Schreibkick: Höhe

Wer näheres über die Schreibkicks erfahren möchte, kann sich hier schlau lesen!

In diesem Monat hatte ich gar nicht vorgehabt, am Schreibkick teilzunehmen. Aber gestern dachte ich spontan, es sei eine gute Lockerungsübung, um am nächsten Tag – sprich heute – in den NaNoWriMo einzusteigen. Gedacht, geschrieben und hier ist mein Beitrag zum Thema Höhe. Viel Spaß!

Höhe
von Nicole Vergin

Es war ein sonniger Herbsttag. Etliche Blätter waren bereits von den Bäumen gefallen. Das gelbe, rote und braune Laub lag überall, auch auf dem Weg, den sie an diesem Tag entlang marschieren mussten. Es war beschwerlich, sich einen Weg hindurch zu bahnen. Aber es blieb ihnen nichts anderes übrig. Ambrosius und Anton Ameise mussten ihre Arbeit erledigen. So wie jeden Tag.
Ambrosius seufzte.

„Was ist los?“ Anton, der stets fleißig und unermüdlich war, tippte seinen Freund mit einem seiner langen Fühler an.
„Der Brotkrumen piekst mich am Rücken.“ Er drehte und wand seinen schwarzbraunen Ameisenkörper, während seine Fracht bedenklich ins Rutschen kam.
„Pass auf, sonst verlierst du ihn noch!“
„Ist doch egal“, Ambrosius drehte sich einmal um seine eigene Achse, so dass die Ameisen um ihn herum gerade noch ausweichen konnten. „Schau es dir doch an. Jede von ihnen schleppt etwas mit sich herum. Und so geht das Tag für Tag. Immer wieder aufs Neue. Was würde es da schon machen, wenn ich einmal einen Brotkrumen verliere.“
Anton blieb sichtlich geschockt neben seinem Freund stehen, so dass alle Anderen nun auch um ihn einen Bogen machen mussten.
„Aber das ist unser Leben. Wir Ameisen sind zum arbeiten geboren. Wir haben nichts anderes. Und wenn unser Kommandant sieht, dass wir hier nur faul rumstehen, dann bekommen wir richtig Ärger!“ Besorgt sah sich Anton um.

Unwillig setzte sich Ambrosius wieder in Bewegung. „Träumst du denn nicht manchmal davon, etwas anderes zu erleben?“, fuhr er mit seinen Gedanken fort.
„Nie“, war die resolute Antwort.
Und nach einer Weile des Schweigens ein neugieriges: „Und du?“
Die Augen der kleinen Ameise leuchteten, als sie antwortete. „Ja. Ich träume davon, mir den Ort wo wir arbeiten und leben von oben anzuschauen.“ Und bevor Anton Einwände äußern konnte, fuhr Ambrosius rasch fort. „Du kennst doch die riesige Eiche, an der wir in den letzten Tagen immer vorbei marschiert sind. Ich will den Stamm hochkrabbeln, bis in die Krone des Baumes. Und zwar, wenn die Eiche alle Blätter abgeworfen hat. Denn dann kann man sicher am besten sehen.“

Nun war es Anton, der ruckartig stehenblieb. „Das meinst du doch nicht im Ernst!“
Bevor Ambrosius antworten konnte, ertönte vom Ende des Ameisenzuges die gewaltige Stimme des Kommandanten: „In Reih und Glied marsch! Was ist denn hier heute nur los?“
Während sie rasch weiter krabbelten, schaute Anton seinen Freund von der Seite an und musste feststellen, dass Ambrosius sah ganz und gar nicht so aussah, als würde er seinen wahnwitzigen Plan fallenlassen wollen.

In den folgenden Tagen erwähnte keiner der beiden Ameisen die große Eiche. Sie erledigten ihre Arbeit, so wie sie es immer getan hatten und Anton hoffte im Stillen, dass Ambrosius nie wieder auf so eine dumme Idee kommen würde. Aber er sah auch die Blicke, die dieser der Eiche zuwarf, wann immer sie daran vorbei marschierten. Und dann an einem windigen Tag, als sie sich gerade durch den mittlerweile dichten Laubteppich am Boden voran kämpften, blieb Ambrosius ein weiteres Mal abrupt stehen.

