Das 9. Türchen…

deckblatt

9. Dezember


Der liebe Herrgott und die Jüchen

von Beate Ney-Janßen

Jüchen. Wer weiß schon, was Jüchen ist? Vielleicht diejenigen, die aus dem Kreis Land Hadeln kommen, oben in Norddeutschland, dort, wo die Oste bald in die Elbe mündet. Da komme ich her und da wussten wir, dass ein deftiger Eintopf auf den Tisch kam, wenn es Jüchen gab.

Zum Heiligen Abend gehörte dieser Eintopf bei uns immer dazu. Nein, auf den Tisch ist er dann nie gekommen. Aber meine Oma hat in jedem Jahr beim Essen am Heiligen Abend

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davon erzählt. Von den armen Leuten in unserem Dörfchen Westersode. Die damals lebten, als Oma noch ein Kind war. Und die nichts anderes als eine dünne Brotsuppe am Heiligen Abend auf den Tisch stellen konnten. Da hätten die Engel doch weinen können, dass das alte Ehepaar so gar nichts Festliches haben sollte an diesem besonderen Tag. So hat Oma das immer erzählt. Zum Weinen war diesem Ehepaar vermutlich zumute und uns allen ebenso, die wir um den Gänsebraten herum am Tisch saßen.
Aber dann, dann klopfte es an die Tür bei den alten Leutchen und davor stand Omas Mutter. Frohe Weihnachten hat sie gewünscht und hat einen großen Topf getragen. Was darin war? Nun, das könnt ihr euch schon denken: Jüchen – als Geschenk zu Weihnachten. Was der alte Mann dann zu seiner Frau sagte, als sie schließlich mit den Jüchen am Tisch saßen, das war der Grund, weshalb Oma uns diese Geschichte in jedem Jahr am Heiligen Abend erzählte: „Muddern, bi uns geiht de leeve Herrgod op Erden!“
Der liebe Herrgott auf Erden – das ist für uns Kinder immer die Uroma gewesen, die mit dem Eintopf vor der Tür stand.

Falls jemand von euch wissen möchte, wie dieser liebe Herrgott denn aussieht – das Bild meiner Uroma hängt in meinem Wohnzimmer und für euch habe ich es abfotografiert. Und falls jemand den lieben Herrgott auch einmal auf die Erde holen möchte, kommt hier noch das Rezept für Jüchen. Ich möchte aber wetten, dass er auch durch ganz viele andere Dinge und Menschen lebendig werden kann.

Rezept:
Geräuchertes Rindfleisch
Geräucherte Schweinebacke oder geräucherter durchwachsener Speck
Kohlwürste
Kochbirnen oder feste Essbirnen
Steckrüben und Möhren
Etwas Porree oder Sellerie
Senf oder Meerrettich zum Verfeinern
Für jede Person sollten 300 g je Fleischsorte gerechnet werden. Vom Gemüse je Person eine halbe Steckrübe, 3 bis 4 Möhren sowie 2 bis 3 Birnen.

Die Steckrüben schälen und in große Stücke schneiden, die Möhren schälen und ganz lassen.
Alle Zutaten – bis auf die Birnen – kommen leicht mit Brühe bedeckt in einen geräumigen Topf. Nach dem Aufkochen gönne man dem Ganzen eine mindestens zwei- bis dreistündige Kochzeit bei geringer Hitze. Nur so entfaltet sich alles zur eigenartigen Lieblichkeit dieses so kräftigen Essens.
45 Minuten vor Ende der Kochzeit werden die ganzen Birnen hinein gegeben und mitgekocht.
Dazu werden Salzkartoffeln serviert.

Anmerkung: Auf der Suche nach dem Rezept bin ich im Kochbuch „Das schmeckt uns in Hadeln“ darauf gestoßen, dass ein Begriff in unserer Familie wohl falsch verwendet wurde. Laut Kochbuch ist „Jüchen“ der Hadelner Ausdruck für Brühe – bei uns zu Hause war es dieser Eintopf. Das mögen mir diejenigen aus Hadeln, die dieses lesen, verzeihen – ebenso wie meine vermutlich nicht korrekt wiedergegebene Schreibweise des Westersoder Plattdeutsch.

 

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