Geschichten-Zeit: Stau auf der Überholspur

Stau auf der Überholspur

von Nicole Vergin

 

Hastig sprang er in den hinteren Waggon der U-Bahn. Direkt hinter ihm schlossen sich die Automatiktüren des grünen Zuges. Sein Atem kroch stoßweise durch seine müden Lungen. Das war knapp gewesen. Nicht auszudenken, wenn er die Bahn verpasst und damit seinen Termin versäumt hätte.Lese-Teddy

Oliver stellte seine schmale Laptoptasche ab, hob sie jedoch umgehend wieder hoch, nachdem er einen Blick auf den schmierigen Boden geworfen hatte. Warum musste sein Auto ausgerechnet an diesem wichtigen Tag den Dienst quittieren? Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, ein Taxi zu rufen. Und so war er gezwungen gewesen auf die öffentlichen Verkehrsmittel auszuweichen und sich mit Leuten eine Fahrgelegenheit zu teilen, deren undefinierbare Gerüche seine Nase quälten.

„Entschuldigung“, sagte er, als ihn zwei herum albernde Teenager anrempelten. „Passt doch auf!“ Aber die beiden langhaarigen Mädchen mit den verpickelten Gesichtern kicherten nur noch mehr.

Er schaute sich um, auf der Suche nach einem Sitzplatz. Nachdem er den Mittelgang ein Stück mehr entlang geschwankt als gegangen war, fand er eine freie Sitzecke im vorderen Bereich. Als er die abgewetzte Sitzfläche betrachtete, wägte er ab ob er es wagen könnte, sich mit seinem besten Anzug darauf nieder zu lassen.

Umständlich zog er ein Taschentuch hervor und wischte mit geraden Linien die gesamte Fläche ab, bevor er sich mit einem Seufzer des Ekels hinsetzte.

„Nächste Haltestelle Aegidientorplatz!“

Noch mehr als ein Dutzend weiterer Haltestellen, bevor er dieses Gefährt endlich wieder verlassen konnte. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und kontrollierte seine Termine. Den ersten für heute Morgen hatte er bereits verschieben müssen. Dafür wäre er eindeutig zu spät dran gewesen. Außerdem musste er sich vor dem nächsten Termin erst einmal sammeln und beruhigen. So aufgelöst wie er sich innerlich gerade fühlte, konnte Oliver unmöglich vor den künftigen Kunden treten. Falls es überhaupt zu einem Vertrag kommen würde. Aber das musste es. Davon hing seine berufliche Zukunft ab.

Ein Blick aus dem mit Edding beschmierten Fenster zeigte ihm eine Gestalt, die offensichtlich betrunken war. Zumindest schwankte sie auf die Tür der Bahn zu und zog sich nur mit Mühe hinein.

„Is hier noch frei?“, murmelte ebendiese Gestalt einige Momente später.

Mit Erschrecken wanderten Olivers Blicke zwischen der Frau mit den strähnigen Haaren und dem Sitzplatz auf den er seine Tasche gestellt hatte, hin und her.

„Naja, eigentlich…“

Aber da hatte sie schon seine Tasche mit ihren schmuddeligen Händen gegriffen und ihm wortlos auf den Schoss gestellt.

Ihr „Danke“ klang sarkastisch.

Oliver tat so, als vertiefe er sich wieder in die Anzeige seines Smartphones. Vollkommen sinnfrei tippte er darauf herum. Den Kopf hatte er zur Seite gedreht, sein der Frau zugewandtes Auge spazierte immer wieder neugierig in den Winkel. Wie speckig sie aussah. Ungepflegt und noch irgendwas. Krank, ja das war das Wort.

Wie aufs Stichwort begann sie zu husten. Oliver versuchte die Ohren zu schließen und schaute wieder aus dem Fenster. Graffiti auf dem nächsten Bahnsteig. Fliegende Fenster sah er dort. Und Wolken, die direkt über dem Boden schwebten. Und große Müllberge mit Augen, die den Betrachter zu verschlingen drohten.

„Wer erlaubt denn diese Schmierereien?“ Er bemerkte erst durch die Antwort der Frau, dass er laut gedacht hatte.

„Anstatt sich zu aufzuregen, können Sie ja mal darüber nachdenken, was die Bilder Ihnen vielleicht zu erzählen haben.“ Ein weiterer Hustenschauer schüttelte sie.

„Dieser Blödsinn? Fenster können nicht fliegen. Und Wolken gibt es nur am Himmel. Das Müllberge keine Augen haben, wissen Sie wohl auch.“

Das folgende Krächzen sollte wohl ein Lachen darstellen.

„Wie wäre es mit weniger Rauchen?“, konnte sich Oliver nicht verkneifen. Er strich sich mit seinen sorgfältig manikürten Fingern ein unsichtbares Haar aus der Stirn.

„Den Rat hätten Sie besser meinem Vater geben müssen“, Spott lag auf ihrem Gesicht, wo er sich mit den Schweißperlen vermischte. „Ich bin Nichtraucherin.“

Ein heftiger Ruck ging durch die Bahn.

Das kann nicht sein, dachte Oliver noch, bevor die Unbekannte wie eine kraftlose Puppe von ihrem Sitz in seine Richtung geschleudert wurde. Sein Instinkt quittierte vor seinem Ekelgefühl den Dienst, so dass er seine Arme bei sich behielt.

