Das 16. Türchen…

deckblatt

16. Dezember

Ich mag Weihnachten nicht. Oder doch?
Frau Vro (vro jongliert)

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Weihnachten noch mag. Gewiss ist nur, dass Weihnachten besser und schöner und magischer war, als ich ein Kind war.
Heute bin ich erwachsen. Ich habe eine Familie und Kinder. Einen Haushalt dazu. Die Vorweihnachtszeit bedeutet Routine wie immer mit erschwerten Bedingungen. Ich soll mir Geschenke überlegen. Wer bekommt was? Was koche ich an den Feiertagen? Wann kaufe ich was ein? Ich will nicht in die Feiertags-Rush-hour geraten. Wann besorge ich die Geschenke? Muss ich zu Weihnachtsfeiern gehen? Will ich das? Tanten, Onkel und Großeltern fragen mich, was für die Kinder passend wäre? Ich organisiere, besorge, verteile um. Ich mag Weihnachten nicht mehr. Weihnachten ist ein großes logistisches Ereignis, das nur Geld kostet.
Wer hat diesen Spruch mit der stillen, besinnlichen Zeit aufgebracht?
Ich habe so viel zu tun wie nie. Ich mag es so wenig wie kaum jemals sonst.

Als Kind war das besser. Da kam das Christkind. Es brachte Geschenke. Wundersamerweise war immer etwas dabei, was ich mir gewünscht hatte. Das Christkind entzündete die Kerzen. Alles roch nach frischem Tannengrün und Bienenwachskerzen, der zarte süße Duft von Weihnachtskeksen mischte sich dazu. Es herrschte eine emsige vroniBetriebsamkeit. Wir Kinder wurden schon am Nachmittag in die Badewanne gesteckt, später würde keine Zeit mehr bleiben. Warum wusste das die Mama immer so genau? Dann kam die Bescherung. Nach der Bescherung wurde das Abendessen gekocht. Wir Kinder halfen mit oder machten es später dann überhaupt ganz alleine, weil die Eltern die Stallarbeit zu erledigen hatten. Danach kam das Essen, meist war die Zeit schon knapp, damit wir noch rechtzeitig in die Mette kamen. Und nach der Mette ging es schon auf Mitternacht zu. Aber wir Kinder waren noch immer aufgekratzt, spielten mit den neuen Spielen und Sachen, bis wir endlich müde ins Bett sanken. Noch hing der Rauch der ausgepusteten Kerzen in der Luft.

Ich bin kein Kind mehr. Ich organisiere jetzt selbst. Das Christkind bin ich! Mein Jüngster will immer noch daran glauben. Auch wenn eine Schulkollegin sagt, dass die Eltern die Geschenke unter den Baum legen. Aber die ist total blöd, die weiß gar nichts, sagt mein Kind. Und ich seufze und weiß nicht, was ich antworten soll. Ich will den Zauber noch nicht zerstören. Danach ist alles anders. Danach ist Weihnachten ein Stück kleiner.
Ich mag Weihnachten nicht. Ich will mich zurückziehen und still werden. Aber niemand lässt mich. Ich soll einen Adventkranz binden, selbst das ödet mich an. Ich soll kaufen und dekorieren. Es nervt. Ich werde immer böser und grantiger.

Doch dann wird es draußen kalt. Vielleicht fällt der erste Schnee und dämpft alle Geräusche. Plötzlich wird es still. Die Menschen fluchen über die Glätte auf den Straßen und über die Kälte. Aber es wird endlich still. Ich suche in den Kisten nach Kerzen. Auf einmal bin ich nicht mehr so böse. Ich hänge meine gestrickten Christbaumkugeln auf, wechsle das Venedig-Puzzle gegen ein Winterdorf-Puzzle aus. Der Adventkranz auf dem Esstisch steht irgendwie immer im Weg, aber das macht auf einmal gar nichts mehr. Ich koche Tee für alle und nicht mehr nur für mich allein. Im Rohr braten die Äpfel mit ihrer süßen Nuss-Marmelade-Füllung. Die Kinder gehen Schlittschuh laufen. Ich mache lange Spaziergänge im Wald. Neben mir plätschert ruhig der Fluss. Die Sterne glitzern auf einmal so viel heller.
Vielleicht mag ich Weihnachten doch ein kleines bisschen.

Ich suche nach seiner Bedeutung. Was ist Weihnachten für mich? Vor langer Zeit wurde ein Kind geboren. In einem Stall. Dann kamen die Hirten und wollten das Kind sehen. Sie brachten Geschenke, wie man auch heute Geschenke bringt, wenn ein Kind geboren wird. Zwar meistens in der grell sterilen Umgebung eines Krankenhauses, jedenfalls kennen wir das so, aber Geschenke werden gebracht. Das Kind wird betrachtet und bestaunt. Vergleiche werden angestellt, wem es ähnlich sieht. Ganz die Mama! Ganz der Papa! Und möglicherweise tippt jemand mit dem Finger leicht an die Nase des kleinen Wunders, damit es Glück habe. Ein Kind ist geboren. Was für ein Wunder! Kinder sind die Zukunft. Unsere Kinder tragen das Leben weiter. Weihnacht – eine geweihte Nacht ist das. Jedes Mal, wenn ein Kind die Welt erblickt, ist das ein geweihter Augenblick.
Ich mag Weihnachten vielleicht doch.

Die Feiertage sind verplant mit Weihnachtsbesuchen. Die Familie sitzt beisammen. Viel essen und trinken. Reden und lachen. Die Gedanken gehen zu denen, die nicht mehr da sind. Das tut weh. Weihnachten ist die Zeit, wo alle ein wenig näher zusammen rücken. Das ist nicht nur schön, das ist auch manchmal anstrengend und tut auch manchmal weh. Sehnsucht kommt dazu. Nach was eigentlich?
Aber das gehört auch zu Weihnachten.
Ich backe Vanillekipferl. Wir hören Weihnachtslieder. Die Kinder schauen sich Filme an. Am Fensterbrett flackert eine Kerze. Die Geschenke verstecke ich bis zum Heiligen Abend im Keller. Der Ältere verteilt mit den Pfadfindern das Friedenslicht in der Umgebung. Irgendwann machen wir die Tür hinter uns zu und sind ganz für uns. Mein Mann, die Kinder, ich.
Jetzt wird es endlich Weihnachten. Und ich mag es doch.

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