„Morgen ist es soweit!“
Ohne zu antworten, schubste Anton seinen Freund grob weiter. Das fehlte noch, dass die anderen Ameisen hörten, was dieser für ausgemachten Blödsinn von sich gab.
„Hast du es nicht gesehen?“, flüsterte Ambrosius, während er brav weiter marschierte. Dieses Mal mit einem Eckchen Käse auf dem Rücken, das zumindest nicht piekste.
„Was soll ich gesehen haben?“ Anton hatte eigentlich keine Lust mehr, sich diesen Quatsch anzuhören. Aber seine Neugier zwackte ihn doch zu sehr.
„Die Eiche ist kahl. Alle Blätter sind zu Boden gegangen. Und das Wetter ist auch ideal. Schau hoch, blauer Himmel und keine Regenwolke in Sicht.“
Bei dem Wort Regenwolke zuckte Anton kurz zusammen. Es war gar nicht lange her, da hatte ihn bei einem Unwetter ein riesiger Tropfen nieder geworfen, so dass er beinahe in einer Pfütze ertrunken wäre. Seitdem war er noch vorsichtiger geworden, wenn er dunkle Wolken am Himmel sah.

„Wenn wir morgen wieder hier vorbei marschieren“, fuhr Ambrosius fort, „dann werde ich mich von Anfang an, seitlich einreihen und dann schwupps verschwinde ich kurz in einem Loch, das ich im Vorbeigehen schon gesehen habe und wenn alle weg sind, mache ich mich an den Aufstieg.“ Träumerisch blickte er nach oben, was für eine Ameise schon sehr seltsam war. Schließlich mussten sie beinahe rund um die Uhr arbeiten und hatte überhaupt keine Zeit zum Träumen.
Als Anton ebenfalls einen kurzen Blick nach oben wagte, dort wo zwischen all den Baumwipfeln die Sonne und der tiefblaue Herbsthimmel hindurchlugten, wäre er beinahe über seine eigenen Beinchen gestolpert.
„Siehst du“, schimpfte er, nachdem er sich wieder gefangen hatte, „so etwas passiert, wenn man in der Gegend herumschaut, anstatt seiner Arbeit nachzugehen.“
Aber Ambrosius antwortete nicht, sondern schwelgte weiter in seinen Träumen, in denen er hoch hinaus wollte.

Am nächsten Tag war es dann endlich soweit. Das Wetter hatte sich gehalten, so dass aus Ambrosius Sicht nichts gegen die Durchführung seines Plans sprach. Als sie an der Eiche entlang marschierten, machte er einen gewagten Sprung zur Seite und krabbelte dann rasch in das kleine Loch.
Rumms, machte es und Ambrosius wurde von seinen sechs Beinen gerissen und tiefer in das Loch hinein gedrückt.
„Tschuldigung“, murmelte es hinter ihm.
Mühsam stand Ambrosius auf, schüttelte sich die Erde von seinem kugeligen Ameisenkörper und drehte sich um.
„Was machst du denn hier?“ Verwundert sah er seinen Freund Anton an, der – vorsichtig wie immer – mit den Fühlern die Wände der kleinen Höhle auf Einsturzgefahr untersuchte.
„Ich konnte dich ja kaum allein lassen“, grummelte er, „wer weiß was dir alles passiert. Und“, er wischte sich mit einem Bein angelegentlich über einen seiner langen Fühler, „und ich will auch mal sehen wie das alles von oben ausschaut.“
Ambrosius schubste seinen Freund kumpelhaft in die Seite. „Das ist toll! Zu Zweit macht so ein Abenteuer viel mehr Spaß! Komm, dann lass uns jetzt gehen. Schließlich wollen wir oben sein, bevor es dunkel wird. Sonst sehen wir ja nichts.“

