Schreibkick: Geborgenheit

Wer näheres über die Schreibkicks erfahren möchte, kann sich hier schlau lesen!

Wie in meinem letzten Beitrag zum Thema Schreibkick angekündigt, habe ich ein wenig experimentiert. Ich habe zum Thema Geborgenheit drei kurze Texte über eine Situation geschrieben. Der erste sachlich und mit Blick von außen, der zweite als reinen Dialog und der dritte geht sozusagen mitten hinein ins Geschehen. Für mich war das eine sehr interessante Erfahrung, die ich weiter vertiefen möchte und werde.

Geborgenheit
von Nicole Vergin

Text 1

In einer Drei Zimmer Wohnung lebt eine alte Dame. Sie ist verwitwet und benötigt inzwischen Unterstützung von einem Pflegedienst. Auch ihre Töchter kommen regelmäßig, kaufen für sie ein und erledigen all die kleinen und großen Dinge, zu denen sie nicht mehr in der Lage ist.
Bereits seit längerer Zeit wird sie vom Pflegedienst geduscht und auch eine Fußpflege kommt alle vier Wochen ins Haus. Ein Mal in der Woche kommt zusätzlich eine Haushaltshilfe.
Nach und nach fällt es ihr immer schwerer, sich um sich selber zu kümmern. Es kommt so weit, dass sie nicht mehr in der Lage ist, ihre Fingernägel zu schneiden. Anfangs versucht sie diesen Umstand vor ihren Kindern geheim zu halten, aber da sie Zeit ihres Lebens stets Wert auf kurzgeschnittene Nägel gelegt hat, fällt es schnell auf.
Die Mitarbeiter vom Pflegedienst würden das Nägel schneiden ebenso übernehmen, wie die Fußpflege. Aber die alte Dame hat Angst davor, sich die Fingernägel schneiden zu lassen.
Als eine ihrer Töchter bei ihr ist, spricht diese sie erneut darauf an. Sie windet sich und meint, beim nächsten Duschen würde sie es machen lassen. Ihre Tochter bietet ihr an, dass sie es machen könne. Aber auch da zögert sie. Letztendlich machen sie einen Versuch und sie stellt fest, dass es gar nicht schlimm ist.
Als die Tochter wieder zuhause ist, ruft die Mutter an, um ihr zu sagen, wie wohl sie sich jetzt wieder mit den kurz geschnittenen Nägeln fühlt.

Text 2

„Ich habe Dich noch nie mit so langen Fingernägeln gesehen.“
„Ich weiß. Andrea hat beim Duschen angeboten, sie zu schneiden. Und die Fußpflege auch.“
„Und warum lässt Du es nicht machen?“
„Ich habe Angst, dass es weh tut. An den Füßen tut es immer so weh.“
„Aber Deine Finger schmerzen doch gar nicht so.“
„Ja. Nächste Woche lasse ich es vom Pflegedienst machen…“
„Soll ich Dir die Fingernägel schneiden?“
„…“
„Wir könnten es an einem Nagel versuchen.“
„Ja, gut.“
„Wie geht es eigentlich Deiner Nachbarin inzwischen?“
„Besser. Sie ist wieder zuhause. Naja, und sie kann halt noch laufen. Da ist das immer was anderes.“
„Hat das weh getan?“
„Nein.“
„Soll ich es mit dem nächsten versuchen?“
„Ja.“
„Wollen wir das denn mit dem Frühstück so machen?“
„Wenn es Euch nicht zu viel wird?“
„Nein. Das machen wir gerne.“
„Au.“
„Alles in Ordnung?“
„Ja, es hat nur ein bisschen gepiekt. Ich habe mich erschreckt.“
„Soll ich weitermachen?“
„Ja.“
„Nächste Woche komme ich ja dann schon einen Tag früher.“
„Da fahrt Ihr dann nach Heidelberg, oder?“
„Genau.“
„Das ist richtig. Macht das, so lange Ihr das könnt.“
„So. Ich bin fertig!“
„Das wars schon?“
„Ja.“
„Das war gar nicht schlimm.“
„Das ist schön.“
„Danke.“
„Das mache ich gerne.“

