sie schaute ein weiteres Mal auf die Uhr und sah wie der große Zeiger einen Schritt auf den Kleinen zumachte und sie sich genau auf der 12 trafen.

Auf einmal war der Raum erfüllt von dumpfen Glockenschlägen. Lachend sah sie zu Anton hinüber und wollte ihm gerade etwas zurufen, als ihr die Worte im Hals steckenblieben. Mit jedem Schlag der Uhr veränderte sich das Aussehen von Anton etwas mehr. Erst wurde er immer bleicher, dann lösten sich auf unerklärliche Weise seine Kleider auf und seine Haut – es war, als würde sie sich zurückziehen. Und zurück blieben blanke Knochen. Ein Totenschädel grinste sie an, während das restliche Skelett einfach weiter im Rhythmus der Musik zuckte.

Mit einem Aufschrei stolperte Vanessa zurück und blickte sich mit weit aufgerissenen Augen um. Auch alle anderen Gäste hatten sich in Skelette verwandelt, was jedoch der Stimmung überhaupt keinen Abbruch tat. Vanessa blickte auf ihre Hände und sah wie sich auch bei ihr die Haut zurückzog und blanke Knochen frei gab. Eine Knochenhand griff nach ihrer eigenen und die Stimme Antons war in ihrem Ohr.

„Du kannst für immer mit uns feiern und tanzen. Bleib einfach bei uns.“

Seine ihr schon so vertraute Stimme beruhigte sie und ihre Beine tanzten einfach im Rhythmus der Musik weiter. Als auch das Hämmern ihres Herzens nachließ, zuckte Vanessa mit den Schultern und entgegnete.

„Klar, warum eine gute Party vor ihrem Ende verlassen.“

Und während sie drinnen die Party von Vanessas Leben feierten, leuchtete draußen über dem Eingang für einen Moment die Leuchtreklame mit dem Namen der Kneipe auf:

Jenseits.

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Diesen Monat dabei:

Sabrina Fessler

Schreibfee

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2 Gedanken zu „Schreibkick: Ins Netz gegangen

  1. Wow! Das war unerwartet… also das Ende.
    Mir gefällt die Geschichte richtig, richtig gut. Und ich finde, „Ins Netz gegangen“ ist ein super Titel dafür. Verrät schon ein bisschen was, im Sinne einer schlechten Vorahnung, aber nicht zu viel.
    🙂
    Liebe Grüße,
    Sabi

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  2. Pingback: Schreibkick #13: Ins Netz gegangen |

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