Schreibkick: Grau in grau

Obwohl ich wie in meinem vorigen Beitrag erwähnt, nicht am NaNoWriMo teilnehme, hat mich das Fieber trotzdem mitgerissen! 1.451 Wörter sind heute in den PC geflossen und daraus ist mein Beitrag zum Schreibkick Thema Grau in grau entstanden. Ich würde ihr gerne noch einen anderen Titel geben, aber soweit hat es dann mit meiner Kreativität heute doch nicht gelangt. Aber vielleicht habt Ihr eine Idee?

Wer noch nicht weiß, was sich hinter den Schreibkicks verbirgt bzw. wieso und warum ich daran teilnehme, der möge sich doch gerne mal hier schlau lesen. Ansonsten – viel Spaß beim Lesen der folgenden Geschichte:

Grau in grau

von Nicole Vergin

Vorsichtig schob Sieglinde den Vorhang zur Seite und spähte hinaus. Nebel. Direkt vor ihrem Fenster. Als wollten die dicken Schwaden ins Haus eindringen. Seufzend zog sie den rosafarbenen Stoff wieder zusammen. Es half alles nichts. Sie musste rausgehen, sonst würde sie den richtigen Zeitpunkt verpassen und die Biotonne würde zwei weitere Wochen auf Abholung warten. Und sie war jetzt schon mit Laub überfüllt und wenn sie an all die Blätter dachte, die noch ihren letzten Flug antreten würden, dann wurde sie müde. So müde.

Unwillig schob sie die Füße in ihre alten grünen Gartenlatschen, zog die hautfarbene Strickjacke vor ihrem schmalen Körper zusammen und trat hinaus in die feuchtkalte Novemberluft. Grau. Alles was sie sah, war in ein trübes Grau gehüllt. In jedem Jahr raubte der November ihr alle Farben, ließ ihr Leben trist und öde erscheinen.

Früher hatte Leben in dem großen Einfamilienhaus geherrscht. Die Kinder hatten mit ihren Freunden oft so laut herum getobt, dass sie genervt um Ruhe gebeten hatte. Vergeblich natürlich.

Ein weiterer Seufzer entfloh Sieglindes Mund. Heute würde sie sich nur eine einzige Stunde mit all den Stimmen und dem Getrampel auf den Treppen zurückwünschen. Aber diese Zeit war endgültig vorbei. Sie fuhr mit der Hand durch ihre grauen, dünn gewordenen Haare. Der Nebel hatte während der paar Schritte zum Gartentor bereits einen feuchten Film auf ihnen hinterlassen.

Mit beiden Händen umfasste sie den Griff der Biotonne, kippte das schwarze Ungetüm mit einiger Mühe und rollte sie durch das zuvor geöffnete Tor hinaus an die Straße. Hin und wieder tauchten Scheinwerfer aus dem Nebel auf. Die Autos rollten langsamer als sonst auf der Straße vor ihrem Grundstück vorbei und wurden ebenso rasch wieder von den Schwaden verschluckt.

Einen Moment blieb Sieglinde stehen, obwohl sie in ihrer dünnen Strickjacke bereits fröstelte. So wie der Herbstnebel die Autos verschluckte, so war es auch mit ihrem Leben. Hin und wieder tauchte es auf, aber die meiste Zeit war es verschwunden, für fremde Augen unsichtbar.

Es war bereits der 79. November den sie erlebte, aber das Gefühl, das dieser Monat sie aussaugte und leer wieder ausspuckte, war seit eineinhalb Jahrzehnten mit jedem Jahr schlimmer geworden.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich selbst, schließlich geht es dir doch wirklich gut. Du hast genug zu essen und ein Dach über dem Kopf. Aber die Farbe, wisperte eine leise Stimme in ihr, die Farbe fehlt.

Eine Stunde später hatte Sieglinde gefrühstückt und mit der Hausarbeit begonnen. So wie an jedem Tag. In den Frühjahrs- und Sommermonaten kam an dieser Stelle immer die Gartenarbeit dran. Unkraut jäten, Rasen mähen. So vieles war dann zu tun und alles hatte mit kräftigen Farben zu tun. Im Herbst, wenn die letzten Büsche beschnitten, die Rosen für den Winter eingepackt waren, dann blieb ihr nur noch die sterbenden Blätter zusammen zu rechen und nach und nach zu entsorgen.

