Geschichten-Zeit: Der Abt und der Baum

Der Abt und der Baum

von Nicole Vergin

Es war einmal ein Dorf zu dem gehörte ein altes Kloster, das sich durch eine hohe Steinmauer vom Ort und den Menschen, die dort lebten, abgrenzte. Viele Jahrhunderte hatten dort Mönche gelebt, die mit vereinten Kräften eine massive Kirche und alles was ein Kloster benötigte errichtet hatten.Lese-Teddy

Vor der Kirche wuchs ein Baum, der im Sommer vielen Menschen Schatten bot. Lange Zeit hatte er dort gestanden und dem Kirchenschiff seinen Schutz und seine Schönheit dargeboten.

Eines Tages jedoch stand der Abt des Klosters vor dem Eingang der Kirche und traf eine einsame Entscheidung. Er beschloss, dass der alte Baum weichen musste, damit er künftig freie Sicht auf die Kirche habe. Sein Prior, der einzige, den er vorab einweihte, wagte es ein winzig kleines „Aber“ zu äußern, der Abt jedoch, gewohnt seinen Willen durchzusetzen, zwang ihn mit einem Blick aus seinen kalten Augen nieder.

Und so geschah es, dass starke Männer mit ihren Werkzeugen anrückten, um dem Baum das Leben zu nehmen. Hieb um Hieb durchdrangen die Äxte erst seine Rinde und fraßen sich dann in das Innerste des Baumes.

Der alte Baum seufzte und ächzte, während dicke Harztränen aus ihm hervorquollen. Bis endlich ein Rauschen die Luft erfüllte, die Männer beiseite sprangen und der Baum auf dem harten Boden aufschlug.

Eine alte Frau beobachtete vom nebenliegenden Friedhof aus das Ende des Baumes. Ihre runzeligen Hände zerknüllten ein Taschentuch und als der Baum zu Boden sank, wischte sie sich damit die Tränen weg, die über ihre faltigen Wangen rollten.

Es dauerte noch eine Weile bis die Männer, die abgehackten Äste und den klein gehauenen Stamm fortgebracht hatten. Unbeweglich stand die alte Frau auf dem Friedhof und wartete.

Als alle verschwunden waren, ging sie zu dem übrig gebliebenen Stumpf, strich mit den Händen liebevoll darüber, als wolle sie sich verabschieden.

„Was ist mit dem Baum passiert?“, erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr.

„Er war dem Abt im Weg“, antwortete die alte Frau, ohne sich umzudrehen.

Eine junge Frau trat neben sie und legte ebenfalls eine Hand auf den Stumpf.

„Schauen sie“, sagte die alte Frau, „über 100 Jahresringe nannte er sein Eigen.“

„Der arme alte Baum.“ Die Stimme der jungen Frau klang traurig und wütend zugleich.

Die alte Frau legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm.

„Man trifft sich immer zwei Mal im Leben“, sagte sie, nickte der jungen Frau noch einmal zu, drehte sich um und verschwand durch das schmiedeeiserne Tor auf den Friedhof.

„Was die Alte wohl damit gemeint hat?“, murmelte die junge Frau, während auch sie sich auf den Heimweg machte. „Man trifft sich immer zwei Mal im Leben?“

Am nächsten Tag stand der Abt zufrieden neben dem Stumpf des alten Baumes und genoss den freien Blick auf die Kirche, als die alte Frau erneut durch das Friedhofstor trat.

Der Abt beachtete sie jedoch gar nicht, sondern beglückwünschte sich insgeheim zu seiner Entscheidung.

„Man trifft sich immer zwei Mal im Leben“, flüsterte die Alte plötzlich neben ihm.

Erschrocken blickte der Abt zur Seite, aber die alte Frau hatte sich bereits umgedreht und verschwand so leise wie sie gekommen war.

