Schreibkick: Im Nebel

Das Thema in diesem Monat lautete Im Nebel. Ein wahres Sprungbrett für gruselige und gern auch fiese Geschichten. Zeitlich hätte ich es in diesem Monat gar nicht geschafft, etwas Neues zu schreiben, aber – wie schon erwähnt – hatte ich in meiner virtuellen Schublade noch etwas liegen. Ein wenig aufgefrischt, gewaschen, gebügelt, ein bisschen überarbeitet und Voilà – hier ist sie! Viel Spaß beim Lesen!

Mystisch angehaucht

von Nicole Vergin

Wie kann man nur beim Lesen einer Geschichte Angst haben?, fragte sich Nora kopfschüttelnd. Aber so war es. Ihre Freundin, von Beruf leidenschaftliche Schriftstellerin, hatte wieder eine ihrer mystisch angehauchten Geschichten geschrieben. Und so wie jedes Mal, schien sich auch diesmal beim Lesen ein Kältestrom in Nora auszubreiten. Mit jedem Satz, den sie las wurde erst das Papier in ihrer Hand kälter, dann breitete sich das frostige Gefühl über ihre Finger im ganzen Körper aus. Angst, das war es. Nackte Angst.

Britta, ihre Freundin, lachte wenn Nora davon erzählte. Nicht, dass sie sie je auslachen würde, aber sie nahm sie einfach nicht ernst.

Ich sollte keine ihrer Gruselstorys mehr lesen, ärgerte sich Nora insgeheim. Aber die Neugier verscheuchte regelmäßig die Vernunft. So auch bei dieser Geschichte. Britta hatte sie mit einem Funkeln in ihren katzengrünen Augen gewarnt. Es ginge um Vollmond und gefährliche Bestien mit rasiermesserscharfen Klauen und Krallen. Und dann hatte sie ihr mitreißendes Lachen auf die Freundin herabregnen lassen.  Doch Nora zog nur mühselig die Mundwinkel hoch, während ihre Augen von Angst beherrscht wurden.

Und trotzdem las sie auch diese Geschichte. Sie kam einfach nicht davon los. Ja, Britta hatte nicht zuviel versprochen. Es war eindeutig die gruseligste ihrer bisherigen Geschichten. Nora schämte sich entsetzlich, als sie nach der Lektüre hektisch durch die Wohnung rannte und überall das Licht anschaltete. Aufatmend blieb sie einen Moment neben dem letzten Lichtschalter stehen. Ihr Blick irrte zufällig zum Fenster und da sah sie ihn.

„Nein!“, schrie sie auf. Ihr Herz wummerte einen wilden Rhythmus. Es war Vollmond. Er blickte direkt in ihr Wohnzimmer, durchleuchtete jeden Winkel ihrer Wohnung und jedes Fleckchen in Noras Seele. Ihre Knie gaben nach und sie sank weinend zu Boden, die Hände fest auf ihr Gesicht gepresst.

„Noraaaaaaaa………“, erst nur ein Hauch in der Nacht, wie Wind der leise durch Zweige schlüpft. Was war das? „Nooooooooooraaaaaaaa……..“, da war es wieder, diesmal lauter. Irgendwer rief ihren Namen. Nora schaute sich verwirrt um. Niemand da. Als die Stimme ein drittes Mal erklang, stand sie auf und ging wie hypnotisiert auf das Fenster zu. Sie verspürte keine Angst mehr. In ihr war nur die Frage nach dem Ursprung dieser geheimnisvollen Stimme.

Nora stützte sich auf der Fensterbank mit beiden Händen ab, legte den Kopf leicht in den Nacken und sah ihm genau ins Gesicht. Dem Vollmond. Auch er hatte sie gesehen und sprach sie erneut an. „Noooooooooraaaaaa, ich werde Dir helfen!“

„Helfen?“, fragte sie leise. „Wobei willst Du mir helfen?“

„Dem ein Ende zu bereiten.“

Ohne weitere Fragen wusste sie, wovon der Mond sprach. Von Britta, ihren Geschichten und von Noras Ängsten.

„Ja“, sie nickte ihm zu, „hilf mir.“

Mechanisch zog sie sich an, nahm ihren Schlüsselbund und verließ kurz darauf die Wohnung. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es die richtige Zeit war. Wie jeden Abend würde sich Britta mit ihrer Hündin Fantasia auf den Weg zum Feld machen.

Ohne zu zögern begann Nora zu laufen. Sie musste vor der Freundin dort sein, damit sie ihr eine Überraschung bereiten konnte. Einen winzigen Moment zögerte Nora. Doch die Frage warum und was sie tun wollte war so schnell verschwunden wie sie gekommen war.

Nun rasch.

Am Feldrand angekommen, nickte sie zufrieden. Genau wie es sein sollte. Dichte Nebelschwaden stiegen auf, legten sich wie eine Decke über die Felder, verbargen alles. Mit festem Schritt ging Nora mitten hinein. Die Nebelschwaden ließen sie ein, um sie vor fremden Augen zu verbergen.

Nun hieß es abwarten. Kurz darauf vernahm sie Brittas Stimme, die ihrer Hündin munter Ideen für neue gruselige Geschichten erzählte. Fantasia, sonst eine gute Zuhörerin, blieb urplötzlich abrupt stehen und bewegte sich keinen Millimeter weiter.

„Hey Süße, was ist los?“, hörte Nora Britta erstaunt fragen.

Während sich Britta ihrer Hündin zuwandte, machte Nora ein paar Schritte auf ihre Freundin zu, immer noch durch die Nebelschwaden verdeckt. Vorsichtig, um nicht zu früh bemerkt zu werden, streckte sie beide Arme aus. Während sie sanft nach Brittas Hals griff, ihn mit beiden Händen umfasste und zudrückte, hörte sie über sich ein dämonisches Lachen.

„Du wirst meinen Namen nicht mehr benutzen…“

Diesen Monat war(en) dabei: 
Sabi writing whatever
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Das Thema für den 01.08.15 lautet: Superhelden im Tiefflug

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4 Gedanken zu „Schreibkick: Im Nebel

  1. Hey Nicole,

    *grusel* wirklich eine tolle Geschichte. Die Vorstellung, etwas, worüber man geschrieben hat, könnte sich dafür rächen ist genial 🙂

    Ich stelle mir gerade vor, wie alle Bösewichte aus der Kurzgeschichtensammlung, die ich noch vorhabe zu schreiben, hier bei mir in der Wohnung einfallen… *lach*

    liebe Grüße,
    Sabi

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