Schreibkick: Sternenklare Nacht

Wer noch nicht weiß, was sich hinter den Schreibkicks verbirgt bzw. wieso und warum ich daran teilnehme, der möge sich doch gerne mal hier schlau lesen. Ansonsten – viel Spaß beim Lesen der folgenden Geschichte:

Sternenklare Nacht
von Nicole Vergin

„Warum soll man nur im Sommer im Garten liegen können?“
Mit diesen Worten hatte sie mir meinen Skianzug in die Arme gedrückt und dann ihren eigenen angezogen. Wie zwei Michelin Männchen hatten wir ausgesehen. Lachend, meine Hand fest mit ihrer umschlossen, hatte sie mich ins Schlepptau genommen.
Und nun lagen wir hier im Schnee. Unsere Körper hatten sich durch die Zentimetertiefe weiße Masse gedrückt, die den ganzen Tag in dicken Flocken vom Himmel gefallen war.
Wir hielten uns an den in dicken Fäustlingen verpackten Händen fest. Ich schielte zur Seite und sah wie ihr Gesicht im Schein des Vollmondes leuchtete. Ihre Augen blitzten beinahe so hell wie die Sterne über uns am Nachthimmel.

„Komm“, flüsterte sie, „wir denken uns Geschichten zu den Sternen aus.“
„Geschichten? Was für Geschichten?“
Sie drehte den Kopf zu mir und lachte. „Du hast doch Fantasie, oder?“ Dann wies sie mit dem ausgestreckten Arm nach oben. „Schau da, siehst Du diesen Stern, der nur ganz matt leuchtet und neben den vielen anderen strahlenden beinahe unscheinbar wirkt?“
Meine Augen folgten ihrem ausgestreckten Zeigefinger. „Sieht aus, wie ein Stern zweiter Klasse.“
Selbst durch die wattierte Jacke spürte ich, wie sie mich an den Arm boxte.
„Quatsch! Ich denke, dass dieser Stern lange Zeit versucht hat, so hell wie möglich zu leuchten. Er musste sich neben dem strahlenden Licht des Mondes, behaupten.“
„Es ging also um eine Art Wettstreit?“
Diesmal trat sie doch tatsächlich nach mir.
„Das ist doch typisch, dass Du so denkst. Natürlich war das kein Wettstreit, sondern der Stern hatte sich verliebt.“
„Verliebt? In wen sollte sich denn ein Stern verlieben?“
Für einen Moment schwieg sie. „In einen Menschen“, war dann die rätselhafte Antwort.
„Was ist das denn für eine Geschichte? Wie soll sich denn ein Stern in einen Menschen verlieben? Und was hat das damit zu tun, dass dieser Stern aussieht, als ob bei ihm gleich das Licht ausgeht?“
Nun rutschte sie näher an mich heran, hob kurz meinen Arm und kuschelte sich dann mit ihrem Kopf unter meiner Schulter an.
„Lass mich ein wenig überlegen.“

Behutsam legte ich meine Hand auf ihren mit einer Pudelmütze bedeckten Kopf. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, wusste ich nur allzu genau wie sie in diesem Moment ihre Stupsnase kraus zog und nachdenklich die Stirn runzelte. Um uns herum, knackten die Zweige der Fichten, die unser Grundstück einrahmten, unter der Last des Schnees. Obwohl es beinahe Mitternacht war, leuchtete alles in einem sanften Licht.

„Ich glaube“, wisperte sie plötzlich, „ich glaube, ein Astronaut ist eines Tages an diesem Stern vorüber geflogen, weil er auf dem Weg zum Mond war…“
„Aber auf dem Weg von der Erde zum Mond gibt es gar keinen Stern!“
Ein fester Knuff in die Seite folgte auf meinen Einwand.
„Fantasie heißt das Zauberwort! Also, der Astronaut war auf dem Weg zum Mond.“
Ihre Stimme klang liebevoll, so als würde sie eine Geschichte erzählen, die tatsächlich stattgefunden hatte.
„Und wie er da so in seiner Raumkapsel hockte und aus einem der kleinen runden Fenster sah“, ich merkte wie sie mir kurz den Kopf zuwandte, „es sind doch runde Fenster, oder?“
Ich nickte, obwohl ich mir gar nicht sicher war.
Zufrieden fuhr sie fort. „Und als er da hinaus ins Weltall sah, da sauste er direkt an diesem Stern vorbei. Und plötzlich waren da überall Funken. Und sie glitzerten und es sah wunderschön aus.“
Sie schluckte ein paar Mal, als hätte sie einen Kloß im Hals. Ich legte den Arm ein wenig fester um sie und zog sie noch näher an mich heran.
„Das Herz des Astronauten klopfte auf einmal wie wild und er wusste überhaupt nicht wie im geschah. So verrückt, wie es ihm auch vorkam, aber er hatte sich verliebt. In einen Stern.“
„Und?“, ich sprach nun ebenfalls ganz leise, „erwiderte der Stern seine Liebe?“
„Oh ja! Aber bevor einer von ihnen irgendetwas tun konnte, war die Raumkapsel längst an dem Stern vorüber gesaust und nahm weiter Kurs auf den Mond.“

Eine Weile lagen wir einfach nur da und schauten in den Himmel zu diesem einen Stern, der nun eine eigene Geschichte bekommen hatte. Ich spürte, wie die Kälte sich langsam durch meinen Skianzug fraß, aber ich mochte mich noch nicht von diesem besonderen Moment trennen. Außerdem fehlte mir noch das Ende der Geschichte.
„Und wie ging es dann weiter?“
„Von dieser Zeit an, versuchte der Stern stets heller zu leuchten, als der Mond. Damit der Astronaut ihn auch sehen würde, wenn er zurückkäme. Aber das war natürlich schwierig, besonders in Vollmondnächten. Aber der Stern opferte all seine Kraft und auch die Macht der Liebe half ihm. Doch eines Tages merkte er, wie seine Kräfte nachließen und sein Licht schwächer wurde.“
„Ist denn der Astronaut auf seinem Rückweg noch einmal vorbei gekommen?“
„Mmh“, sie schien einen Moment zu überlegen, „was meinst Du denn?“
„Ich glaube, dass er auf dem Mond geblieben ist und von dort versucht, seinen Stern auf sich aufmerksam zu machen. Und wer weiß“, sanft drückte ich ihr einen Kuss auf die kalte Stirn, „vielleicht haben sie sich dort oben doch gefunden und die gute Nachricht ist nur nicht bis zu uns Menschen durchgedrungen.“
„Du hast ja doch Fantasie!“
Meine Augen wanderten hoch zum Himmel und blieben an dem Stern hängen. Irrte ich mich oder funkelte er für einen Moment heller als zuvor?
„Tja“, flüsterte ich ihr glücklich ins Ohr, „da hat mir wohl auch die Macht der Liebe geholfen!“

Das Thema für den 01.03.2016 lautet: Asche

Dieses Mal waren dabei:
Sabrina Fessler

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2 Gedanken zu „Schreibkick: Sternenklare Nacht

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