Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 3

Wer Hilde noch nicht kennengelernt hat, findet hier Teil 1 und hier Teil 2

Fortsetzung

Und dann war alles wieder da.
Der Wintersturm. Die Eiseskälte. Die Kirchenmauer, an der sie lehnte. Sogar die Stimmen und Töne aus der Kirche drangen wieder an ihr Ohr. Als sich Hilde umsah, bemerkte sie, dass sie allein war.
Ein Wunschtraum.
Lese-TeddyMühsam schluckte sie den Kloß in ihrem Hals herunter und wischte sich mit nun wieder frostkalten Fingern die feuchten Spuren von ihren Wangen. Nur ein Wunschtraum in einer kalten, einsamen Nacht. Wahrscheinlich konnte sie noch von Glück sagen, dass sie hier nicht eingeschlafen und erfroren war.
Nimm dich zusammen, Hilde!, schalt sie sich erneut selber.

Mühsam setzte sie sich wieder in Gang. Die kalten Füße taten ihr bei jedem Schritt weh, aber sie musste nach Hause, sonst würde sie wirklich noch über kurz oder lang erfrieren. Der Wind schien stärker zu werden, er heulte ihr entgegen und trieb ihr dicke Flocken ins Gesicht. Eine weitere Böe kam auf sie zu und Hilde sah, dass sie etwas Helles vor sich herjagte. Mit einem Klatschen landete ein DIN-A 4 großes Stück Papier vor ihrer Brust. Ihre Finger schafften es kaum, das Papier zu greifen und als sie es endlich von ihrem Mantel abgeklaubt hatte, fiel ihr Blick auf die in Großbuchstaben gedruckte Überschrift: HEILIGABEND ALLEIN? FEIERN SIE MIT UNS!
Darunter der Name einer Begegnungsstätte und eine Adresse.
Feiern sie mit uns. Das vermutlich von einem Kind gemalte Bild eines geschmückten Tannenbaums mit einem Berg Geschenke und einem dicken Weihnachtsmann davor lud dazu ein, sich auf die Weihnachtstage zu freuen.
Das verschwommene Bild eines wenige Tage alten Babys tauchte vor ihr auf.
„Wenn unser Kleiner damals nur nicht gestorben wäre…“ Hilde dachte an die kurze Zeit, in der sie ihr Baby hatte in den Armen halten dürfen. Wie viele Pläne und Träume, wie viel Hoffnung hatte sie damals für ihre kleine Familie gehabt. Letztendlich war es eine von vielen Seifenblasen in ihrem Leben gewesen, die zerplatzt waren.
Es sollte eben nicht sein, waren Karls Worte gewesen. Damals auf der Beisetzung des Kleinen. Als sie sich vor dem offenen Grab auf den Boden gekniet hatte mit der Hoffnung durch ein gnädiges Schicksal ebenfalls zu sterben. Seine kalten Worte hatten sie zu diesem Zeitpunkt nicht erreicht. Damals, als in ihr alles leer und hohl gewesen war. Erst viel später war ihr bewusst geworden, dass der Mann den sie liebte, ein Eisklotz war.

Hilde knüllte den Zettel zusammen und sah sich vergeblich nach einem Abfallkorb um. Seufzend steckte sie das Papierknäuel in ihre Manteltasche. Sie würde es zuhause wegschmeißen. Noch einmal sah sie die kindliche Zeichnung vor ihrem inneren Auge. Es wäre schon schön, nicht allein zu sein. Aber mit fremden Leuten Weihnachten feiern? Einfach dorthin gehen und um Einlass bitten? Nein, sie würde wie geplant nach Hause gehen, sich eine Kleinigkeit zu essen machen und dann früh schlafen gehen.
Zuhause ist es doch am schönsten, gab auch Karl seinen Senf dazu.
„Aber nicht, wenn man immer allein ist“, rief Hilde in die kalte Nacht hinaus. Manchmal hatte sie das Gefühl, als würde ihr Mann immer noch ihr Leben diktieren.
„Ich muss ihn loslassen“, murmelte sie vor sich hin, während ihre Hand wie von selbst in die Manteltasche wanderte und die Finger nach dem Papierball griffen und es herauszogen.
Die Straße, in der die Begegnungsstätte lag, war ihr gut bekannt. Dort betrieb eine Schneiderin ein kleines Geschäft. Hilde hatte ihr hin und wieder Kleidung zum Ausbessern gebracht, um einen Neukauf noch ein Stück weiter hinaus zu zögern. Ein kurzer Weg von zwei, drei Minuten und es lag sogar auf ihrem Heimweg. Sie würde es sich also immer noch anders überlegen können, ohne einen Umweg zu machen.
„Und du sei jetzt einfach mal still!“, rief sie beim Weitergehen und erstaunlicherweise hielt Karl sich sogar daran.
Hilde hatte das Gefühl, als wären ihre Schritte nun wieder leichter als zuvor. Auch die Atemnot war zurückgegangen. Vielleicht lag es auch nur an dem Wind, der anscheinend gerade eine Pause einlegte, so dass sie nicht mehr dagegen ankämpfen musste. Oder es lag tatsächlich etwas Magisches an diesem Heiligen Abend in der Luft. Bei diesem Gedanken lächelte sie.