Sieglinde hasste diese Arbeit, da sie den bevorstehenden Winterschlaf der Natur einläutete. Und mit ihr die Depressionen, die die Krallen nach ihr ausstreckten. Jeden Morgen fiel es ihr nun etwas schwerer das Bett zu verlassen. Immer länger ließ sie die Vorhänge vor den Fenstern ihres Hauses verschlossen, damit sie nur nicht nach draußen schauen musste.

Bereits Wochen zuvor füllte sie ihre Gefriertruhe mit Gemüse und Fleisch und ihre Vorratskammer mit Äpfeln von ihren eigenen Bäumen, mit Kartoffeln, Reis und Nudeln. Das Ziel war, dass sie so wenig wie möglich raus in die grau gewordene Welt musste. Und bis auf wenige notwendige Gänge, gelang ihr dies nach Jahren der Übung erschreckend gut.

Leider beinhaltete dieses Verhalten auch, dass Sieglinde die verhassten Novembertage nur umso länger und zäher vorkamen. Der Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und den wachsenden Depressionen war ihr auch durchaus bewusst, aber um etwas daran zu ändern, dafür fehlte es ihr einfach an Kraft.

Nachdem sie in der Küche auch den kleinsten Winkel von unsichtbaren Staubflusen und Spinnweben befreit hatte, schleppte sich Sieglinde in den Flur, um die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer zu steigen. Bei dem Gedanken an die mit karierter Bettwäsche bezogenen Decke, die sie sich gleich über den Kopf ziehen wollte, beschleunigte sie ihre Schritte.

Plötzlich drang eine leise Stimme an ihr Ohr. Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz nach zehn. Eine Seltenheit, dass um diese Zeit Jemand zu Fuß an ihrem Grundstück vorbei ging. Die meisten fuhren heutzutage ja selbst zum nächsten Briefkasten mit dem Auto. Obwohl es sich aus ihrer Sicht in keinster Weise lohnte dafür den Motor zu starten.

Sieglinde blieb stehen, lauschte und schüttelte dann über sich selber den Kopf. Wie peinlich, da stand sie hier in ihrem Flur und versuchte fremde Menschen zu belauschen. Ihr Fuß befand sich bereits auf der ersten Stufe, als sie erneut eine Stimme, dieses Mal schon lauter, hörte. Und diese Stimme sang und jubelte und kam ihr viel zu nah vor.

Ob sich Jemand in ihrem Garten befand?

Sie nahm den Fuß von der Treppe, drehte sich um und war gleich darauf an der Haustür, die sie leise öffnete, um durch einen Spalt hinaus zu sehen. Auf den ersten Blick sah sie nur ein pinkfarbenes Etwas auf dem Rasenstück vor ihrem Haus auf und ab hüpfen. Ein kleines Etwas. Sieglinde kniff die Augen zusammen und versuchte das Bild schärfer zu stellen. Erstaunt riss sie im nächsten Moment die Augen weit auf. Das war doch tatsächlich ein kleines Mädchen, das dort herum sprang und dabei juchzte.

Ohne dass die Kleine etwas davon mitbekam, öffnete sie die Haustür weiter, aber sie konnte niemand anderen erblicken. Das Mädchen war allein. Bevor sie sich jedoch über diesen Punkt weiter Gedanken machen konnte, fielen ihr das durch die Luft wirbelnde Laub auf. Und dieses Laub kam nicht etwa von der großen Buche in ihrem Garten. Nein, dieses Laub kam von dem von ihr sorgfältig zusammen gerechten Haufen, den sie nach der Leerung direkt in die Biotonne hatte befördern wollen.

