Das 24. Türchen…

deckblatt

24. Dezember

Solltet Ihr Sabine noch nicht kennen, findet Ihr hier den 1. Teil der Geschichte!

Lichter in der Nacht – 4. Teil
von Nicole Vergin

… des Lebens.

Als Sabine am nächsten Morgen erwachte, stellte sie erstaunt fest, dass es bereits 9.00 Uhr war und sie zehn Stunden durchgeschlafen hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann das das letzte Mal der Fall gewesen war. Voller Tatendrang sprang sie aus dem Bett, warf sich nach einer Katzenwäsche schnell in Jeans und Pullover, und flitzte zum Bäcker. Heute wollte sie sich Brötchen holen, ganz in Ruhe an ihrem Esstisch sitzen, und sich alle möglichen Frühstücksleckereien gönnen. Nachdem Sabine zwei Brötchen und ein 4-Minuten-Ei gegessen hatte, räumte sie den Tisch ab und fegte, entgegen ihrer sonstigen Gründlichkeit, die Krümel achtlos beiseite.
Kurz darauf machte sie sich auf den Weg in die nächste Stadt, wo sie sich voller Begeisterung durch sämtliche Geschäfte wühlte, die Weihnachtsartikel führten. Stolz schleppte sie gegen Mittag vier Tüten zu ihrem Auto, fuhr nach Hause und begann sofort mit der Dekoration. Schließlich würde es nicht mehr lange dauern, bis Herr Krumpholz kam, und bis dahin wollte sie fertig sein.

Pünktlich um 15.00 Uhr läutete die Türglocke. Sabine warf einen zufriedenen Blick auf ihr weihnachtlich geschmücktes Wohnzimmer und den hübsch gedeckten Esstisch. Sicher würde es ein schöner Nachmittag werden.
„Hallo Herr Krumpholz“, begrüßte sie ihren Nachbarn fröhlich. „Wie schön, dass sie da sind. Kommen sie doch bitte herein.“
„Einen schönen Tag, Frau Marquardt“, entgegnete Herr Krumpholz. „Vielen Dank für ihre Einladung. Ich habe ihnen ein kleines Gastgeschenk mitgebracht. Hoffentlich mögen sie es!“ Freundlich lächelte er sie an, und der Blick aus seinen gütigen Augen gab ihr einmal mehr das Gefühl, ihm auf irgendeine Art nahe zu sein.
„Oh, vielen Dank, Herr Krumpholz.“ Sabine freute sich über die Gabe und nestelte auf dem Weg ins Wohnzimmer bereits neugierig an der Schleife. In einer kleinen Schachtel, die mit silbernen Sternen verziert war, lag eine kleine gläserne Engelsfigur. Ein Namenskärtchen lag unter dem Engel. Als Sabine dieses hervorzog, meinte sie bereits zu wissen, welcher Name dort vermerkt war.

Abrupt blieb sie stehen und fand sich für einige Momente weit in die Zeit ihrer Kindheit zurück versetzt. Sie sah sich selber auf dem Sofa neben ihrer Großmutter sitzen, ein zerknülltes Taschentuch in der Hand. Wieder einmal hatte es daheim Streit gegeben und wie so oft hatte sie sich zu ihrer geliebten Omi geflüchtet. Obwohl sie damals erst sechs Jahre alt war, hatte sie nichts vergessen. Liebevoll hatte die Großmutter sie an sich gedrückt und ihr von den Schutzengeln erzählt die über die Menschen wachen würden.
„Wie heißt denn mein Engel?“ Als sei es gestern gewesen, hörte Sabine in ihrer Erinnerung die eigene Klein-Mädchen-Stimme und den beruhigenden Tonfall der Großmutter als sie antwortete: „Dein Schutzengel heißt Anthriel. Er ist der Engel der Harmonie und Balance. Du kannst dich an ihn wenden, wenn du Angst hast, dein Gleichgewicht zu verlieren. Er wird dir helfen, es wiederzufinden.“
Damals hatte sie die Worte der Großmutter noch nicht verstanden, aber der Gedanke, einen `eigenen´ Engel zu haben, hatte sie getröstet. Besonders als kurz darauf ihre Omi starb, und sie sich einsam und verlassen fühlte. Wie oft hatte sie als kleines Mädchen in ihrem Zimmer gesessen, das Büchlein in der Hand, in der die Großmutter ihr den Namen `Anthriel´ geschrieben hatte. Auf die leeren Seiten hatte sie nach und nach immer mehr Engel gemalt und so ein Stückchen Halt und Geborgenheit gefunden.
Und nun stand sie hier in ihrem Flur, 28 Jahre später, und drückte einen kleinen gläsernen Engel mit dem Namen Anthriel an sich. Welch wunderbares Geschenk war damit durch Zufall ins Haus gekommen!

Kurz darauf saßen sich die beiden Nachbarn am Esstisch gemütlich gegenüber. Sabine hatte Kaffee eingeschenkt und jedem ein Stück der köstlichen Marzipantorte auf den Teller gelegt. Genüsslich fingen sie an, zu essen, wobei die dadurch entstandene Stille in keiner Weise unangenehm war. Es schien, als säßen langjährige Freunde beisammen. Während des Genusses eines weiteren Tortenstücks entspann sich ein Gespräch. Herr Krumpholz interessierte sich für das Leben im und um das Dorf herum. Es ging ihm dabei nicht um belanglosen Klatsch, sondern um die Dorfgeschichte.

