Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 1

„… drei, vier, fünf“, leise zählte sie die Glockenschläge der nahe gelegenen Kirche mit.
Es war schon spät an diesem Heiligen Abend, als Hilde die Bürotür sorgfältig hinter sich abschloss und die drei Stufen auf den Gehsteig vorsichtig hinunter stieg. Schnee lag auf den Straßen und sie hatte Sorge, dass sie ausrutschen könnte. Lese-Teddy
Ihr Chef, ein junger Anwalt, der sich erst in diesem Jahr selbstständig gemacht hatte, hatte noch lange gearbeitet und so war sie mit dem saubermachen nicht so rasch wie sonst voran gekommen. Aber sie hatte keine Eile, schließlich wartete nur eine leere Wohnung auf sie.
„Ach Karl“, seufzte Hilde. Sie vermisste ihren verstorbenen Mann. Und das obwohl das Leben mit ihm alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen war und er sie mit Schulden von denen sie nichts geahnt hatte, zurück gelassen hatte. Daher musste sie auch mit ihren 69 Jahren noch putzen gehen.
Mit langsamen Schritten ging sie die Menschenleere Straße hinunter. Die Geschäfte hatten bereits vor einer Stunde geschlossen, so dass der Alltagstrubel für diesen Tag bereits der Vergangenheit angehörte.
Hilde zog ihren selbst gestrickten Schal höher, damit die gleichmäßig fallenden Schneeflocken ihr nicht in den Nacken rieseln konnten.
„Es sieht ja schön aus“, murmelte sie vor sich hin, „wenn mir nur nicht so kalt wäre.“ Seit Karl völlig unerwartet an einem Herzinfarkt verstorben war, führte sie oft Selbstgespräche. Einen Freundeskreis hatten sie nie gehabt – Karl war ein überzeugter Einzelgänger gewesen – und ihr einziger Sohn war nur wenige Tage nach der Geburt verstorben. Und danach war sie zu ihrem großen Bedauern nie wieder schwanger geworden. Ihrem Mann hatte das nichts ausgemacht, er war stets zufrieden gewesen, wenn er nach der Arbeit in seinen Pantoffeln im Sessel gesessen und Ferngesehen hatte.

In Gedanken versunken bog Hilde um die nächste Ecke. Eine Windböe stürmte auf sie zu und versuchte sie zurück zu drängen. Diese Winterstürme setzten ihr zu, fraßen sich durch die wollene Kleidung direkt an ihre von Arthrose geplagten Knochen.
Wie verlockend bei einem solchen Wetter sogar eine leere Wohnung werden konnte. Hilde sehnte sich danach unter ihrer Decke auf dem Sofa zu liegen, eine Tasse Tee in den klammen Händen und die heiße Wärmflasche an den Füßen. Mit einem Mal fiel ihr ein, dass sie nun gar nichts mehr einkaufen konnte. Sie hatte fest damit gerechnet, es noch vor Ladenschluss in das Kaufhaus gegenüber ihrer Arbeitsstelle zu schaffen. Aber nun war sie nicht nur achtlos daran vorbei gegangen, sondern es war sowieso längst geschlossen.
Dabei hatte sie sich heute zur Feier des Tages ein schönes Nackenkotelett gönnen wollen. Sorgfältig paniert und in der Pfanne mit Zwiebeln und frischen Champignons gebraten. So wie früher. Stattdessen standen nun belegte Brote mit Salami und Käse auf dem weihnachtlichen Menüplan. Und wenn sie sich recht erinnerte, wartete im Küchenschrank noch ein Tütchen mit Marzipankartoffeln darauf verspeist zu werden. Immerhin.
Inzwischen konnte sie die Kirchturmspitze, deren Glockenschläge sie vorhin gezählt hatte, schon sehen. Wie in jedem Jahr war sie zur Weihnachtszeit hell angestrahlt, so dass es von weitem aussah, als ob die Spitze inmitten einer leuchtenden Kugel schwebte.
Hilde blieb einen Moment stehen und schaute auf das märchenhafte Bild, das sich ihr bot. Schneeflocken, die leichtfüßig durch den Lichtschein tanzten und dann nach und nach hinter den Dächern der Häuser verschwanden.
„Wie wunderschön“, wisperte sie.
Durch ihre Gedanken schwebte der Satz Du immer mit deinen kleinen Dingen des Lebens – so hatte sich Karl stets über sie lustig gemacht.
„Das hast du mir nicht abgewöhnt!“ Ihre Stimme klang trotzig.
Aber so vieles andere, fügte sie in Gedanken hinzu.
Eine weitere Windböe sauste ihr entgegen und sie ging, so schnell sie es sich auf dem schneebedeckten Gehsteig zutraute, weiter. Morgen würde es hier vermutlich wieder ganz anders aussehen. Die Stadt würde die Straßen und einen Teil der Gehsteige räumen lassen. Aber heute gehörte diese unversehrte Schneedecke nur ihr allein. Und trotz der Angst hinzufallen und hilflos liegenbleiben zu müssen, genoss sie es zu spüren, wie ihre Füße mit jedem Schritt in den Schnee einsanken und dann Spuren hinterließen.
An einer roten Fußgängerampel blieb sie stehen, obwohl weit und breit kein Auto in Sicht war.
Typisch Hilde, tauchte ein weiteres Mal Karls Stimme in ihren Erinnerungen auf. Sie zuckte jedoch nur mit den Schultern und wartete geduldig bis das grüne Ampelmännchen ihr die Erlaubnis gab, die Straße zu überqueren.

