Geschichten-Zeit: Die ungleichen Schwestern

Die ungleichen Schwestern

von Nicole Vergin

Es waren einmal zwei Schwestern, die hießen Hilde und Nelly. Die Mutter hatte ihre liebe Not mit ihnen, denn sie zankten und stritten ohne Unterlass. Sie waren derart verschieden, dass sie sich einfach nicht verstehen konnten. Während Hilde ihr Leben ruhig und beschaulich mochte, liebte Nelly es wild und abenteuerlich. Hildes Tage glichen einander, so wie sich auf einer Kette eine Perle an die andere reihte. Nelly hingegen versuchte stets etwas Neues und langweilte sich, wenn sie etwas mehrfach tun musste.

Lese-TeddyWieder und wieder versuchte die Mutter zwischen den ungleichen Schwestern Frieden zu stiften. Aber vergeblich.

Eines Abends, Hilde und Nelly lagen bereits in ihren Betten und schliefen, saß die Mutter noch eine Weile am Kamin und dachte über ihre Mädchen nach.

„Ach, wenn sie einander doch verstehen könnten“, seufzte sie aus tiefstem Herzen, „das wäre mein größter Wunsch.“

Aus dem Kamin sprang ein Funke heraus und fiel der Mutter vor die Füße. Gerade wollte sie ihn austreten, als er  heller und heller glühte, bis der ganze Raum in weißes Licht getaucht war. Die Mutter hielt sich die Augen zu, so sehr war sie geblendet. Als es wieder schwächer wurde, nahm sie ihre Hände vom Gesicht fort und erschrak. Vor ihr stand eine hochgewachsene Frau, deren rötlich glänzende Haare bis über ihre Schultern herab hingen. Sie trug ein langes blaues Gewand und an den Füßen silberne Schnallenschuhe.

Verängstigt warf sich die Mutter auf den Boden. „Oh, bitte tut mir nichts, edle Dame.“

„Hab keine Angst“, antwortete diese, streckte der Mutter ihre Hände hin und half ihr auf. „Ich bin eine Fee und ich bin gekommen, um dir deinen Wunsch zu erfüllen.“

Die Mutter traute ihren Ohren nicht. „Ihr wollt mir meinen Wunsch erfüllen?“

„So ist es. Seit langer Zeit schon bin ich an deiner Seite und nie hast du einen Wunsch für dich geäußert. Daher möchte ich dir nun diesen erfüllen, um ein wenig Frieden in dein Leben zu bringen.“

„Oh, ihr seid zu gütig. Habt vielen Dank, gute Fee. Aber sagt, wie wollt ihr es anstellen, dass sich meine Mädchen endlich gegenseitig Verständnis entgegenbringen? Ich habe es bereits all die Jahre vergeblich versucht.“

Die Fee lächelte. „Macht dir keine Gedanken. Leg dich nur schlafen und wenn du morgen früh erwachst, ist es bereits getan.“

Die Mutter tat wie ihr geheißen, bedankte sich noch einmal bei der Fee und legte sich in ihr Bett. Während sie bereits tief und fest schlief, stand die Fee im Zimmer der Schwestern und blickte auf sie hinab.

„So friedlich wie ihr hier nebeneinander schlaft, so friedlich soll künftig euer Miteinander sein“, sprach die Fee leise.

Dann legte sie sanft eine Hand auf Hildes und die andere auf Nellys Schulter.

„Nelly, du wirst nun in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem du erst um Mitternacht wieder erwachen wirst. Und du, Hilde, wach auf und höre mir gut zu.“

Augenblicklich öffnete Hilde die Augen und sah zu der Fee auf.

„Was ist geschehen?“, fragte sie verwirrt.