Vorsichtig krochen sie aus der Höhle heraus und sahen sich um. Der Ameisenzug war tatsächlich weiter marschiert und es hatte niemand bemerkt, dass die beiden Freunde fehlten.
Kurz darauf standen sie zu Füßen der riesigen Eiche und schauten nach oben.
„Ganz schön hoch.“ Aus Antons Stimme klang eine leichte Panik heraus.
„Ach, das wird schon nicht so schlimm sein“, versuchte Ambrosius nicht nur seinem Freund Mut zu machen. Es war, als hätte er irgendwo in sich drin einen dicken Knoten. Vielleicht war dieses Abenteuer ja wirklich zu gefährlich für zwei kleine Ameisen. Andererseits, wenn sie es jetzt nicht versuchten, würden sie es vermutlich nie tun. Und eines war er sich ganz sicher, dass er sich dann über sich selber ärgern würde.
Flink krabbelte er um eine am Boden liegende Eichel herum und machte sich dann an den Aufstieg. An der rauen Rinde der Eiche hatte er guten Halt, so dass er rasch Mut fasste.
„Komm, es ist gar nicht so schwer“, rief er nach unten, wo Anton immer noch unsicher stand und seinem Freund hinterher blickte.
„Was soll´s“, murmelte er, setzte seine Vorderbeine an den Stamm und schob die anderen Vier hinterher. „Hätte ich mich doch bloß auch mal zum Blattläuse melken gemeldet, dann würde ich diesen Stamm sicher wie im Schlaf hinauf klettern können.“
„Was hast du gesagt?“ Ambrosius Stimme war erschreckend leise geworden. Anton legte den kugeligen schwarzen Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Verschwommen sah er das runde Hinterteil seines Freundes. Er bewegte seine kleinen Beine etwas schneller, in der Hoffnung ihn bald einholen zu können. Wer weiß, wann sie sich sonst auf diesem riesigen Baum wiederfinden würden.

Ambrosius hatte inzwischen den untersten Ast der Eiche erreicht und schaute ihm mit leuchtenden Augen entgegen.
„Komm schnell hier herauf! Es ist herrlich! Wie muss es erst sein, wenn wir ganz oben angekommen sind.“
Keuchend krabbelte Anton an seine Seite. Das war schon etwas anderes, als den ganzen Tag unten am Boden herum zu krabbeln. Nachdem er sich ein wenig verschnauft hatte, schaute er sich neugierig um. Wie anders alles von hier aus ausschaute. Irgendwo da unten lagen Eicheln, um die sie stets herum krabbeln mussten. Von hier oben waren sie für ihn mit seinen Ameisenaugen nur zu erahnen, so klein waren sie auf einmal. Und der Hase, der gerade aus dem Gebüsch hoppelte, wie leicht hätte er einen von ihnen sonst zertreten können. Von hier oben sah das alles harmlos aus.

Zum ersten Mal kam Anton der Gedanke, dass es außer dem Ameisenbau und der täglichen Arbeit doch noch etwas anderes auf dieser Welt geben könnte. Er nickte seinem Freund zu, der ihn auch ohne Worte verstand.
Entschlossen setzten sie ihren Weg nach oben fort. Sie kamen noch an etlichen Ästen, dickeren und dünneren, vorbei. Auf einigen ruhten sie sich aus und an einigen krabbelten sie direkt vorbei, um endlich oben in die Baumkrone zu gelangen.
Auf halber Höhe kamen sie an einem großen Loch vorbei, an dem sie kurz anhielten.

„Ob hier Jemand wohnt?“ Ambrosius sah sich neugierig um. Aber in dem Loch lagen nur ein paar Späne, ansonsten war es leer.
„Schnell weg hier“, zischte Anton, „wer weiß, welches große Tier hier zuhause ist.“ Abenteuerlust hin oder her. Sein Leben wollte die kleine Ameise nun wirklich nicht so einfach riskieren.

Ansonsten war es um sie herum erstaunlich ruhig. Hier und da sahen sie andere kleine Krabbeltiere und um die Eiche kreiste auch mal ein Vogel, so dass sie sich lieber ganz eng an den Stamm drückten, um möglichst nicht aufzufallen. Es war eindeutig Herbst und der Wald und seine Bewohner kamen zur Ruhe und bereiteten sich auf den nahenden Winter zu.