Nachdem sie kurz darauf in eine kleine Seitenstraße abgebogen war, atmete Hilde erleichtert auf. Hier konnte sie der eisige Wind weniger angreifen. Die Häuser rechts und links boten ihr Schutz und sie drückte sich an den Fassaden entlang. Nun war es nicht mehr allzu weit, bis sie endlich zuhause sein würde.
Ihre Finger in den dünnen Handschuhen waren mittlerweile eisig kalt geworden und auch der über die Jahre fadenscheinig gewordene Mantel hielt nur bedingt die Kälte ab. Vielleicht hätte sie doch das Angebot ihres Chefs, sie nach Hause zu fahren, annehmen sollen. Aber sie wollte Niemandem zur Last fallen und hatte geantwortet, dass ihr ein kleiner Spaziergang vor dem Abendessen gut tun würde.
Die Straße führte direkt auf das Seitenschiff der Kirche zu. Inzwischen war der Weihnachtsgottesdienst sicherlich in vollem Gange. Im vergangenen Jahr hatte sie sich durchgerungen und war hingegangen. Sie hatte sich in die hinterste Bank gesetzt und sich einsamer als zuhause gefühlt. Trotzdem hätte sie es auch in diesem Jahr wieder versucht. Aber nun war es bereits zu spät.
„Vielleicht ist es besser so“, murmelte sie.
Wer rennt denn schon an Weihnachten in die Kirche?
, drängten sich Karls alljährliche Spotttiraden über die Menschen, die das ganze Jahr über die Kirche mieden wie der Teufel das Weihwasser, um dann an Weihnachten den Ganzjahres-Kirchgängern die Plätze wegzunehmen. Wenn sie ehrlich war, war sie stets nur ihm zuliebe zu den Gottesdiensten gegangen. Beinahe jeden Sonntag, so lange sie verheiratet gewesen waren. Und das waren immerhin über vier Jahrzehnte gewesen.
„Du wolltest dich doch immer nur von deinen Sünden befreien lassen“, Hildes Stimme war bei diesen Erinnerungen unversehens lauter geworden, so dass ein einsamer Passant, der sie plötzlich überholte, neugierig unter seiner Kapuze hervor sah. „Aber kaum hattest du die Nase unter dem Kirchendach wieder hervor gestreckt“, schimpfte sie nun leiser weiter, „dann warst du wieder so grob wie eh und je.“ Hilde seufzte. „Naja, nun ist es auch egal.“

Inzwischen war sie auf dem kleinen Platz angelangt, der vor der Kirche lag. Mit müden Schritten ging sie den Weg entlang, der erst auf den Eingangsbereich zuführte und sich dann rechts und links um die Kirche herum gabelte…

Und hier findet Ihr den 2. Teil!

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4 Gedanken zu „Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 1

  1. Pingback: Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 2 | Nicole Vergin - Autorin

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