Das 3. Türchen…

deckblatt

3. Dezember


Emil, der verliebte Schneemann

von Nicole Vergin

Es war Winter. Mitten in der Nacht begannen Schneeflocken vom Himmel zu tanzen. Als die Menschen morgens erwachten und aus ihren Fenstern hinaus sahen, war alles mit einer dicken weißen Decke eingehüllt. Die Kinder stürmten jubelnd aus den Häusern, und kurz darauf gab es die ersten Schneeballschlachten und von dem kleinen Hügel um die Ecke sausten mutige Schlittenfahrer herunter.
Nur zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, hatten sich den anderen nicht angeschlossen. Sie waren im Hauseigenen Garten geblieben und rollten dort gemeinsam Schneekugeln. Eine große dicke, die so schwer war, dass sie sie nicht mehr anheben konnten. Eine mittlere, die sie als sie ihnen groß genug erschien, mit Mühe und Not und ihren vier Händen gemeinsam auf die große wuchteten.dsc_0017
Und eine kleine, die schnell zusammen gerollt und, nachdem sie sich einen Stuhl aus dem Haus geholt hatten, auch leicht auf die anderen Beiden hinaufgehoben werden konnte.
Stolz betrachteten sie den ersten Schneemann dieses Winters, aber es war ihnen auch klar, dass noch einiges an ihm fehlte. Sie holten aus dem Haus einen hohen schwarzen Hut, zwei tiefschwarze Kohlestücke, eine lange leuchtend orange Mohrrübe und ein paar graue Steinchen für den lachenden Mund.
Als er ihnen bald darauf mit seinem fröhlichen Gesicht gegenüberstand, merkten sie, dass noch etwas fehlte. Sie erbettelten sich von ihrer Mutter einen langen rot-weiß-blau geringelten Schal und legten ihm diesen um. Strahlend hüpften sie um ihn herum und sie nannten ihn Emil.

Emil schaute den lieben langen Tag fröhlich durch die Gegend und alle, die ihn erblickten mussten lachten, einfach weil er so lustig aussah. Selbst die Sonne wurde neugierig und wollte wissen, warum alle in dieser Straße plötzlich gute Laune hatten. Und so schickte sie einen ihrer fleißigen Sonnenstrahlen vorbei, damit er sich dort einmal umschauen konnte. Der Sonnenstrahl wollte Emil ins Gesicht leuchten, denn das war es wo alle Menschen hinschauten und dann lachten, aber er kam im Flug auf die Erde hin kurz vom Weg ab – wer weiß was ihn abgelenkt hatte – und landete in der mittleren Schneekugel auf der linken Seite.
Emil wurde es plötzlich ganz warm und er begann aufgeregt mit seinen Kohleaugen zu zwinkern. Was war los? Wo war er hier? Und vor allem wer war er? In seinem weißen, kalten Schneekugelkörper klopfte plötzlich ein Herz. Man konnte es durch den Schnee hindurch leuchten sehen.

Als die Kinder das nächste Mal aus dem Haus kamen und wie die Tage vorher begeistert auf Emil zu rannten, blieben sie mit einem Mal abrupt stehen und starrten ihn an. Und er starrte aus seinen Kohleaugen zurück. Die Mutter, die sie in ihrer Aufregung hinzuholten, konnte das schlagende Herz unter dem Schnee nicht sehen. Und auch die anderen Erwachsenen, denen sie es zu zeigen versuchten, sahen und hörten nichts.
Denn inzwischen sprach Emil auch mit den Kindern. Mit allen Kindern aus der Gegend, denn sie glaubten an das was hier geschehen war und freuten sich, dass es bei ihnen ein lebendigen Schneemann gab. Und damit ihr Emil nicht so allein sein musste, bauten sie direkt neben ihm eine Schneedame, der sie einen hübschen Strohhut mit einem bunten Band daran, auf den Kopf setzten und sie auf den Namen Ella tauften.
Leider konnte Ella nicht sprechen, denn sie bestand nur aus kaltem Schnee, der nicht von einem warmen Herz gewärmt wurde. Emil, der sich sofort in die hübsche Schneedame verliebt hatte, war traurig. Er hatte sich schon auf ihre Gesellschaft gefreut. Die Kinder versuchten ihren Schneemann aufzuheitern, aber es war vergeblich. Sein Herz hatte durch die unerwiderte Liebe zu der Schneedame einen feinen Riss bekommen. Und durch diesen Riss, sickerte nach und nach seine Fröhlichkeit heraus und er wurde traurig und immer trauriger.
Daher bemerkte er auch nicht, dass ein paar Tage vor Weihnachten eine kleine grün, rot-weiß gekleidete Gestalt an der Ecke des Hauses vor dem Emil stand, stehenblieb und ihn eine Weile nachdenklich beobachtete.

Als der Heilige Abend da war, waren die Kinder außer Rand und Band. Sie konnten es kaum erwarten, dass der Weihnachtsmann endlich kommen würde. Den ganzen Tag hielten sie Ausschau und rannten auch immer wieder zu Emil hinaus, um ihn mit Weihnachtsliedern und Gedichten von seinem Kummer abzulenken.
Und dann war es soweit. In dem kleinen Ort läuteten die Glocken den Beginn des Weihnachtsfestes ein und die Fenster des Hauses vor dem Emil stand, waren hell erleuchtet. Er sah einen großen, bunt geschmückten Baum, ein knisterndes Kaminfeuer und die lachenden Kinder. Obwohl er sich für sie freute, blieb sein Blick doch immer wieder an Ella, der Schneedame hängen.
Auf einmal knirschte neben ihm der Schnee und eine Gestalt mit einem langen weißen Bart und einem roten Gewand, das an den Ärmeln weiß abgesetzt war, stand vor ihm. Über seiner Schulter hing ein großer brauner Sack, den er vorsichtig absetzte, hinein griff und gleich darauf einen leuchtenden gelb-weißen Pfeil herauszog. Diesen hielt er vor Ella in die Luft, er sirrte los, fand die richtige Stelle in der mittleren Kugel auf der linken Seite und schon im nächsten Moment konnte Emil durch den Schnee hindurch ein rotes Herz schlagen sehen.
„Frohe Weihnachten“, sagte Ella und lächelte ihn mit ihrem Mund aus Kohlestückchen an.

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