Das 17. Türchen…

deckblatt

17. Dezember

Christmas-Cool-Man
von Nicole Vergin

Es war kurz nach Weihnachten. Alle Geschenke waren ausgepackt, vieles schon wieder umgetauscht oder lieblos in die Ecke gestellt. Auf den Sammelplätzen türmten sich traurige Weihnachtsbaumgerippe. In einem Häuschen am Nordpol, hockte ein älterer Mann mit grimmigem Gesicht am Kamin. Die Tür vom Nebenraum öffnete sich und ein Weihnachtswichtel steckte vorsichtig seine Nase herein.
„Weihnachtsmann?“, wisperte er.
„Lass mich in Ruhe!“, knurrte der zurück.
Blitzschnell verschwand der Wichtel wieder. In so einer Stimmung hatte den Weihnachtsmann noch niemand erlebt. Sonst war er immer gemütlich und guter Dinge. Es lag an dem letzten Weihnachtsfest. Die Zeiten für Weihnachtsmann, Nikolaus – ja, sogar für den Osterhasen – waren schlecht. Immer weniger Kinder interessierten sich für sie und manche lachten sie sogar aus. Das eine oder andere Kind konnten sie noch überzeugen, aber die meisten drehten ihnen den Rücken zu und hockten sich lieber vor den Computer. Der Weihnachtsmann war ihnen nicht cool genug.
Nein, er hatte die Schn… Verzeihung, die Nase gestrichen voll. Ab sofort würde er in Rente gehen! Sollten sie doch sehen, wo die Geschenke herkamen. Seinetwegen konnten sie zu Weihnachten auch den Osterhasen engagieren – ihm war´s gleich.
Gedacht, getan. Der Weihnachtsmann ließ sich im Rentierschlitten in die nächste Stadt bringen, um sich dort ein Rentenantragsformular zu besorgen. In seinem besten Alltags-Nadelstreifen-Anzug schritt er durch die kahlen Gänge der Behörde, suchte das Zimmer auf dem die Buchstaben W-Z für die Nachnamen stand, klopfte höflich, trat ein und bat um das Formular.
„Kein Problem“, sagte der Beamte. „Bitten füllen sie das Formular vollständig aus. Vergessen sie ihre Handynummer und ihre E-Mail Adresse nicht. Geben sie mir dann noch ihren Personalausweis und ich werde sehen was ich für sie tun kann.“
„Handy, E-Mail…?“, stotterte der Weihnachtsmann. „Hab ich alles nicht. Genügt nicht meine Postadresse?“
Der Beamte sah ihn misstrauisch an. „Ja, im Notfall reicht das aus. Wo wohnen sie denn?“
Der Weihnachtsmann war erleichtert. „Am Nordpol, Eisige Gasse 1, direkt neben dem Haus der Weihnachtswichtel.“
Sein Gegenüber riss die Augen auf. „Darf ich fragen, wie ihr Name lautet?“
„Weihnachtsmann.“
Die Geschichte endete damit, dass man ihn wegen Veralberung einer Behörde rausschmiss.

Nach dieser Demütigung verkroch sich der Weihnachtsmann ein paar Tage in seinem Haus, dann fasste er einen Entschluss. Schnell rief er alle Weihnachtswichtel zu sich.
„Hier wird sich ab sofort einiges ändern!“, rief er ihnen zu.
„Aber hier kann sich nichts ändern“, wehrten sich besonders die älteren Wichtel. „Seit Jahrhunderten ist hier alles so wie heute.“
„Genau darum geht es“, dröhnte der Weihnachtsmann. „Wir sind altmodisch, langweilig und nicht auf dem neuesten Stand der Dinge. Kein Wunder, dass sich Niemand mehr für uns interessiert. Aus diesem Grund werden wir uns ein Update verpassen. Wir fangen damit an, dass ich künftig der Christmas-Cool-Man bin.“
Die Wichtel sahen sich verstört an.
„Hat er den Verstand verloren?“, „Vielleicht ist er auf den Kopf gefallen?“ – so und ähnlich wisperten sie untereinander.
Bevor sie sich jedoch weitere Gedanken machen konnten, fuhr der Weihnachtsmann mit seinen Erklärungen fort.
„Bis zum nächsten Weihnachtsfest werde ich eine Diät machen, damit ich an Heiligabend rank und schlank bin. Dann brauche ich ein Smartphone und eine B-Mehl Adresse.“
„E-Mail Adresse“, riefen die Wichtel lachend im Chor.
„Egal“, brummte der Weihnachtsmann. „Dann eben die!“

