Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 3

Wer Hilde noch nicht kennengelernt hat, findet hier Teil 1 und hier Teil 2

Fortsetzung

Und dann war alles wieder da.
Der Wintersturm. Die Eiseskälte. Die Kirchenmauer, an der sie lehnte. Sogar die Stimmen und Töne aus der Kirche drangen wieder an ihr Ohr. Als sich Hilde umsah, bemerkte sie, dass sie allein war.
Ein Wunschtraum.
Lese-TeddyMühsam schluckte sie den Kloß in ihrem Hals herunter und wischte sich mit nun wieder frostkalten Fingern die feuchten Spuren von ihren Wangen. Nur ein Wunschtraum in einer kalten, einsamen Nacht. Wahrscheinlich konnte sie noch von Glück sagen, dass sie hier nicht eingeschlafen und erfroren war.
Nimm dich zusammen, Hilde!, schalt sie sich erneut selber.

Mühsam setzte sie sich wieder in Gang. Die kalten Füße taten ihr bei jedem Schritt weh, aber sie musste nach Hause, sonst würde sie wirklich noch über kurz oder lang erfrieren. Der Wind schien stärker zu werden, er heulte ihr entgegen und trieb ihr dicke Flocken ins Gesicht. Eine weitere Böe kam auf sie zu und Hilde sah, dass sie etwas Helles vor sich herjagte. Mit einem Klatschen landete ein DIN-A 4 großes Stück Papier vor ihrer Brust. Ihre Finger schafften es kaum, das Papier zu greifen und als sie es endlich von ihrem Mantel abgeklaubt hatte, fiel ihr Blick auf die in Großbuchstaben gedruckte Überschrift: HEILIGABEND ALLEIN? FEIERN SIE MIT UNS!
Darunter der Name einer Begegnungsstätte und eine Adresse.
Feiern sie mit uns. Das vermutlich von einem Kind gemalte Bild eines geschmückten Tannenbaums mit einem Berg Geschenke und einem dicken Weihnachtsmann davor lud dazu ein, sich auf die Weihnachtstage zu freuen.
Das verschwommene Bild eines wenige Tage alten Babys tauchte vor ihr auf.
„Wenn unser Kleiner damals nur nicht gestorben wäre…“ Hilde dachte an die kurze Zeit, in der sie ihr Baby hatte in den Armen halten dürfen. Wie viele Pläne und Träume, wie viel Hoffnung hatte sie damals für ihre kleine Familie gehabt. Letztendlich war es eine von vielen Seifenblasen in ihrem Leben gewesen, die zerplatzt waren.
Es sollte eben nicht sein, waren Karls Worte gewesen. Damals auf der Beisetzung des Kleinen. Als sie sich vor dem offenen Grab auf den Boden gekniet hatte mit der Hoffnung durch ein gnädiges Schicksal ebenfalls zu sterben. Seine kalten Worte hatten sie zu diesem Zeitpunkt nicht erreicht. Damals, als in ihr alles leer und hohl gewesen war. Erst viel später war ihr bewusst geworden, dass der Mann den sie liebte, ein Eisklotz war.

Hilde knüllte den Zettel zusammen und sah sich vergeblich nach einem Abfallkorb um. Seufzend steckte sie das Papierknäuel in ihre Manteltasche. Sie würde es zuhause wegschmeißen. Noch einmal sah sie die kindliche Zeichnung vor ihrem inneren Auge. Es wäre schon schön, nicht allein zu sein. Aber mit fremden Leuten Weihnachten feiern? Einfach dorthin gehen und um Einlass bitten? Nein, sie würde wie geplant nach Hause gehen, sich eine Kleinigkeit zu essen machen und dann früh schlafen gehen.
Zuhause ist es doch am schönsten, gab auch Karl seinen Senf dazu.
„Aber nicht, wenn man immer allein ist“, rief Hilde in die kalte Nacht hinaus. Manchmal hatte sie das Gefühl, als würde ihr Mann immer noch ihr Leben diktieren.
„Ich muss ihn loslassen“, murmelte sie vor sich hin, während ihre Hand wie von selbst in die Manteltasche wanderte und die Finger nach dem Papierball griffen und es herauszogen.
Die Straße, in der die Begegnungsstätte lag, war ihr gut bekannt. Dort betrieb eine Schneiderin ein kleines Geschäft. Hilde hatte ihr hin und wieder Kleidung zum Ausbessern gebracht, um einen Neukauf noch ein Stück weiter hinaus zu zögern. Ein kurzer Weg von zwei, drei Minuten und es lag sogar auf ihrem Heimweg. Sie würde es sich also immer noch anders überlegen können, ohne einen Umweg zu machen.
„Und du sei jetzt einfach mal still!“, rief sie beim Weitergehen und erstaunlicherweise hielt Karl sich sogar daran.
Hilde hatte das Gefühl, als wären ihre Schritte nun wieder leichter als zuvor. Auch die Atemnot war zurückgegangen. Vielleicht lag es auch nur an dem Wind, der anscheinend gerade eine Pause einlegte, so dass sie nicht mehr dagegen ankämpfen musste. Oder es lag tatsächlich etwas Magisches an diesem Heiligen Abend in der Luft. Bei diesem Gedanken lächelte sie.

