Das 10. Türchen…

deckblatt

10. Dezember

Wie jedes Jahr
von Nicole Vergin

Es war wie in jedem Jahr. Aus heiterem Himmel war plötzlich die Adventszeit da und somit Weihnachten nicht mehr fern. Leider hatte Jasmin den Vorsatz, ihre Weihnachtsgeschenke bereits über das Jahr verteilt zu kaufen, nicht umgesetzt.
Was sie, bei genauerer Überlegung, auch nicht verwunderlich fand. Wer dachte im August bei 30 ° schon an den Heiligen Abend? Aber nun war es wie immer. Eine Woche vor Weihnachten und sie hatte kein einziges Geschenk. Nur mit Mühe hatte sie sich diesen Nachmittag freigehalten, um wenigstens zwei Stunden durch die Stadt zu rennen und die Geschäfte abzuklappern.
Allein die Parkplatzsuche war der absolute Horror für Jasmin. Die Parkhäuser waren überfüllt und trotzdem stellten sich immer noch Leute mit ihren Autos davor an, und warteten dass Jemand hinausfuhr und ein Platz frei wurde. Sie parkte ihr Auto in einer weiter entfernten Nebenstraße und stürmte dann mit großen Schritten in Richtung Innenstadt.
Alles war bereits seit Wochen dekoriert und hell erleuchtet. Große geschmückte Tannenbäume ragten in den abendlichen Himmel. Es roch nach Schmalzkuchen und Glühwein. Eigentlich wie in jedem Jahr, aber insgeheim liebte Jasmin diese Zeit. Zumindest, wenn sie einmal Gelegenheit hatte, diese auch zu nutzen und sich ein wenig Entspannung zu gönnen. Davon konnte heute allerdings keine Rede sein.
Überall war es voll, die Menschenmassen schoben sich durch die Gänge der Kaufhäuser, die Mitarbeiter kamen mit dem Abkassieren und Geschenke einpacken nicht nach, so dass die Schlangen immer länger und die Kunden immer ungeduldiger wurden.
Anstatt liebevoll ausgesuchter Kleinigkeiten, griff sie nach allem was auch nur im entferntesten zu dem Beschenkten passen könnte. Hin und wieder schüttelte sie über sich selbst den Kopf, wenn die Mitarbeiter der Kaufhäuser erneut etwas in eine Tüte stopften, bei dem sie sich fragte, warum sie es wohl gekauft hatte.

Jasmin sah auf ihre Liste. Fünfzehn Geschenke fehlten noch. Und das obwohl sie schon einige Tüten mit sich herumschleppte. Wen beschenkte sie hier eigentlich alles? Sie ging die Namen durch, unter denen sich weit entfernte Verwandte ebenso tummelten wie sogenannte alte Freunde, mit denen man gar keinen Kontakt mehr hatte. Außer dem alljährlichen Weihnachtsgeschenk.
Warum schenkte sie Menschen nach wie vor etwas, die ihr nichts mehr bedeuteten? Weil man das so macht, würde ihre Mutter sagen. Ihre Mutter, die immer viel Wert darauf legte, was Andere über sie dachten.
Eigentlich würde sie gerne mal wieder einfach aus Freude und von ganzem Herzen schenken. Und nicht `weil es eben so war´. Sie schüttelte den Kopf, seufzte und ging weiter durch die Gänge, um noch für Tante Rosie, Onkel Volker, Margot, Elena und wie sie alle hießen etwas zu ergattern.
Als ihre freigeschaufelten zwei Stunden vorbei waren, hatte sie gerade einmal zwei Drittel der Namen auf der langen Liste abgehakt. Wie sollte sie auch für Menschen etwas aussuchen, von denen sie nichts mehr wusste, außer vielleicht, dass sie ein Weihnachtsgeschenk von ihr erwarteten.

