Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 2

Wer Hilde noch nicht kennengelernt hat, findet hier Teil 1

Fortsetzung

Orgelmusik war durch die geschlossenen Türen zu hören. Aus etlichen Kehlen schallte „Stille Nacht, heilige Nacht“ an ihre frostkalten Ohren. Der Wind kam nun wieder direkt von vorn und trieb ihr dicke Schneeflocken ins Gesicht. Hilde senkte den Kopf, während sie an der großen Eingangstür der Kirche vorbei ging. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Gestalt dort sitzen. Neugierig hob sie den Kopf und sah einen Mann mit einer karierten Wolldecke um die Schultern auf einem Stück Pappe sitzen. Vor sich hatte er ein Einmachglas mit einer dicken roten Kerze aufgestellt, deren Flamme in dem Glas munter tanzte.
Lese-TeddyVermutlich ein Obdachloser, dachte sie. Und in diesem Moment hob auch der Mann seinen Kopf und es gab einen kleinen Augen-Blick zwischen ihnen. Hilde merkte, wie sie rot anlief. Rasch blickte sie zu Boden und ging ein paar Schritte weiter, bevor sie abrupt stehen blieb. Sollte sie ihn nicht wenigstens fragen, ob er Hilfe benötigte?
Jeder ist seines Glückes Schmied, tönte Karls Lieblingsspruch durch ihre Gedanken. Er war stets der Meinung gewesen, dass man sich selbst helfen müsste. Einmal hatte sie ihn gefragt, ob er sein Verhalten denn als christlich bezeichnen würde. Da hatte er nur mit den Schultern gezuckt.
Hilde atmete einmal tief durch und ging die paar Schritte zum Kircheneingang zurück.
„Entschuldigung?“ Obwohl sie nur zaghaft gesprochen hatte, sah der Mann sofort auf.
„Hallo.“ Ein offenes freundliches Lächeln zwischen einem dichten Bartbewuchs. Fragende braune Augen, die von Lachfältchen umzingelt waren.
„Also, Entschuldigung“, stotterte Hilde, „ich meine, ich wollte nur fragen, ob ich etwas für sie tun kann. Oder ob sie nicht vielleicht lieber in die Kirche hineingehen wollen. Oder… brauchen sie vielleicht Geld. Also viel könnte ich ihnen nicht geben. Aber…“ Ihr Mund klappte zu. Was redete sie hier bloß? War sie schon so weit von menschlichen Kontakten entfernt, dass sie nicht einmal mehr wusste, wie man mit anderen sprach?
Das konntest du doch sowieso noch nie, schob sich Karl spottend dazwischen.
Obwohl ihr Mann nun bereits über ein Jahr tot war, zuckte sie bei dieser Beleidigung zusammen.
„Ich brauche nichts“, schoben sich die Worte des Fremden in ihre trüben Gedanken. „Aber vielen Dank, dass sie gefragt haben. Und ich wünsche ihnen ein frohes Weihnachtsfest.“ Seine Stimme hatte einen warmen, freundlichen Klang.
Erstaunt sah Hilde ihn an. Wie schaffte dieser vermutlich obdachlose Mann es, in seiner Situation so gelassen und auch noch herzlich zu klingen. Unwillkürlich verglich sie Karls ewig nörgelnde und oftmals sarkastisch klingende Stimme damit.
„Das wünsche ich ihnen auch“, entgegnete sie und streckte dem Fremden impulsiv beide Hände entgegen, die dieser ohne zu zögern nahm und kurz drückte. Dann nickten sie sich zu und Hilde setzte ihren Heimweg fort.