Gesagt, getan. In den kommenden Wochen hielt am Nordpol, in der Eisigen Gasse 1, die Technik Einzug. Der Weihnachtsmann und alle Wichtel wurden mit Smartphones und Laptops ausgestattet. Die sonst so ruhige Weihnachtswerkstatt war nun erfüllt vom Schrillen, Piepen und Klingeln der Geräte. Was die alten Wichtel mit Besorgnis erfüllte, ließ die jüngeren unter ihnen zur Höchstform auflaufen.
Herbert, der Spielzeug-Anstreich-Wichtel, legte sich eine Basecap zu, die er verkehrt herum auf seinen Kopf stülpte, nannte sich Hörb-Män und fragte ständig jeden: „Hey, was geht ab?“
Obwohl sie sonst zu Beginn des Jahres schon mit der Spielzeugproduktion für das kommende Fest begonnen hatten, bastelten sie nun die ganze Zeit an dem neuen Technikkram herum. Am schwersten tat sich hierbei der Weihnachtsmann persönlich. Offensichtlich war es gar nicht so einfach, cool zu sein.
Eines Morgens sprintete er in die Werkstatt – dank seiner Obst-Gemüse-und-sonstige-gesunde-Sachen-Diät hatte er schon einiges abgenommen und war entsprechend schneller geworden – und hielt seinem Oberwichtel Willifred aufgeregt sein Smartphone unter die Nase.
„Ich soll eine WatzAb einrichten!“
Die jüngeren Wichtel wälzten sich vor Lachen auf dem Boden.
„WhatsApp heißt das“, erklärte ihm Hörb-Män, „damit kannst du kostenlos Nachrichten versenden.“ Flink zückte er sein eigenes Smartphone und zeigte dem staunenden Weihnachtsmann, wie so eine Nachricht aussah.
„Das will ich auch!“, rief dieser und drückte dem verdutzten Wichtel sein Smartphone in die Hand.

