Schreibkick: Vorsatz

Wer näheres über die Schreibkicks erfahren möchte, kann sich hier schlau lesen!

Hier mal wieder ein Schreibkick-Text von mir. Mit einer kleinen Verspätung geht es diesmal um das Thema: Vorsatz. Eine Idee, die mir spontan einfiel und die nichts für schwache Nerven ist… 🙂

Vorsatz
von Nicole Vergin

Sein Herz schlug heftig, als er erwachte. Heute war es soweit! Die erste Nacht des neuen, noch frischen Jahres wartete auf ihn.
Schwungvoll klappte er den Deckel seines schwarzen Sarges auf, woraufhin prompt die Scharniere aus dem Holz platzten und der Deckel unsanft auf dem steinernen Boden des Kellergewölbes landete.
Für einen Moment verzerrte sich das bleiche Gesicht Ernestos, Sohn des Grafen von und zu Düsternis, in eine wütende Fratze. Doch dann wurde es schlagartig von einem Lächeln erhellt, als ihm sein Vorsatz für dieses Jahr einfiel. Er wollte der erste Vampir sein, der sich künftig nicht mehr von frischem Blut ernähren würde. Damit sollte es aus und vorbei sein. Er war es leid, ständig geronnenes Blut aus seinen weißen Hemden zu waschen. Und auch das Zähneputzen wurde durch diese Art der Nahrungsaufnahme nur unnötig erschwert. Mal ganz abgesehen von den Hautfetzen, die sich hartnäckig in seinen Zahnzwischenräumen verhakten.

So konnte und wollte er nicht weitermachen. Seine Mutter, Gräfin Ernestine, hatte verzweifelt die Hände im Licht des vollen Mondes gerungen, als er ihr von seinem Plan erzählt hatte.
„Junge, wie kommst du bloß immer auf diese abstrusen Ideen? Ein Vampir, der kein frisches Blut trinkt?“ Bei diesen Worten hatte sie sich mit dramatischer Geste an die Stirn gefasst und eine Ohnmacht angetäuscht. Aber nach einigen Jahrhunderten kannte Ernesto seine Mutter. Diese alte Vampirlady haute nichts um.
Daher hatte er auch nur kurz mit den Schultern gezuckt und sich kurz darauf vor dem morgendlichen Sonnenlicht in seinen Sarg zurückgezogen.

Und heute war es nun endlich soweit. Er würde seinen Neujahrsvorsatz in die Tat umsetzen! Wie bei jedem Entzug würde sicherlich Ablenkung das Beste sein. Ablenkung und viel trinken. Natürlich kein Blut. Er hatte sich vor einigen Tagen mehrere Säfte besorgt und festgestellt, dass Kirschsaft frischem Blut am ähnlichsten sah.
Mit einem Thermometer bewaffnet, hatte er am alten gusseisernen Herd der Vampirburg gestanden und seinen Kirschsaft auf Körpertemperatur erhitzt. Und das Ergebnis war gar nicht so übel gewesen. Gut, dass Beißen und sich winden seiner Opfer hatte ihm schon gefehlt, aber daran würde er sich gewöhnen.
Vielleicht sollte er sich gleich zum Beginn der Nacht einen Kirschsaft aufwärmen. Entschlossen stieg er die steinernen Stufen aus dem Kellergewölbe in den ersten Stock hinauf und kurz darauf blubberte der Saft bereits fröhlich in einem alten verbeulten Topf.
„Autsch“, schrie er kurz darauf. Gierig wie er nach einem ausgiebigen Tagesschlaf nun einmal war, hatte er sich prompt die Zunge verbrannt. Ja, das war eben der Vorteil, wenn man frisches Blut trank. Die Temperatur war nie zu heiß. Rasch lenkte er seine Gedanken zu einem anderen Thema.
Er überlegte kurz, ob er die Nacht in der Gesellschaft seiner Eltern verbringen sollte, aber diese würden über kurz oder lang mit angetrocknetem Blut an den Eckzähnen ankommen und mit diesem satten zufriedenen Ausdruck in den dunklen Augen. Nein, das wäre für den ersten Tag wohl doch etwas viel Herausforderung.
Stattdessen beschloss er sich auf den Flug zur Dorfschänke zu machen. Diese hatte rund um die Uhr geöffnet, aber außer Vampiren waren dort um diese Nachtzeit selten Gäste anzutreffen. Es gab eine Vereinbarung mit dem Wirt, dass er und seine Familie von den Zähnen der gräflichen Familie verschont blieben. Dafür stand seine Schänke stets offen. Schließlich wollte auch ein Vampir mal etwas anderes als das gräfliche Schloss sehen.