Sie war erst wenige Meter vom Eingang der Kirche entfernt, als sie spürte wie ihr das Atmen schwerer fiel. Ein weiteres Mal bereute sie es, das Mitfahrangebot ihres Chefs abgelehnt zu haben. Der Tag war lang gewesen und sie war müde. Sie sah sich um, aber es war keine Bank in Sichtweite und so lehnte sie sich gegen die rote Backsteinmauer der Kirche. Durch ihren Mantel spürte sie den Kältehauch, der von den Steinen ausging.
Hilde schloss die Augen. Wie schön wäre es, wenn jetzt ein Wunder geschehen würde. Wenn plötzlich von irgendwoher ein Licht aufleuchten und sie wärmen würde. Und in der Wand an der sie lehnte, gäbe es eine Tür, die weit offen stehen würde. Jemand würde sie einladen, den dahinter liegenden Raum zu betreten.
Rasch öffnete sie die Augen wieder.
Du Närrin!, schalt sie sich selber.
Anstatt hier in der Eiseskälte zu stehen, sollte sie lieber machen, dass sie nach Hause käme. Wunder? Die gab es nur im Märchen!
„Und wenn nicht?“
Erstaunt horchte Hilde auf. Seit wann interessierte sich Karl für Wunder und Märchen? Doch dann begriff sie, dass es gar nicht die Stimme ihres Mannes war, die sie eben gehört hatte. Sie drehte sich um und sah den Mann vor sich, der eben noch im Eingangsbereich der Kirche gesessen hatte.
„Entschuldigung, was haben sie eben gesagt?“ Sie staunte selber, dass sie sich ohne Angst mit einem Fremden unterhielt.
„Ich meinte, was wäre wenn es besondere Momente nicht nur im Märchen sondern auch in der Wirklichkeit, jetzt und hier geben würde?“
Bevor Hilde darauf antworten konnte, merkte sie, wie es um sie herum still wurde. Der Wind heulte nicht mehr um die Kirche herum. Der Gesang und das Orgelspiel waren verstummt. Und die Mauer, an der sie eben noch gelehnt hatte, begann zu leuchten, als ob jeder einzelne Backstein glühen würde. Hilde wurde es warm. In ihre Fingerspitzen kehrte Gefühl zurück, die Wangen spannten nicht mehr vor Kälte und auch die Füße in den alten gefütterten Stiefeln fühlten sich wohlig warm an. Das Licht, das von der Mauer ausging wurde immer heller, bis sie schließlich geblendet die Augen schloss.
Als die gleißenden Strahlen, die auf ihre Lider fielen schwächer wurden, hörte sie Stimmengemurmel. Verlockende Düfte nach Gänsebraten und frischem Rotkohl mit Klößen drang in ihre Nase.
„Mach die Augen auf, Hilde“, hörte sie eine Stimme und dieses Mal wusste sie, dass sie nicht zu Karl sondern zu dem Fremden gehörte.
Zaghaft öffnete sie die Augen und sah sich voller Staunen um. Sie war in einem gemütlichen Zimmer, in dem mehrere Tischgruppen aufgebaut waren, an denen Menschen saßen, die ihr Weihnachtsmahl genossen und sich dabei angeregt unterhielten.
Eine große Blautanne, geschmückt mit rot-silbernen Kugeln, Lametta und kleinen hölzernen Tierfiguren stand in einer Ecke des Raumes. Die Fenster waren mit Dekoschnee kunstvoll besprüht, auf den Tischen lagen Tannenzweige und daneben die dicken roten Stumpenkerzen, die Hilde so liebte.
Eine Träne lief über ihr müdes, von Falten durchzogenes Gesicht. Was für eine wunderbare Weihnachtsfeier! Genau so hatte sie es sich immer gewünscht. Aber all die Jahrzehnte waren an ihr vorüber gezogen, ohne dass sie sich diesen winzig kleinen Traum erfüllt hatte. Stattdessen hatte sie an den Weihnachtstagen ihrem Ehemann meist schweigend gegenüber gesessen und davon geträumt Freunde einzuladen, die sie nicht hatten.
Ihr Blick wurde von der vergoldeten Engelsfigur auf der Weihnachtsbaumspitze angezogen. Er begann zu leuchten und das Leuchten wurde so hell, dass sie nach einer Weile die Augen erneut schließen musste.

Den 3. Teil findet Ihr hier

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2 Gedanken zu „Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 2

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