Geschichten-Zeit: Welt ohne Bücher

Die folgende Geschichte habe ich vor sechs Jahren geschrieben. Damals hat mich der Gedanke, dass es irgendwann keine Bücher mehr geben könnte, oft beschäftigt. Anlässlich der bevorstehenden Buchmesse, habe ich sie heute wieder aus der virtuellen Schublade herausgeholt. Für alle Leseratten, Bücherwürmer, Schreiberlinger – kurz: für alle die Bücher genauso sehr lieben wie ich!

Welt ohne Bücher

von Nicole Vergin

Traurig. Ich war traurig.
Irgendwie verstand ich die Welt nicht mehr. Gerade hatte mein Freund Jonas mir das Lese-TeddyErgebnis der Abstimmung mitgeteilt. Keine Bücher mehr. Nie mehr lesen. Nie mehr dem Singsang eines Vorlesers lauschen, während die Buchstaben um ihn herum durch die Luft tanzen. Nie mehr.

Nun saß ich hier auf dem kleinen Treppenabsatz, der ins Paradies führte. In mein Paradies. Dort wo die Bücher bisher zuhause waren. Der einzige Ort, an dem sie noch sein durften – die Bibliothek.

In meiner Kindheit besaßen viele Menschen Bücher. Damals gab es noch die mit den dünnen biegsamen Hüllen. Taschenbücher wurden sie genannt. Damals, als Bücher noch überall ihren Platz haben durften.
Ich kann mich noch erinnern, wie meine Eltern mit mir Lesepicknicks am See gemacht haben. Wir breiteten eine Decke im Sand aus, und auf ihr verteilten wir unser mitgebrachtes Essen. Köstliche Dinge gab es damals. Ich weiß noch, wie ich an allem zuerst roch bevor ich es in den Mund schob, um es dort genüsslich mit den Zähnen zu zermalmen und dabei die verschiedensten Geschmäcker ihren Zauber in meiner Mundhöhle hinterließen.
Das Beste daran war jedoch, wenn meine Mutter nach dem Essen ein Buch aus der Tasche zog und mir geheimnisvoll zublinzelte. Schon früh hatten mich meine Eltern mit der Leidenschaft für das geschriebene Wort infiziert. Bereits zu dieser Zeit waren Bücher in privaten Haushalten selten geworden und das jemand eines mit hinaus nahm war zwar noch nicht verboten, aber unerwünscht.
Zu unserem letzten Lesepicknick hatte meine Mutter das Buch „Tintenherz“ mitgenommen. Eine meiner Lieblingsgeschichten, vor langer Zeit geschrieben. Gespannt legte ich mich damals auf den Bauch, den Kopf in meine kleinen Hände gestützt und lauschte der Stimme meiner Mutter. Wie sie von Mo erzählte, dem Vater der kleinen Maggie. Er konnte Figuren aus den Büchern herauslesen. Zauberzunge nannten sie ihn. Ich lag da und träumte mit offenen Augen davon, dass meine Mutter ebenfalls eine Zauberzunge hätte.

Kurz darauf wurde ein Gesetz erlassen das besagte, dass niemand ein Buch mit hinaus nehmen durfte. Alle wurden aufgefordert, ihre Bücher in der großen Bibliothek abzugeben. Die Regeln, nach denen man diesen wunderbaren Ort besuchen durfte waren äußerst streng. Meine Eltern, beide Lehrer, erhielten eine Sondererlaubnis. Sie behaupteten oftmals, dass sie während ihrer Vorbereitungszeiten in der Bibliothek niemanden hätten, der mich beaufsichtigen könnte. Und so kam ich häufig in den Genuss in all den Bücherschätzen lesen zu dürfen.

Die Idee hinter diesem ganzen Wahnsinn? Menschen zu manipulieren. Keine Möglichkeiten der eigenen Fortbildung. Dumm sollten sie sein. Nur das Nötigste brachte man ihnen bei, ausschließlich in den Bereichen, in denen sie arbeiten sollten.
Anfangs hielt man es für sinnvoll, die Bücher aufzubewahren. Aber die Gegner des geschriebenen Wortes beriefen sich auf die Möglichkeiten der mündlichen Überlieferung. Dies hätte vor Urzeiten auch funktioniert.
Ich weiß nicht, wie es soweit kommen konnte. Wo waren die lauten Stimmen, die sich für die Buchstaben, die Wörter und Sätze stark machten? Sie verstummten nach und nach oder wurden mundtot gemacht. An ihre Stelle trat Resignation und Gleichgültigkeit. Inzwischen wuchs bereits die zweite Generation heran, die weder lesen noch schreiben konnte.

