Das 12. Türchen…

deckblatt

12. Dezember


Das Weihnachtsfest, an dem Mama die Geschenke aus dem Fenster warf

von Julika Szabó (mehr über Julika findet Ihr hier!)

Das Weihnachtsfest, an dem Mama die Geschenke aus dem Fenster warf, ist schon fast das Ende der Geschichte, denn eigentlich fing alles viel früher an.

Schon am 1. Advent hätten wir die ersten Anzeichen bemerken müssen. Wir, das bin ich, mein großer Bruder Leon und unser kleiner Bruder Luca. Ich heiße Maja und bin neun, Leon ist zwölfdreiviertel und Luca ist seit zweieinhalb Jahren auf dieser Welt.
Wir malten wie jedes Jahr unsere Wunschzettel für den Christkind-Briefkasten. Na ja, eigentlich war ich die einzige, die malte und schrieb. Luca kann nämlich nur krakeln und Zettel zerreißen. Leon weigerte sich, den bescheuerten Babykram mitzumachen und surfte stattdessen im Internet, um einen Online-Wunschzettel zu erstellen. „Ich will endlich eine Playsi. Sonst ziehe ich zu Lukas.“
„Vergiss es, so was kommt nicht ins Haus“, rief Mama aus der Küche zu ihm rüber und telefonierte dann weiter mit Oma. Diese wiederum telefonierte stundenlang mit Ulrike, Mamas Schwester, die dann ihre Schwägerin anrief, um dann wieder stundenlang mit Mama zu telefonieren. Und statt des Adventskaffees trank Mama einen doppelten Schnaps, obwohl sie sonst niemals Alkohol trinkt.
„Und?“ fragte Papi.
„Nichts und. Oma steht seit einer Woche in der Küche und backt. Und sie will eine Weihnachtsgans. Annalena ist jetzt Veganerin und bleibt zu Hause, wenn wir weiter Tiere morden. Und Luis hat eine Weizenallergie und deshalb will Ulrike, dass Oma für alle glutenfrei backt. Aber eigentlich soll Luis überhaupt nichts Süßes essen und wir sollen alle aus Solidarität darauf verzichten. Omi Inge kommt nicht, wenn wir Tante Doris einladen. Die wiederum kommt nicht, wenn ihr Bruder Wolfgang kommt. Diese Familie macht mich krank.“

Am 2. Advent ging das Ganze von vorne los. Nix mit Advent oder Vorweihnachtsstimmung. Schon um sechs Uhr morgens klingelte das Telefon. Die erste war Omi Inge, dann Ulrike, Christine, Doris, der Reihe nach und dann wieder rückwärts. Mama borgte sich meine Playmobil-Püppchen aus, um die Sitzordnung neu zu planen. Den ganzen Tag putzte und wirbelte sie, als sei der Staub und Dreck an allem schuld. Am Abend lag Mami dann erschöpft auf dem Sofa, als schon wieder das Telefon klingelte. Es war mein Lehrer, dem Mami versprochen hatte, bei der Weihnachtsaufführung zu helfen. Als sie nach einer Dreiviertelstunde wieder auflegte, war sie kreidebleich.
„Wo soll ich denn bis Mittwoch 24 Elchkostüme, drei Weihnachtsbäume und ein Paar Engelsflügel herbekommen? Und noch eine Live-Band, 50 Liter Punsch und blinkende Weihnachtsmannmützen für die erste bis dritte Klasse.“
„Eine haben wir noch im Keller“, meinte Papa.
„Mach dich bloß nicht über mich lustig. Dir ist das doch alles egal“, schimpfte Mama und goss sich schon wieder einen Schnaps ein.

Am 3. Advent eskalierte die Sache. „Ich streike!“ schrie Mama, als wir alle am Frühstückstisch saßen. „Kein Weihnachten bei uns. Nur wir. Höchstens meine Mutter. Aber sonst niemand. Sollen sie doch alle bleiben, wo der Pfeffer wächst.“
„Und Inge?“ wagte Papa zu fragen.
„Deine Mutter ist doch an allem schuld. Wenn die sich nicht immer mit allen streiten würde…“ Mami und Papi stritten stundenlang, das hatten sie noch nie getan.

Über den 4. Advent mag ich gar nicht mehr reden.
„Keinen Bock auf Kirche“, stänkerte Leon. „Ich bleibe hier.“
„Dann gehen wir eben nicht“, erwiderte Mama teilnahmslos. Ich wäre eigentlich ganz gerne gegangen. Selbst Leon war überrascht, dass sie so früh nachgab, normalerweise ist sie in dieser Beziehung unerbittlich. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie die Schnapsflasche schon zum Frühstück rausgeholt hatte.

Und dann kam die Bescherung am Heiligen Abend. Eigentlich alles wie immer. Weihnachtsbaum, Kerzen, Glöckchen, nur dass wir diesmal sofort die Geschenke auspacken durften, ohne vorher singen zu müssen.
„Boah, wie schlecht. Ein Star Wars Nintendo. Ich wollte eine Playsi“, maulte Leon, obwohl ihm anzusehen war, dass er sich ziemlich freute. Pubertär eben. Jedenfalls hat seine Lehrerin so was gesagt.
Und dann flog das Nintendo aus dem 2. Stock auf die Straße. Ohne jede Vorwarnung. Natürlich nicht von allein, Mami war im Zeitlupentempo aufgestanden, hatte das Fenster geöffnet, als ob sie frische Luft hereinlassen wollte und dann hat sie es einfach so genommen und aus dem Fenster geworfen. Und einige weitere Pakete warf sie kurzerhand hinterher. Eigentlich krass, dass Leon nun doch eins bekommen hatte. Obwohl Mama doch immer geschimpft hatte, dass ihr sowas nicht ins Haus komme. Ist es ja dann auch nicht wirklich. Und dann war Mama plötzlich verschwunden. Doch Papa hatte so eine Ahnung, wo sie sein könnte.
Wir zogen uns an, zündeten Fackeln an und gingen in den Wald. Und Papa hatte mit seiner Vermutung Recht. Mama saß in der Schutzhütte im Wald und weinte.
„Ich wollte es doch nur schön haben“, schluchzte sie.
„Mama, niss weinen, Chrisskind da. Un Weihnachtsmann“, sagte Luca. Und er drückte ihr einen seiner feuchten Schmatzküsse auf die Wangen.
Recht hatte er der kleine Luca. Wir steckten unsere Fackeln in den Waldboden und sangen Stille Nacht, heilige Nacht! Und so war es doch noch ein ziemlich schönes Weihnachtsfest.

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