Rezensionsmonster und andere gefürchtete Kritiker

Vor über 20 Jahren wurde eins meiner Gedichte als mäßig originell bezeichnet. Ich hatte mich nach langem nachdenken und Mut zusammenraffen entschlossen, an einem Gedichtwettbewerb teilzunehmen. Ganz nebenbei kreuzte ich das Kästchen mit Gutachten an. Das Gedicht wurde nicht veröffentlicht, das Schreiben das mich darüber in Kenntnis setzte enthielt neben dem wortgewaltigen Gutachten auch einen Flyer – nehmen Sie an unserem Lyrik-Fernkurs teil.

Eine Weile verkroch ich mich und brachte keine Worte mehr zu Papier – von Einkaufslisten und Urlaubspostkarten mal abgesehen. Hatte ich denn ernsthaft erwartet, dass ich mit meinem kleinen Gedicht groß rauskommen würde? Nein. Aber ich hatte beschlossen, meinem Traum vom Leben als Autorin ein Stückchen näher zu kommen.

Die blauen Flecken vom Aufprall auf dem Boden der Tatsachen verblassten nach und nach. Ich begann wieder zu schreiben. Für mich. Für die Schublade. Nach und nach entwickelte sich bei mir eine Leidenschaft für das Schreiben von Kunstmärchen. Es kam der Tag, an dem ich eine Ausschreibung für eine Märchenanthologie im Netz fand, die mich sofort gefangen nahm. Ich grübelte und grübelte bis ich die Idee zu einem Märchen hatte. Ich schrieb das Märchen, überarbeitete es nach bestem Wissen und Gewissen und schickte es an den Verlag. Bis heute bin ich sicher, dass die Leute beim Öffnen der Mail meinen rasenden Herzschlag hörten.

Einige Wochen später die große Nachricht: MEIN Märchen war ausgewählt worden! Ich war überglücklich! Da es sich um einen kleinen Verlag handelte, sollten alle Autoren gemeinsam die Märchen überarbeiten. Ich war ja noch neu in dem Metier und dachte mir nichts dabei. Man traf sich im Netz und dann ging es zur Sache. Jeder der rund 20 Autoren hatte etwas anderes zu kritisieren, zu bemängeln. Teils war es konstruktive Kritik, die mir und meinem Märchen weiterhalf und die ich bereit war anzunehmen. Und dann gab es die, die MEIN Märchen zu IHREM Märchen machen wollten. Denen es einfach nur darum ging Recht zu behalten. So kam es mir zumindest vor. Und Ihr wisst selber, dass man im Internet unter Pseudonymen wie z. B. Schneewittchen oder ähnliches super draufschlagen kann.

Was tat ich? Ich entschied, mein Märchen zurück zu ziehen. Meine erste Veröffentlichung selbst zu boykottieren. Ja, das tat durchaus weh, aber ich hielt es für richtig. Bis heute.

Ja, ich gebe es zu. Nach dieser Episode habe ich eine ganze Zeitlang jedwede Kritik gemieden wie der Teufel das Weihwasser oder der Vampir angeblich den Knoblauch. Seit einigen Jahren jedoch habe ich konstruktive Kritik zu schätzen gelernt. Wobei ich bei meinen eigenen Geschichten nach wie vor das letzte Wort habe.

Hätte mich damals Jemand freundlich „an die Hand genommen“, anstatt einfach „drauf zu hauen“, dann wäre es vielleicht auch alles anders verlaufen. Daher ist in meinen und unseren Schreibseminaren die oberste Priorität auch stets, die Teilnehmer zu ermutigen. Denn wer  nicht weiterschreibt, der kann sich auch nicht weiter entwickeln. Und da ist es beim Schreiben wie bei vielem anderen: Übung macht vielleicht nicht gleich den Meister, aber einen guten Schreiberling allemal!

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3 Gedanken zu „Rezensionsmonster und andere gefürchtete Kritiker

  1. Ich bin – zumindest im Moment noch – hungrig nach konstruktiver Kritik ^^
    Alles andere, nun ja. Ich halte mich da lieber mit dem Diskutieren zurück 😀 Bringt ja eh nichts 😉

    Ich finde es wirklich mutig, dass du deine Geschichte zurück genommen hast, und es ist toll, dass du auch immer noch zu dieser Entscheidung stehst: Dann kann sie nicht falsch gewesen sein 🙂
    Ich glaube, besonders andere Autoren können ziemlich garstig sein. Von Neidrezensionen habe ich schon mehr als genug gehört, doch ich hoffe noch immer auf ein gemeinsames Netzwerk von Autoren, die sich gegenseitig unterstützen und nicht zerfleischen, denn es gibt genug Leser für alle und diejenigen, die eines anderen Buch lesen, können ja trotzdem noch dein eigenes lesen 😉

    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend 🙂
    Tinka 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Ja, über das Wort Neidrezensionen bin ich auch schon gestolpert – TRAURIG! Das mit dem Netzwerk finde ich großartig und Du hast da ja schon eine Menge „angeleiert“. Also machen wir doch einfach weiter: lesen und schreiben wir was uns gefällt, gönnen den Anderen ebenfalls die Butter auf dem Brot und unterstützen uns gegenseitig! 🙂

      Ich wünsch Dir einen schönen Tag mit hoffentlich mehr Sonne als bei mir hier gerade scheint
      liebe Grüße, Nicole

      Gefällt 1 Person

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