Das 23. Türchen…

deckblatt

23. Dezember

Solltet Ihr Sabine noch nicht kennen findet Ihr hier den 1. und hier den 2. Teil!

Lichter in der Nacht – Teil 3
von Nicole Vergin

… über den herabstürzenden Bach …

Soweit zu der Vorgeschichte von Sabine und Herrn Krumpholz. Seit diesem Kennenlernen vor nunmehr fast vier Wochen hatte sich Sabine bemüht, ihm aus dem Weg zu gehen. Warum? Sie wusste es selber nicht. Es war ein Gefühl, das ihr sagte, dass dieser Herr mehr über sie wusste, als ihr lieb war.
Immer wieder schüttelte sie über sich selber den Kopf, wenn sie solche Gedanken hatte. Wahrscheinlich hing es nur mit diesem Haus zusammen und mit ihrer Kindheit, ihren Träumen.

Wie seltsam, dass sie heute ausgerechnet mit ihm zusammen gestoßen war. In Gedanken versunken war sie das kurze Stück nach Hause gegangen und bemerkte erst dort, dass eine ihrer Einkaufstüten fehlte. Sabine seufzte, als ihr einfiel dass sie die Tüte mitten auf dem Markplatz hatte stehen lassen. Sicherlich war sie in der Zwischenzeit zugeschneit. Egal, sie wollte ihre Wohnung heute nicht mehr verlassen. Wer weiß, was ihr ansonsten noch widerfahren würde.
Der restliche Tag verlief wie unzählige andere davor. Von montags bis freitags stand Sabine jeden Morgen um 5.00 Uhr auf, duschte sich rasch, trank, während sie sich anzog, schnell eine Tasse Kaffee und machte sich kurz vor 6.00 Uhr auf den Weg ins Büro. Die Fahrt in die Stadt, wo sie einen Job als Bürovorsteherin in einer Anwalts- und Notariatskanzlei hatte, dauerte eine knappe Stunde. Meist schloss sie als erste die Büroräume auf und verschwand eilig in ihrem Büro, um sich an die Arbeit zu machen. Die Tage vergingen mit dem Aufsetzen von notariellen Verträgen, den üblichen Auseinandersetzungen mit den Auszubildenden, sowie den Besuchen ihrer zwei Chefs, die immer noch schnell etwas erledigt haben wollten. Vor 19.00 Uhr verließ sie das Büro selten. Anstelle einer Mittagspause flitzte sie schnell zum Bäcker, besorgte sich dort Brötchen und einen Salat und aß während sie weiterarbeitete.

Anfangs hatten ihre Kollegen sie noch gefragt, ob sie mittags mit ihnen essen gehen wollte, aber da sie grundsätzlich die Arbeit vorschob, war auch das verblieben.
Ihr war es recht. Sie liebte ihre Arbeit, die ihr ein Gefühl von Sicherheit gab. Bis auf eine Freundin, die ihr seit der Schulzeit treugeblieben war, hatte sie weder Freunde noch Bekannte. Sabines Vater war vor knapp zehn Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen, den er Alkoholbedingt selbst verursacht hatte. Ihre Mutter starb vor zwei Jahren, nachdem sie Jahre lang vergeblich gegen eine Krebserkrankung ankämpfte, die sich nach und nach ihres ohnehin schwachen Körpers bemächtigte.

Die Nacht als ihre Mutter starb, blieb Sabine unauslöschlich im Gedächtnis haften. Stundenlang hatte sie an ihrem Bett gesessen und sich gefragt, ob die Mutter spürte, dass ihre Tochter da war. Die Ärzte hatten ihr geraten, dass es der Sterbenden gut tun würde, in diesen Stunden einen nahestehenden Menschen bei sich zu haben.
Sabine ließ in dieser Nacht nicht nur ihr eigenes bisheriges Leben, sondern auch das ihrer Mutter an sich vorbeiziehen. Immer war die Mutter für andere dagewesen, hatte sich aufgeopfert und alles gegeben. Bis sie für sich selbst nicht mehr genug hatte und förmlich zusammengefallen war. Nie hatte es einen Dank für sie gegeben. Der Vater hatte alles für selbstverständlich angesehen und seine Frau all die Jahre zu allem Übel auch noch belogen und betrogen.
Aber das würde nun bald hinter ihr liegen. Sabine hatte sich oft gefragt, zu welchem Zeitpunkt sich die Mutter aufgegeben hatte. Auf jeden Fall kam sie ihr jetzt friedlicher vor, als jemals zuvor. Sie schien bereit zu sein, zu gehen, hatte ihr dies auch in den vergangenen Wochen gesagt. Was ihr jedoch immer noch Gedanken machte, war, dass Sabine ihr Leben so an sich vorbeiziehen ließ – ohne Freunde, ohne Familie. Sabine hatte ihr versprechen müssen, daran etwas zu ändern.
Als sie in dieser Nacht endgültig Abschied nehmen musste, war sie auch zu Veränderungen bereit. Im Alltag hatte sich jedoch herausgestellt, dass sich dieser Vorsatz nicht so einfach umsetzen ließ. Man kann nicht über Nacht aus seiner Haut heraus. Das Misstrauen gegenüber den Mitmenschen saß zu tief. Als kleine Versuche, dem Trott zu entfliehen, im Sande verliefen, schlich sich schnell die alte Gewohnheit und somit die Einsamkeit ein.

