Das 21. Türchen…

deckblatt

21. Dezember

Lichter in der Nacht – Teil 1 von 4
von Nicole Vergin

Die Hoffnung …

Wochenlang hatten die Kinder auf diesen Moment gewartet. Darauf, dass sich der winterliche Himmel mit Schneewolken schmückte, aus denen die ersehnten Flocken in Zeitlupe auf die Erde fielen und nach und nach alles zudeckten. An diesem Nachmittag war es soweit. Nicht nur die Kinder des kleinen Dorfes in Norddeutschland blieben wie verzaubert auf dem Marktplatz stehen, nach und nach hielten auch die Erwachsenen in der Hektik ihres Alltags inne und richteten ihren Blick hinauf – entrückt nahezu. Sabine streckte ihre Hand aus, fing eine Flocke auf und hielt sie sich dicht vor die Augen. Gebannt schaute sie zu, wie der kleine Eiskristall schmolz, bis nur noch ein winziger Tropfen Wasser zurückblieb. Hastig wischte sie den Tropfen ab, blickte sich kurz um, und schüttelte über ihre rührselige Anwandlung den Kopf.

Mit entschlossenen Schritten ging sie weiter, ohne jedoch auf die umstehenden Menschen zu achten. Beinahe hätte sie ihren Nachbarn, Herrn Krumpholz, umgerannt.
„Herrje, können sie nicht aufpassen?“, rief sie entrüstet.
Genau wie die anderen hatte er bis eben nach oben geblickt und sich offenbar ganz den vorweihnachtlichen Gefühlen hingegeben.
„Was stehen sie hier mitten im Weg?“, fauchte Sabine ihn an.
Vor Schreck wich der ältere Herr einen Schritt zurück und stieß beinahe gegen den Brunnen, der sich mitten auf dem Dorfplatz befand. Mit einem schnellen Griff hielt er sich an den eisernen Pflanzenornamenten fest, die sich kunstvoll um den Brunnen rankten. Einen Moment lang blickte er die junge Frau unter seinen buschigen Augenbrauen hervor an. Der Blick ging ihr durch und durch. Bevor Herr Krumpholz noch etwas erwidern konnte, stolperte Sabine schon von ihm weg und rannte los. Einige Male drehte sie sich im Laufen um und erst, als sie außerhalb seiner Sichtweite war, blieb sie stehen. Nach Luft ringend stemmte sie die Hände in die Hüften und schaute sich abermals um. Wer war dieser Mann, der vor einigen Wochen in das Nachbarhaus eingezogen war?

Lange Zeit hatte dieses Haus leer gestanden. Der Zahn der Zeit hatte ihm den letzten Rest der einstigen Schönheit genommen. Sabine konnte sich noch genau erinnern, wie es in ihrer Kindheit ausgesehen hatte. Das große Fachwerkhaus mit den kleinen Sprossenfenstern erschien ihr immer heimelig. Oft hatte sie in der beginnenden Dämmerung am Fenster der elterlichen Wohnung gestanden, die sich genau gegenüber befand. Teilweise verdeckt von dem Vorhang ihres Zimmers, beobachtete sie, über den blau gestrichenen Gartenzaun hinweg, den Glanz von gemütlich flackernden Kerzen hinter den Sprossenfenstern. Sie stellte sich vor, wie die Familie, es war ein Ehepaar mit einem Mädchen, in der Stube zusammen saß und wie sie vielleicht gemeinsam ein Buch lasen oder `Mensch ärgere dich nicht´ spielten. Vielleicht genossen sie es auch einfach, dass sie zusammen waren.

Im Gegensatz zu dieser Familie gab es in ihrer eigenen nicht viele Gemeinsamkeiten. Ihr Vater war Bäcker, musste jede Nacht um 1.00 Uhr aufstehen, um rechtzeitig in der Backstube den Ofen vorzuheizen. Wenn er mittags nach Hause kam, fiel er ins Bett und wollte seine Ruhe haben. Wehe es störte ihn jemand!
Sobald Sabine an ihre Mutter dachte, sah sie das Bild vor sich, wie diese auf Zehenspitzen durch die Wohnung schlich und, wenn Sabine den kleinsten Mucks von sich gab, den Finger beschwichtigend an die Lippen legte. „Pst“ brauchte sie da schon lange nicht mehr machen. Sabine wusste auch so Bescheid. So kam es, dass das Mädchen immer häufiger still in seinem Zimmer hockte und sich dort in seiner Phantasie eine eigene Welt ausdachte. Eine, in der Eltern Zeit für ihre Kinder hatten und in der man zusammen lachte und vergnügt war. Und diese Welt fand augenscheinlich in dem schönen alten Haus statt, das sie so manche Stunde anschaute, nur um sich hineinzuträumen.

Eines Tages zog die Familie aus dem Haus aus. Die Tochter war erwachsen geworden und hatte inzwischen ein eigenes Heim. Den Eltern war das Haus zu groß geworden, so dass sie beschlossen, sich eine Wohnung zu suchen. Sabine hatte beim Einkaufen gehört, wie sich die Nachbarn darüber unterhielten. Tja, und dann – dann stand das Haus lange leer. Man sah ihm an, dass es den Besitzern in den letzten Jahren nicht mehr gelungen war, der anfallenden Arbeiten Herr zu werden. Erst blätterte die schöne blaue Farbe am Zaun ab, dann wucherten die Beete im Eingangsbereich zu, und zuletzt wurde auch das Haus immer unansehnlicher.
Aber vor allem fehlte das Licht. Das war es, was Sabine immer angezogen hatte. Nun war das Haus ausgestorben, es wirkte einsam und verlassen – alle schienen es vergessen zu haben. Keiner hielt mehr für einen kleinen Schwatz am Gartenzaun an. Niemand steckte Post in den selbstgezimmerten, hölzernen Briefkasten. Auch der altmodische Türklopfer fand nun keine Verwendung mehr.

Hier findet Ihr den 2. Teil!

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3 Gedanken zu „Das 21. Türchen…

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