Den älteren Wichteln war jedoch das Lachen in der Zwischenzeit gründlich vergangen. Wer sollte denn nun die Geschenke für den Heiligen Abend vorbereiten? Und wie würde Weihnachten künftig überhaupt aussehen?
„Vielleicht bestellen wir die Geschenke nur noch über das Internet und lassen sie dann mit der Post zustellen!“, malte Bernhard, der Dienstälteste Wichtel, sich die weihnachtliche Zukunft in den düstersten Farben aus.
Die anderen Wichtel zuckten zusammen. „Braucht er uns dann überhaupt noch?“, fragten sie sich aufgeregt.
Ja, das war eine gute Frage. Eine Weihnachtswerkstatt, in der keine Geschenke mehr hergestellt wurden, brauchte auch keine Wichtel mehr.
„Da können wir ja gleich die Rentiere verkaufen“, grummelte Hugo, dessen Laune außerhalb der Weihnachtsfeiertage sowieso immer schlecht war.
„Aber wir müssen doch etwas tun können, um unseren Chef davon zu überzeugen, dass man die alten Traditionen nicht alle über Bord werfen muss“, meinte Bernhard und wuschelte nachdenklich mit den Fingern in seinem weißen Bart herum, so dass der aussah wie ein Vogelnest.
„Wir müssen die Kinder mit ins Boot holen“, piepste es von der Tür herüber. Unbemerkt von allen hatte sich Monti, einer der Jungwichtel, in den Raum geschlichen.
„Was willst du denn!“, schnauzte Hugo den kleinen Wichtel an.
Bernhard legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Nun lass ihn doch mal. Anscheinend hat er eine Idee. Oder hast DU eine?“ Mit sanften Augen sah er den wütenden Wichtel an.
„Nö“, machte dieser und quetschte sich noch ein, „Tschuldigung“, raus, ohne Monti jedoch ins Gesicht zu sehen.
„Also“, begann dieser, während er aufgeregt an seinem grünen Wams herum zuppelte, „ich mag ja auch mal Nachrichten mit dem Smartphone verschicken oder an meinem Laptop spielen. Aber nur das…“ Er ließ offen, was er noch dazu dachte. „Egal“, fuhr er fort, „wichtiger ist: ich mag Weihnachten! Und zwar so, wie es immer war. Mit einem Weihnachtsbaum und einem Weihnachtsmann, der Geschenke bringt. Und ich mag den Schlitten mit den Rentieren. Das Glockengeläut…“
Bevor er sich in weiteren Details verlieren konnte, strich Bernhard ihm lachend über den Kopf: „Wir verstehen schon – du möchtest, dass Weihnachten so wie immer gefeiert wird.“
Monti nickte strahlend.
„Aber wie sollen wir das hinbekommen? Du hast doch am letzten Heiligen Abend gesehen, wie wenig sich die Kinder für all das interessieren“, gab Hugo nun schon freundlicher gestimmt zu bedenken.
„Deshalb müssen wir sie auf unsere Seite holen.“
„Und wie?“ Bernhards Bart war mittlerweile völlig zerwühlt.
„Wir nutzen den ganzen Technik-Schnick-Schnack, den der Weihnachtsmann doch unbedingt haben will. Weil er denkt, dass er dann cool ist und die Kinder ihn wieder mögen. Ich habe da etwas entdeckt, das nennt sich youtube. Da kann man Filme einstellen und wenn man Glück hat, gucken sich das Menschen auf der ganzen Welt an.“
„Jutjub?“, „Film?“, „Quatsch!“, solche und ähnliche Worte prasselten auf Monti ein.
Nur einer, der Dienstälteste und weiseste aller Wichtel setzte sich still auf einen Stuhl und dachte nach. Und wenn Bernhard nachdachte, kam meistens etwas Gutes dabei heraus.