„Schau auf deine Schwester. Sie schläft tief und fest. Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“

Hilde sah ängstlich auf Nelly. „Ich soll sie zurückholen? Aber wie soll ich das machen?“

„Schnür dein Bündel, nimm nur das nötigste mit. Du hast einen langen Weg vor dir.“

„Ich soll das Haus verlassen?“, rief Hilde erschrocken. „Aber das kann ich nicht. Ich bin nicht so abenteuerlustig, wie meine Schwester. Kann ich nicht etwas anderes tun, um ihr zu helfen?“

Aber die Fee schüttelte den Kopf. „Nein, du musst dich auf den Weg machen und das Ende der Welt finden. Dort wächst eine Blume, die du hierher bringen musst. Wenn deine Schwester daran riecht, wird sie  aus ihrem Schlaf erwachen“

Abermals blickte Hilde Nelly an, richtete sich dann auf und sagte: „Wenn es nur so geht, dann will ich es für meine Schwester tun!“

Rasch schlich sie in die Küche, packte Brot, ein Stück Schinken und einen Schlauch gefüllt mit Brunnenwasser in ein Bündel, hing es sich um und verließ das Haus.

Im fahlen Mondlicht ging Hilde den Weg zwischen den Feldern entlang, den sie schon unzählige Male am Tage gegangen war. Aber des Nachts sah alles anders aus. Wie oft hatte ihr Nelly schon von den geheimnisvollen Geräuschen und Stimmen der Nacht erzählt. Stets war es ihr zu unheimlich gewesen, sich ebenfalls in die Dunkelheit hinauszuschleichen. Und nun setzte sie einen Fuß vor den anderen und versuchte, ihr vor Angst laut pochendes Herz zu beruhigen.

„Meine Füße“, stöhnte sie nach einer Weile. Sie setzte sich an den Wegesrand, zog ihre Schuhe aus und befühlte die schmerzenden Stellen. Was hatte Nelly sich immer auf ihre wunden Stellen gelegt? Hilde wusste, dass es eine Pflanze gab, die Blasen heilen konnte. Wenn sie doch nur besser zugehört hätte.

So biss sie die Zähne zusammen, zog die Schuhe wieder an und ging weiter. Irgendwann war sie so müde, dass sie die Angst und die Schmerzen nicht mehr spürte. Sie wollte sich nur noch ausruhen.

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, fand sie das Mädchen schlafend unter einem Busch. Behutsam kitzelte sie sie mit einem Sonnenstrahl an der Nase.

„Hatschi“, machte Hilde, schlug die Augen auf und sah sich um.

„Das war alles kein Traum. Ich habe mich tatsächlich heute Nacht auf den Weg gemacht, um ans Ende der Welt zu gelangen. Ach“, seufzte sie, „wie soll ich das nur schaffen?“

„Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen“, hörte sie plötzlich die Stimme der Fee in ihrem Kopf.

„Ich muss es schaffen!“, entschlossen stand sie auf, klopfte sich den Staub von ihrem Kleid, nahm einen Schluck aus dem Wasserschlauch, biss ein Stück von Brot und Schinken ab und setzte ihre Reise fort.

Als die Sonne immer höher am Himmel wanderte, tauchte am Horizont eine Gestalt auf.

„Das ist bestimmt ein Wegelagerer“, murmelte Hilde, „hoffentlich will er mir nichts Böses.“

Die Gestalt kam näher und näher und schließlich sah das Mädchen, das es sich um eine alte Frau handelte, die ein schweres Bündel mit sich trug.

„Oh, wie gut das ich dich treffe, mein Mädchen.“ Erschöpft ließ die alte Frau ihr Bündel fallen. „Kannst du mir wohl meine Last nach Hause tragen? Meine Arme sind müde und mein Mund von der Hitze ausgetrocknet.“

Hilde sah die Frau an und wusste nicht was sie tun sollte. Ihre Aufgabe war es doch, das Ende der Welt und die Blume zu finden. Durfte sie sich vom Weg abbringen lassen? Aber die arme alte Frau hilflos zurücklassen?

„Wenn doch bloß Nelly hier wäre“, dachte sie verzweifelt, „sie weiß immer was zu tun ist.“

Aber Nelly war nicht hier, um wie sonst für Hilde die Entscheidungen zu treffen. Und so tat sie es selbst.