Sieglinde schnappte nach Luft. Es war schon schlimm genug, diese verflixten Blätter einmal zusammen zu schieben. Aber dies ein weiteres Mal tun zu müssen, das war in ihren Augen schon beinahe Folter. Mit entschlossenen Schritten marschierte sie auf die Mitte ihres Vorgartens zu, den Blick fest auf das kleine Mädchen gerichtet, die sich mit dem Rücken zu ihr weiter inmitten der Blätter vergnügte. Ihre schwarzen, Schulterlangen Haare flogen dabei mit dem Laub um die Wette.

Mit verschränkten Armen blieb Sieglinde neben dem Laubwirbel stehen.

„Oh!“

Das unbekannte Mädchen hatte sich bei einem weiteren Sprung gedreht und stand ihr nun von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

„Hallo“, grüßte sie freundlich und ohne Scheu.

„Guten Tag.“ Sieglinde kam sich steif und ungelenk vor, aber der Freude im Gesicht des Mädchens schien das keinen Abbruch zu tun.

„Willst du mitmachen“, lud sie sie stattdessen ein.

Sieglinde verschlug es für einen Moment die Sprache. Sah dieses Mädchen denn nicht, dass sie alles andere als erfreut darüber war, dass sie hier in ihrem Garten herumtobte?

Ohne auf eine Antwort zu warten, hopste die Kleine weiter, so dass ihr pinkfarbener Regenumhang auf und niederflog.

Was sollte sie denn nun tun? Sieglinde blickte zu Boden, wo der Laubhaufen inzwischen nur noch Geschichte war. Die Blätter waren inzwischen wieder überall verstreut und klebten zudem auch an dem Mädchen fest. Nun bückte sich die Kleine auch noch, und furchte mit den Händen durch das Laub.

Während sie beobachtete, wie das Mädchen mit den Fingern über den Boden wischte, fielen ihr plötzlich die Farben auf. Gelb. Rot. Und auch einige Grüne Blätter waren noch dazwischen. Sieglinde kam es vor, als hätte ein Maler mit einem Pinsel ein paar Farbkleckse in ein ansonsten graues Bild gemalt.

„Wirf sie doch mal hoch!“

Sieglinde sah auf und direkt in die vor Freude und Aufregung strahlenden braunen Augen des fremden Mädchens. Zögernd glitt sie mit den Fingerspitzen über die Blätter und fühlte die glatten Oberseiten, die feinen Adern bis hin zu den breiteren Stielen. Was für kleine Wunderwerke, staunte sie. Und sie fühlten sich viel lebendiger an, als sie gedacht hatte. Beim Wegräumen der in ihren Augen toten Blätter hatte sie stets Handschuhe getragen. Es war wohl Jahrzehnte her, dass sie ein Blatt mit bloßen Händen berührt hatte.

„Ich heiße Maggie“, purzelte die Stimme in ihre Gedanken, „und du?“

„Sieglinde.“ Ihre Stimme klang rau und unbenutzt. „Aber was machst du eigentlich hier?“ Sie meinte in ihrem Garten, auf ihrem Grundstück, mit ihrem Laubhaufen.

„Ich tanze mit den Blättern den Herbsttanz.“

Etwas Feuchtes lief über Sieglindes faltige Wangen und tropfte vor ihr auf den Boden.

Maggie streckte ihre kleine Hand aus und wischte eine der Tränen sanft fort. „Ich muss auch manchmal weinen, weil die Blätter so schön sind, wenn sie tanzen.“

Sieglinde schluckte und antwortete mit leiser Stimme: „Du hast Recht, sie sind besonders schön, wenn sie im Herbst tanzen.“

Diesen Monat waren dabei:

Conny

Sabi

Surf your inspiration

Das Thema für den 01.12.2015 lautet: Verliebt, verlobt, ermordet

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5 Gedanken zu „Schreibkick: Grau in grau

  1. Pingback: Schreibkick #22: Grau in grau | Connys Schreibwelt

  2. oh wow, die Geschichte ist richtig schön geworden. Ich mag deine Sprache total. Das tanzende, bunte Laub vor dem grauen Himmel konnte ich mir richtig gut vorstellen.
    „Ich tanze mit den Blättern den Herbsttanz.“
    ❤ ❤ ❤

    Gefällt 1 Person

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