Bereits zwei Stunden später fand eine außerordentliche Wichtelversammlung statt. Alle waren zusammen gekommen, so dass die Weihnachtswerkstatt bis auf den letzten Winkel gefüllt war.
In der Ecke bullerte ein Kachelofen und alle Wichtel, die in seiner Nähe saßen bekamen nach und nach rotglühende Wangen. Bernhard, dem im Alter immer mehr die Kälte in die Knochen kroch, hatte es gut gemeint. Schließlich war es draußen noch Winter und die Schneemassen, die sich vor den Fenstern türmten strömten eine eisige Kälte aus.
„Hiermit erkläre ich die 5.678. außerordentliche Wichtelversammlung…“ Bernhards Worte gingen in dem allgemeinen Gewimmel unter.
Wie schon in den anderen 5.677 Wichtelversammlungen zuvor, stieg Hugo auf einen zweistufigen Tritt und brüllte: „Heiliger-Abend-Erster-und-Zweiter-Weihnachtstag-Ruhe-ist-jetzt-angesagt!“
Schlagartig verstummten Alle und sahen mit großen Augen auf Bernhard.
„Danke“, nickte dieser Hugo zu.
„Dass ich aber auch immer erst laut werden muss“, brummelte dieser in seinen grauen Bart.
„Also, ihr wisst, dass der Weihnachtsmann Veränderungen plant, weil er glaubt, dass die Kinder das altmodische Weihnachten nicht mehr wollen.“
Alle nickten, einige warfen ein leises „Ein paar Änderungen haben noch niemandem geschadet“, dazwischen.
„Wir, die Dienstältesten Wichtel haben darüber beratschlagt und wollen nun von euch wissen: wollt ihr tatsächlich, dass Weihnachten künftig ohne einen schön geschmückten Weihnachtsbaum, ohne liebevoll verpackte Geschenke, ohne Rentiere …“
Je weiter er mit seiner Aufzählung kam, umso stiller wurden selbst die Jungwichtel, die anfangs noch recht vergnügt gewirkt hatten.
„Das wäre ja dann ALLES anders“, fasste es Monti zusammen, nachdem eine Weile keiner etwas gesagt hatte.
Bernhard nickte und sah sich im Kreise der Wichtelschar um. Nachdenklich wirkten sie. Nachdenklich und irgendwie traurig.
„Ich würde sagen, dass wir abstimmen. Wer ist dafür, dass wir mit der Zeit gehen und alles am nächsten Heiligen Abend anders machen?“
Zwei, drei, vier Hände gingen in die Luft.
„Und wer möchte, dass es zwar hin und wieder ein paar Änderungen gibt, aber das meiste so bleibt wie es immer war?“
Zufrieden sah Bernhard zu, wie sich fast alle Wichtelhände in die Höhe erhoben. Einige hatten sich weder zuvor noch jetzt gemeldet, aber das war auch in Ordnung. Schließlich herrschte bei den Wichteln Demokratie und Meinungsfreiheit.
„Das ist ja alles gut und schön“, grummelte Hugo mitten in die muntere Wichtelgesellschaft hinein. „Aber ich verstehe immer noch nicht, was wir nun tun können, um die Meinung des Weihnachtsmannes zu ändern.“
Auch auf anderen Gesichtern sah Bernhard Fragezeichen. Auf eine Handbewegung hin, trat Hörb-Män nach vorn, klappte seinen Laptop auf und sagte: „Eigentlich bräuchten wir ja noch einen Beamer. Dann könnte ich euch das folgende in ganz groß zeigen, aber Bernhard hat gesagt…“
„Komm zur Sache“, riefen einige, „wir wollen hier nicht Wurzeln schlagen.“
Hörb-Män lief rot an. „Schon gut. Also, ich zeige euch hier mal Filme aus dem Internet. Youtube nennt sich das Ganze…“
Und schon flimmerte eine witzige Szene über den Bildschirm und zog die Blicke der Wichtel, für die das noch unbekannt war, auf sich.
„So“, fuhr Bernhard anschließend fort, „nachdem Ihr euch nun alle ein Bild gemacht habt, komme ich zu meinem Plan. Wir sagen dem Weihnachtsmann, dass er für sein neues Weihnachten Werbung machen muss und dass sich dafür am besten ein Film eignen würde. Er schaut sich übrigens gerade selber welche auf youtube an, damit wir ihn dann hoffentlich schneller überzeugen können. Der Film wird alles zeigen, was es künftig nicht mehr geben soll. Und dann hoffe ich, dass die Kinder das sehen und sich das alte Weihnachtsfest zurückwünschen.“
„Na, hoffentlich wird das was“, grummelte der ewig pessimistische Hugo. Aber die anderen Wichtel sahen begeistert aus. Bernhard ließ sich zufrieden auf einen Stuhl plumpsen. Nun galt es also, einen Film zu drehen, der die Kinder auf der ganzen Welt von ihrer Art Weihnachten zu feiern, überzeugen würde.

Pardauz!
Noch bevor die Wichtel weiter planen konnten, passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Die Tür wurde aufgerissen, der Weihnachtsmann stolperte der Länge nach hinein und an seinem Bein hing der Wichtel, der eigentlich Schmiere stehen sollte.
„Tschuldigung“, murmelte der, nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, „ich war wohl ein bissel eingenickt…“ Verlegen zupfte der kleine Kerl an seinen rot-geringelten Socken herum.
Noch bevor ein anderer etwas sagen konnte, hüpfte der Weihnachtsmann ausgelassen herum und rief: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen drehe ich für youtube einen Film! Ach wie gut, dass bald jeder weiß, dass ich Christmas-Cool-Man heiß!“
Nach einer Weile hörte er auf zu hüpfen und sah sich um. „Was ist hier eigentlich los? Eine Versammlung? Egal, es ist umso besser, dass ich euch alle hier antreffe. Hörb-Män, welch coole“, für einen Moment blickte er stolz in die Runde, „welch coole Idee, mir dieses youtube zu zeigen. Was man da alles machen kann.“ Er ruderte vor Aufregung mit den Armen. „Da gibt’s Leute, die singen und tanzen und manche zeigen irgendwelche komischen Turnübungen – es ist fantastisch!“
Die Wichtel grinsten sich an und taten auf einmal sehr geheimnisvoll.
„Ich will jetzt auch einen Film drehen!“, schloss der Weihnachtsmann seine Ausführungen.
„Das ist ja einfacher, als ich dachte“, flüsterte Bernhard Monti zu, der genau wie alle anderen erleichtert aussah, dass es erst gar nicht nötig war, den Weihnachtsmann von ihrem Plan zu überzeugen.