Und nun der Beschluss, alle Bücher zu vernichten. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Die Welt würde danach eine andere sein.

Ein lautes Rumpeln riss mich aus meinen Gedanken. Container wurden auf dem Platz vor der Bibliothek aufgestellt. Es dauerte einen Moment bis ich verstand. Die Bücher sollten abtransportiert werden. Sie würden ihre letzte Reise antreten, um dann wie so viele vor ihnen im Reißwolf zu enden.
In meinem Inneren schrie und tobte ich. Ich sah mich selber, wie ich vor die Männer sprang, die jetzt mit Kisten beladen die Bibliothek betraten. Ich hielt sie auf, zerrte den Einen am Kragen zurück, dem Anderen stellte ich ein Bein und den Dritten streckte ich mit einem Handkantenschlag nieder.
Die Wirklichkeit holte mich wieder ein und fand mich mit hängenden Schultern vor. Hier in diesem Moment konnte ich allein nichts ausrichten. Rasch drehte ich dem Gebäude den Rücken zu, setzte einen Fuß vor den anderen. Ich musste weg hier. Weg, bevor die Männer mit den Kisten wieder heraus kamen. Dieses Mal würden sie bis zum Rand mit Büchern gefüllt sein. Allein den Gedanken daran ertrug ich nicht. Daran, welche Geräusche die Bücher beim freien Fall in die Container machen würden. Das Rascheln der Seiten beim Versuch wie Vögel davon zu fliegen.

Ich stürmte durch die Straßen. Vorbei an all den Menschen, die mit gleichgültigem Gesichtsausdruck die Geschehnisse hinnahmen. Lange genug hatte man ihnen eingeredet, dass dies der beste Weg sei, um wieder Ordnung zu schaffen. Ich ging an ihnen vorbei, meinem Ziel entgegen, das in einer abseits gelegenen Straße lag.
Eine alte Druckerei, vor Jahren dem Verfall preisgegeben. Neue Bücher wurden schon lange nicht mehr gedruckt, keine Zeitungen, gar nichts. Anfangs sollte das Gebäude noch für andere Zwecke genutzt werden, geriet dann jedoch schnell in Vergessenheit.
Sorgfältig sah ich mich nach allen Seiten um, bevor ich durch einen Nebeneingang schlüpfte. Während ich die Tür hinter mir schloss atmete ich ein paar Mal tief ein und aus. Diesen Geruch würde ich nie vergessen, egal was noch alles passieren würde. Der Geruch nach Büchern, nach Druckerschwärze, nach Geschichten.
„Unverwechselbar, nicht wahr?“
Lächelnd nickte ich Jonas zu, der mir durch den langen Flur entgegen kam.
„Sind die letzten Lieferungen wohlbehalten angekommen?“, fragte ich ihn besorgt.
„Alles glattgegangen“, war seine beruhigende Antwort.
Gemeinsam traten wir durch eine breite Flügeltür hinter der geschäftiges Treiben herrschte. Zufrieden schaute ich einen Moment zu, wie zahlreiche Frauen und Männer die neue Bücherlieferung in Regale einsortierte.
Dann sah ich Jonas an und las in seinen Augen, das er das Gleiche empfand wie ich. So lange es Menschen wie diese gab, würden wir immer Mittel und Wege finden das Bücher nicht vollständig verschwanden. In jahrelanger Kleinstarbeit nachdem abzusehen war wohin die Situation entglitt, hatten wir gemeinsam einen Teil gerettet. Auf diese Weise bestand die Möglichkeit andere Menschen in kleinen Schritten von der Notwendigkeit des gedruckten Wortes für unsere Welt zu überzeugen.

Und eines Tages, ich glaube fest daran, werden die Druckmaschinen hier in diesem Gebäude erneut ihre Arbeit tun – und Buchstaben werden wieder tanzen.

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