Schreibkick: Familienglück an Weihnachten

Wer noch nicht weiß, was sich hinter den Schreibkicks verbirgt bzw. wieso und warum ich daran teilnehme, der möge sich doch gerne mal hier schlau lesen. Ansonsten – viel Spaß beim Lesen der folgenden Geschichte:

Familienglück an Weihnachten
von Nicole Vergin

„Eigentlich ist deine Familie doch ganz nett…“
Mein Mann schwieg. Und das seit wir zuhause losgefahren waren, was immerhin zwei Stunden her war.
Warum versuchte ich eigentlich immer die Stimmung aus der Frostzone zu holen? Und das, obwohl seine bucklige Verwandtschaft in Wirklichkeit alles andere als nett zu mir war.
„Nun krieg dich doch mal wieder ein!“ So langsam nervte er mich. Wer traute sich denn nicht, seiner Familie einen Weihnachts-Korb zu geben. Jedes Jahr das gleiche Theater. Sobald seine Mutter anrief, ließ Sohni sich brav zum Heiligabend nach Hause beordern. Und wer durfte an seiner grummeligen Seite sein? Ich!
Aber nun half es alles nichts. Ich wollte gute Miene zum bösen Spiel machen, schließlich liebte ich das Weihnachtsfest. Ich schaute aus dem Beifahrerfenster und sah dicke Schneeflocken zur Erde fallen und die Straßen durch die wir fuhren waren durch zahlreiche Weihnachtsdekorationen hell erleuchtet.
Warum klappte es eigentlich nicht, dass man an Weihnachten mit der Familie zusammenkam und sich einfach ein paar schöne Stunden machte?
„Dieses Jahr wird es anders werden!“
Bei dieser Ankündigung schaute mich Bernd aufgeschreckt an. „Was hast du vor?“
„Oh“, tat ich erstaunt, „du kannst sprechen! Ich weiß nicht, wie du das siehst“, fügte ich hinzu, „aber ich will dieses Jahr einen schönen Heiligen Abend verbringen!“
Ohne ein weiteres Wort schüttelte mein Mann den Kopf.
Aber ich war wild entschlossen und als wir wenige Minuten später vor dem Haus seiner Eltern hielten, setzte ich mein schönstes Lächeln auf, stieg aus und stapfte mit großen Schritten durch den Schnee auf die Eingangstür zu.
„Hey“, erklang es hinter mir, „kannst du mir vielleicht mal tragen helfen?“
Diesmal war ich es, die sich in Schweigen hüllte. Stattdessen drückte ich energisch auf den Klingelknopf und läutete Sturm.
„JA“, hörte ich von drinnen die tiefe Stimme meines Schwiegervaters, „Herrgott noch eins, wer steht denn da auf der Klingel?“
Als er mit erbostem Gesicht die Haustür aufriss, zog ich meine Mundwinkel noch ein Stückchen höher.
„Schwiegerpapa“, zirpte ich in den höchsten Tönen, während ich ihn fest in beide Arme schloss und an mein Weihnachtsherz drückte.
„Sarah“, quetschte er mühsam hervor, „i all in Ordg m dr?“
„Aber ja“, zwitscherte ich glockenhell, „Frohe Weihnachten! Wie schön, dass wir heute endlich mal wieder alle zusammen kommen.“
Mit diesen Worten drängte ich ihn zur Seite, eilte mit großen Schritten durch den Flur und schob gleich darauf die Wohnzimmertür mit Schwung auf.
„Aua!“, vernahm ich die Stimme meiner Schwiegermutter hinter der Tür. Offensichtlich hatte mein Schwung sie umgerissen. Mit leicht verängstigtem Gesichtsausdruck lugte sie im nächsten Moment durch den Türspalt.
„Entschuldige Schwiegermama“, riss ich auch sie gleich voller Begeisterung in meine Arme, „Frohe Weihnachten! Herrje, hab ich einen Hunger. Ist denn das Essen schon fertig?“
Die leisen an Bernd gerichteten Worte meines Schwiegervaters „Ist alles in Ordnung mit ihr?“ überhörte ich geflissentlich. Ich wollte Weihnachtsspaß. Und zwar jetzt und hier und heute.