In den kommenden Tagen ging im Haus des Weihnachtsmanns alles drunter und drüber. Da wurde diskutiert, geplant und vorbereitet. Es war erstaunlich, wie viel Arbeit in so einem Film steckte.
Aber schließlich und endlich war es soweit. Der Film über den Christmas-Cool-Man und seine neue Art Weihnachten zu feiern war fertig! Monti und Hörb-Män übernahmen es, das Werk hochzuladen und im Internet bekannt zu machen. Selbstverständlich hatten sie zu diesem Zweck dem neuen Weihnachtsmann eine facebook Seite eingerichtet. Monti postete den Link für ihren Film, damit möglichst viele ihn sehen würden. Einige der Jungwichtel, die schon länger bei facebook waren und bereits Freunde hatten, teilten die Nachricht und drückten natürlich auch den like Button.
„Mmm“, machte Bernhard nachdenklich, während er mal wieder seinen Bart zerwühlte.
„Was ist denn?“, fragte Hugo ihn.
„Es ist komisch“, entgegnete dieser, „eigentlich haben wir das ja nur gemacht, um die Welt davon zu überzeugen, Weihnachten wie immer zu feiern. Aber irgendwie hat es auch Spaß gemacht und ich bin schon ganz aufgeregt, wenn ich daran denke, dass wir gleich das erste Mal den Film on… on…“
„Online“, half Monti ihm weiter.
„Richtig, online sehen können. Vielleicht ist doch nicht alles schlecht an diesem Technikkrams…“
Der kleine Monti nickte und sah dabei sichtlich zufrieden drein.

Und dann war der große Moment gekommen. Alle Wichtel hatten sich wieder einmal in der Weihnachtswerkstatt versammelt.
Der Weihnachtsmann kam als letzter herein und versuchte in seinem nagelneuen Jogginganzug so würdevoll wie möglich zwischen den anderen Platz zu nehmen. Ein Anblick, der bei einigen Wichteln für unterdrücktes Gelächter sorgte. Hörb-Män klickte währenddessen die Datei mit dem Film an und dann begann das Spektakel.
Sportlich und beinahe schon dynamisch sprang der selbsternannte Christmas-Cool-Man ins Bild. Genau wie seine ihn umringenden Wichtel trug er eine Basecap verkehrtherum auf seinem weißen Haar.
„Hey, was geht ab, Leute“, rief er in die Kamera. Und dann rappte er los: „Heute back ich, yeah, und Morgen brau ich, yeah…“ Die Wichtel und selbst der Weihnachtsmann brachen in tosendes Gelächter aus, so dass sie glatt den Rest des Textes übertönten.
Da war Hörb-Män, wie er die Rentiere aus dem Stall trieb und sie frei ließ. Und da hopste Monti in einer viel zu weiten Hose, deren Mitte bis zu seinen Knien runterhing durchs Bild. Gemeinsam mit Bernhard zersägte er einen geschmückten Tannenbaum und warf ihn in den Kamin. Und der Christmas-Cool-Man persönlich schmiss vor aller Augen seine Weihnachtsmann Kleidung inklusive der schönen roten Mütze mit dem weißen Bommel in einen Altkleider Container.
Die letzte Einstellung zeigte ihn in einem Liegestuhl am Strand, Palmen um ihn herum und in seiner Hand hielt er einen Cocktail.
„Prost“, rief er, „auf ein neues Weihnachtsfest!“
Weit und breit sah man weder Geschenke, noch Rentiere und auch keine Wichtel mehr.
Es war still geworden in dem kleinen Raum. Auf einmal war niemandem mehr zum Lachen zumute. Nicht einmal dem Christmas-Cool-Man. Mit Mühe rang er sich ein Lächeln ab.
„Yeah, toll gemacht.“ Er hielt ihnen seine großen Hände zum Abklatschen hin. Aber kein Wichtel rührte sich. Es war mucksmäuschenstill. Nur der Laptop ließ ein leises Surren erklingen.

