Das 22. Türchen…

deckblatt

22. Dezember

Solltet Ihr Sabine noch nicht kennengelernt haben, findet Ihr hier den 1. Teil!

Lichter in der Nacht – Teil 2
von Nicole Vergin

… ist der Regenbogen …

Die Jahre vergingen, Sabine wurde erwachsen und dachte nun selber kaum noch über das Haus und ihre damit verbundenen Träume nach. Sie hatte sich im Laufe der Jahre eine harte Schale zugelegt, damit niemand sie erneut im Innersten verletzen konnte. Warf sie im vorbeigehen doch einmal einen Blick darauf, dann schüttelte sie nur geringschätzig den Kopf über soviel kindliche Naivität. Und irgendwann, ja irgendwann war es auch für sie nur noch eine Bruchbude, die ein Schandfleck auf dem malerischen Gewand ihres Dorfes war.

Bis vor einigen Wochen dieser kauzige alte Herr eingezogen war. Mit Sack und Pack stand er eines Tages an der Eingangstür, zog einen rostigen, altmodischen Schlüssel aus seinem langen Mantel und schloss mit Mühe die Tür auf. Sabine kam gerade müde von der Arbeit nach Hause, stand wie vom Donner gerührt vor ihrer Haustür und traute ihren Augen nicht. Anstatt eine Abrissbirne zu bestellen, hatte jemand diese Bruchbude gekauft. Verwirrt starrte sie auf den Rücken des Mannes, bis er sich unvermutet umdrehte und ihr scheinbar genau in die Augen blickte.
Tiefrot im Gesicht, drehte sie sich, wie ertappt, um, schloss ihre eigene Tür auf und verschwand ohne einen Gruß in ihrer Wohnung. Hastig schob sie die Tür zu, verhakte sich noch mit einem Ärmel am Türknauf und hätte sich beim Losreißen um ein Haar ihren Wintermantel zerrissen. Aufatmend lehnte sie sich gegen die geschlossene Tür. Das war ihre erste Begegnung mit dem neuen Nachbarn.

Etwas später hatte sie sich dann für ihr rüdes Verhalten geschämt. Während sie noch hin und her überlegte, ob sie einfach hinübergehen und ihn in der Nachbarschaft willkommen heißen sollte, klingelte es an ihrer Tür.„Einen schönen guten Abend wünsche ich Ihnen.“ Vor der Tür stand der fremde Herr.
Sabine sehnte sich ein Mauseloch herbei, in dem sie verschwinden könnte. Aber es half nichts. Obwohl sie für einen Moment die Augen fest zukniff, stand ihr neuer Nachbar noch immer vor der Tür und lächelte sie freundlich an. Wieder dieser Blick, der etwas in ihrem Innersten berührte. Sie räusperte sich und streckte verlegen die Hand aus. „Ich wollte.. ich.. entschuldigen sie…“, stotterte sie. Mit einem Ruck streckte sie sich und sagte, äußerlich wieder völlig gefasst: „Herzlich willkommen in unserem Dorf. Eigentlich wollte ich sie zuerst begrüßen, aber nun sind sie mir zuvor gekommen. Bitte…“ Sabine machte einen Schritt zur Seite, um den Besucher hereinzulassen.
Ihre Hand noch immer in seiner, ein fester, ruhiger Griff, antwortete er: „Vielen Dank, ihre Gastfreundschaft würde ich gerne ein anderes Mal genießen. Für heute möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Krumpholz, Walter Krumpholz.“ Er ließ nun endlich ihre Hand los und deutete eine kleine Verbeugung an.
„Tja, dann vielleicht das nächste Mal. Ach ja, Sabine, Sabine Marquardt.“ Aus einem unerfindlichen Grund war Sabine immer noch verwirrt. Irgendetwas ging von diesem Herrn Krumpholz aus, das ihr… Ja, was eigentlich?
„Wie bitte?“
Vor lauter Verwirrung hatte sie die nächsten Worte verpasst. Herr Krumpholz, nach wie vor freundlich lächelnd, wiederholte seine Worte bereitwillig. „Ich sagte, ich müsse mich jetzt verabschieden, da im Haus noch eine Menge Arbeit auf mich wartet. Frau Marquardt, ich freue mich, dass wir uns kennengelernt haben. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend.“
Mit diesen Worten deutete er abermals eine Verbeugung an und verschwand danach. Sabine schauderte ein wenig. Die Nacht schien heute schwärzer als sonst. Anscheinend waren einige der Straßenlaternen ausgefallen. Obwohl sein Haus genau gegenüber ihrer Wohnung lag, konnte sie Herrn Krumpholz bereits nach wenigen Schritten nicht mehr erkennen.

Der Gedanke an den neuen Nachbarn ließ sie erst los, als sie sich – wie jeden Abend – an die übrig gebliebene Tageskorrespondenz machte. Erst gegen Mitternacht löschte sie das Licht und schlief – im Gegensatz zu anderen Nächten – sofort tief und fest ein.

Den 3. Teil findet Ihr hier

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2 Gedanken zu „Das 22. Türchen…

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