„Au!“

Sie war direkt vor ihm auf die Knie gefallen.

„Geht’s?“, fragte er widerwillig.

Sie hob ihren Kopf und er sah, dass ein dünnes rotes Rinnsal vom Mundwinkel hinab zu ihrem spitzen Kinn lief. Als sie seinen erschrockenen Blick sah, wischte sie sich einmal mit dem Ärmel übers Gesicht.

„Hab mir nur auf die Zunge gebissen“, sagte sie mit einem Grinsen, dass Blutbefleckte Zähne und einige schwarze Löcher zeigte.

Oliver zog sein Taschentuch hervor, mit dem er vorhin gerade noch den Sitz abgewischt hatte und betrachtete es einen Moment.

„Nun geben Sie schon her“, zischte sie und riss ihm das leicht ergraute Stofftuch aus der Hand. „Vornehm“, sagte sie noch, bevor sie sich ein weiteres Mal das Gesicht abwischte.

„Sie können es gern behalten“, lehnte Oliver dankend ab, als sie ihm das frisch gemusterte Tuch zurückgeben wollte.

„Aber sie können es doch waschen!“

Er sparte es sich, ihr zu erklären, dass er diesen Putzlappen nie wieder für sich würde benutzen können.

„Lassen Sie mich raten“, inzwischen hatte sie wieder auf ihrem Sitz Platz genommen und band umständlich ihre hellrot gefärbten Haare mit einem zerfransten Gummi zusammen, „Sie fahren sonst wohl nicht mit der U-Bahn.“

Diesmal nickte Oliver nur. Irgendwie galt es zu verhindern, sich näher mit dieser Person abzugeben. Er musste sich jetzt endlich gedanklich auf seinen Termin vorbereiten. Ein Blick auf die Uhr verstärkte den Druck in seiner Magengegend. Hoffentlich hatte seine Sekretärin inzwischen das Konferenzzimmer vorbereitet.

„Ich heiße übrigens Pamela“, drang die Stimme seines Gegenübers in seinen Konzentrationsversuch ein.

„Nächste Haltestelle Vier Grenzen!“, füllte der Zugführer auch die letzten ruhigen Ecken in Olivers Gehirn.

Das war ja hier wie im Tollhaus! Wie schafften es die Menschen bloß das Tag für Tag über sich ergehen zu lassen?

„Ist nicht leicht was?“

Konnte diese Frau jetzt auch noch Gedanken lesen?

„Entschuldigen Sie bitte“, fuhr er sie unwirsch an, „ich habe gleich einen wichtigen Termin und versuche mich zu konzentrieren. Und das gelingt mir ganz und gar nicht, wenn dieses Chaos hier um mich tobt und Sie zusätzlich versuchen mich in ein Gespräch zu verwickeln.“

Direkt vor seinen Augen wurde diese verrückte Person mit den Rissen in der ausgeblichenen Jeans und den Schmutzstreifen an dem was wohl mal ein T-Shirt gewesen war, plötzlich bleich. Die Farbe fiel ihr förmlich aus dem Gesicht, während sie hörbar nach Atem rang.

Das konnte doch alles nicht wahr sein! Vor seinem inneren Auge sah Oliver wie er seinen Termin verpasste und sein Gesprächspartner gar nicht erst sein Kunde wurde. Die Worte „Kann ich Ihnen helfen?“ kamen nur halbherzig über seine Lippen.

Glücklicherweise schüttelte sie energisch den Kopf, während sie angestrengt nach Atem rang.

„Wissen Sie, ich muss die nächste aussteigen“, hektisch fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare. Eine Bewegung, die er sonst grundsätzlich vermied, da seine sorgfältig frisierten Haare danach keiner Frisur mehr ähnelten. „Mein Termin“, fügte er hinzu, „ich darf ihn nicht versäumen.“

Die Frau, die offensichtlich wieder etwas mehr Luft bekam, winkte bloß ab. „Geht schon“, wisperte sie, während ihre Gesichtsfarbe sich langsam wieder normalisierte.

„Vielleicht kann einer der anderen Herrschaften helfen?“ Oliver sah suchend in die Gesichter der umstehenden Fahrgäste. Aber die bis eben noch offen zur Schau getragene Neugier verwandelte sich umgehend in Teilnahmslosigkeit.

„Nächste Haltestelle Lahe!“

„Hier muss ich raus!“ Hektisch griff Oliver nach seiner Laptoptasche, stellte sie dann doch noch einmal ab, holte aus der Seitentasche sein Portemonnaie und zog einen 50 € Schein heraus.

„Nehmen Sie sich ein Taxi, Paulina“, sagte er und schob den Geldschein mit spitzen Fingern in ihre Jeansjacke.

„Pamela“, korrigierte sie mit zischendem Atem.

Die Automatiktüren öffneten sich und Oliver sprang mit einem Satz hinaus. Wie unter Zwang drehte er sich noch einmal um. Aus der Scheibe sah ihn sein eigenes Spiegelbild nachdenklich an. Beschämt senkte er den Kopf und während der Zug anfuhr verließ er mit eiligen Schritten den Bahnsteig in Richtung seines Termins.

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