Als ich es endlich geschafft hatte mich an meiner korpulenten Schwiegermutter vorbei zu drängeln, sah ich sie alle vor mir sitzen. Bernds Schwester Margot, deren aufgetürmte Frisur wie immer an einen altmodischen Kaffeewärmer erinnerte, seine Großmutter, die mit ihren gelblichen Fingern im Ohr rumpuhlte, als würde das irgendetwas an ihrer Schwerhörigkeit ändern, und dann natürlich noch Tante Elvira bei der bis heute nicht sichergestellt war, ob sie wirklich zur Familie gehörte oder sich bei einem der zahlreichen Dorffeste einfach mal mit eingeklinkt hatte.
Zwitschernd und flötend verteilte ich Weihnachtswünsche und Weihnachtsbussis, während Bernd laut jammernd unsere Mitbringsel hereinschleppte.
Das an mich gezischte „Nun hilf doch dem armen Jungen mal“ meiner Schwiegermutter ließ ich ungehört durch meine Gehörgänge sausen und ließ mich stattdessen zufrieden auf den Stuhl mit den gepolsterten Armlehnen plumpsen, der sonst immer meinem Schwiegervater das Sitzen angenehm gestaltete.
Seine hochgezogenen Augenbrauen quittierte ich mit einem fröhlichen „Passt, wackelt und hat Luft“, woraufhin er selbige durch die dritten Zähne einzog und sich sichtlich widerwillig auf dem für mich gedachten Klappstuhl niederließ.
Begeistert strahlte ich in die ungewohnt schweigsame Runde und schmetterte ein aus tiefstem Magen kommendes „Guten Appetit!“, während ich mir locker mit bloßen Fingern eine saftige Keule von der Gans abriss und gleich darauf einen Berg Rotkohl daneben aufschüttete.
„Sie… sie… Keule… ich…“
„Lecker“ unterbrach ich Tante Elviras Gestammel, biss hungrig in das saftige Fleisch und grinste sie dann Bratensaft verschmiert an. Seit besagtem Dorffest hatte sie sich immer die Keulen geschnappt mit den Worten „Das beste am Flattermann“ und ich muss sagen, sie hatte wirklich Recht!
„Schatz?“, sichtlich beunruhigt versuchte nun mein Mann in das Weihnachtsgeschehen einzugreifen.
„Nein“, entgegnete ich ohne meinen Blick auch nur für den Bruchteil einer Sekunde von meinem Teller zu erheben.
„Sarah“, schaltete sich nun meine Schwiegermutter ein, „ich bin ja einiges von dir gewohnt…“
Abrupt hörte ich auf zu kauen, hob in Zeitlupe den Kopf und sah ihr direkt in die wässrig blauen Augen. Ich hielt ihren Blick so lange fest, bis ich in aller Ruhe aufgekaut und den im Mund befindlichen Bissen herunter geschluckt hatte.
„Stimmt“, begann ich und sah mit Befriedigung wie ein triumphierendes Lächeln auf ihrem verkniffenen Gesicht erschien. „Du bist einiges von mir gewohnt. Lass mich überlegen. Du bist gewohnt, dass ich gemeinsam mit Bernd nach deiner Pfeife tanze. Du bist gewohnt, dass ich zu allen Einladungen selbst gebackenen Kuchen mitbringe, der aber auch – ganz selbstverständlich – liebevoll verziert sein muss. Und du bist es gewohnt, dass ich den Mund halte, egal wie abschätzig du über mich oder das was mich interessiert, sprichst.“