Text 3

Nora schaut auf die Hände ihrer Mutter. Schon immer waren diese schmal, mit langen Fingern und schön geformten Fingernägeln. Über die Jahre breiteten sich Altersflecken aus. Sie weiß, dass ihre Mutter das nicht mag. Dass sie es als eines der Merkmale des Alterns betrachtet, auf das sie lieber verzichten würde. Sie blickt auf ihre eigenen Hände und sieht ein jüngeres Spiegelbild, auf dem sich ebenfalls die ersten Anzeichen fortschleichender Jugend zeigen.
Ihr Blick wandert erneut zu den mütterlichen Händen. Die früher stets kurz geschnittenen Nägel, sind lang. So lang, wie sie es in über vier Jahrzehnten nie bei ihr gesehen hat. Wehmut macht sich in Nora breit. Neben all den anderen Anzeichen ist dieses ein besonders deutliches: ihre Mutter ist alt und gebrechlich. Vieles kann sie nun nicht mehr selber tun. Immer wieder sagt sie, wie schwer es ihr doch fällt, andere um Hilfe bitten zu müssen.
Sie fängt den Blick der früher leuchtend grünen, nun matt gewordenen Augen auf.
„Deine Fingernägel sind sehr lang.“
Schon vor Wochen war dies ein Thema. Aber da waren die Nägel noch nicht so lang gewachsen und letztendlich hatte ihre Mutter, nachdem sie sie darauf ansprach, es noch selber erledigt.
Doch nun schaut die alte Dame auf ihre Hände und sie wirkt dabei klein und hilflos. Ohnehin ist sie in den letzten Jahren zusammen geschrumpft und immer öfter hat Nora das Gefühl, das sie nun die Starke sein muss. So wie ihre Mutter es Jahrzehntelang für sie gewesen ist.
„Andrea hat mich beim Duschen auch schon drauf angesprochen. Sie will mir die Nägel schneiden. Und die Fußpflege hat es das letzte Mal auch schon angeboten.“
Nora wartet, aber es kommt nichts weiter.
„Und warum hast Du es sie nicht machen lassen?“
„Ich habe Angst, dass es weh tut. An den Füßen tut es doch auch so weh.“
Wieder dieser hilflose Blick, der ihr mitten ins Herz schneidet.
„Soll ich Dir die Fingernägel schneiden?“
„Ich weiß nicht. Deine Schwester hat es auch schon angeboten. Aber ihre Hände zittern immer so.“
Nora nimmt die Hand, von der sie so oft Trost empfing, die sie streichelte und wärmte, in ihre eigene und drückt vorsichtig einen Fingernagel nach dem anderen zwischen ihrem Zeigefinger und ihrem Daumen.
„Tut das weh?“
Die alte Dame schüttelt den Kopf und schaut mit großen Augen auf ihre Hand.
„Dann wird das Nägelschneiden auch nicht weh tun. Vielleicht einmal pieken, wenn man ein wenig zu tief kommt. Oder was meinst Du?“
Ein zögerliches Nicken.
„Soll ich es nur einmal am kleinen Finger probieren? Und nur ganz oben ein winziges Stückchen abschneiden?“
Ein leises „Ja“.
Noras Herz klopft. Während sie die Nagelschere aus dem Badezimmer holt, atmet sie ein paar Mal tief ein und aus. Warum plötzlich diese Aufregung? Sie hat schon so viele Aufgaben für ihre Mutter übernommen. Gut, die meisten bestanden aus solchen Alltäglichkeiten wie einkaufen und Behördengänge. Aber sie wachte auch schon im Krankenhaus in der Notaufnahme an ihrer Seite und sorgte dafür, dass es ihr soweit möglich an nichts fehlt.
Was also ist anders, an dieser Kleinigkeit, am Schneiden der Fingernägel? Sie steht mit der Schere in der Hand auf dem Flur mit Blick auf die ein wenig offenstehende Wohnzimmertür und fühlt in sich hinein.
Es ist dieses Vertrauen, dass ihre Mutter ihr damit entgegen bringt. Obwohl sie Angst verspürt, will sie sich darauf einlassen. Es ist ein weiteres Stück Freiheit, dass sie damit aufgibt. Eine weitere Aufgabe in ihrem Leben, die sie an jemand Anderen weitergeben muss. Es ist ein Weg, dessen Ende zwar bekannt ist, aber nicht der Verlauf. Wie viele Abzweigungen wird es noch geben? Wie viele Sackgassen?
Nora schaut auf die Nagelschere in ihrer Hand. Sie strafft die Schultern und kehrt in das Wohnzimmer zurück, setzt sich auf das Sofa direkt neben ihre Mutter und greift, nach einem Einverständnis suchenden Blick, nach deren Hand.
Behutsam schneidet sie den Nagel des kleinen Finger ein wenig kürzer. Ihre Mutter hält ganz offensichtlich die Luft an. Als Nora das kleine Stückchen Nagel auf ein Taschentuch legt, das ihre Mutter auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet hat, ertönt neben ihr ein lautes Ausatmen.
„Alles in Ordnung? Soll ich weitermachen?“
Die alte Dame nickt.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika

Sabrina

Birgit

Eva

Surf your inspiration

Connys Schreibwelt

Das Thema für den 01.05.2016 lautet: „Die Zeit wird kommen …“

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9 Gedanken zu „Schreibkick: Geborgenheit

  1. Pingback: Schreibkick: Geborgenheit | Evas Geschichten

    • Danke liebe Eva! Ich freue mich auch sehr, dass wir gemeinsam „Schreibkicken“. Es kommen bestimmt noch viele interessante Texte und Geschichten dabei zustande auf die ich schon sehr neugierig bin! 😀
      Auch für Dich alles Liebe, Nicole

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  2. Wow! Ich würde mal sagen, dein Experiment ist sehr gut gelungen. Ich finde es wirklich erstaunlich, wie sehr sich die Distanz in den einzelnen Texten verändert. Beim ersten ist man noch sehr weit weg. Man bekommt mit, was passiert, aber das Schicksal der Personen wird nicht so wichtig.
    Der zweite verrät viel über die Beziehung und man ist emotional etwas näher dran, der Text ist sehr lebendig.
    Beim dritten ist man als Leser mittendrin, nimmt Anteil und fühlt mit.

    Dank für dieses tolle Experiment! ❤ ❤ auch ich nehme eine Menge daraus mit 🙂

    Liebe Grüße,
    Sabi

    Gefällt 1 Person

    • Danke liebe Sabi! ❤ ❤ Das freut mich natürlich total! Ja, das im letzten Beitrag genannte Buch hat mir einfach nochmal ganz andere Gedanken über das Schreiben gebracht! Und auch darüber wie wertvoll das ist was wir so alles erleben.

      Liebe Grüße zurück, Nicole

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  3. Pingback: Lese-Zeit: Der Stift und das Papier | Nicole Vergin

  4. Pingback: Schreibkick #27: Geborgenheit | Connys Schreibwelt

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