Als sie kurz darauf vor dem Eingang der Begegnungsstätte stand und von außen die hell erleuchteten Fenster im ersten Stock sah, bekam sie doch ein mulmiges Gefühl. Sollte sie wirklich hineingehen und sich unter fremde Menschen mischen? Die Feier hatte längst begonnen. Auf dem Zettel hatte etwas von 17.00 Uhr gestanden und zu diesem Zeitpunkt hatte sie gerade einmal die Bürotür hinter sich abgeschlossen.
„Wollen sie auch zu der Weihnachtsfeier?“
Hilde schrak zusammen, als neben ihr eine Stimme ertönte. Sie sah die Frau mit der Wollmütze auf den grauen Haaren mit großen Augen an. Bevor sie etwas erwidern konnte, wurde sie untergehakt.
„Das ist ein Wetter heute, was?“ Fröhlich plaudernd nahm die Fremde sie ins Schlepptau und drückte die nur angelehnte Tür auf. „Also ich war schon öfter hier, aber sie habe ich noch nie gesehen. Es wird ihnen gefallen.“
Gehst du etwa mit Fremden…
„Sei still!“
Die Frau, die jetzt vor ihr die Treppe hinaufstieg, drehte sich um. „Was haben sie gesagt?“
„Oh, ich meine, also ich bin ein wenig aufgeregt.“
„Das gibt sich. Ich bin übrigens Frauke“, setzte die schlanke, grauhaarige Frau hinzu, „geben sie mir doch ihren Mantel. Dann hänge ich ihn gleich mit auf.“ Bei diesen Worten zog sie ihre eigene Jacke aus und hängte beide Kleidungsstücke an die Haken neben der Tür der Begegnungsstätte.
Hilde überlegte kurz, ob sie doch noch die Flucht ergreifen könnte, aber in diesem Moment wurde bereits die Tür von innen geöffnet.
„Hallo Frauke, schön, dass du hier bist. Oh“, der vollbärtige Mann, der seinen Kopf herausstreckte, sah Hilde freundlich lächelnd an, „du hast noch Jemanden mitgebracht. Ich bin Manfred.“
„Hilde“, entgegnete sie, während Manfred ihr galant die Tür aufhielt. Immer noch zögerlich trat sie über die Schwelle und spähte vorsichtig in den Raum hinein. Eine vergoldete Engelsfigur, auf der Spitze einer Blautanne balancierend, zog ihren Blick an. Der Baum war über und über mit rot-silbernen Kugeln und Lametta geschmückt.
„Hübsch nicht wahr?“ Frauke hakte sich fröhlich lachend bei ihr ein und zog sie weiter in den Raum.
Im Vorbeigehen sah Hilde wie kleine hölzerne Tierfiguren von den grünen Zweigen herabhingen. Die Tische im Raum waren zu Gruppen zusammengestellt, an denen andere Gäste saßen und aßen. Einige sahen auf, winkten und riefen „Frohe Weihnachten“.
Es roch nach Rotkohl, Gans und Klößen. Wie in Trance folgte sie Frauke und Manfred und ließ sich an einem der Tische zwischen ihnen auf einem Stuhl nieder.
Manfred nickte ihr freundlich zu und schob ihr gleich darauf die Schüssel mit dem Rotkohl näher. „Nehmen sie sich, es ist alles noch warm.“
„Dankeschön“, Hilde lächelte ihn, leicht verwirrt, an. All das sah aus, wie die Vision, die ihr der Fremde an der Kirche gezeigt hatte. Oder spielte ihr Gedächtnis ihr einen Streich? Sie ließ ihre Blicke weiter durch den Raum schweifen, vorbei an den mit Deko-Schnee besprühten Fenstern bis ihre Augen an einem Bild hängen blieben. Ein freundliches Lächeln mit Augen die von Lachfältchen umzingelt waren, sah ihr entgegen.
Hildes Herz schlug aufgeregt, sie wies mit dem Zeigefinger auf das Foto. „Da… das kann doch nicht sein!“
Manfred sah kurz auf das Foto. „Doch das kann es“, und mit einem Lächeln auf seinem Gesicht fügte er hinzu: „Frohe Weihnachten!“

