Das 8. Türchen…

deckblatt

8. Dezember

Ein Tag im Dezember
von Nicole Vergin

Es war kalt an diesem 08. Dezember. An seinen Fenstern waren Eisblumen empor gerankt. Als er den Hahn in dem zugigen Badezimmer aufdrehte, kam kein Wasser heraus, nur ein Knarren und Knacken, das von Erfrierungen erzählte.
Werner schlurfte in die Küche und stellte den eingedellten Emaille Kessel auf die Gasplatte. Bereits am Vorabend hatte er noch Wasser eingefüllt, so dass er sich nun wenigstens einen heißen Tee machen konnte. Er streckte seine Hände nach dem Küchenschrank aus, öffnete mit seinen klammen Fingern eine der Türen und holte eine Teedose heraus.
Im Sommer hatte er Pfefferminze und Brennnesselblätter gesammelt und sie für den Winter getrocknet. Mit heißem Wasser aufgegossen schmeckte es ihm um etliches besser, als das was er früher an Teesorten gekauft hatte.

Früher, sein Blick schweifte aus dem Fenster hinaus in den grauen Tag. Früher hatte er eine Familie gehabt und eine Wohnung, die mehr zum Vorzeigen, als zum Leben geeignet gewesen war. Heute lebte er in einer Gartenlaube und verdiente sich als eine Art Hausmeister in dem umliegenden Schrebergarten ein Taschengeld.
Aber er war zufrieden mit seinem Leben. Gut, je älter er wurde, desto schlechter kam er mit der Winterkälte zurecht. Doch alles andere funktionierte noch recht gut. Und wenn er nachher erst einmal wieder ein paar Scheite Holz besorgt hatte, dann würde es auch wieder warm werden in seiner kleinen Hütte.
Das meiste was er zum Leben brauchte, tauschte er gegen seine Arbeitskraft. Für das Holz beispielsweise hackte er dem Eigentümer sein Brennholz für den Gebrauch und bekam dann einen Teil davon als Lohn.
Oder er kaufte für die alte Frau Siegmund, die er noch aus früheren Zeiten als Nachbarin kannte, ein. Sie hatte genügend Geld, um sich den Platz in einem guten Pflegeheim zu erkaufen, aber sie wollte lieber für sich bleiben. Und bei jedem Einkauf durfte er für sich selber ein paar Besorgungen mit machen.
Ja, es war ein gutes Leben das er führte. Er hatte ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf, das Essen war einfach, aber ausreichend und er hatte Menschen, mit denen er sich hin und wieder zu einem Plausch oder auch mal einer Runde Skat traf. Ansonsten war er lieber für sich.

Nachdem er vor 15 Jahren seine Frau und Tochter durch einen Verkehrsunfall verloren hatte, war er nun mühsam wieder auf die Beine gekommen. Alles was ihm vorher soviel bedeutet hatte, war nun auf einmal unwichtig geworden. Das Leben konnte man dem Tod nun einmal nicht abkaufen. Und das war alles was ihn damals noch interessiert hatte.
Seine Villa, seine zwei Autos, die Yacht im Hafen und das Ferien Appartement in Nizza, all das hatte er verkauft und den Erlös gespendet. Seine damaligen Freunde wollten ihn einweisen lassen, weil sie dachten, er wäre wahnsinnig geworden. Dabei war er so klar gewesen wie nie zuvor. Der Wahnsinn, der Geld-Wahnsinn, der hatte ihn vorher gepackt. Und dafür gesorgt, dass er viel zu wenig Zeit mit den geliebten und nun verlorenen Menschen verbracht hatte.

Heute war es besser. Werner nahm sich nun Zeit für die schönen Dinge und für die Herzensmenschen in seinem Leben. Er war froh, dass er nicht mehr auf der Überholspur lebte, sondern gemütlich auf dem Seitenstreifen dahin trottete und nebenbei die kleinen und großen Wunder am Wegesrand bestaunen konnte.
In der Vorweihnachtszeit wurde er jedes Jahr melancholisch. Wie sehr hatten seine Frau und seine kleine Tochter diese Zeit geliebt. Sie hatten gemeinsam gebacken und das Haus geschmückt. Und wenn er es dann in seinem engen Managerzeitplan einrichten konnte, dann hatte er jedes Mal diese Ruhe und Stille, dieses Miteinander gierig aufgesogen. So, als könne er sich einen Vorrat davon anlegen. Und in jedem Jahr hatte er sich damals vorgenommen, sich in der folgenden Adventszeit mehr Muße mit seinen Lieben zu gönnen. Und dann war der 08. Dezember gekommen. Der Tag, der alles verändert hatte.
„Nun ist es bereits 15 Jahre her“, dachte Werner, während er seinen Tee mit kleinen Schlucken trank.

An dem Morgen hatte ihn seine Frau noch gebeten, nachmittags früher nach Hause zu kommen. Sie würden liebe Kaffeegäste zu Besuch bekommen, mit denen sie ein paar schöne Adventsstunden verbringen wollten.
Als er Stunden zu spät mit seinem Aktenkoffer und einer großen Portion schlechten Gewissens seine Haustür aufschloss, klingelte gerade das Telefon. Eilig zog er seine Schuhe aus, ging rasch durch den Flur und griff nach dem Hörer.
Ein Unfall. Sie hatten einen der Gäste nach Hause gefahren, da dieser über Unwohlsein klagte. Auf der Rückfahrt waren sie dann im toten Winkel eines Transporters gelandet.
Hätte ich bloß – diese und ähnliche Worte waren ihm in der folgenden Zeit immer wieder durch den Kopf gegangen. Aber es änderte nichts. Seine Lieben waren und blieben verschwunden.

Im darauffolgenden Jahr und in allen weiteren hatte er stets an diesem Tag mit lieben Menschen ein Adventskaffeetrinken veranstaltet. Auch, als er längst nicht mehr das Geld dafür besaß. Jeder steuerte etwas bei und sorgte so dafür, dass dieses Beisammensein stattfinden konnte.
Manchmal sprach er in dieser Runde von seinen Erinnerungen. Von den schönen Stunden mit seinen Lieben. Und dann war ihm, als würden sie mit im Raum sein und sich darüber freuen, dass er sich nun Zeit nahm. Dass er sein Leben lebte und nicht mehr an sich vorbeirauschen ließ.
Manchmal meinte er die sanfte Stimme seiner Frau zu hören, wie sie sagte: „Ich bin stolz auf dich.“
Werner spürte wie eine Träne über seine Wange lief. Er stellte die leer getrunkene Teetasse auf den Tisch und stand auf. Es wurde Zeit. Er wollte noch einen Kuchen für den Nachmittag backen. Einen mit Zimt und einem Hauch Amaretto, so wie seine Frau ihn stets gebacken hatte.
Er blickte auf ein gerahmtes Foto an der Wand, warf seinen Lieben eine Kusshand zu und holte dann die Rührschüssel aus dem Küchenschrank.

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2 Gedanken zu „Das 8. Türchen…

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