„Komm, gute Frau. Ich trage dir deine Last nach Hause. Aber danach muss ich  meinen Weg fortsetzen.“

Und während sie zu der Hütte der Frau gingen, erzählte sie ihr von der Schwester und der Aufgabe, die sie lösen musste. Die alte Frau hörte Hilde aufmerksam zu und sagte dann: „Ich weiß, wie du ans Ende der Welt gelangst.“

Hilde war überglücklich, hatte sie doch die ganze Zeit die Angst gequält, dass sie den Weg nicht finden würde. Aber dank der Entscheidung, die sie getroffen hatte, bekam sie nun von der alten Frau den Weg zum Ende der Welt gut beschrieben.

Sie bedankte sich herzlich und setzte ihre Reise fort. Während Hilde bereits um die nächste Biegung verschwand, verwandelte sich die alte Frau in die gute Fee, die zufrieden dem Mädchen hinterher schaute.

Mit jedem Tag der verging, wurde Hilde mutiger. Als ihre Vorräte zur Neige gingen, machte sie in einem Dorf halt, in dem gerade Markttag war. Sie ging von Stand zu Stand, suchte sich für ihr Geld die frischeste Ware heraus und ließ sich nicht mehr wie sonst das welke Gemüse aufschwatzen.

Wenn der Abend nahte, klopfte sie an fremde Türen und bat um ein Strohlager für die Nacht. Und als ihr das Geld ausging, arbeitete sie eine Weile bei einem Bauer auf dem Feld, bevor sie weiterzog.

Und endlich gelangte sie am Ende der Welt an. Sie sah das erste Mal das Meer, den endlosen Horizont und das Spiel der Wellen. Als sie einen vorbeikommenden Wanderer nach der Blume fragte, zeigte er auf die Klippen, die tief hinab an den Strand führten.

„Den Pfad musst du hinabklettern und unter den Felsvorsprüngen, da wirst du die Blume finden.“

„Hab Dank“, erwiderte Hilde und machte sich auf den Weg hinab in die Tiefe.

Oben auf der Klippe verwandelte sich der Wanderer in die Fee, die zufrieden nickend dem Mädchen hinterher schaute.

Hilde fand die Blume, grub sie vorsichtig aus und wollte sie dann in ihr Bündel einwickeln.

In diesem Moment kam Wind auf. Eine heftige Böe erfasste das Mädchen, hob es auf und trug es mit sich. Hilde schwanden die Sinne, während es vor ihren Augen dunkler wurde, presste sie die Blume fest an sich.

„Nun war alles umsonst“, dachte sie, bevor die Dunkelheit sie verschluckte.

Ein weiteres Mal stand die Fee zwischen den Betten der Mädchen, während die Uhr in der guten Stube Mitternacht schlug.

„So friedlich wie ihr hier nebeneinander schlaft, so friedlich soll künftig euer Miteinander sein“, sprach die Fee leise.

Dann legte sie sanft eine Hand auf Hildes und die andere auf Nellys Schulter.

„Hilde, nun wirst du in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem du erst im Morgengrauen wieder erwachen wirst. Und du, Nelly, wach auf und höre mir gut zu.“

Augenblicklich öffnete Nelly die Augen und sah zu der Fee auf.

„Was willst du von mir?“, fragte sie gespannt.

„Schau auf deine Schwester. Sie schläft tief und fest. Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“

Nelly sprang augenblicklich aus dem Bett. „Was soll ich tun?“, verlangte sie zu wissen, „soll ich auf Berge steigen, oder ein Meer durchschwimmen? Ich tue alles für meine Schwester.“

„Das ist gut“, sagte die Fee, „denn du wirst all deine Geduld brauchen, um deine Aufgabe zu lösen.“

„Sag mir endlich was ich tun muss, um Hilde zu erlösen!“ Ungeduld sprach aus Nellys Stimme.

„Draußen im Schuppen findest du Wollfäden. Sie alle sind miteinander verknotet und verwirrt. Du musst all die Fäden entwirren und säuberlich zu Knäueln aufwickeln. So lange, bis kein Faden mehr lose herum liegt.“

„Das kann ich nicht“, sagte Nelly entsetzt, als sie mit der Fee im Schuppen stand und das Meer an Wolle betrachtete. „Wie soll ich damit jemals fertig werden? Gibt es keine andere Möglichkeit, Hilde von dem Fluch zu erlösen?“

Aber die Fee schüttelte den Kopf.

