Geschichten-Zeit: Take it easy

Take it easy

von Nicole Vergin

Jahrein, jahraus kamen sie. Und noch wichtiger – sie blieben. Die Touristen in Bettyhill.

Lese-TeddyGemütlich fuhren sie in ihren Autos die Straßen, die sich zwischen den grünen Hügeln der schottischen Highlands hindurch schlängelten, entlang. Vorbei an dem Ortseingangsschild, an den ersten kleinen Häusern, die vereinzelt rechts und links der Straße in ihrem steingrauen Gewand geduldig standen.

Niemand erwartete etwas Großes in einem kleinen Ort namens Bettyhill. Und so fuhren sie weiter, während ihre Gedanken bereits einen Sprung auf der Landkarte machten. Einen Sprung, so groß, dass der Name Bettyhill im vorbeisausen nicht einmal mehr zu erkennen war.

Dem Einen oder Anderen fiel dann doch noch der kleine Friedhof auf und bereits kurz danach das Schild Richtung Farr Beach.

„Oh, ein Strand…“, mochte der Eine oder auch der Andere denken.

Ein kurzer Blick im vorbeifahren, ein rasches: „Ach wie schön!“. Denn schön ist der Strand in Bettyhill allemal. Feiner, weißer Sand, ganz ohne diese glibberigen, braunen Algententakel.

Aber zurück zu dem Einen oder Anderen, dem dieses Juwel ins Auge fiel. Der Moment war rasch verflogen. Verhallt wie ein Echo in weiter Bergwelt. Schon ging die Fahrt weiter. Weiter bis zu dem Moment, der alles veränderte und der Bettyhill in einem anderen Licht erstrahlen ließ. Dem Moment, in dem der Blick wie von einem Magneten angezogen, erst zu dem Schild auf dem B & B stand wanderte und einen Sekundenbruchteil später auf ein darunter stehendes Bild fiel.

Alle, die sich im Nachhinein über diesen Moment unterhielten, berichteten das Gleiche. Das man beim ersten Blick dachte, dass unter dem Schild ein Bild hing. Ein Bild, auf dem eine weiß lackierte Bank zu sehen war, auf der ein Mann saß und neben ihm eine Katze. Diese Katze hatte alles und jeden im Blick. Sobald jemand angefahren kam, sah sie den Reisenden direkt ins Herz und tief hinein in ihre Seelen.

Genau in diesem Moment begriffen alle, dass es kein Bild sondern Realität war. Der Eine oder Andere und alle restlichen Reisenden hielten an. Sie begannen eine Unterhaltung mit dem Mann, während Betty die liebevollen Streicheleinheiten genoss.

Der Eine blieb zwei Tage, der Andere auch mal drei. Und alle anderen Reisenden sogar eine Woche und länger.

Ja, genauso war das. Damals in Bettyhill. Mit Betty und den Reisenden.

Heute sitzt der Mann allein auf seiner Bank.

„Betty ist tot“, erzählt er den wenigen, die vorbei kommen. Und fügt mit dem Kopf nickend hinzu: „Take it easy…“

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2 Gedanken zu „Geschichten-Zeit: Take it easy

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