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Oh du fröhliche!

Nun ist es also fast soweit – Weihnachten steht vor der Tür und das Jahr geht langsam zu Ende. Die letzten Tage in diesem Jahr werde ich ganz gemütlich ausklingen lassen und mich daher auch für eine Weile hier verabschieden.

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Natürlich gibt es morgen noch wie versprochen „Hildes Heiliger Abend“ Teil 3. Aber danach tauche ich in die wunderbar magische Weihnachtszeit ein und werde erst am 02. Januar wieder auftauchen.

Danke für ein wunderbares Jahr, danke für all die Kommentare, für den Austausch mit Euch! Ich freue mich auf all das was noch kommt!

Nun aber erstmal: Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in ein gesundes und kreatives Neues Jahr!

Alles Liebe, Nicole

Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 2

Wer Hilde noch nicht kennengelernt hat, findet hier Teil 1

Fortsetzung

Orgelmusik war durch die geschlossenen Türen zu hören. Aus etlichen Kehlen schallte „Stille Nacht, heilige Nacht“ an ihre frostkalten Ohren. Der Wind kam nun wieder direkt von vorn und trieb ihr dicke Schneeflocken ins Gesicht. Hilde senkte den Kopf, während sie an der großen Eingangstür der Kirche vorbei ging. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Gestalt dort sitzen. Neugierig hob sie den Kopf und sah einen Mann mit einer karierten Wolldecke um die Schultern auf einem Stück Pappe sitzen. Vor sich hatte er ein Einmachglas mit einer dicken roten Kerze aufgestellt, deren Flamme in dem Glas munter tanzte.
Lese-TeddyVermutlich ein Obdachloser, dachte sie. Und in diesem Moment hob auch der Mann seinen Kopf und es gab einen kleinen Augen-Blick zwischen ihnen. Hilde merkte, wie sie rot anlief. Rasch blickte sie zu Boden und ging ein paar Schritte weiter, bevor sie abrupt stehen blieb. Sollte sie ihn nicht wenigstens fragen, ob er Hilfe benötigte?
Jeder ist seines Glückes Schmied, tönte Karls Lieblingsspruch durch ihre Gedanken. Er war stets der Meinung gewesen, dass man sich selbst helfen müsste. Einmal hatte sie ihn gefragt, ob er sein Verhalten denn als christlich bezeichnen würde. Da hatte er nur mit den Schultern gezuckt.
Hilde atmete einmal tief durch und ging die paar Schritte zum Kircheneingang zurück.
„Entschuldigung?“ Obwohl sie nur zaghaft gesprochen hatte, sah der Mann sofort auf.
„Hallo.“ Ein offenes freundliches Lächeln zwischen einem dichten Bartbewuchs. Fragende braune Augen, die von Lachfältchen umzingelt waren.
„Also, Entschuldigung“, stotterte Hilde, „ich meine, ich wollte nur fragen, ob ich etwas für sie tun kann. Oder ob sie nicht vielleicht lieber in die Kirche hineingehen wollen. Oder… brauchen sie vielleicht Geld. Also viel könnte ich ihnen nicht geben. Aber…“ Ihr Mund klappte zu. Was redete sie hier bloß? War sie schon so weit von menschlichen Kontakten entfernt, dass sie nicht einmal mehr wusste, wie man mit anderen sprach?
Das konntest du doch sowieso noch nie, schob sich Karl spottend dazwischen.
Obwohl ihr Mann nun bereits über ein Jahr tot war, zuckte sie bei dieser Beleidigung zusammen.
„Ich brauche nichts“, schoben sich die Worte des Fremden in ihre trüben Gedanken. „Aber vielen Dank, dass sie gefragt haben. Und ich wünsche ihnen ein frohes Weihnachtsfest.“ Seine Stimme hatte einen warmen, freundlichen Klang.
Erstaunt sah Hilde ihn an. Wie schaffte dieser vermutlich obdachlose Mann es, in seiner Situation so gelassen und auch noch herzlich zu klingen. Unwillkürlich verglich sie Karls ewig nörgelnde und oftmals sarkastisch klingende Stimme damit.
„Das wünsche ich ihnen auch“, entgegnete sie und streckte dem Fremden impulsiv beide Hände entgegen, die dieser ohne zu zögern nahm und kurz drückte. Dann nickten sie sich zu und Hilde setzte ihren Heimweg fort.