Der Druck, den ich jahrelang in meinem Nacken verspürt hatte, sobald wir auch nur in die Nähe von Bernds Eltern kamen, hatte sich mit jedem Wort mehr gelöst. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus und fühlte eine Leichtigkeit, die vermutlich nur mit dem Genuss von Alkohol – viel Alkohol – zu erreichen gewesen wäre.
Während mich alle Anwesenden mit offenen Mündern angafften, streckte ich ein weiteres Mal die Hand nach der Gans aus und befreite sie auch von ihrem zweiten Schenkel.
„Esst doch, es wird doch kalt.“ Die Stimme meiner Schwiegermutter knarrte wie ein rostiges Türscharnier. Mit sichtlicher Verzweiflung räusperte sie sich etliche Male, während sie in Gedanken vermutlich den hässlichen grün-beigen Wohnzimmer Teppich anhob, um den Vorfall zu all dem anderen ungeklärten zu kehren. Ihre Blicke wanderten wiederholt zu Sohni Bernd mit der sichtlichen Aufforderung seine Frau in die Schranken zu weisen.
„Mahlzeit“, murmelte dieser jedoch nur und schaufelte sich dann ebenfalls Rotkohl und Klöße auf seinen Teller. Als er den Kopf neigte, um sich den ersten Bissen in den Mund zu schieben, sah ich ein Grinsen auf seinem Gesicht aufblitzen. Nur für einen Moment, so dass ich schon dachte, ich hätte es mir eingebildet.
„Was gibt es denn da zu lachen?“
Oha, seine Schwester Margot hatte es also auch bemerkt. Sie schüttelte sichtlich angewidert den Kopf, während sie mir giftige Blicke zuwarf. Interessiert beobachtete ich, wie ihr Kopf-Kaffeewärmer Schräglage einnahm. Eine haarige Version des schiefen Turms von Pisa sozusagen.
Bernd kaute derweil auf einem Stück Gans herum und sein nach innen gerichteter Blick besagte, dass seine Gehirnzellen auf Hochtouren arbeiteten.
„Schmeckt es euch denn?“, meldete sich Schwiegervater von seinem Klappstuhl aus.
„In so netter Gesellschaft doch immer“, flötete ich fröhlich kauend. Und eins musste man meiner Schwiegermutter lassen – kochen konnte sie wirklich hervorragend. Da war es beinahe schon schade, dass es den anderen offensichtlich den Appetit verschlagen hatte.
„Du hast Recht!“
Ich schreckte zusammen und stieß prompt mein Glas mit dem herrlich süffigen Rotwein um. Die tiefrote Flüssigkeit bahnte sich flink ihren Weg über die weiße mit Goldornamenten bestickte Tischdecke. Ich vermutete, dass dies ihr letztes Weihnachtsfest sein würde.
Schwiegermutter nickte währenddessen heftig mit dem Kopf. „Ich wusste es Sohni…“, begann sie und mit den Worten sprühten feine Spucketropfen durch ihr gelbliches Gebiss über die Tischdecke. Vorsorglich schob ich meinen Teller ein Stück zur Seite, um das gute Essen in Sicherheit zu bringen.
„Es tut mir leid, Sarah.“ Ohne seine Lama spielende Mutter weiter zu beachten, wandte sich Bernd an mich. Und dieser liebevolle Blick aus seinen grünen Augen, sorgte dafür, dass auch das letzte Bisschen Nackenschwere verschwand.
„Wieso tut SIE dir leid?“, fauchte seine Mutter dazwischen.
Ein kurzes „Sei still“, wies sie jedoch in ihre Schranken. Schmollend schob sie wie ein kleines Mädchen die Unterlippe vor.
„So kannst du nicht mit deiner Mutter reden!“, sprang Schwiegervater seiner Frau bei. Leider ergab sich durch seine veränderte Körperhaltung ein Ungleichgewicht auf der Plastiksitzfläche und es geschah dass was ich in den letzten fünf Jahren nur durch einen guten Gleichgewichtssinn hatte verhindern können – der Stuhl machte seinem Namen alle Ehre und klappte zusammen oder vielmehr auseinander.
„Vati“, „Pöppelchen“ und „Manfred“ riefen Margot, Schwiegermutter und Elvira aufgeregt durcheinander. Großmutter hatte von der Aufregung nichts mitbekommen, sie bohrte nach wie vor mit einem beseligten Lächeln in ihrem Ohr herum. Bernd hingegen vergewisserte sich mit einem Blick, dass sein Vater genügend helfende Hände um sich hatte und diesen Sturz wohl ohne größere Blessuren überstehen würde. Dann schob er selber seinen Stuhl zurück und kam um den Tisch herum auf mich zu.
Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Filmszene, in der der Held Bernd in seiner schneidigen Uniform mit großen Schritten über das weihnachtliche Schlachtfeld hinweg stieg und auf die Dame seines Herzens, also mich, zuging. Mein Herz klopfte so wild wie zu unseren Kennenlernzeiten.

„Verzeih mir Liebste. Wie konnte ich dir dies“, eine ausgreifende Armbewegung schloss das Haus mit allen Anwesenden ein, „nur all die Jahre zumuten. Wie konnte ich die Sonne meines Herzens mit diesen Schatten verdunkeln? Wie konnte ich…“

„Komm wir gehen“, riss mich mein Mann mit schlichten Worten aus meiner Filmszene.
Ich seufzte zufrieden. Ja, das war der Bernd, den ich geheiratet hatte. Zupackend – vielleicht ein bisschen zu sehr wie der Schmerz in meiner rechten Hand mir gerade meldete – und zielstrebig.
Rasch und ohne uns noch einmal umzudrehen, ließen wir das verwandtschaftliche Gezeter hinter uns, marschierten strammen Schrittes durch den Flur, knallten dann die Haustür mit Schwung zu und rannten wie zwei verliebte Teenager Hand in Hand zum Auto.
„Wo fahren wir hin?“, fragte ich atemlos, als ich auf den Beifahrersitz plumpste.
„In ein Hotel, eine Pension… egal, Hauptsache nur wir Zwei!“ Mein Mann zwinkerte mir verschwörerisch zu, während sich die Reifen bereits durch den Schnee am Straßenrand fraßen.
Glücklich lehnte ich mich in meinem Sitz zurück. Da sollte doch nochmal einer sagen, es gäbe keine Weihnachtswunder!

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4 Gedanken zu „Schreibkick: Familienglück an Weihnachten

  1. Hallo Nicole,

    haha, sehr, sehr schöne Geschichte 🙂 So einen „Befreiungsschlag“ würden sich vermutlich viele wünschen, nur die wenigsten trauen sich *g*

    Liebe Grüße,
    Sabi

    Gefällt 1 Person

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