Geschichten-Zeit: Knusper knusper

Knusper, knusper?

Eine Quatsch-Geschichte von Nicole Vergin

Eine merkwürdige Geschichte ist mir passiert. Und wie so viele andere Geschichten, begann auch diese ganz harmlos. Mit einem Spaziergang. So wie jeden Nachmittag, war ich zusammen mit Lese-Teddymeinem Hund im Wald unterwegs.

Es war helllichter Tag und trotzdem hatte ich plötzlich das Gefühl, als würde es dunkler werden. Ich sah nach oben in den Himmel. Der war blau, kein Wölkchen weit und breit. Um mich herum jedoch war es, als wiche alles Licht vor etwas zurück. Und dann war auch noch mein Hund verschwunden. Ich rief und rief, während es dunkler und dunkler wurde.

Was dann passierte? Keine Ahnung. Das nächste woran ich mich erinnere ist, dass ich vor einem kleinen Häuschen stand. Mitten im Wald. Und irgendetwas war an meiner linken Hand. Ich riskierte einen Blick aus dem Augenwinkel und schrie auf. Neben mir stand ein Junge und hielt meine Hand.

„Was hast du denn, Gretel?“, fragte er mich erstaunt.

Gretel? Was denn für eine Gretel? Ich sah mich nach allen Seiten um, konnte aber niemanden entdecken. Misstrauisch sah ich den Jungen an.

„Sag mal, du hast doch wohl nicht alle Latten am Zaun!“, stellte ich fest. Normalerweise bin ich ein höflicher Mensch, aber was zuviel ist, ist zuviel. Ein Wildfremder, der mit mir Händchen hält und mich Gretel nennt. Diese Anmache war mir neu.

„Was denn für einen Zaun?“ Verwirrt blickte mein Gegenüber mich an.

Gerade wollte ich zu einem längeren Vortrag über platte Sprüche im Verhältnis zu dusseligen Mitmenschen ansetzen, als ich aus dem Augenwinkel eine nicht unbedeutende Kleinigkeit bemerkte. Eine, die mir bisher entgangen war. Das Häuschen vor dem wir standen, war von oben bis unten aus Lebkuchen und Zuckerzeugs. Jetzt war mir einiges klar!

„Haha“, machte ich gelangweilt.

Die Verwirrtheit des Knaben steigerte sich weiter. Mal nebenbei. Wo hatte er eigentlich diese komischen Hosenträger her? Von seinem Opa?

„Hallo!“, rief ich, entschlossen dem Spuk ein Ende zu bereiten. „Ihr könnt jetzt rauskommen mit eurer Kamera. Sehr lustig, wirklich sehr lustig.“

Tatsächlich wurde die Tür dieses Süßknabberschuppens geöffnet und heraus kam eine auf uralt gemachte Schauspielerin mit Riesenwarze auf der krummen Nase und schwarzer Katze auf der Schulter.

„Knusper knusper Knäuschen. Wer…“, begann sie ihren Vers.

„Ja, ja, Hexe“, unterbrach ich sie. „Kannst aufhören. Ich hab den Witz schon geschnallt. Lustig, wirklich lustig. Aber nun ist Schluss! Ich muss nach Hause, hab noch einen Termin. Und wo ist überhaupt mein Hund?“

Suchend sah ich mich um. Alle Beide, der Hosenträger tragende Hänsel und die schrullige Knusperhexe sahen mich verständnislos an. Na gut, dann würden sie mir eben nicht helfen. Gerade wollte ich mich umdrehen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, da hielt mich doch die olle Hex mit ihren gichtigen Krallen fest.

„Nicht so schnell mein Kinderchen. Kommt doch rein. Ihr dürft auch von den Lebkuchen naschen.“

„Lebkuchen?“, rief ich entsetzt. „Das süße Zeug kann man sich ja auch gleich auf die Hüften schmieren. Nee, danke, mach mal…“

Weiter kam ich nicht. Mit erstaunlicher Kraft zerrte das Mütterchen mich in die Hütte. Und Hänsel? Der war längst drinnen und gierte nach all dem Futter. So langsam wurde mir mulmig. Weit und breit war in der Hütte nichts und niemand zu sehen. Keine Kameras, kein Filmteam. Je genauer ich mich umsah, umso echter wirkte das ganze. Moment mal. Ich wagte es kaum diesen Gedanken zuzulassen. Ob ich tatsächlich auf irgendeine Art und Weise im Märchen „Hänsel und Gretel“ gelandet war?

