Schreibkick: Asche zu Asche

Wer noch nicht weiß, was sich hinter den Schreibkicks verbirgt bzw. wieso und warum ich daran teilnehme, der möge sich doch gerne mal hier schlau lesen. Ansonsten – viel Spaß beim Lesen der folgenden Geschichte!

In diesem Monat hatte ich zu dem Thema „Asche“ gleich zu Beginn eine Idee. Ich konnte die Geschichte fühlen, sie war zum Greifen nah. Etliche Anfänge, Versuche… später, stelle ich fest, dass sie anscheinend noch nicht reif zum aufschreiben war bzw. in keinster Weise das geworden ist, was ich gefühlt hatte. Aber genau dafür ist für mich der Schreibkick da – zum ausprobieren, drauflos schreiben… und dann den daraus entstandenen Text einfach loslassen!

Asche zu Asche
von Nicole Vergin

Asche zu Asche.

Das Papier der Zigarette kräuselte sich und zog sich nach und nach von der brennenden Spitze zurück. Wie lange es wohl dauerte, bis eine Kippe abgebrannt war, wenn man nicht daran zog?
Noras Augen folgten der fallenden Asche, als sie den Weg in den Aschenbecher antrat.
Mit einer entschlossenen Bewegung führte sie die Zigarette vor ihr Gesicht, nahm den Filter zwischen ihre Lippen und zog. Rauch füllte ihren Mund, sie hustete.
Was fanden Raucher bloß an diesen Glimmstängeln?

Rauchen gefährdet ihre Gesundheit.
Solche und ähnliche Weisheiten musste die Tabakindustrie seit einigen Jahren auf die Zigarettenpackungen drucken. Was gut war für all die, denen die gesundheitlichen Risiken bisher unbekannt waren.
Nora rümpfte die Nase. Und dieser Gestank. Überall blieb er hängen. In der Kleidung, den Gardinen, selbst die Sofapolster erzählten Geruchsgeschichten, wenn sich ein Raucher in der Wohnung befand.
Ihre gesamte Kindheit war geprägt gewesen von den wolkenähnlichen Schwaden, die durch das Wohnzimmer geschwebt waren. Dies und der dauernde bellende Husten ihres Vaters waren ihr in Erinnerung geblieben.

Mit einer vor Ekel verzogenen Miene zog sie ein weiteres Mal an der Zigarette. Diesmal gelang es ihr, eine Weile den Rauch im Mund zu behalten. Um sich abzulenken, schaute sie auf das Foto, das sie am Vortag in einen schwarzen Rahmen gesperrt und in ihre Handtasche gesteckt hatte.
Darauf war sie selbst zu sehen mit ihrem Vater an der Seite. Ein besonderer Tag, damals vor zehn Jahren, als sie den langen Weg durch die Kirche auf ihren zukünftigen Mann zugegangen war. Gemeinsam hatten sie um die Wette gestrahlt.
Und nun, nur vier Jahre später, war er tot. Kehlkopfkrebs.

„Papa, rauchen macht Dich krank.“ Ihre eigene Kinderstimme schwirrte durch ihre Gedanken. Immer wieder hatte er versprochen, aufzuhören und sie selbst vor dem Beginn dieses Lasters nachdrücklich gewarnt.

Heute wollte sie nur einmal wissen, wie es war zu rauchen. Was es so unwiderstehlich für ihn gemacht hatte. Vielleicht wollte sie ihm auch nah sein. Vielleicht.

Nora drückte die angerauchte Zigarette im Aschenbecher aus, straffte die Schultern und betrat gleich darauf das schlichte Gebäude.
„Sind Sie soweit?“
Sie nickte. Flügeltüren wurden vor ihr geöffnet. Ihr Herz raste. Mit weichen Knien ging sie den Gang zwischen den Stuhlreihen entlang und blieb neben dem Sarg in dem ihr Vater lag, stehen.

Asche zu Asche.

Diesen Monat waren dabei: 

Sabrina Fessler

Evas Geschichten

Surf your inspiration

Veronika Weinberger

Das Thema für den 01.04.16 lautet: Geborgenheit

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6 Gedanken zu „Schreibkick: Asche zu Asche

  1. Pingback: Schreibkick: Asche | Evas Geschichten

  2. Danke für Deine berührende Geschichte. Ich stand starr neben Dir und gedachte meines Vaters.

    Da ist viel drin, was auch mich betrifft. Damals gehörte es dazu, zu rauchen, scheinbar …

    Freue mich auf Deine nächsten Texte!

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo liebe Nicole,

    eine wirklich berührende Geschichte, sehr traurig. Aber wunderschön erzählt, ich war sofort mittendrin. Und ich musste an mich als Kind denken. Ich habe Raucher immer böse angeschaut, in der Hoffnung, sie würden merken, dass Rauchen doof ist und aufhören 🙂

    Liebe Grüße,
    Sabi

    P.S.: Ich finde, deine Geschichte hat es ganz gut aus dem Ei geschafft 😀

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Sabi,

      auch an Dich: Danke! Es ist für mich ganz merkwürdig, dass es für Euch anscheinend eine Geschichte ist und für mich gefühlt sowas wie ein Sammelsurium. Aber so ist das manchmal, wenn man lange an etwas „herum schreibt“ und es immer wieder dreht und wendet.

      Den bösen Blick gegen Raucher hatte ich auch gut drauf! Aber angesprungen ist keiner…

      Liebe Grüße zurück
      Nicole

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