Schreibkick: Angriff der Lebkuchen

So, in diesem Monat habe auch ich mal wieder einen Beitrag zum Schreibkick – dieses Mal lautete das Thema: Angriff der Lebkuchen.

Wer noch nicht weiß, was sich hinter den Schreibkicks verbirgt bzw. wieso und warum ich daran teilnehme, der möge sich doch gerne mal hier schlau lesen. Ansonsten – viel Spaß beim Lesen der folgenden Geschichte:

Angriff der Lebkuchen

von Nicole Vergin

„Ich will Lebkuchen!“

„Also erstmal heißt es `möchte´ und außerdem ist Weihnachten noch lange hin und wir kaufen vorher keine Lebkuchen.“

„Will Lebkuchen!“

„Ich habe es dir doch gerade erklärt. Es ist erst September und Weihnachten ist im Dezember. Das ist noch zwei Monate hin. Wir kaufen dann Lebkuchen, wenn die Adventszeit anfängt!“

„Will Lebkuchen, will Lebkuchen, will Lebkuchen.“

Genervt blickte Iris auf das mittlerweile am Boden liegende, wild herum strampelnde Wesen, in dem irgendwo ihr eigentlich recht sanftmütiger Sohn versteckt war.

„Komm Bastian, steh auf.“

Seine kleinen Füße ließen ein Trommelfeuer auf ihre ausgestreckten Hände los. Klebriger Rotz lief über die leuchtend roten Wangen.

Genau so hatte sie sich ihren Feierabend vorgestellt. Erst die ungeplante Überstunde, die dafür gesorgt hatte, dass sie direkt vom Büro zum Kindergarten hetzen musste. Dort erwartete sie eine besorgte Erzieherin, die ihr ein fiebriges Kind in die Arme drückte mit dem sie dann zwangsläufig auch noch einkaufen gehen musste. Und genau an so einem Tag startete der Supermarkt auch noch den Großangriff der Lebkuchen.

„Der arme Kleine“, züngelte eine Stimme an ihr Ohr.

Iris drehte den Kopf und sah in die verschlagenen Augen ihrer Nachbarin.

„Ihr könnt Anneliese zu mir sagen.“ Vor einem Viertel Jahr hatte Iris diese Begrüßung vor ihrer neuen Haustür noch nett gefunden. Inzwischen wusste sie, dass nett manchmal eben doch die kleine Schwester von Scheiße war, und dass Anneliese das `Du´ als Vorspiel für ständige Einmischungen nutzte. Schließlich hatte sie bereits zwei Kinder großgezogen und wusste daher wie es läuft.

„Iris, du siehst doch, dass es deinem Jungen nicht gut geht. Nun gib ihm doch was er haben will.“ Sprachs und drückte Bastian eine Tüte mit Lebkuchen in die verklebten Finger.

Stille. Ein Schalter war umgelegt. Das Kind weinte nicht mehr, stand stattdessen auf und begann an der Tüte herum zu prokeln.

„Gib mir die Tüte Bastian.“ Mit nun ebenfalls hochrotem Kopf streckte Iris die Hand aus.

Aber ihr Sohn war bereits in Gedanken im Land der Lebkuchen gelandet und stopfte sich gerade eine der mit Vollmilch Schokolade überzogenen Köstlichkeiten in den Mund.

Energisch griff sie nach der Tüte, um sie Bastian wegzunehmen. Ein Blick aus blauen, weit aufgerissenen Augen, ein Schrei wie von einem verletzten Tier.

„Nun lass ihn doch“, drängte sich auch Annemaries Stimme in das Chaos.

Bastian, der wohl seine Chance nutzen wollte, begann erneut zu schreien.

Und Iris? Iris, die meist gut gelaunte, auf Harmonie bedachte Iris, ließ ihren Gefühlen die Zügel schießen.

Wütend riss sie nun ihrem Sohn die Tüte aus der Hand, öffnete sie, griff hinein und hatte gleich darauf zwei Lebkuchen in der Hand. Einen winzigen Moment hielt sie inne, schaute Annemarie mit festem Blick in die Augen und schon flogen die beiden Lebkuchen – Sterne wie Iris während der Beobachtung der Flugkurve bemerkte – durch die Luft und der ungläubig dreinblickenden Nachbarin gegen Stirn und Nase.

Frau „ihr-könnt-Anneliese-zu-mir-sagen“ reagierte erstaunlich schnell, grabschte nach einer weiteren Tüte vom Lebkuchen Berg – passenderweise in Herzform – und feuerte kurz darauf zurück.

Stern. Herz. Stern, Stern. Herz, Herz, Herz.

Bastian stand währenddessen mit offenem Mund – aus dem gerade ein Stück Lebkuchen heraus krümelte – da und war mucksmäuschenstill.