Als sie kurz darauf vor dem Eingang der Begegnungsstätte stand und von außen die hell erleuchteten Fenster im ersten Stock sah, bekam sie doch ein mulmiges Gefühl. Sollte sie wirklich hineingehen und sich unter fremde Menschen mischen? Die Feier hatte längst begonnen. Auf dem Zettel hatte etwas von 17.00 Uhr gestanden und zu diesem Zeitpunkt hatte sie gerade einmal die Bürotür hinter sich abgeschlossen.
„Wollen sie auch zu der Weihnachtsfeier?“
Hilde schrak zusammen, als neben ihr eine Stimme ertönte. Sie sah die Frau mit der Wollmütze auf den grauen Haaren mit großen Augen an. Bevor sie etwas erwidern konnte, wurde sie untergehakt.
„Das ist ein Wetter heute, was?“ Fröhlich plaudernd nahm die Fremde sie ins Schlepptau und drückte die nur angelehnte Tür auf. „Also ich war schon öfter hier, aber sie habe ich noch nie gesehen. Es wird ihnen gefallen.“
Gehst du etwa mit Fremden…
„Sei still!“
Die Frau, die jetzt vor ihr die Treppe hinaufstieg, drehte sich um. „Was haben sie gesagt?“
„Oh, ich meine, also ich bin ein wenig aufgeregt.“
„Das gibt sich. Ich bin übrigens Frauke“, setzte die schlanke, grauhaarige Frau hinzu, „geben sie mir doch ihren Mantel. Dann hänge ich ihn gleich mit auf.“ Bei diesen Worten zog sie ihre eigene Jacke aus und hängte beide Kleidungsstücke an die Haken neben der Tür der Begegnungsstätte.
Hilde überlegte kurz, ob sie doch noch die Flucht ergreifen könnte, aber in diesem Moment wurde bereits die Tür von innen geöffnet.
„Hallo Frauke, schön, dass du hier bist. Oh“, der vollbärtige Mann, der seinen Kopf herausstreckte, sah Hilde freundlich lächelnd an, „du hast noch Jemanden mitgebracht. Ich bin Manfred.“
„Hilde“, entgegnete sie, während Manfred ihr galant die Tür aufhielt. Immer noch zögerlich trat sie über die Schwelle und spähte vorsichtig in den Raum hinein. Eine vergoldete Engelsfigur, auf der Spitze einer Blautanne balancierend, zog ihren Blick an. Der Baum war über und über mit rot-silbernen Kugeln und Lametta geschmückt.
„Hübsch nicht wahr?“ Frauke hakte sich fröhlich lachend bei ihr ein und zog sie weiter in den Raum.
Im Vorbeigehen sah Hilde wie kleine hölzerne Tierfiguren von den grünen Zweigen herabhingen. Die Tische im Raum waren zu Gruppen zusammengestellt, an denen andere Gäste saßen und aßen. Einige sahen auf, winkten und riefen „Frohe Weihnachten“.
Es roch nach Rotkohl, Gans und Klößen. Wie in Trance folgte sie Frauke und Manfred und ließ sich an einem der Tische zwischen ihnen auf einem Stuhl nieder.
Manfred nickte ihr freundlich zu und schob ihr gleich darauf die Schüssel mit dem Rotkohl näher. „Nehmen sie sich, es ist alles noch warm.“
„Dankeschön“, Hilde lächelte ihn, leicht verwirrt, an. All das sah aus, wie die Vision, die ihr der Fremde an der Kirche gezeigt hatte. Oder spielte ihr Gedächtnis ihr einen Streich? Sie ließ ihre Blicke weiter durch den Raum schweifen, vorbei an den mit Deko-Schnee besprühten Fenstern bis ihre Augen an einem Bild hängen blieben. Ein freundliches Lächeln mit Augen die von Lachfältchen umzingelt waren, sah ihr entgegen.
Hildes Herz schlug aufgeregt, sie wies mit dem Zeigefinger auf das Foto. „Da… das kann doch nicht sein!“
Manfred sah kurz auf das Foto. „Doch das kann es“, und mit einem Lächeln auf seinem Gesicht fügte er hinzu: „Frohe Weihnachten!“

Advertisements

3 Gedanken zu „Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 3

  1. Pingback: Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 2 | Nicole Vergin - Autorin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s