Sabine erzählte ihm, dass sie in diesem Ort aufgewachsen war, und so konnte sie ihm auch schildern, was sich hier in den vergangenen 34 Jahren verändert hatte. Ein Beispiel war der Supermarkt, der im vergangenen Jahr den kleinen Tante-Emma-Laden direkt am Marktplatz ergänzen sollte. In dieser wichtigen Angelegenheit hatten die Dorfbewohner fest zusammengehalten, da nicht nur der Charme ihres Dorfes gelitten hätte, sondern sicherlich wäre auch der Kaufmannsladen pleitegegangen. Viele Einwohner fuhren zwar regelmäßig in die nächste Stadt, um dort auch in größeren Supermärkten einzukaufen, aber genügend Menschen blieben `ihrem Laden´ treu. Sie wollten nicht auf die persönliche Ansprache und das nette Miteinander verzichten.
Neu hinzugekommen war vor fünf Jahren ein Dorfkindergarten. Ein leerstehendes Gebäude, das früher die Post beherbergt hatte, war mit viel Eigenarbeit in ein schmuckes Häuschen mit direkt anliegendem Spielplatz umgebaut worden. Dafür hatte ein hiesiger Landwirt sogar seine angrenzende Wiese zur Verfügung gestellt. Da Sabine selber keinen Bezug zu Kindern hatte, verfolgte sie den Verlauf lediglich im örtlichen „Käseblatt“, so nannte sie die kleine Zeitung, die wöchentlich über ihr Dorf und weitere umliegende Ortschaften berichtete.

Was ihr persönlich Freude bereitete, war, dass die teilweise schon sehr alten Fachwerkhäuser über die Jahre hinweg nach und nach instandgesetzt wurden. Sie liebte die wunderschönen, von dunklen Balken durchsetzten Fassaden und konnte sich an ihnen nicht sattsehen. Hin und wieder stand eines dieser Schmuckstücke zum Verkauf, so dass sie des öfteren überlegte, sich ebenfalls ein Häuschen zu kaufen.
Da sie über die Jahre einen Teil ihres ansehnlichen Gehaltes zurückgelegt hatte, wäre ihr dies durchaus möglich gewesen. Aber wozu? Und für wen? Nein, sie blieb einfach in ihrer Wohnung, die ihr vollkommen genügte. Außerdem – diesen Gedanken gestand sie sich jedoch nur selten ein – hatte sie nie aufgehört, von ihrem Traumhaus zu träumen.
Und nun saß sie hier mit dem Mann, der dieses Haus gekauft hatte. Erstaunlicherweise fühlte sie weder Enttäuschung noch Neid, dass er nun das Zuhause besaß, von dem sie immer geträumt hatte. Im Gegenteil, in ihrem Herzen war Frieden eingekehrt, und das erste Mal nach endlosen Jahren blickte sie voller Vorfreude in die Zukunft.

„Du siehst glücklich aus.“ Ihr Besucher lächelte sie an, während er nach ihrer Hand griff und sie einen Moment in der seinen hielt.
„Ja!“, antwortete Sabine, ohne sich darüber zu wundern, dass Herr Krumpholz sie plötzlich duzte. Ohne weiter nachzudenken, sprach auch sie ihn derart vertraut an. „Wieso habe ich von Anfang an das Gefühl, dich bereits zu kennen? Wo kommst du her?“ Fragend sah sie ihn an.
„Du warst zu lange ohne Hoffnung“, sprach er sanft. „In deinem Leben war Licht, aber du lebtest trotzdem im Dunklen. Die Narben, die deine Kindheit in deinem Herzen hinterlassen haben, nahmen dir die Kraft, dich der Helligkeit zuzuwenden. Du wolltest keine weiteren Verletzungen riskieren, hast lieber einen Schritt zurückgemacht, wenn jemand auf dich zukam.“
Während er diese Worte sprach, ging ein Licht von ihm aus. Keines, das blendete, sondern ein warmes, sanftes Licht. Es hüllte sie ein, und brachte ihren Eispanzer zum Schmelzen.
Einen Wimpernschlag danach war es verschwunden. So, wie vorher, saß Walter ihr gegenüber – ganz selbstverständlich nannte sie ihn nun beim Vornamen – und schmauste noch ein Stück von der Torte. Aber es war da gewesen, genau wie seine Worte, die ihre Seele und ihr Herz gestreichelt hatten. Sabine fragte nicht nach dem Warum oder Wie. Das erste Mal in ihrem Leben nahm sie etwas hin, ohne es zu hinterfragen.

Lange, nachdem Walter nach Hause gegangen war, hockte Sabine eingekuschelt in einer Decke auf dem Sofa, ihren Engel Anthriel in der Hand, und blickte zum Fenster hinaus in den Sternenhimmel. Sie wusste nun, dass sie ihren Weg im Leben finden würde.

Advertisements

3 Gedanken zu „Das 24. Türchen…

  1. Pingback: Das 23. Türchen… | Nicole Vergin

  2. Liebe Nicole, wenn auch mit reichlich Verspätung, muss ich dir doch noch mit auf den Weg geben, wie gut mir deine „Lichter der Nacht“ gefallen haben! Und auch ich scheine jemanden aus der Geschichte schon sehr lange zu kennen: Sabine! Sie scheint mir so vertraut… Und vielleicht kann ich ihr in noch vielen weiteren Geschichten von dir begegnen. Ich würde mich freuen!

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Solveigh,
      es freut mich RIESIG, dass Dir die Geschichte gefallen hat! Und das Du sogar mit Sabine warm geworden bist… 😉 Mal schauen, was in den nächsten Monaten noch alles an Geschichten zustande kommt. DANKE auf jeden Fall für Deine Ermutigung! 😀
      Liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s