Die Sonne begann bereits wieder am Himmel hinab zu steigen, als sie endlich am höchsten Punkt der Eiche angekommen waren. Ambrosius und Anton standen nebeneinander auf einem Ast, der leicht im Wind schwankte. Ihre Blicke wanderten über die kahlen Baumwipfel hinweg hin zu einem See, der in der Ferne lag. Und zu den abgeernteten und umgepflügten Feldern, die auf der anderen Seite des Waldes zu sehen waren. Dazwischen standen Häuser, in deren Fenstern nach und nach Lichter angingen.
Sie wussten all das natürlich nicht beim Namen zu nennen, aber allein es zu sehen und zu bestaunen nahm ihnen den Atem und ließ sie eine kleine Ewigkeit stillstehen.
„Ist das die Welt von der sie alle sprechen?“ Ambrosius sah Anton an.
„Ich glaube schon“, entgegnete dieser leise.
„Sie ist wunderschön.“
Diesmal nickte Anton nur andächtig.
Tocktocktocktocktock, dröhnte es plötzlich mitten in die Stille hinein.
„Was ist das?“, rief Anton erschrocken.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Ambrosius ängstlich, „aber das Dröhnen scheint durch den ganzen Baum zu gehen.“
Und tatsächlich war es als, würde das tocktock durch den ganzen Baum tönen bis hinein in die kleinsten Zweige.
„Schnell, wir müssen hier runter!“ Anton schubste Ambrosius vorsichtig an, der wie erstarrt auf dem Ast stand und ängstlich nach unten schaute.
„Ich kann nicht“, rief er verzweifelt, „ich habe Angst.“
„Krabble einfach hinter mir her. Einen Schritt nach dem anderen. Und schau immer nur auf mich. Dann wird es gehen.“ Mutig krabbelte Anton voran und blickte sich immer mal wieder um, ob sein Freund ihm auch folgte. Und tatsächlich gelang es Ambrosius, sich aus seiner Starre zu lösen und sich auf den Weg nach unten zu machen.
Das immer wiederkehrende tocktocktocktocktock jagte ihm eine Heidenangst ein. Er war so froh, dass er seinen Freund an seiner Seite wusste.

Auf dem Weg nach unten schauten sie sich immer wieder nach allen Seiten um. Aber erst als sie in die Nähe der Stelle kam, wo sie das Loch im Baum untersucht hatten, sahen sie was oder vielmehr wer diesen Lärm veranstaltete. Ein Buntspecht klopfte mit dem Schnabel eifrig auf der Rinde herum. Sein schwarz-weiß-roter Kopf schoss immer wieder nach vorne und er hieb mit aller Kraft zu.
Die beiden Ameisen krabbelten ein wenig um den Stamm der Eiche herum, um aus dem Blickfeld des Vogels zu kommen. Aufatmend blieben sie auf einem kleineren Ast stehen, wo sie darauf warteten, dass der Specht verschwinden würde. Es dauerte jedoch eine ganze Weile und beinahe wäre Ambrosius eingeschlafen. Aber Anton sorgte dafür, dass er wach blieb, damit sie im entscheidenden Moment ihren Abstieg fortsetzen konnten.
Als der Buntspecht endlich seine Flügel spreizte und davonflog, krabbelten sie so schnell sie ihre sechs Beine trugen nach unten, wo sie sich vorsichtshalber noch eine Weile in der kleinen Höhle versteckten, wo alles angefangen hatte.

„Entschuldigung“, murmelte Ambrosius und ließ geknickt seine Fühler hängen, „ich hätte auf dich hören und am Boden bleiben sollen. So habe ich dich in Gefahr gebracht.“
„Ist schon gut“, brummelte Anton, „es ist ja alles gut gegangen. Und ohne dich hätte ich mich nie getraut, so ein Abenteuer zu wagen.“
Einträchtig verließen sie die Höhle und krabbelten nach Hause in ihren Ameisenbau, wo sie sich einen dicken Rüffel von ihrem Kommandanten einfingen. Aber, und da waren sich die Freunde einig, das war es wirklich wert gewesen.

Das Thema für den nächsten Monat lautet: Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken

Diesen Monat waren dabei:

Veronika
Eva 
Anita
Conny
Sabi
Alice
Traumtanz

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8 Gedanken zu „Schreibkick: Höhe

  1. Pingback: Schreibkick: Höhe | Evas Geschichten

  2. Pingback: Schreibkick #34: Höhe | Connys Schreibwelt

    • Hi Sabi!

      Das freut mich, dass sie Dir gefallen! Und ich habe mich auch gefreut, dass sie sich nicht von ihrem Plan haben abbringen lassen. Ist ja wie über den Tellerrand schauen… 😉 Und genau: dafür sind Freunde da! ❤

      Liebe Grüße zurück
      Nicole

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  3. Pingback: Schreibkick Nr. 1 – 01.11.2016 – „Höhe“ | Katharina Emilie Traumtanz

  4. Pingback: Schreibkick: Rapunzel schreibt an Dornröschen. | vro jongliert

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