„Du guckst ja schon wieder auf die youtube Seite!“
„Hast du mich erschreckt“, entgegnete der Weihnachtsmann, während er Bernhard einen grimmigen Blick zuwarf.
„Hier tut sich einfach nichts“, jammerte er, „nur ein paar Leute haben bisher unseren Film gesehen. Und auf meiner facebook Seite sieht es nicht anders aus.“
„Das dauert ein wenig“, unbemerkt hatte Monti das Zimmer betreten.
„Aber mein Film sollte doch um die ganze Welt gehen!“
„Das wird er bestimmt auch, aber es ist wie bei einer Schneelawine.“
„Schneelawine?“
„Ja, die kann auch mit wenig Schnee beginnen. Und dann rollt die Kugel einen Berg hinunter und wird größer und größer. Weil immer mehr Schnee an ihr kleben bleibt.“
„Da hörst du es. Also hab ein wenig Geduld!“, mahnte Bernhard.

Die Tage schleppten sich dahin und die sonst so fröhliche Stimmung in der Eisigen Gasse 1 wurde zusehends frostiger. Jeder versuchte sich so gut es ging, abzulenken. Die Wichtel überboten sich gegenseitig im Schnee schippen. Eine Arbeit, um die sie sich sonst immer gedrückt hatten. Einige bastelten sogar Geschenke, obwohl sie nicht so recht wussten wofür. Und die Rentierställe waren nie sauberer gewesen, als in dieser Zeit.
Bis an einem eisigkalten Morgen Hörb-Män mitsamt einem Schwung Schnee zur Tür herein purzelte. „Hey Leute – seht euch das an!“
Er wühlte sich aus dem Schneeberg heraus und hielt den Wichteln und dem Weihnachtsmann, die sich um ihn geschart hatten, sein Smartphone unter die Nasen.
„2.375 Klicks“, verkündete Hörb-Män stolz.
„Klicks?“ Der Weihnachtsmann zog seine Stirn in Falten.
„Das bedeutet, dass so viele Leute unseren Film gesehen haben!“ Monti strahlte ebenso wie alle anderen.
„Yippieh“, rief der Weihnachtsmann ausgelassen. Und dieses Mal wollten alle mit ihm abklatschen.

Von diesem Moment an ging ihr Film tatsächlich um die Welt. Anfangs schienen sich die Meisten über ihn zu amüsieren, aber an den geposteten Nachrichten auf facebook erkannten sie, dass die Menschen, ob groß oder klein, irgendwann begriffen, dass es Weihnachten, so wie sie es gewohnt waren, künftig nicht mehr geben sollte. Erst vereinzelt, dann immer mehr posteten sie auf facebook: „Soll das künftig Weihnachten sein?“, „Wo sind die Wichtel?“ und letztlich sogar „Wir wollen unser altes Weihnachten zurück!“
Als der Weihnachtsmann die Einträge las, musste er sich ein paar Tränen von seinem faltigen Gesicht wischen.
„Siehst du“, meinte Bernhard, „du hast die Menschen unterschätzt. Manchmal müssen sie nur ein wenig aufgerüttelt werden.“
Der Weihnachtsmann nickte, stand auf und holte aus einer Truhe seine Weihnachtsmann Bekleidung hervor. Liebevoll umfasste er den weißen Bommel seiner roten Mütze und nickte dem alten Wichtel zu.
„Kannst du bitte dafür sorgen, dass es in die Reinigung kommt? Ich glaube, ich brauche es am nächsten Heiligen Abend.“
Und dann warf er mit Schwung das Rentenantragsformular in den Kamin, wo die Flammen sich darauf stürzten und es gierig verschlangen. Das brauchte er nun wirklich nicht mehr!

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