Aus den Augenwinkeln sah Iris, dass sich eine Gruppe Schaulustiger um sie geschart hatte. Eine Hand schob sich plötzlich vor ihr Gesichtsfeld und sie sah einem lachenden Weihnachtsmann in sein bärtiges Gesicht. Dankbar griff sie zu, machte ein, zwei Schritte auf Anneliese zu und holte Schwung, um ihrer nervigen Nachbarin den Schokomann über den Schädel zu ziehen.

„Dann gibt es aber in diesem Jahr für dich keine Geschenke.“

Erschrocken hielt Iris inne und sah sich um. Wer hatte das gerade gesagt?

Herz an Kopf. Anneliese hatte es genutzt, dass sie abgelenkt gewesen war. Iris holte ein weiteres Mal mit dem Weihnachtsmann aus.

„Muss ich wirklich erst die Rute rausholen?“

Das gab es ja wohl nicht. Eine Stimme aus dem Nichts? Sie sah den umstehenden Leuten in die Gesichter, aber außer Anfeuerungsrufen gaben die nichts von sich. Langsam senkte Iris den Kopf und sah dem Schokomann ins Gesicht. Das sonst immer so sanfte beinahe schon unerträglich gut gelaunte Gesicht des Weihnachtsmannes war unfreundlich und grimmig. Sie wischte sich über die Augen und sah ein weiteres Mal hin. Aber es stimmte, die Mundwinkel waren nach unten gezogen und die Augen unter den dichten weißen Brauen zusammen gezogen.

„Sind sie wütend auf mich?“, wisperte sie dem Rotkittel zu.

„Was sagst du?“, keifte Anneliese dazwischen.

Abwehrend hob sie die Hand und hielt sich den Schokomann ans Ohr.

„Willst du ablenken?“, versuchte ihre Nachbarin erneut die Aufmerksamkeit auf ihr kleines Duell zurück zu lenken.

„Werfen, werfen, werfen“, skandierten während dessen die Umstehenden.

„Willst du deinem Sohn kein Vorbild sein?“, hörte sie ein weiteres Mal die Stimme, nun ganz nah, so nah dass sie das Gefühl hatte, dass die nach und nach flüssig werdende Schokolade Spuren hinterlassen würde. Kein Wunder, schließlich hielt sie den Weihnachtsmann mitsamt seiner Aluverpackung fest umfangen.

„Doch“, flüsterte sie zurück.

Mit großen Augen sah sie sich um. Egal, ob nun tatsächlich ein Schokoladen Weihnachtsmann mit ihr sprach oder nicht. Fakt war, dass sie hier mitten im Supermarkt vor den Augen ihres Sohnes eine Lebkuchen Schlacht abhielt. Wie oft hatte sie Bastian gesagt, dass man mit Essen nicht spielt. Wobei, dieser Kampf ja nun wahrlich kein Spiel war.

„Es tut mir leid“, sagte sie an Anneliese gewandt und streckte ihr versöhnlich die Schokoladen verschmierte Hand entgegen.

Sichtlich erstaunt sah ihre Nachbarin sie an. Und ob es nun an der Kampfpause gelegen oder ob Anneliese vielleicht auch irgendwelche Stimmen gehört hatte, auf jeden Fall ergriff sie ihre Hand, würgte sich ein „Mir auch“, heraus und so beendeten sie den Angriff der Lebkuchen.

Als Iris eine halbe Stunde später – ein klärendes Gespräch mit dem Marktleiter war dann doch vonnöten gewesen – mit Bastian an der Hand den Supermarkt verließ, sah ihr Sohn sie beim Gehen von der Seite an und fragte:

„Meinst du, dass dir der Weihnachtsmann nun wirklich keine Geschenke bringt?“

Diesen Monat waren dabei:

Conny

Sabi

Das Thema für den 01.11.2015 lautet: Grau in grau

Advertisements

3 Gedanken zu „Schreibkick: Angriff der Lebkuchen

  1. Hallo liebe Nicole,

    danke für diese wunderbare Geschichte. Ich bin aus dem Schmunzeln garnicht mehr raus gekommen.
    „Frau „ihr-könnt-Anneliese-zu-mir-sagen““, „Herz an Kopf“… ich habe mich köstlich amüsiert und konnte mir die Szene bildlich vorstellen 😀 😀 😀

    Liebe Grüße,
    Sabi

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Sabi,

      freut mich, dass sie Dir gefällt! Und ich bin so froh, dass ich alles andere einfach mal zur Seite gelegt und geschrieben habe. Nun habe ich auch wieder Lust aufs überarbeiten bekommen! 😉 Schräg, dass alle Lebkuchen Geschichten alles andere als sanft sind…

      Liebe Grüße zurück, Nicole

      Gefällt mir

  2. Pingback: Schreibkick #21: Angriff der Lebkuchen | Connys Schreibwelt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s