„Man trifft sich immer zwei Mal im Leben?“, murmelte der Abt vor sich hin, während er die Kirche durch das große hölzerne Tor betrat. Aber schon im nächsten Moment vergaß er die alte Frau und ihre Worte und machte sich auf den Weg zu seinem Prior, um auch ihm von seiner großen Tat zu berichten.

Die Zeit ging dahin, der Stumpf des alten Baumes war bereits dunkel von zahlreichen Regenfällen geworden, als der Frühling wieder einmal seinen Einzug feierte.

Auch der Abt hatte allen Grund für Frohsinn, denn alles was er in der letzten Zeit anfing, das gelang ihm auch. Und so stand er eines Tages im Klostergarten und sah zu, wie dort ein Kirschbaum gepflanzt wurde. In Gedanken sah er bereits die zarten weiß-rosa Blüten, die der Baum sicherlich im kommenden Frühjahr hervorbringen würde. Er konnte den Geschmack saftiger Kirschen im Mund schmecken und leckte sich voller Vorfreude die Lippen.

„Wir sind fertig, ehrwürdiger Abt“, sagte der Gärtner und machte eine angedeutete Verbeugung vor dem gestrengen Kirchenmann.

„Ja, ja, schon gut“, entgegnete dieser zerstreut, da er sich noch ganz seinen Wunschträumen hingab und sich gestört fühlte. „Nun gehen sie schon“, fuhr er die Männer an und wedelte mit beiden Händen in Richtung des Gartentores.

Rasch verschwanden die Männer und ließen den Abt im Klostergarten allein.

Dieser setzte sich auf eine hölzerne Bank, die er extra zu diesem Zwecke hatte aufstellen lassen und genoss den Blick auf seinen kleinen Kirschbaum. Genüsslich schloss er die Augen und wandte sein Gesicht der Sonne zu.

Ein leichter Ruck an seinen Füßen ließ ihn aus seinen Träumen auffahren.

„Was ist das?“, rief er entsetzt, als er sah, dass sich um seine Fußgelenke eine Wurzel geschlungen hatte. Eine Wurzel, die von dem eben gepflanzten Kirschbaum kam.

„Aber“, stotterte er, „aber, das kann nicht sein.“

Vor seinen Augen wuchs und wuchs die eben noch so kleine Wurzel, wurde größer und größer, während sie sich von seinen Fußknöcheln nach oben um seine Beine schob und immer höher und höher kroch.

„Hilfe“, rief der Abt, „zu Hilfe!“

Aber in der Stille und Einsamkeit, die er eben noch für sich beansprucht und genossen hatte, hörte ihn nun niemand.

Als die Wurzel ihn bis über die Arme und Schultern umschlungen hatte, zog sie den Abt auf den Boden und hinab in das frisch aufgeworfene Erdreich. Dunkelheit umgab ihn, Erde quoll in seinen zum Schrei geöffneten Mund. Stück für Stück durchdrang die Wurzel erst die Haut des Abtes und fraß sich dann in sein Innerstes.

Während sie sein Herz durchbohrte, hörte er die Stimme der alten Frau: „Man trifft sich immer zwei Mal im Leben!“

Im folgenden Jahr fand der Frühling im Kloster einen neuen Abt vor. Und einen kleinen Kirschbaum, der von Allen bestaunt wurde. Die Besucher waren sich einig, dass sie noch nie so wunderschöne Blüten an einem Kirschbaum gesehen hatten.

Und als der Sommer an das Gartentor klopfte, trug der kleine Kirschbaum stolz seine ersten Früchte. Der neue Abt schenkte sie dem Gärtner des Klosters. Er erhielt die Kirschen als Dank für die liebevolle Pflege des kleinen Kirschbaumes. Als der Mann in die runden, saftigen Früchte biss, schloss er genüsslich die Augen, während ihm der Saft über das Kinn lief.

Im hellen Schein der Mittagssonne kam es dem neuen Abt vor, als liefe süßes, rotes Blut über das Gesicht des Gärtners.

Advertisements

2 Gedanken zu „Geschichten-Zeit: Der Abt und der Baum

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s