„Nun gut, für meine Schwester will ich es tun.“ Mit diesen Worten hockte sich Nelly auf den Boden, griff nach dem ersten Fadenende und zog es mal durch diese dann durch jene Schlaufe.

Die Nacht wich bereits dem Morgen, als Nelly wutentbrannt aufsprang und mit den Füßen auf der Wolle herumtrat.

„Ich kann es einfach nicht!“, rief sie aus, „nicht ein Knäuel habe ich aufgewickelt bekommen. Hätte ich mir doch bloß ein wenig von Hildes Geschick in derlei Arbeiten abgeschaut. So oft hat sie es mir angeboten.“

Enttäuscht wollte sie den Schuppen verlassen, als sie plötzlich die Stimme der Fee in ihrem Kopf hörte: „Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“

„Also gut, so leicht lasse ich mich nicht entmutigen. Ich werde jetzt hinausgehen und Atem schöpfen, bevor ich mich erneut an die Arbeit mache.“

Mit diesen Worten öffnete sie das Tor des Schuppens, trat in das Licht der aufgehenden Morgensonne hinaus und atmete tief die frische Luft ein.

Sie war gerade ein paar Schritte gegangen, da hörte sie ein winseln zu ihren Füßen. Ein Hund lag vor ihr im Gras und leckte seine Vorderpfote. Nelly bückte sich zu dem kleinen schwarz-weiß gefleckten Hund hinunter.

„Was ist denn mit dir geschehen?“

Behutsam nahm sie seine Pfote in ihre Hände und besah sie sich.

„Du bist ja verletzt.“ Mit sanfter Stimme sprach sie zu ihm. „Komm, ich nehme dich mit und versorge deine Wunde.“

Nelly trug den Hund in den Schuppen, bereitete ihm dort ein Krankenlager, versorgte seine Wunde und stellte ihm schließlich Wasser und Futter hin. Der Hund ließ sich genüsslich verwöhnen.

„Weißt du“, sagte Nelly nachdenklich, „du kannst mir Gesellschaft leisten und ich dir. Dann ist uns beiden nicht langweilig und meine Arbeit wird mir auch rascher von der Hand gehen.“

Und so wandte sie sich wieder der Wolle zu, begann die Schnüre zu entwirren und pfiff dabei fröhlich vor sich hin. Als sie das erste Knäuel aufgewickelt hatte, legte sie es stolz an die Seite und machte sich gleich an das nächste.

So vergingen die Stunden damit, dass Nelly die Wolle aufwickelte und den Hund versorgte. Und je mehr Zeit verging, desto zufriedener und ruhiger wurde sie.

„Weißt du“, erzählte sie dem Hund, „ich habe gar nicht mehr das Gefühl, das ich jetzt irgendwo anders sein müsste. Wir haben es doch wirklich schön auf unserem Hof.“

Der Hund bellte zustimmend und Nelly lächelte.

Als das Mädchen das letzte Knäuel aufgewickelt und zu den anderen gelegt hatte, stand sie auf, reckte und streckte sich und schloss dabei die Augen. Als sie sie wieder öffnete, fand sie sich in ihrem Bett wieder.

In diesem Moment erwachte auch Hilde und die Schwestern sahen sich erstaunt an.

„Du bist wieder wach!“, riefen sie wie aus einem Munde und lachten glücklich.

Sie erzählten sich gegenseitig von ihren Erlebnissen und staunten darüber, was die jeweils andere getan hatte.

Währenddessen schob sich der kleine Hund durch das Tor des Schuppens, schüttelte sich einmal und verwandelte sich in die Fee, die lächelnd zum Fenster der Mädchen hinüber schaute.

Am nächsten Morgen gingen Hilde und Nelly Hand in Hand in die Küche zu ihrer Mutter, die sich von Herzen darüber freute, ihre Mädchen so einträchtig zu sehen. Und während sich alle Drei glücklich umarmten, schaute die Fee ein letztes Mal durchs Fenster herein, nickte zufrieden und zog mit dem Nebel der eben noch über den Feldern lag davon.

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