Sie war erst wenige Meter vom Eingang der Kirche entfernt, als sie spürte wie ihr das Atmen schwerer fiel. Ein weiteres Mal bereute sie es, das Mitfahrangebot ihres Chefs abgelehnt zu haben. Der Tag war lang gewesen und sie war müde. Sie sah sich um, aber es war keine Bank in Sichtweite und so lehnte sie sich gegen die rote Backsteinmauer der Kirche. Durch ihren Mantel spürte sie den Kältehauch, der von den Steinen ausging.
Hilde schloss die Augen. Wie schön wäre es, wenn jetzt ein Wunder geschehen würde. Wenn plötzlich von irgendwoher ein Licht aufleuchten und sie wärmen würde. Und in der Wand an der sie lehnte, gäbe es eine Tür, die weit offen stehen würde. Jemand würde sie einladen, den dahinter liegenden Raum zu betreten.
Rasch öffnete sie die Augen wieder.
Du Närrin!, schalt sie sich selber.
Anstatt hier in der Eiseskälte zu stehen, sollte sie lieber machen, dass sie nach Hause käme. Wunder? Die gab es nur im Märchen!
„Und wenn nicht?“
Erstaunt horchte Hilde auf. Seit wann interessierte sich Karl für Wunder und Märchen? Doch dann begriff sie, dass es gar nicht die Stimme ihres Mannes war, die sie eben gehört hatte. Sie drehte sich um und sah den Mann vor sich, der eben noch im Eingangsbereich der Kirche gesessen hatte.
„Entschuldigung, was haben sie eben gesagt?“ Sie staunte selber, dass sie sich ohne Angst mit einem Fremden unterhielt.
„Ich meinte, was wäre wenn es besondere Momente nicht nur im Märchen sondern auch in der Wirklichkeit, jetzt und hier geben würde?“
Bevor Hilde darauf antworten konnte, merkte sie, wie es um sie herum still wurde. Der Wind heulte nicht mehr um die Kirche herum. Der Gesang und das Orgelspiel waren verstummt. Und die Mauer, an der sie eben noch gelehnt hatte, begann zu leuchten, als ob jeder einzelne Backstein glühen würde. Hilde wurde es warm. In ihre Fingerspitzen kehrte Gefühl zurück, die Wangen spannten nicht mehr vor Kälte und auch die Füße in den alten gefütterten Stiefeln fühlten sich wohlig warm an. Das Licht, das von der Mauer ausging wurde immer heller, bis sie schließlich geblendet die Augen schloss.
Als die gleißenden Strahlen, die auf ihre Lider fielen schwächer wurden, hörte sie Stimmengemurmel. Verlockende Düfte nach Gänsebraten und frischem Rotkohl mit Klößen drang in ihre Nase.
„Mach die Augen auf, Hilde“, hörte sie eine Stimme und dieses Mal wusste sie, dass sie nicht zu Karl sondern zu dem Fremden gehörte.
Zaghaft öffnete sie die Augen und sah sich voller Staunen um. Sie war in einem gemütlichen Zimmer, in dem mehrere Tischgruppen aufgebaut waren, an denen Menschen saßen, die ihr Weihnachtsmahl genossen und sich dabei angeregt unterhielten.
Eine große Blautanne, geschmückt mit rot-silbernen Kugeln, Lametta und kleinen hölzernen Tierfiguren stand in einer Ecke des Raumes. Die Fenster waren mit Dekoschnee kunstvoll besprüht, auf den Tischen lagen Tannenzweige und daneben die dicken roten Stumpenkerzen, die Hilde so liebte.
Eine Träne lief über ihr müdes, von Falten durchzogenes Gesicht. Was für eine wunderbare Weihnachtsfeier! Genau so hatte sie es sich immer gewünscht. Aber all die Jahrzehnte waren an ihr vorüber gezogen, ohne dass sie sich diesen winzig kleinen Traum erfüllt hatte. Stattdessen hatte sie an den Weihnachtstagen ihrem Ehemann meist schweigend gegenüber gesessen und davon geträumt Freunde einzuladen, die sie nicht hatten.
Ihr Blick wurde von der vergoldeten Engelsfigur auf der Weihnachtsbaumspitze angezogen. Er begann zu leuchten und das Leuchten wurde so hell, dass sie nach einer Weile die Augen erneut schließen musste.