Und nun war – so wie in ihrer Kindheit – das Traumhaus wieder in ihr Leben zurückgekehrt. Immer wieder versuchte sie, die Fortschritte an der Instandsetzung dieses Hauses nicht zu beachten. Aber häufig ertappte sie sich dabei, wie sie bei jeder Heimkehr als erstes einen Blick darauf warf. Jedes Mal schien sich etwas zu verändern. An einem Tag war der Vorgarten aufgeräumter, an einem anderen hatte Herr Krumpholz den Zaun repariert. Wobei sie sich fragte, wieso er bei dieser Eiseskälte freiwillig draußen arbeitete. In ihrer eigenen Wohnung hatte sie noch nie das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen. Obwohl sie die Wohnung Stück für Stück nach ihrem Geschmack hatte renovieren lassen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, diese nach dem Tode der Eltern zu übernehmen. Seit jedoch ihr Traumhaus wieder bewohnt war, fühlte sie sich unerklärlicherweise jeden Tag ein Stück mehr daheim.

Am nächsten Nachmittag kam Sabine im Gegensatz zu sonst einige Stunden früher und ungewohnt fröhlich nach Hause. Sie hatte sich spontan für den Rest der Woche freigenommen, und da heute erst Dienstag war, lag der Großteil der Woche noch vor ihr.
Vergangenen Sonntag war bereits der 2. Advent unbeachtet an ihr vorübergegangen, so dass sie sich kurzfristig entschlossen hatte, ihre Wohnung nun auch weihnachtlich zu schmücken. Da Sabine sich sonst aus Festtagen nichts machte, war diese Idee für sie ungewöhnlich und sie war entsprechend aufgeregt. Einen Moment lang hatte sie sich gefragt, für wen sie das überhaupt machen würde. Die Antwort ergab sich überraschend schnell: – für sich selbst würde sie die Wohnung schmücken, einfach weil es ihr gefiel. Gleich am nächsten Tag wollte sie sich auf den Weg machen und alles Nötige besorgen.
Ein kurzer Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass auch ihr Nachbar in weihnachtlicher Stimmung war. In liebevoller Kleinarbeit hatte er in den vergangenen Wochen Lichter im Garten an den Bäumen verteilt, so dass zusammen mit dem warmen Kerzenschein, der durch die Fenster des Hauses nach draußen schimmerte, alles genauso gemütlich aussah, wie in ihrer Kindheit.
Gerade eben befand sich Herr Krumpholz im Garten, eingepackt in eine rote Winterjacke mit weißem Fell an der Kapuze, an den Händen rote Fäustlinge schwang er vergnügt die Schneeschaufel und räumte den Weg zu seinem Haus frei. Es hatte in der Mittagszeit erneut angefangen zu schneien, so dass alle Wege wieder zugedeckt waren.
Wie immer, wenn sie ihn sah, wunderte sich Sabine über die sanfte, gelassene und auch so fröhliche Ausstrahlung des Nachbarn.
Spontan hatte sie die Idee, ihn für den nächsten Nachmittag zu einem Advents-Kaffeetrinken einzuladen. Sie könnte Kekse besorgen oder vielleicht einen leckeren Marzipankuchen, den sie selber zur Weihnachtszeit immer gern aß.
Bevor sie es sich anders überlegen konnte, schlüpfte sie in ihren Mantel, riss die Haustür auf und ging schnellen Schrittes zum Nachbarhaus. Herr Krumpholz hatte sie bereits gehört und winkte ihr fröhlich zu. Sie winkte zurück und blieb kurz darauf vor ihm stehen.
„Schönen guten Tag, Herr Krumpholz. Ich möchte sie gerne für morgen zum Adventskaffeetrinken einladen. Das heißt, wenn sie Zeit haben und wenn sie mögen natürlich.“ Erstaunlicherweise war Sabine aufgeregt. Sie freute sich auf einmal über die Möglichkeit, mit dem netten Herrn zusammenzusitzen und vielleicht auch mehr über ihn und das Haus zu erfahren. Erwartungsvoll schaute sie ihn an.
„Auch ihnen einen schönen guten Tag, Frau Marquardt“, lachte er sie freundlich an. „Das ist aber schön, dass sie mich einladen. Ich komme sehr gern. Wann passt es ihnen denn?“
Sabine strahlte über das ganze Gesicht, als hätte sie ein Geschenk erhalten. Oder galt es heutzutage nicht mehr als Geschenk, wenn man mit seinen Mitmenschen Zeit verbrachte?
„Wie wäre es mit 15.00 Uhr?“, schlug sie fröhlich lachend vor, „ist ihnen das recht?“
Ja, es war Herrn Krumpholz recht. Ganz offensichtlich schien auch er sich auf den gemeinsamen Nachmittag zu freuen. Wieder einmal hatte Sabine das Gefühl, dass sie sich schon länger kannten. Dieses Mal jedoch hinterfragte sie es nicht, sondern freute sich darüber. „Dann bis morgen, ich freu mich schon!“, sagte Sabine zum Abschied.
„Warten sie“, hielt Herr Krumpholz sie noch zurück. „Ihr Haustürschlüssel ist ihnen runtergefallen.“ Er drückte ihn ihr in die Hand, hob noch mal die Hand zum Gruß, und schwang fröhlich pfeifend seine Schneeschaufel weiter.

Als Sabine kurz darauf in ihrer Wohnung den Mantel auszog, blickte sie verwundert auf den Schlüssel in ihrer Hand. Sie war sich sicher, dass sie ohne den Schlüssel das Haus verlassen und die Tür einfach hinter sich hatte zufallen lassen. Das war ihr schon oft passiert, daher hatte sie auch im Eingangsbereich immer einen Ersatzschlüssel deponiert. Aber wo hatte Herr Krumpholz dann ihren Schlüssel her? Sie musste sich irren! Wahrscheinlich hatte sie ihn doch mitgenommen. Oder etwa nicht?

Den 4. Teil findet Ihr hier!

Advertisements

Ein Gedanke zu „Das 23. Türchen…

  1. Pingback: Das 22. Türchen… | Nicole Vergin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s