Kurz darauf flog er im Licht des Vollmonds auf die Ortsmitte zu. Bei der Landung bemerkte er ein leichtes Schwanken. Der Kirschsaft schien ihm wohl doch nicht so viel Energie zu schenken, wie er gehofft hatte. Oder vielleicht musste er einfach mehr davon trinken.
„Einen Kirschsaft bitte“, bestellte er kurz darauf bei Sergio, dem Schankgehilfen, der in dieser Neujahrsnacht Dienst hatte und der gerade hinter den letzten Silvestergästen hinterher geräumt hatte.
„Soll ich ihn warm machen?“
Ernesto war beeindruckt. Dieser junge Mann dachte wirklich mit. Er nickte ihm freundlich zu. Gleich darauf stand eine bauchige Tasse vor ihm, aus der es eindeutig nach Kirschen duftete. Hastig nahm er einen Schluck. Der warme tiefrote Saft glitt über seine Zunge hinunter in den Hals. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie er an einem warmen Hals knabberte.
Halt! Ernesto riss die Augen auf. Das war ja wohl eindeutig der falsche Weg. Seufzend stellte er die Tasse ab und blickte auf den Inhalt. Es war einfach nicht dasselbe. Natürlich war ihm das auch vorher bewusst gewesen. Dass es anders sein würde. Dass es ihm nicht diese satte Zufriedenheit geben würde. Aber er hatte sich nun einmal so entschieden. Und diesen guten Vorsatz würde er nicht gleich in der ersten schwachen Minute brechen.
„Ist alles in Ordnung, Herr?“ Sergio beugte sich über die Bar zu seinem Gast und sah ihn besorgt an.
„Oh ja“, nickte Ernesto und lehnte sich auf seinem Hocker weit zurück, um dem verlockenden Geruch nach frischem Blut, der von dem Schankgehilfen ausging, auszuweichen. Aber die Schwaden waberten unbarmherzig auf ihn zu. Hastig stand er auf, warf einen Geldschein auf die Theke und verließ fluchtartig den Raum.

Draußen in der kalten Nachtluft, lehnte er sich aufatmend gegen die Mauer, die den örtlichen Friedhof umgab. Das war ja gerade noch einmal gut gegangen. Ernesto atmete ein paar Mal tief durch, aber die Anspannung, die immer weiter aufsteigende Gier wollte nicht weichen. Der Vampir rutschte an der Mauer herunter und ließ sich nach vorne auf die Knie fallen.
Blut. Blut. Blut, pumpte sein Gehirn das einzige Wort, an das er nicht denken wollte, durch seinen Körper, der mit jeder Faser nach dem Lebenssaft eines Menschen schrie.
Ein tiefes Stöhnen entrang sich seiner Brust.
„Geht es ihnen nicht gut?“, drang eine weibliche Stimme an sein Ohr.
Verflucht, schoss es ihm durch den Kopf, wer war denn um diese Zeit hier am Friedhof noch unterwegs? Sein Blick wanderte nach oben und er sah in das Gesicht einer jungen Frau, die sich zu ihm herab beugte. Er konnte die Halsschlagader im Licht der nahen Straßenlaterne pochen sehen. Seine Zunge klebte am Gaumen, sein Mund zog sich zusammen, sein Atem wurde schwer.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte sie erneut und legte ihre Hand auf seine Schulter.
Sein Herzschlag raste, als er ihr direkt in die Augen blickte.
„Ja!“

Diesen Monat waren dabei:

Eva
Veronika

Das Thema für den 01.02.17 lautet: Inspiration

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3 Gedanken zu „Schreibkick: Vorsatz

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