Den 3. Teil findet Ihr hier

Lese-Zeit: Die Erbschaft

Wer meine Lese-Zeit Beiträge noch nicht kennt, kann hier erfahren warum und wieso ich sie schreibe!

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Das Leben spielt nicht immer fair. Das muss auch die Schriftstellerin Lotte Inden feststellen, als der Arzt ihr mitteilt, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leidet. Und da im Leben einer Schriftstellerin die Worte das wichtigste sind, beschließt sie sich einen Assistenten zu suchen, den sie mit ihrem literarisch Vermächtnis betraut.

Und so tritt Max in ihr Leben. Ein junger Mann, der nicht nur für das Werk seiner Arbeitgeberin voll des Lobes ist, sondern nach und nach auch die Frau dahinter kennen- und lieben lernt.

Der Roman Die Erbschaft von Connie Palmen ist ein Blick in das Leben und Schaffen einer Schriftstellerin. In die Auseinandersetzung mit Worten, Zitaten und Stellen aus den unterschiedlichsten Büchern. Aber auch in das Mensch sein hinter all der Literatur, auch und vor allem in einer Lebenszeit, die man sich nicht aussuchen konnte sondern die einem aufgezwungen wurde.

Meine Vorstellung von diesem Roman war eine komplett andere, als das was mir dann begegnet ist. Die Geschichte setzt sich aus unterschiedlichen Komponenten, wie dem Schreiben, das Familien- und Freundesleben in der Vergangenheit aber auch der Gegenwart zusammen.

Und es stellt die immer wieder aufkommende Frage: wie gehe ich meinen Lebensweg, wenn ich weiß, dass das Ende naht.

 

Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 1

„… drei, vier, fünf“, leise zählte sie die Glockenschläge der nahe gelegenen Kirche mit.
Es war schon spät an diesem Heiligen Abend, als Hilde die Bürotür sorgfältig hinter sich abschloss und die drei Stufen auf den Gehsteig vorsichtig hinunter stieg. Schnee lag auf den Straßen und sie hatte Sorge, dass sie ausrutschen könnte. Lese-Teddy
Ihr Chef, ein junger Anwalt, der sich erst in diesem Jahr selbstständig gemacht hatte, hatte noch lange gearbeitet und so war sie mit dem saubermachen nicht so rasch wie sonst voran gekommen. Aber sie hatte keine Eile, schließlich wartete nur eine leere Wohnung auf sie.
„Ach Karl“, seufzte Hilde. Sie vermisste ihren verstorbenen Mann. Und das obwohl das Leben mit ihm alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen war und er sie mit Schulden von denen sie nichts geahnt hatte, zurück gelassen hatte. Daher musste sie auch mit ihren 69 Jahren noch putzen gehen.
Mit langsamen Schritten ging sie die Menschenleere Straße hinunter. Die Geschäfte hatten bereits vor einer Stunde geschlossen, so dass der Alltagstrubel für diesen Tag bereits der Vergangenheit angehörte.
Hilde zog ihren selbst gestrickten Schal höher, damit die gleichmäßig fallenden Schneeflocken ihr nicht in den Nacken rieseln konnten.
„Es sieht ja schön aus“, murmelte sie vor sich hin, „wenn mir nur nicht so kalt wäre.“ Seit Karl völlig unerwartet an einem Herzinfarkt verstorben war, führte sie oft Selbstgespräche. Einen Freundeskreis hatten sie nie gehabt – Karl war ein überzeugter Einzelgänger gewesen – und ihr einziger Sohn war nur wenige Tage nach der Geburt verstorben. Und danach war sie zu ihrem großen Bedauern nie wieder schwanger geworden. Ihrem Mann hatte das nichts ausgemacht, er war stets zufrieden gewesen, wenn er nach der Arbeit in seinen Pantoffeln im Sessel gesessen und Ferngesehen hatte.

