Das 14. Türchen…

deckblatt

14. Dezember

Weihnachten in Weihnachtsnot
von Julian Vergin

Leise und behutsam senkte sich eine Schneeflocke nach der anderen hinab, um sich zu ihren Brüdern und Schwestern zu gesellen. Gemeinsam bildeten sie eine samtig-weiche Decke, in der sich auch das kleinste Lichtlein strahlend widerspiegelte.
Verzückt schaute der Weihnachtsmann Junior aus dem Fenster des Hauses, welches seinem Vater dem Weihnachtsmann gehörte. Der Weihnachtsmann, wie ihr alle wisst, beschenkt die Kinder dieser Welt, jung und alt, groß und klein. Sein Sohn hingegen hat es sich zur Aufgabe gemacht den großen Kindern, Erwachsene genannt, eine Freude zu bereiten.
Aber ab und an schlich er sich zu seinem Vater. Um zu sehen was all die Kinder sich wohl dsc_0032dieses Jahr wünschen mochten. Und wie auch im Jahr zuvor, konnte er sich auch jetzt nicht zurück halten.
Doch was er in der Werkstatt vor fand war nicht sein Vater, der Spielzeugwünsche an seine Wichtel verteilte.
Lediglich ein halbes Dutzend der eifrigen Helfer waren hier am werkeln…
Verdutzt wandte der Junior sich in Richtung des Büros vom Weihnachtsmann.
Sein Vater mochte es nicht, wenn er das sagte und jedes Mal brummelte er gutmütig: „Ich bin kein Geschäftsmann, also brauche ich auch kein Büro. Schließlich verkaufe ich nicht, sondern schenke!
Das hier ist mein Denkzimmer.“
Und dort, in seinem großen Ohrensessel in einer Ecke des Raumes, saß der weise und freundliche Mann.
Jedoch wirkte er nicht besonders fröhlich, sondern vielmehr niedergeschlagen.
Und was hatte er dort in der Hand? Eine Handvoll Wunschzettel?

Einigermaßen irritiert ging er in die große Backstube, in der es verführerisch nach Zimtsternen, Lebkuchen und anderen Köstlichkeiten duftete.
Inmitten einer riesigen Mehlwolke erblickte er plötzlich seine Mutter, Frau Weihnachtsmann.
„Hallo Mama, das sieht ja toll aus!“
„Ach was, nur die üblichen Kleinigkeiten“ sagte sie zwinkernd.
Er lächelte, doch das verblasste schnell wieder.
„Duu? Weißt du was mit Papa los ist? In der Werkstatt ist kaum Betrieb und das kurz vor Weihnachten!!“
„Ja, ich weiß. Dein Vater hat ein paar sehr schwierige Wunschzettel bekommen…“
„Schwierige Wunschzettel?“ Fragend schaute er sie an. Das Schwierigste was er bei den Geschenken für die Kinder erlebt hatte, war die Frage, ob das Polizeiauto noch grün oder schon blau werden soll…
„Nun mein Junge, es gibt immer mehr Kinder, die sich von ihren Eltern vernachlässigt fühlen. Deshalb wünschen sie sich mehr Zeit mit ihnen. Ich habe schon befürchtet, dass das bald passieren wird“ erzählte sie ihm traurig.
„Das ist wirklich schwer!“ staunte der Junior, „Aber warum haben die Eltern denn keine Zeit mehr? Gibt es denn etwas schöneres, als das fröhliche Lachen eines glücklichen Kindes zu hören?“
„Das dachte ich auch“, meinte Frau Weihnachtsmann, „aber die Zeiten haben sich anscheinend geändert.“
„Rentierdreck und zerbrochene Lutscherstange! So was habe ich in meinen ganzen 124 Jahren noch nicht erlebt!“ wetterte der Junior aufgebracht.
„Aber so ist es leider…“ entgegnete sie sanft.
„Ich rede mit Vater. Irgendetwas muss man doch tun können!“
Mit diesen Worten marschierte er aus der Backstube und wieder in Richtung Büro… Verzeihung, in Richtung Denkzimmer natürlich.

Dort angekommen klopfte er an die Tür.
Als keine Antwort kam klopfte er erneut, diesmal etwas lauter.
Schwach hörte er ein „Herein“ durch die schwere Eichentür dringen.
Langsam öffnete er die Tür und sah den Weihnachtsmann unverändert in seinem Sessel sitzen.
„Papa, alles in Ordnung?“
Traurig schaute dieser ihn an.
„Ach Junge, die Aufgabe als Weihnachtsmann ist wirklich schön, aber manchmal ist es nicht einfach. Heutzutage muss alles immer schnell gehen und alle Menschen haben soo viel zu tun und müssen sonst wie erfolgreich in ihren Jobs sein. Und bei all dem Treiben nehmen sie sich dann nicht unbedingt genug Zeit für ihre Kinder.
Daher fühlen diese sich zu Recht benachteiligt und wünschen sich von mir, dass ihre Eltern mehr für sie da sind. Aber wie soll man das denn machen??“
Der sonst so muntere und immer für einen Scherz zu begeisternde Mann, sackte noch etwas mehr in sich zusammen. Nachdenklich schaute der Junior aus dem Fenster und beobachtete das Schneetreiben.
Eine Flocke nach der anderen fiel langsam zu Boden, während es in seinem Kopf unermüdlich arbeitete. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er klatschte sich mit der Hand an die Stirn.
„Natürlich, das ist es! Wichtelohr und Zwirbelbart, ich hab’s!“
Aufgeregt sprang er zu seinem Vater, um ihn von seiner Idee zu berichten.
Und während der Weihnachtsmann lauschte, verwandelte sich das traurige Gesicht in ein Strahlen freudiger Erregung.

Am Heiligabend war es dann soweit. Wie immer bekamen die Kinder zuerst ihre Geschenke, schließlich mussten sie auch früher schlafen gehen.
Der Weihnachtsmann verteilte Puppen, Spielzeugautos und viele andere schöne Dinge.
Natürlich freuten sich die Kinder, aber manche fragten ihn auch mit großen Augen „Lieber Weihnachtsmann, was ist denn mit meinem anderen Wunsch?“.
Und mit einem Zwinkern antwortete er „Keine Sorge, bald werden sie mehr Zeit für euch haben!“.

Nach dem Weihnachtsmann kam sein Sohn, um den Erwachsenen die Geschenke zu bringen.
Sie bekamen ihre Kochtöpfe und Krawatten, elektrische Messer und was sie sich noch gewünscht hatten. Doch in diesem Jahr bekamen alle Eltern noch eine magische Schneekugel.
Sie zeigte ihnen, wie glücklich sie selbst waren, immer wenn ihre Eltern sich Zeit für sie nahmen und wie auch ihre Kinder sich freuten.
Manche waren gerührt, die anderen von sich selbst schockiert, doch alle gingen zu ihren Kindern, drückten sie und sagten, dass sie sie liebten. Sie nahmen sich mehr Zeit für sie, spielten und alberten mit ihnen.
Und so wurde es noch ein wunderbares Fest voll Liebe, Besinnlichkeit und Zusammenhalt.

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