Kaum hatte sich dieser Gedanken einen Millimeter Platz in meinem Kopf erobert, als auch schon Panik in mir aufstieg. Hektisch sprang ich von dem klapprigen Hocker hoch, auf den mich die Hexe gerade nachdrücklich gesetzt hatte.

„Hilfe, Hilfe!“, schrie ich hysterisch und rannte ein paar Mal um den Tisch der Hexe herum. Hänsel und Hexe sahen mich jedoch nur verdattert an. Na das war ja ein toller Erfolg…

„Knusper, knusper, Knäuschen…?“, startete die Hexe einen weiteren Versuch.

Anscheinend hatte ich sie zumindest auch verwirrt. Nach Luft japsend ließ ich mich wieder auf den Hocker fallen. Was nun? Sollte ich fliehen? Wenn ja – sollte ich Hänsel mitnehmen? Das würde sich allerdings schwierig gestalten. Der hatte sich nämlich von meinem Geschrei schnell erholt und kaute schon wieder was die Beißerchen hergaben.

Entschlossen straffte ich die Schultern und übernahm kurzerhand die Führung.

„Also, Frau äh Hexe“, wandte ich mich an die Schürzen tragende Alte. „Wie vorhin schon erwähnt, habe ich heute noch so einiges zu tun. Wir sollten das Ganze hier also so schnell wie möglich hinter uns bringen. Zeigen sie mir doch bitte, wo sich ihr Backofen befindet.“

„Knusper, knusper…?“, begann sie erneut mit fragendem Unterton.

Na prima, nun war sie völlig von der Rolle. Ich atmete tief durch. „Hänsel“, sprach ich den Knaben an. Anstelle einer Reaktion, stopfte er sich weiter Zuckerzeugs in die ohnehin viel zu volle Futterluke.

„Ey Mampfi!“, brüllte ich ihm ins Ohr. Vor Schreck fiel ihm die Zuckerstange aus der Hand. Anklagend sah er mich an, hob sie auf und… kaute seelenruhig weiter.

„Muss man denn hier alles selber machen?“, stöhnte ich.

Na gut, sie wollten es offenbar nicht anders. Ich stand auf, marschierte zur Tür, öffnete sie und trat hinaus. Einen Moment befürchtete ich, dass die Hexe mich zurückhalten würde. Aber weit gefehlt. Ein fragendes „Knusper…?“ war die einzige Reaktion.

Rasch lief ich um das Häuschen herum und entdeckte auch gleich den Backofen. Na prima! Nun musste ich die Hexe nur noch dort hinein bugsieren, den verfressenen Hänsel aus dem Wald nach Hause bringen und schwupps würde dieser Grimmsche Alptraum beendet sein.

Die nächste halbe Stunde war Schwerstarbeit. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass eine Märchenhexe so verwirrt sein könnte. Keinen Schritt ging sie allein. Glücklicherweise war sie klein und leicht, so dass ich sie schultern konnte. In der Zwischenzeit hatte sie wohl auch in irgendeiner Ecke ihren Humor wiedergefunden. Fröhlich quietschend hing sie wie ein nasser Sack auf mir, immer wieder das Wort „Knusper“ vor sich hin sagend.

Irgendwie schaffte ich es, sie in den Ofen zu bugsieren. In den kalten wohlbemerkt. Schließlich wollte ich keine Hexe auf Toast, sondern einfach nur das Märchen beenden. Die Ofentür lehnte ich nur an, erklärte ihr, dass wir ein tolles Spiel spielten und sie erst wieder hinaus dürfte, wenn sie 1000 Mal ihren „Knusper, knusper, Knäuschen Satz“ gesagt hätte.

Hänsel war eindeutig das größere Problem. Er hatte beschlossen hier zu bleiben. Bei all den Leckereien. Glücklicherweise fand ich einen Bollerwagen, den ich mit all dem Kram beladen konnte, so dass er mir letztendlich folgte, wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln.

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie wir den Weg aus dem Wald heraus gefunden haben. Dass es Ewigkeiten dauerte, das weiß ich noch. Aber irgendwann war es geschafft und Hänsel war wieder zuhause. Sein oder vielmehr eigentlich ja unser Vater wollte uns gerade glücklich in die Arme schließen, da wurde es um mich herum wieder dunkel. Ein Glück, nun ging es nach Hause!

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, blickte ich in die Augen eines kleinen niedlichen Mädchens mit einem roten Käppchen auf dem Kopf. Nein, das konnte nicht wahr sein, dachte ich noch, als sie auch schon den Mund öffnete: „Sag Großmutter, warum hast du so große Zähne?“

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6 Gedanken zu „Geschichten-Zeit: Knusper knusper

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