In Gedanken versunken bog Hilde um die nächste Ecke. Eine Windböe stürmte auf sie zu und versuchte sie zurück zu drängen. Diese Winterstürme setzten ihr zu, fraßen sich durch die wollene Kleidung direkt an ihre von Arthrose geplagten Knochen.
Wie verlockend bei einem solchen Wetter sogar eine leere Wohnung werden konnte. Hilde sehnte sich danach unter ihrer Decke auf dem Sofa zu liegen, eine Tasse Tee in den klammen Händen und die heiße Wärmflasche an den Füßen. Mit einem Mal fiel ihr ein, dass sie nun gar nichts mehr einkaufen konnte. Sie hatte fest damit gerechnet, es noch vor Ladenschluss in das Kaufhaus gegenüber ihrer Arbeitsstelle zu schaffen. Aber nun war sie nicht nur achtlos daran vorbei gegangen, sondern es war sowieso längst geschlossen.
Dabei hatte sie sich heute zur Feier des Tages ein schönes Nackenkotelett gönnen wollen. Sorgfältig paniert und in der Pfanne mit Zwiebeln und frischen Champignons gebraten. So wie früher. Stattdessen standen nun belegte Brote mit Salami und Käse auf dem weihnachtlichen Menüplan. Und wenn sie sich recht erinnerte, wartete im Küchenschrank noch ein Tütchen mit Marzipankartoffeln darauf verspeist zu werden. Immerhin.
Inzwischen konnte sie die Kirchturmspitze, deren Glockenschläge sie vorhin gezählt hatte, schon sehen. Wie in jedem Jahr war sie zur Weihnachtszeit hell angestrahlt, so dass es von weitem aussah, als ob die Spitze inmitten einer leuchtenden Kugel schwebte.
Hilde blieb einen Moment stehen und schaute auf das märchenhafte Bild, das sich ihr bot. Schneeflocken, die leichtfüßig durch den Lichtschein tanzten und dann nach und nach hinter den Dächern der Häuser verschwanden.
„Wie wunderschön“, wisperte sie.
Durch ihre Gedanken schwebte der Satz Du immer mit deinen kleinen Dingen des Lebens – so hatte sich Karl stets über sie lustig gemacht.
„Das hast du mir nicht abgewöhnt!“ Ihre Stimme klang trotzig.
Aber so vieles andere, fügte sie in Gedanken hinzu.
Eine weitere Windböe sauste ihr entgegen und sie ging, so schnell sie es sich auf dem schneebedeckten Gehsteig zutraute, weiter. Morgen würde es hier vermutlich wieder ganz anders aussehen. Die Stadt würde die Straßen und einen Teil der Gehsteige räumen lassen. Aber heute gehörte diese unversehrte Schneedecke nur ihr allein. Und trotz der Angst hinzufallen und hilflos liegenbleiben zu müssen, genoss sie es zu spüren, wie ihre Füße mit jedem Schritt in den Schnee einsanken und dann Spuren hinterließen.
An einer roten Fußgängerampel blieb sie stehen, obwohl weit und breit kein Auto in Sicht war.
Typisch Hilde, tauchte ein weiteres Mal Karls Stimme in ihren Erinnerungen auf. Sie zuckte jedoch nur mit den Schultern und wartete geduldig bis das grüne Ampelmännchen ihr die Erlaubnis gab, die Straße zu überqueren.