Jasmin schob sich mit ihren zahlreichen Tüten in das Café am Bahnhof, wo der köstliche Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und Kuchen mit Zimt sie umhüllte, und ließ sich an einem gerade frei gewordenen Tisch erschöpft auf einen Stuhl fallen.
„Weihnachtseinkäufe?“
Jasmin blickte auf und sah in das von Lach- und anderen Falten durchzogene lächelnde Gesicht einer alten Dame. Sie nickte und schickte ein klägliches Lächeln zurück.
Die Dame trug einen abgewetzten Mantel und auf dem Kopf eine bunte Wollmütze. Vor ihr auf dem Tisch stand eine kleine Kaffeetasse mit einem Keks auf dem darunter stehenden Teller.
„Wie gut, dass sie nun alles geschafft haben“, sagte sie und blickte auf all die Tüten, die Jasmin mühsam so neben dem Tisch und auf dem zweiten Stuhl gestapelt hatte, dass hoffentlich Niemand darüber fallen würde.
„Leider ist das noch nicht alles“, seufzte sie, „und ich weiß noch gar nicht wann ich den Rest besorgen soll.“
„Gar nicht“, entgegnete die alte Dame, während sie den Keks von dem Teller nahm, ihn kurz in ihren Kaffee stippte und mit offensichtlichem Genuss aß.
Gute Idee, dachte Jasmin im Stillen und fügte laut hinzu: „Wenn das so einfach wäre.“
„Ist es“, mümmelte die Dame hinter ihrem Keks hervor. „Es gibt ja keine Weihnachtsgeschenke Polizei, die Leute abholt, die nicht brav ihre Liste abgearbeitet haben. Sie haben doch eine Liste, oder?“
Was für ein merkwürdiges Gespräch mit einer fremden Frau, dachte Jasmin. Und bevor sie sich fragen konnte, warum sie ihr überhaupt antwortete, öffnete sich ihr Mund erneut: „Nein, die gibt es glücklicherweise nicht.“ Ein unkontrolliertes Kichern stieg in Jasmin auf. Weihnachtsgeschenke Polizei. Das war doch mal ein guter Witz.
Inzwischen war die Bedienung an ihren Tisch gekommen, um die Bestellung aufzunehmen, aber Jasmin kämpfte inzwischen mit einem Lachreiz und prustete gleich darauf unkontrolliert los.
Mit den Worten: „Ich komme dann gleich nochmal wieder“, verschwand die Bedienung wieder.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Jasmin sich wieder unter Kontrolle hatte. Mit der Papierserviette, die ihr die alte Dame reichte, wischte sie sich die Lachtränen ab.
„Ach je“, japste sie, „sie müssen mich ja für völlig verrückt halten.“
„Weil sie lachen? Nein. Das war anscheinend mal nötig, dass sie locker lassen. Chillen nennt man das glaube ich heute. Oder verwechsele ich das? Egal. Aber für verrückt halte ich sie schon und zwar weil sie Geschenke kaufen für Menschen, an denen ihnen nichts liegt. Nur, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen.“
Jasmin sah die freundlich lächelnde Dame erstaunt an. „Sie nehmen wohl kein Blatt vor den Mund“, stellte sie fest.
„Warum sollte ich.“
Auf diese Entgegnung fiel Jasmin nichts mehr ein.

In dem Moment trat die Bedienung erneut an ihren Tisch, so dass sie sich von der alten Dame wegdrehte, um ihre Bestellung aufzugeben. Nach all dem Stress an diesem Tag wollte sie es sich mit einem großen Milchkaffee und einem Stück Marzipankuchen gutgehen lassen. Zufrieden sah sie der Bedienung hinterher und drehte sich dann wieder zu der alten Dame.
Aber der Platz, wo diese eben noch gesessen hatte, war leer. Jasmin sah sich suchend um. Ob sie auf die Toilette gegangen war? Aber auch die Kaffeetasse und die Kekskrümel die eben noch auf dem Tisch gelegen hatten, waren verschwunden. Sie hätte es doch gemerkt, wenn so dicht in ihrer Nähe Jemand den Tisch abgeräumt und sauber gemacht hätte.
Als die Bedienung kurz darauf ihre Bestellung brachte, sprach sie sie an: „Wissen sie zufällig, wo die alte Dame hingegangen ist, die hier bis eben gesessen hat?“
Auf einen misstrauischen Blick folgte die Antwort: „Hier hat die ganze Zeit niemand gesessen.“
„Aber ich habe doch mit ihr gesprochen und“, Jasmin lief rot an, „und laut über einen Witz von ihr gelacht. Das müssen sie doch gehört haben.“
„Allerdings.“
Jasmin nickte erleichtert. „Und haben sie nicht doch gesehen, wo diese Dame hingegangen ist?“
„Ich sagte doch, hier war keine Dame am Tisch“, die Stimme der Bedienung klang genervt.
Nun wurde es Jasmin aber auch zu bunt. „Sie haben doch gesagt…“, begann sie.
„Ja, das ich sie lachen gehört habe. Das habe ich gesagt, sonst nichts. Und jetzt entschuldigen sie mich bitte, die anderen Gäste warten. Guten Appetit.“ Mit diesen Worten verschwand sie und nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, hielt sie Jasmin für komplett verrückt.
Was ich ja laut der alten Dame auch bin, schoss es ihr durch den Kopf und sie musste erneut einen Lachanfall unterdrücken. Aber bin ich schon so verrückt, dass ich mir Leute einbilde, die gar nicht da sind?
Gedankenverloren aß Jasmin ihre Marzipantorte und trank ihren Milchkaffee. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Als sie fertig war, holte sie ihre Liste aus ihrer Tasche, zerriss sie in kleine Schnipsel und warf diese mit zufriedenem Gesichtsausdruck in den kleinen Tischmülleimer vor sich.
Dann stand sie auf, griff nach ihren Einkäufen und verließ gleich darauf das Café in Richtung ihres Autos. Sie würde jetzt nach Hause fahren und sich einen gemütlichen Adventsabend gönnen.

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