Nachdem sie kurz darauf in eine kleine Seitenstraße abgebogen war, atmete Hilde erleichtert auf. Hier konnte sie der eisige Wind weniger angreifen. Die Häuser rechts und links boten ihr Schutz und sie drückte sich an den Fassaden entlang. Nun war es nicht mehr allzu weit, bis sie endlich zuhause sein würde.
Ihre Finger in den dünnen Handschuhen waren mittlerweile eisig kalt geworden und auch der über die Jahre fadenscheinig gewordene Mantel hielt nur bedingt die Kälte ab. Vielleicht hätte sie doch das Angebot ihres Chefs, sie nach Hause zu fahren, annehmen sollen. Aber sie wollte Niemandem zur Last fallen und hatte geantwortet, dass ihr ein kleiner Spaziergang vor dem Abendessen gut tun würde.
Die Straße führte direkt auf das Seitenschiff der Kirche zu. Inzwischen war der Weihnachtsgottesdienst sicherlich in vollem Gange. Im vergangenen Jahr hatte sie sich durchgerungen und war hingegangen. Sie hatte sich in die hinterste Bank gesetzt und sich einsamer als zuhause gefühlt. Trotzdem hätte sie es auch in diesem Jahr wieder versucht. Aber nun war es bereits zu spät.
„Vielleicht ist es besser so“, murmelte sie.
Wer rennt denn schon an Weihnachten in die Kirche?
, drängten sich Karls alljährliche Spotttiraden über die Menschen, die das ganze Jahr über die Kirche mieden wie der Teufel das Weihwasser, um dann an Weihnachten den Ganzjahres-Kirchgängern die Plätze wegzunehmen. Wenn sie ehrlich war, war sie stets nur ihm zuliebe zu den Gottesdiensten gegangen. Beinahe jeden Sonntag, so lange sie verheiratet gewesen waren. Und das waren immerhin über vier Jahrzehnte gewesen.
„Du wolltest dich doch immer nur von deinen Sünden befreien lassen“, Hildes Stimme war bei diesen Erinnerungen unversehens lauter geworden, so dass ein einsamer Passant, der sie plötzlich überholte, neugierig unter seiner Kapuze hervor sah. „Aber kaum hattest du die Nase unter dem Kirchendach wieder hervor gestreckt“, schimpfte sie nun leiser weiter, „dann warst du wieder so grob wie eh und je.“ Hilde seufzte. „Naja, nun ist es auch egal.“

Inzwischen war sie auf dem kleinen Platz angelangt, der vor der Kirche lag. Mit müden Schritten ging sie den Weg entlang, der erst auf den Eingangsbereich zuführte und sich dann rechts und links um die Kirche herum gabelte…

Und hier findet Ihr den 2. Teil!

Wenn Zwei gemeinsam einen Krimi schreiben

In diesem Jahr war das Autoren-Duo La Piuma (Petra Fuhrmann und Nicole Vergin) einige Monate auf kriminalistischen Pfaden unterwegs.

Im Auftrag des Rotary Club Rehburg-Loccum am Kloster haben wir Burkhard Lohstedt in unserem Heimatort auf Tätersuche geschickt.

Der Erlös aus dem Verkauf des Krimis fließt in Kinder- und Jugendprojekte wie z. B. der Leseförderung.

Einen Pressebericht findet Ihr hier.

„Lohstedt und der romantische Tote“
Ein Krimi von Petra Fuhrmann und Nicole Vergin
Rotary Club Rehburg-Loccum am Kloster (Hrsg.)
Verlag Marcus Renè Duensing, Nienburg
ISBN 978-3-939667-34-6

Und hier kann der Krimi bestellt werden.

Schreib-Alltag: Weihnachtliche Überraschungs-Muse

Vor einigen Wochen fasste ich den Entschluss, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Spontan aus den vorweihnachtlichen Gefühlen heraus. Für Alle, die es noch nicht wissen: ich LIEBE Weihnachten und daher war dieser Entschluss auch nicht weiter verwunderlich. Und ganz selbstverständlich sollte es eine idyllische Wohlfühl-Weihnachtsgeschichte mit Schnee, Weihnachtsbäumen, Wichtel und dem Weihnachtsmann werden.

Und dann saß ich an meinem Schreibtisch und grübelte, als es plötzlich an der Tür klopfte. Ich öffnete und davor stand meine Muse. Herrje, war ich erleichtert! Zumindest bis zu dem Moment, als sie Jemanden mit über die Schwelle zog und mit den Worten „Das ist übrigens Hilde“ vorstellte.

Na, mein verdutztes Gesicht könnt Ihr Euch sicher vorstellen! Schlagartig war mir klar, dass meine diesjährige Weihnachtsgeschichte wohl eine ganz andere sein würde, als ich es mir vorgestellt hatte. Ganz nebenbei ist sie übrigens auch noch etwas länger geworden.

Im Klartext bedeutet das, dass meine Geschichten-Zeit in diesem Monat in eine Fortsetzungs-Geschichten-Zeit umgewandelt wird.

Am 18., 20. und 22. Dezember findet Ihr hier auf meinem Blog eine Geschichte, von Hilde, einer 69-jährigen Frau, und ihren Erlebnissen am Heiligen Abend.

Also – am Freitag geht es mit dem 1. Teil los! Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen!