Experiment: Die 3. Geschichte

In einer Woche drei Kurzgeschichten für Kinder schreiben – das hatte ich mir als Ziel gesetzt (den Beitrag dazu findet Ihr hier). Ihr wart so lieb, mir für jede Geschichte zwei Wort-Geschenke zu machen. Und hier kommt nun eins der Ergebnisse. Allerdings noch nicht überarbeitet und auch deutlich länger als die anvisierten 9.500 Zeichen. Aber da mir dieses Schreib-Experiment auch Spaß machen sollte, sehe ich das jetzt mal nicht so eng.

Und hier ist die 3. Geschichte mit den Worten Wuppstitätsfaktor und Regenwurmtunnel.

Es war ein ganz gewöhnlicher Donnerstag. Hannes war gerade erst von der Schule nach Hause gekommen und überlegte nun was er mit dem Nachmittag anfangen sollte. Die Hausaufgaben hatte er bereits in der Schule während einer Freistunde gemacht und Klassenarbeiten standen im Moment nicht an.
Eigentlich hatte er sich mit Marlon treffen wollen. Aber der war heute nicht in der Schule gewesen, vermutlich war er krank. Und nun lag ein langer Nachmittag vor ihm, mit dem er nichts anzufangen wusste. Auf seinem Dachfenster klopften dicke Regentropfen und er hörte den Wind ums Haus heulen. Also auch kein Wetter zum Radfahren, was er sonst immer gern machte.
Von seinem Elternhaus in der Ortsmitte von Winzlar, waren es nur wenige Minuten bis man auf den Rundweg kam, der um das Steinhuder Meer führte. Hannes war schon oft mit seinen Freunden oder mit seinen Eltern dort Rad gefahren und es gab immer etwas zu entdecken.

Er warf sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Für einen Moment fielen ihm die Augen zu, aber dann gab es plötzlich einen lauten Knall und Hannes wäre beinahe vor Schreck aus dem Bett geplumpst.
Herrje, was war das denn? Er sprang auf und lief hinaus in den Flur, aber da war alles in Ordnung. Ein weiterer Knall war zu hören. Hannes rannte die Treppe hinunter, öffnete vorsichtig die Haustür und da sah er sie. Eine grünliche Wolke, die aus einem Fenster des Nachbarhauses nach draußen drängte.
Vor zwei Wochen war dort erst Jemand eingezogen. Hannes hatte am Umzugstag ein knallbuntes Auto vorfahren sehen, aus dem ein Mann ausstieg, der einen weißen Kittel trug der mit Flecken übersät war. Auf der Nase hatte er eine große dunkelbraune Hornbrille und seine Haare standen zu Berge, als hätte er in eine Steckdose gefasst. Hannes hatte sich das Lachen nur mühsam verkneifen können.
Und als der Typ auch noch allen möglichen Kram in sein neues Heim schleppte, von alten Radios über kaputte Autoreifen bis hin zu durchsichtigen Plastikkisten in denen sich zahlreiche Gläser stapelten, da hatte er sich schon überlegt, ob das so ein Mensch war der vielleicht Müll sammelte.

In den letzten Tagen hatte er ihn wieder vergessen. Man sah und hörte ja nichts von ihm. Aber dieser Knall kam aus seinem Haus. Ob er doch einmal rübergehen und nachschauen sollte? Vielleicht brauchte der Nachbar Hilfe. Blöd, dass seine Eltern noch nicht von der Arbeit zuhause waren, in diesem Fall hätte er sie schon gerne um Rat gefragt. Aber nun musste er selber handeln.

Gleich darauf stand Hannes vor der Haustür des neuen Nachbarn und überlegte, ob er klingeln sollte. Vielleicht war gar nichts und er würde sich nur Ärger einhandeln. Andererseits, wenn er nichts tat und dem Nachbarn war etwas passiert? Mit diesem Gedanken drückte er auf den Klingelknopf und schon ertönte ein lautes oinkoinkoink, so als würde das Haus den drei kleinen Schweinchen gehören. Der Nachbar war offensichtlich noch merkwürdiger als er gedacht hatte.
„Moment! Bin auf dem Weg“, hörte er eine krächzende und hustende Stimme.
Dann wurde die Tür geöffnet und der Nachbar stand dort, wieder mit einem weißen Kittel bekleidet, der diesmal zu den zahlreichen Flecken auch noch Brandspuren aufwies. Und das Gesicht seines Trägers hatte ebenfalls einen leicht schwärzlichen Schimmer, als würde er im Kohlebergwerk arbeiten.
„Ja?“, war alles was sein Gegenüber sagte, während er versuchte seine Hornbrille mit einem Taschentuch abzuwischen.
Hannes schluckte. Hoffentlich war es kein Fehler gewesen, hier einfach so zu klingeln. Dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen: „Entschuldigung, ich heiße Hannes, ich wohne mit meinen Eltern nebenan und ich wollte nur fragen, ob bei ihnen alles in Ordnung ist.“ Er räusperte sich. „Also, ich meine wegen des lauten Knalls und den grünlichen Wolken.“
Ein fröhliches Lachen erschien auf dem Gesicht des Nachbarn. „Oh, das ist ja sehr aufmerksam. Ja, ich hätte längst bei euch vorbei kommen sollen. Aber ich befinde mich gerade in einer wichtigen Phase… Entschuldigung, ich sollte mich erst einmal vorstellen. Ich heiße Tiberius. Tiberius Erfindus.“
„Erfindus?“, Hannes sah seinen Nachbarn ungläubig an. „Sie heißen wirklich Erfindus?“
„Öh, ehrlich gesagt nein. Es ist so etwas wie, naja, ein Künstlername. Also, ich bin Erfinder und wollte gerne, dass mein Name ein kleiner Hinweis darauf ist. Meinst du das ist mir gelungen?“
Ob er diese Frage ernst meinte? Hannes antwortete vorsichtshalber mit einem „Ja“, woraufhin der Erfinder erneut über das ganze Gesicht strahlte.
„Wunderbar, wunderbar. Aber möchtest du nicht reinkommen? Dann kann ich dir zeigen, woran ich gerade arbeite.“
„Gern, Herr Erfindus“, Hannes musste sich das Lachen verbeißen.
„Ach, sag doch einfach Tiberius zu mir. Und nun komm rein. Hier geht’s lang in mein Labor“, Tiberius wies mit der Hand den Flur entlang und Hannes quetschte sich an etlichen Kisten vorbei, aus denen jede Menge Krempel herausschaute. „Du musst entschuldigen, ich bin noch nicht richtig eingerichtet. Aber meine derzeitige Erfindung nimmt mich einfach zu sehr in Anspruch.“

Der Raum, den sie betraten, sah eigentlich aus wie eine ganz normale Küche. Nur die zahlreichen Reagenzgläser, Messzylinder und Laborflaschen wiesen darauf hin, dass hier nicht ausschließlich gekocht wurde. Hannes kam sich vor, wie in der Schule im Chemielabor.
„Vorsicht, tritt nicht in die Glassplitter“, warnte Tiberius ihn. Kein Wunder, dass es zwei Mal einen lauten Knall gegeben hatte. Allein die vielen Scherben auf dem Boden erzählten davon. Ebenso wie die grüne Flüssigkeit, die nicht nur an den Wänden klebte, sondern auch von der Küchentheke herunter tropfte und sich dort in einer Pfütze sammelte.
Tiberius Grinsen wirkte verlegen. „Ja, so ganz will mir der Durchbruch noch nicht gelingen. Aber ich bin sicher, dass es bald so weit sein wird!“
„Was erfindest du denn gerade?“ Hannes sah sich neugierig um. Aus all dem was hier rumlag und stand konnte er nichts erkennen.
„Ich stehe kurz davor, den WTF zu erfinden“, erklärte Tiberius sichtlich stolz.
„Was ist denn ein WTF?“
„Das ist der Wuppstitätsfaktor“, war die erstaunliche Antwort. „Es wird sich hierbei um eine Flüssigkeit handeln, die man auf etwas drauftropft und das vergrößert sich dann. Also wenn ich zum Beispiel“, Tiberius legte die Stirn in Falten und überlegte einen Moment, „ja, genau, wenn ich einen Regenwurmtunnel vergrößern möchte. Dann tropfe ich ein, zwei Tropfen meines WTF auf die Stelle, natürlich sollte der Regenwurm gerade nicht in der Nähe sein, und schwupps ist es auf einmal ein großer Regenwurmtunnel.“
Skeptisch sah Hannes den Erfinder an. „Und was soll ein großer Regenwurmtunnel bringen? Dann kriecht da so ein kleiner Regenwurm herum…“
Noch bevor Hannes seinen berechtigten Einwand näher erklären konnte, unterbrach Tiberius ihn.
„Ja, du hast natürlich Recht. Das war kein kluges Beispiel. Dann stell dir vor, du hast eine Portion Eis und überlegst, dass du doch gerne ein größeres Eis hättest. Einmal kurz den Wuppstitätsfaktor draufträufeln und schon hast du eine Riesenportion!“
Ja, mit diesem Beispiel ließ sich doch etwas anfangen. Nun strahlte auch Hannes über das ganze Gesicht bei der Vorstellung was er demnächst alles vergrößern wollte. Seine Lieblingsnussschokolade zum Beispiel. Oder vielleicht konnte er selber auf die Art ein wenig größer werden, denn zu seinem Leidwesen war er nach wie vor der kleinste in der Klasse.

Die Langeweile, die Hannes noch vor einer halben Stunde verspürt hatte, war zusammen mit der grünlichen Wolke verschwunden. Dieser neue Nachbar versprach ja spannende Einblicke in das Leben eines Erfinders. Wer weiß, vielleicht konnte er ihm ja sogar bei irgendetwas helfen. Als sein Assistent oder so. In Chemie hatte er im letzten Jahr immerhin eine zwei im Zeugnis gehabt.
„Wahnsinn! Und wann ist es wohl soweit, dass es funktioniert?“ Hannes schaute sich mit leicht zweifelndem Blick in der ramponierten Küche um.
„Oh, genau kann man das nie sagen. Aber“, Tiberius rieb sich die Hände, „vielleicht schon heute. Ich habe ein gutes Gefühl.“
Schon heute? Das wäre ja wahnsinnig spannend. Ob er vielleicht dabei sein könnte? Er müsste sich nur trauen, zu fragen.
„Möchtest du vielleicht dabei sein?“, der Erfinder zwinkerte Hannes zu, so als hätte er seine Gedanken gelesen. Und wer weiß, vielleicht hatte er ja auch schon einmal eine Gedankenlese Maschine erfunden.
„Das wäre toll! Kann ich dir denn irgendwie helfen?“
„Naja“, Tiberius sah sich um und zuckte mit den Schultern, „ich befürchte, als erstes müssen wir ein wenig aufräumen.“
Glücklicherweise geht das aufräumen zu Zweit wesentlich schneller, so dass bereits nach kurzer Zeit die Arbeit an dem Wuppstitätsfaktor fortgesetzt werden konnte.
Noch nie hatte Hannes so viele Flüssigkeiten gesehen und abgefüllt und zusammen gemischt. Unter den wachsamen Augen von Tiberius mahlte er mit einem Mörser Pfefferkörner, ein Stück Zimtstange und eine Kräutermischung klein. Im stillen fragte er sich in diesen Augenblicken schon, ob sie hier wirklich etwas erfanden oder nicht doch nur das Abendessen für Tiberius kochten.

Aber all das kam letztendlich in ein Becherglas, wo Tiberius es mit einem langen gläsernen Stab umrührte. Dann schüttete er es behutsam durch ein Sieb und als letzten Schritt nahm Tiberius einen Bunsenbrenner zur Hand.
Aus dem Schulunterricht wusste Hannes, das dieser mit Gas betrieben wurde und auch, dass es nicht ungefährlich war ihn zu benutzen. Und wenn er an den Knall und die grünliche Wolke dachte, ging er vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Tiberius reichte ihm wortlos eine Schutzbrille, die den größten Teil seines Gesichts verdecken würde.
Offenbar hatte der Erfinder den Regler des Bunsenbrenners zu weit aufgedreht, so dass eine große helle Flamme hervorschoss, die voller Begeisterung versuchte eine von Tiberius Haarsträhnen zu erwischen.
„Upps“, machte der Erfinder nur, drehte an dem Regler und schon wenig später blubberte die mittlerweile pinkfarbene Flüssigkeit munter vor sich hin. Tiberius stellte den Bunsenbrenner beiseite und starrte auf den Behälter mit der Flüssigkeit.
Worauf er jetzt wohl wartete? Die Antwort bekam Hannes in Form eines weiteren Knalls, der ihn so erschreckte, dass er über einen der Küchenstühle stolperte, diesen umriss und mit ihm gemeinsam zu Boden stürzte. Als er sich wieder aufgerappelt hatte und sich den schmerzenden Oberschenkel rieb, wo sich die Stuhllehne hinein gebohrt hatte, hüpfte Tiberius jubelnd durch die Küche. Wobei er über den Mülleimer stolperte und beinahe auch noch hingefallen wäre.
„Es ist vollbracht, es ist vollbracht“, rief er immer wieder.
„Aber woher weißt du das?“, Hannes sah skeptisch auf das immer noch brodelnde und blubbernde Gebräu.
„Ach“, Tiberius piekste sich mit dem Finger in den Bauch, „das sagt mir mein Bauchgefühl.“
„Ein Wissenschaftler, der auf seinen Bauch hört? Ich hätte gedacht, dass bei euch alles nur mit Logik und nachdenken funktioniert.“
Der Erfinder grinste. „Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber bei mir ist es eine Mischung. Aber jetzt komm, lass uns das WTF ausprobieren.“ Er sah an sich selber herunter, hob dann die linke Hand und wackelte mit den Fingern. „Na, da haben wir ja schon ein Versuchskaninchen. Ich träufle mir einfach was auf meinen Daumen.“
Hannes riss erschrocken die Augen auf. Der gute Tiberius war ja wirklich ein bisschen verrückt. Er griff nach einem Apfel, der in einer Schale auf dem Küchentisch lag. „Vielleicht ist es besser hiermit anzufangen. Deine Hand brauchst du doch noch zum erfinden. Wenn da etwas schiefgehen würde…“
„Oh ja, du hast Recht. Nun denn, dann hat also ein Vertreter aus der Familie der Malus die Ehre als erstes meine bahnbrechende Erfindung zu testen.“
„Malus?“, irritiert sah Hannes den Erfinder an.
„Aus dem lateinischen für Äpfel“, erklärte Tiberius, während er ihm den Apfel aus der Hand nahm und ihn liebevoll betrachtete. Dann holte er aus einer der Küchenschubladen eine Pipette, tauchte sie beinahe andächtig in die rosafarbene Flüssigkeit und füllte diese damit. „Nun heißt es Daumen drücken!“ Er nickte Hannes zu, atmete tief ein und drückte auf die Gummikappe.
Gemeinsam starrten sie auf den Tropfen, der langsam aus der Öffnung der Pipette hinausquoll und dann nach unten auf den Apfel fiel. Es vergingen ein, zwei Sekunden, dann ertönte ein sattes plopp und vor ihren Augen wuchs der Apfel auf seine doppelte Größe.

„Juchhu“, rief Tiberius und tanzte mit dem Apfelwunder übermütig durch die Küche.
Hannes schloss sich den Jubelrufen an und trommelte voller Begeisterung auf dem Küchentisch herum. Er konnte es noch gar nicht fassen. Gerade war er Zeuge davon geworden, wie der Wuppstitätsfaktor das allererste Mal zum Einsatz kam. Es war unglaublich. Am liebsten würde er sich gleich etwas von dem WTF auf den Kopf tropfen, damit er endlich größer als seine Klassenkameraden werden würde, aber zu seiner großen Enttäuschung stellte Tiberius die restliche Flüssigkeit in den Küchenschrank und schloss sorgfältig die Tür.
„Aber willst du nicht noch weitere Versuche machen?“ Hannes sah den Erfinder bittend an.
„Oh, wollen schon, mein lieber junger Freund. Aber es ist nicht ratsam, einen Versuch zu überstürzen. Ich warte bis morgen ab, was mit dem Apfel passiert und dann können wir uns an andere Versuchskaninchen heranwagen. Magst du morgen früh wiederkommen?“
„Ich kann nicht“, Hannes war maßlos enttäuscht, „ich habe doch Schule.“
Tiberius überlegte einen Moment. „Dann warte ich mit Teil zwei des Experiments auf dich. Da kommt es auf die eine und andere Stunde nicht an. Kannst du gleich nach der Schule herkommen?“
„Klar“, strahlte Hannes, „direkt vom Bus aus. Wenn ich die Nordstraße runterlaufe, bin ich in fünf Minuten hier. Das habe ich mal gestoppt!“
Mit dieser Absprache, trennten sich die Beiden und Hannes lief rasch nach Hause. Es war inzwischen Abendbrotzeit und seine Eltern würden gleich von der Arbeit kommen. Da wollte er lieber zurück sein.

Den ganzen Abend hatten seine Eltern kaum ein Wort von ihm gehört. Hannes war ganz in die Gedanken an die Erfindung vertieft gewesen. Als er später ins Bett gehen sollte, war er immer noch total aufgekratzt. Kein Wunder, dass er sich von einer Seite zur anderen wälzte und nicht einschlafen konnte.

Plötzlich sah er durch sein Dachfenster einen blauen runden Lichtfleck, der immer näher kam, so als wollte er sich durch die Scheibe bohren. Vielleicht war er doch eingeschlafen und träumte jetzt? Hannes kniff sich in den Oberarm.
„Autsch!“, Er rieb sich die schmerzende Stelle. Ok, anscheinend träumte er nicht. Und der Lichtfleck kam immer noch näher. Plötzlich erschienen in dem Fleck Worte, wie auf einem Anstecker. Er setzte sich im Bett auf und beugte sich nach vorn, um besser sehen zu können.
Komm rüber!, stand dort.
Komm rüber? Was sollte das denn nun schon wieder? Aber klar! Hannes sprang hastig auf und zog sich seine Sachen an. Das war bestimmt eine Nachricht von Tiberius, die er mit irgendeiner Erfindung hierher projiziert hatte. Er schlich auf Socken die Treppe hinunter, zog sich im Flur die Schuhe an und öffnete dann leise die Haustür. Glücklicherweise schienen seine Eltern schon zu schlafen, zumindest war unter der Schlafzimmertür kein Licht mehr zu sehen gewesen.

Als er vor dem Haus stand, sah er, dass das blaue Licht tatsächlich von Tiberius Haus herüber schien. Um Zeit zu sparen, nahm er den kürzesten Weg über den kleinen Zaun, der die beiden Grundstücke voneinander trennte.
Der Erfinder wartete bereits auf ihn und wedelte wild mit den Armen, als Zeichen, dass er hereinkommen sollte. Nachdem er die Tür hinter Hannes geschlossen hatte, atmete er aus.
„Gut, dass du mein Hey-bemerk-mich-Licht bemerkt hast. Ich konnte ja schlecht mitten in der Nacht bei euch klingeln.“
„Was ist denn passiert?“
„Sieh selbst!“ Tiberius öffnete die Küchentür und ließ ihn an sich vorbeigehen.
Hannes betrat die Küche. Was war denn das?
„Ist… ist das etwa der Apfel, den du mit dem WTF beträufelt hast?“
„Allerdings. Als ich gestern Abend ins Bett ging, habe ich nochmal hier reingeschaut und da kam er mir schon größer vor. Aber ich habe es auf die Aufregung geschoben und darauf, dass ich müde war. Aber nun…“
Gemeinsam schauten sie auf das was gestern noch ein ganz normaler Apfel gewesen war und jetzt locker die Hälfte der Küche einnahm. Zwei Stühle und den Küchentisch hatte er unter seinem Fruchtfleisch begraben. Und der Kühlschrank hatte vorne eine Delle, als hätte King Kong persönlich sich dagegen gelehnt.
„Hört der irgendwann auf zu wachsen?“, fragte Hannes, ohne den Blick von dem leuchtend grünen Apfel, ein Granny Smith seine Lieblingssorte, abzuwenden.
„Ich befürchte nein. Und genau deswegen habe ich dich gebeten rüber zu kommen. Wir müssen ihn klein schneiden und abtransportieren. Und dann irgendwo…“
„Verbrennen?“, ergänzte Hannes.
„Gute Idee! Also, hilfst du mir?“ Tiberius sah ihn bittend an.
„Klar. Aber wir müssen aufpassen, dass uns niemand beobachtet. Nicht, dass sie deine Erfindungen noch für etwas Gefährliches halten.“
Der Erfinder nickte, zog aus der Küchenschublade, die sich glücklicherweise noch öffnen ließ, ein großes Messer heraus und begann gleich darauf wie ein Wilder an dem riesigen Apfel herum zu schneiden.
„Kannst du die einzelnen Stücke rausbringen? Ich habe schon den Anhänger an mein Auto gehängt, so können wir das ganze hinterm Ort auf eines der Felder bringen.“
„Ok“, Hannes wollte schon zugreifen, als ihm noch etwas einfiel. „Aber was ist mit dem WTF? Ist es nicht zu gefährlich, es aufzubewahren? Wenn es umfällt ist auf einmal das ganze Haus riesig oder so.“
Tiberius hielt einen Moment inne und legte die Stirn in Falten. „Du hast Recht. Dieser Fehlversuch muss vernichtet werden. Am besten nehmen wir es mit und schütten es dann auf eins der Apfelstücke, bevor wir es ins Feuer werfen.“

Genau so machten sie es. Nachdem Hannes und der Erfinder alles aufgeladen hatten, die riesigen Apfelstücke passten gerade so in den Anhänger, fuhren sie es zu einem der Felder, die hinter Winzlar lagen. Glücklicherweise waren sie zu dieser nächtlichen Stunde die einzigen, die hier unterwegs waren.
Mit einem wehmütigen Gesichtsausdruck nahm Tiberius das Becherglas mit dem WTF, kniff die Augen zusammen und goss es über eines der Apfelstücke. Ein sattes plopp später war dieses doppelt so groß wie zuvor. Und bevor auch dieses nun weiterwachsen konnte, warfen sie alles nach und nach ins Feuer. Tiberius hatte extra ein paar große Feldsteine um den Apfelhaufen gelegt, um nicht versehentlich halb Rehburg-Loccum und Umgebung abzubrennen.

Der Geruch des bratenden Apfels erinnerte Hannes an die Weihnachtszeit, wenn seine Oma Bratäpfel mit Marzipanfüllung machte. Er musste grinsen, als er sich vorstellte, wie sie diesen riesigen Apfel gefüllt hätte. Und wie viel Vanillesoße dafür erst nötig wäre!
„Danke, dass du mir so toll geholfen hast“, der Erfinder klopfte Hannes auf die Schulter. „Vielleicht hast du ja mal wieder Lust, mich beim erfinden zu unterstützen.“
Hannes grinste. „Klar, wenn es nicht wieder damit endet, dass ich große Apfelstücke durch die Gegend schleppe.“
Auch Tiberius grinste. „Nein, das nächste Mal wird es etwas wirklich…“ Er stoppte mitten im Satz und überlegte einen Moment. „Eine Schubkarre.“
Hannes sah ihn nur fragend an. Schubkarren gab es ja nun wohl schon Ewigkeiten.
„Eine, die sich selbst belädt und dann alleine fährt.“ Ohne ein weiteres Wort machte Tiberius auf dem Absatz kehrt und marschierte den Feldweg zurück den sie gekommen waren.
„Aber dein Auto“, rief Hannes hinterher. Dann zuckte er mit den Schultern. Er konnte ihn nicht aufhalten. Soviel hatte er inzwischen begriffen. Am besten lief er einfach hinterher und versuchte das Schlimmste zu verhindern. Während er den Feldweg entlang lief, grinste er. Egal, was da noch auf ihn zukam, so einen Erfinder zum Freund zu haben, das war schon was ganz Besonderes.

Die 1. Geschichte des Experiments findet Ihr hier und die 2. hier!

Experiment: Die 2. Geschichte

In einer Woche drei Kurzgeschichten für Kinder schreiben – das hatte ich mir als Ziel gesetzt (den Beitrag dazu findet Ihr hier). Ihr wart so lieb, mir für jede Geschichte zwei Wort-Geschenke zu machen. Und hier kommt nun eins der Ergebnisse. Allerdings noch nicht überarbeitet und auch deutlich länger als die anvisierten 9.500 Zeichen. Aber da mir dieses Schreib-Experiment auch Spaß machen sollte, sehe ich das jetzt mal nicht so eng.

Und hier ist die 2. Geschichte mit den Worten Wunschbrunnen und Hupperpferd.

 

Kennt Ihr die Luccaburg im Klosterwald in Loccum? Na gut, es ist keine ganze Burg mehr, sondern nur noch ein paar Mauerreste, die nach all der Zeit übrig geblieben sind. Aber solche Orte haben ja immer auch ihre Geheimnisse.
Genau das dachten sich Merle, Chiara, Kilian und Leon auch, als sie vor einiger Zeit einen Geheim Club gründeten und ihn die Lucca Bande nannten. Gemeinsam haben sie nun schon einige Abenteuer erlebt und von einem möchte ich euch heute erzählen.
Es begann bei einem der Clubtreffen, die jede Woche ein Mal stattfanden. Bei gutem Wetter trafen sie sich an der Luccaburg im Wald, bei schlechtem reihum bei ihnen Zuhause. Aber an diesem Herbsttag schien die Sonne und es war für Oktober ungewöhnlich warm.

Merle, Kilian und Leon waren schon eine Weile da und warteten. Wie so oft, war Chiara die letzte, die den schmalen Pfad entlang geradelt kam.
Anfangs waren die Drei noch sauer auf sie, aber das ließ schnell nach, als Chiara zeigte, was sie im Haus ihrer Großeltern gefunden hatte.
„Ein Wunschbrunnen in Rehburg?“ Merle schaute zusammen mit den anderen auf das vergilbte Stück Papier, das ihre Freundin mitgebracht hatte.
„Ja, stell dir vor, man soll sich von ihm einen Ort wünschen können, an dem man gerne sein möchte und schwupps ist man da“, Chiara fuchtelte beim sprechen mit beiden Händen wie sie es immer tat, wenn sie aufgeregt war. „Meine Oma hat mir erlaubt auf ihrem Dachboden herum zu stöbern und dort fand ich eine alte verbeulte Geldkassette, die zwar kein Geld dafür aber dieses Schreiben enthielt.“
„Aber die Schrift kann man ja gar nicht lesen“, warf Leon ein.
Chiara grinste in die Runde. „Kein Problem, meine Oma hat mir dabei geholfen, es zu lesen. Sie sagte, diese Schreibschrift würde man Sütterlin nennen und sie hat sie noch in der Schule gelernt. Wenn man sich ein bisschen eingelesen hat, ist es eigentlich gar nicht so schwer.“
„Nun red doch nicht lange um den heißen Brei herum“, mischte sich Kilian, der stets ein wenig ungeduldig war, ein. „Erzähl lieber was da steht.“
„Als erstes ein Gedicht mit dem Titel `Der Wunschbrunnen´:

Am Wäldchen an der Brunnengass´
Da wird der Suchende ihn finden
Aus Stein gebaut, groß wie ein Fass
Tut Efeu sich drum winden.

Des Nachts wenn sich der Vollmond zeigt
Schickt sein Licht auf die Erde
Dann sich das Glück zum Sucher neigt
In der Gestalt vom grünen Pferde.“

„Brunnengass´? Gestalt vom grünen Pferde? Was soll das bedeuten?“, Leon sah ihr neugierig über die Schulter.
„Also meine Oma meinte, mit der Brunnengasse ist die Brunnenstraße bei uns in Rehburg gemeint. Das ist die Hauptstraße, die nach Bad Rehburg führt. Und was das grüne Pferd betrifft“, Chiara wanderte mit dem Zeigefinger über das Papier und suchte die entsprechende Stelle, „hier, da steht, dass man einen Ort nennen kann, an dem man gerne sein möchte und der Brunnen erfüllt einem dann diesen Wunsch. Oder vielmehr das Hupperpferd, das ist wohl sowas wie der Hüter des Brunnens.“
„Ein Hupp waas?“, fragte Kilian dazwischen.
Chiara lachte. „Ja, glücklicherweise konnte mir meine Oma da weiterhelfen. Hupperpferd. Das kennt sie aus ihrer Kindheit, so haben sie Grashüpfer genannt.“
„Grashüpfer? Aber wie kommt man denn da auf Hupperpferd?“ Kilian war sichtlich verwirrt.
„Naja“, erklärte Chiara, „eigentlich ist die richtige Bezeichnung für einen Grashüpfer Heupferd und dann ist das mit dem Hupperpferd doch schon wieder ganz klar.“
„Ok, Schrecke, Hüpfer, Pferd, ist mir eigentlich gerade ganz schnurz“, fiel Leon ein, „aber ein Wunschbrunnen, der einen überall hinbringen kann? Das ist doch krass!“
Chiara klatschte in die Hände. „Super, dann seid ihr also nächste Nacht dabei?“
„Was? Wobei?“, fragten die anderen Drei durcheinander.
„Herrje“, seufzte Chiara, „ihr steht ja wohl gerade echt auf der Leitung. Es ist Vollmond und wir suchen den Wunschbrunnen!“

Es hatte am Nachmittag zwar noch einiges Hin und Her gegeben, aber letztendlich war sich die Lucca-Bande einig: sie würden den Wunschbrunnen suchen und dann ein weiteres aufregendes Abenteuer erleben.
Und dieses begann gleich ziemlich aufregend, denn es war schon recht gruselig und ungewohnt nachts unterwegs zu sein. Die Vier hatten sich von Zuhause weggeschlichen und waren dann mit den Rädern zu dem kleinen Wäldchen an der Brunnenstraße gefahren. Über ihnen der Nachtschwarze Himmel, von dem der Vollmond hell herunter strahlte und ihnen den Weg leuchtete.
„Meint ihr, es ist wirklich so schlau, sich hier allein auf den Weg zu machen?“ Merle sah sich bei jedem Geräusch ängstlich um, wobei sie mehrfach mit ihrem Rad einen Schlenker machte und beinahe Leon angerempelt hätte.
„Wir sind nicht allein, sondern zu Viert. Und den Wunschbrunnen kann man nun mal nur in einer Vollmondnacht finden“, erklärte Kilian ungeduldig. „Aber du kannst ja auch wieder nach Hause fahren, wenn es dir zu unheimlich ist.“
„Hey“, unterbrach Chiara ihn, „streitet nicht. Wir fahren da jetzt alle zusammen hin. Die Lucca-Bande trennt sich schließlich nicht so einfach, oder?“
Ein dreifaches mehr oder weniger zögerliches „Ja“ war die Antwort.

Kurz darauf bogen sie in den Weg vor dem Wäldchen ein, wo sie abstiegen und die Fahrräder abstellten, um zu Fuß weiter zu gehen. Da das Schriftstück keine genauere Lage beschrieben hatte, mussten sie auf gut Glück mit ihrer Suche beginnen. Wie gut, dass sie ihre Smartphones dabei hatten und diese als Taschenlampen nutzen konnten. Trotzdem stolperte immer mal wieder einer von ihnen oder blieb an Dornenranken hängen.
Über ihnen in den Bäumen raschelte es wiederholt und einmal flog etwas großes dunkles über sie hinweg.
„Wahrscheinlich ein Uhu den wir aufgeschreckt haben“, wisperte Kilian, der sich von den Vieren am besten in der Natur auskannte.
„Wollen wir nicht doch lieber wieder umkehren“, Merle sah sich ängstlich um, „hier ist doch weit und breit…“ Bevor sie den Satz beenden konnte, schoss ein Lichtstrahl durch die Bäume und erleuchtete eine Stelle zwei, drei Meter von ihnen entfernt.
Vor ihren weit aufgerissenen Augen schichteten sich Runde um Runde Steine aufeinander, bis ein Brunnen im hellen Licht des Vollmonds da stand.
„Lasst uns verschwinden“, Merle hatte nach Chiaras Hand gegriffen und wollte diese mit sich ziehen. Und obwohl die anderen Drei auch ein wenig bange aussahen, rührte sich dennoch keiner von ihnen von der Stelle.
„Wünscht euch nun an einen Ort und ich bringe euch von hier fort.“ Eine sanfte, beinahe singende Stimme erklang und auf dem Rand des Brunnens war etwas leuchtend grünes mit langen Fühlern und Flügeln zu sehen.
Kilian ging ein Stück näher, um besser sehen zu können. „Es ist ein Heupferd“, stellte er fest.
„Ich bin nicht irgendein Heupferd“, erklang die Stimme erneut, „ich bin Hieronymus Hupp, der Hüter des Wunschbrunnens.“
Nun kamen auch die anderen näher, denn was sollte ihnen so ein kleines Tier schon antun.
„Und wir sind die Lucca Bande“, stellte Leon sich und die anderen nun vor, „das sind Chiara, Kilian, Merle und ich bin Leon.“
„Erfreut euch kennen zu lernen. Aber nun müssen wir uns sputen, die Nacht ist kurz. Sagt mir, welches eure Wunschorte sind.“ Die langen Sprungbeine des Heupferdes bebten, als wollten sie augenblicklich davon hüpfen.
„Aber wie funktioniert das denn mit dem reisen an die Wunschorte“, wagte Merle zu fragen.
„Ihr werdet auf meinem Rücken reisen und ich verspreche euch, dass ihr wohlbehalten noch vor Sonnenaufgang zurück seid.“
„Ich möchte nach Ägypten zu den Pyramiden“, platzte Leon heraus. Und trotz einiger Bedenken schlossen sich ihm die anderen mit ihren Wünschen nun an. Chiara wollte gerne nach Island, um dort einmal die Heimat ihrer geliebten Islandpferde zu sehen. Kilian hatte schon so viel von der riesigen Holzachterbahn im Heidepark Soltau gehört, dass er einmal damit fahren wollte. Und Merle wünschte sich eine Fahrt in einem Heißluftballon, um die Welt von oben sehen zu können.
„Dann haben wir ja einiges vor uns. Streckt eure Hände aus, so dass ich sie mit meinen Fühlern berühren kann.“
Alle Vier streckten ihre Hände aus und spürten gleich darauf ein kurzes Kribbeln auf ihren Handrücken und dann, dann begann sich alles um sie zu drehen. Oder drehten sie selber sich? Immer schneller und schneller ging es im Kreis bis sie plötzlich wieder genau so still standen wie zuvor.

„Was ist passiert?“, rief Leon aufgeregt. Alles um sie herum war auf einmal riesig. Die einzelnen Steine des Wunschbrunnens waren größer als sie und auch Hieronymus Hupp, der anscheinend vom Brunnenrand herunter gehüpft war, war riesig.
„Schnell, steigt auf“, sagte das Heupferd und streckte eines seiner langen grünen Beine schräg aus, damit sie daran emporklettern konnten. Mit mehr oder weniger mulmigen Gefühlen krabbelten sie nacheinander auf Hieronymus Rücken.
„Haltet euch gut fest“, rief dieser. Und dann ging das Abenteuer richtig los. Mit einem riesigen Satz hüpfte Hieronymus mit den vier Mitgliedern der Lucca Bande zurück auf den Brunnenrand und von dort aus hinab in die Tiefe des Wunschbrunnens.
„Aaaah“, schrien alle Vier, während es tiefer und tiefer ging und um sie herum grüne, rote, gelbe und blaue Kreise tanzten. Und dann… dann war auf einmal alles still und es herrschte Dunkelheit. Gerade wollte Kilian fragen, wo sie denn nun seien, als vor ihnen ein schmaler Lichtstreifen auftauchte, der größer und größer wurde.
„Ein Tor“, wisperte Chiara.
Als das Tor vollständig geöffnet war, fühlten die Mitglieder der Lucca Bande einen heftigen Sog, so als würde Jemand einen Staubsauger vor sie halten. Bevor sie sich dagegen wehren konnten, hatte der Sog sie erfasst und nur Sekundenbruchteile später fühlten sie heißen Wüstenwind auf ihren Gesichter und sie begannen in ihren dicken Pullis und Jacken zu schwitzen.
„Hey, wir haben unsere normale Größe wieder!“, stellte Merle fest.
Und Leon, der sich schon umgeschaut hatte, rief aufgeregt: „Ihr werdet es nicht glauben, aber wir stehen vor einer Pyramide. Wir sind in Ägypten.“
Die anderen Drei sahen sich nun ebenfalls um und auch wenn sie sich nicht so gut über Ägypten Bescheid wussten, wie ihr Freund Leon, dass sie vor einer Pyramide standen, erkannten sie auch. Um sie herum sahen sie hellen Wüstensand mit einigen Dünen, die sich dem blauen Himmel entgegenreckten.
„Gut, dass wir nicht dort oben stehen“, stellte Merle fest und schaute misstrauisch in die Höhe.
„Das ist sowieso nicht erlaubt“, erklärte Leon, der sich bei seinem Lieblingsthema gleich zuhause fühlte. Mit leuchtenden Augen umrundete er die Pyramide, während ihn Merle, Chiara und Kilian begleiteten.
Mit immer neuen Begeisterungsrufen, schaute sich Leon an seinem Wunschort um. Wie lange hatte er schon davon geträumt, einmal eine Pyramide sehen zu können und nun, er streckte eine Hand aus, konnte er sogar einen der riesigen Steinquader berühren. Auf einmal blitzte vor ihm im Sand etwas auf. Rasch bückte er sich und hob etwas silbernes auf.
„Wahnsinn“, rief er und hielt seinen Fund den anderen vor die Nase, „das ist eine Münze. Schaut, da ist der Kopf eines Pharaos drauf.“ Mit leuchtenden Augen schob er sein Fundstück in die Hosentasche. Was war er doch für ein Glückspilz!

Mit einem Mal spürten sie erneut einen Sog, als würden sie von diesem Ort weggesaugt werden, was letztendlich ja auch der Fall war. Als sie dieses Mal wieder klare Sicht hatten, sahen sie weite grüne Wiesen, in der Ferne einen Wasserfall und ein unüberhörbares Wiehern schallte zu ihnen herüber.
„Islandpferde“, jubelte Chiara und rannte sofort in die Richtung aus der das Wiehern gekommen war.
Die anderen folgten etwas langsamer, aber auch sie waren begeistert von der wunderschönen Natur um sie herum. Als sie ihre Freundin eingeholt hatten, war diese bereits damit beschäftigt einem dunkelbraunen Islandpferd den Hals zu streicheln, was dieses sich auch gern gefallen ließ. Unter seinem dichten Schopf lugten ein paar gutmütig dreinblickende braune Augen hervor.
„Möchtest du ein Stück auf Ola reiten?“ Unbemerkt von den Vieren war ein älterer Herr, dessen Gesicht von zahlreichen Lachfalten zerfurcht war, ebenfalls an den Zaun heran getreten. Über seiner Schulter hing eine Trense, die er nach dem begeisterten Nicken Chiaras der Stute Ola anlegte.
Wie gut, dass Chiara schon oft ohne Sattel geritten war, so dass sie die Runde über die Wiese sichtlich genoss, während die anderen Drei sich noch ein wenig umsahen.
Und dann war es schon wieder soweit und der große Wunschort-Staubsauger war wieder angeschaltet.

Der nächste Ort, an dem sich die Lucca Bande wiederfand, war jedoch nicht jedermanns Sache. Während Kilian, der sich dieses Abenteuer gewünscht hatte, über das ganze Gesicht strahlte, und auch bei Chiara ein Funkeln in den Augen zu sehen war, hielt sich die Begeisterung von den anderen Zwei Wunschort-Reisenden deutlich in Grenzen. Denn sie befanden sich in einem Waggon der Holzachterbahn im Heidepark Soltau.
„Whoohoo“, jubelte Kilian, „gleich geht’s hier richtig los. Wusstest ihr, dass die Achterbahn hier Colossos heißt und 60 m hoch ist.“
„Mir ist jetzt schon schlecht“, stöhnte Merle und auch Leon sah unglücklich aus.
Einen Wimpernschlag später fanden sich die Zwei neben der riesigen Achterbahn wieder, auf dessen Absperrgeländer Hieronymus hockte.
„Na, ich hab wohl richtig gesehen, dass ihr diese Freude nicht mit den Anderen teilen wollt.“
Erleichtert nickten die Beiden, während ihre Freunde bereits unter viel Geschrei und Gejubel durch die Luft sausten.

Am letzten Wunschort war die Lucca Bande wieder komplett. Die Fahrt mit dem Heißluftballon war noch schöner, als Merle es sich erträumt hatte. Hoch oben glitt der Korb mit dem riesigen Ballon dahin, während Merle und ihre Freunde die winzig kleine Welt unten auf der Erde bestaunten. Schnell bemerkten sie, dass sie über ihre Heimat hinweg flogen.
Sie sahen, dass Steinhuder Meer und in der Mitte die Insel Wilhelmstein, die aussah wie ein Playmobil Spiel. Und dann die Dinosaurier im Dinopark Münchehagen, da sah selbst der Tyrannosaurus Rex wie ein winziges Kuscheltier aus.
„Schau, da unten wohnen wir irgendwo“, Kilian zeigte auf den Ortsteil Rehburg. Sie erkannten den Uhrenturm und auch die Grundschule auf die sie bis vor zwei Jahren gegangen waren. Und all das in Spielzeuggröße.
Als der Ballon langsam zur Landung ansetzte, spürten sie das nun schon so bekannte Staubsaugergefühl und kurz darauf fanden sie sich neben Hieronymus wieder, der sie ganz offensichtlich erwartet hatte. Er berührte erneut ihre Hände mit seinen Fühlern und dann ging es zurück durch den Wunschbrunnen, schließlich musste alles seine Ordnung haben, wie ihnen der Hüter des Wunschbrunnens erklärt hatte.
Und dann hieß es Abschied nehmen, was ihnen gar nicht so leicht fiel. Sie hatten das kleine Hupperpferd ins Herz geschlossen.
„Danke für die tolle Zeit. Dürfen wir irgendwann noch einmal mit dir reisen?“, wollte Chiara wissen.
„Ein Mal im Jahr habt ihr die Gelegenheit. Dann kann ich euch wieder mitnehmen“, antwortete Hieronymus, bevor er mit einem riesigen Satz in der Tiefe verschwand und sich gleich darauf der Brunnen auflöste. Was kein Wunder war, denn der Vollmond schaltete sein Nachtlicht nun auch ab, um den nächsten Tag an die Sonne abzugeben.
„Rasch, lasst uns nach Hause fahren, sonst merken unsere Eltern noch, dass wir weg waren“, trieb Leon die Freunde an.
Und als sie nacheinander den Radweg in Richtung Ortsmitte entlangfuhren, war jeder noch einmal in Gedanken an seinem persönlichen Wunschort.

Die 1. Geschichte des Experiments findet Ihr hier und die 3. hier!

 

Experiment: Die 1. Geschichte

In einer Woche drei Kurzgeschichten für Kinder schreiben – das hatte ich mir als Ziel gesetzt (den Beitrag dazu findet Ihr hier). Ihr wart so lieb, mir für jede Geschichte zwei Wort-Geschenke zu machen. Und hier kommt nun eins der Ergebnisse. Allerdings noch nicht überarbeitet und auch deutlich länger als die anvisierten 9.500 Zeichen. Aber da mir dieses Schreib-Experiment auch Spaß machen sollte, sehe ich das jetzt mal nicht so eng.

Und hier ist die 1. Geschichte mit den Worten Baumhaus und Himbeersahnesirupsoße.

Sonnenstrahlen tanzten auf der Wasseroberfläche des Ententeichs. Die gelb blühenden Seerosen wiegten sich gemütlich im Sommerwind, während die Enten die Schnäbel unter ihr Gefieder schoben und ein Mittagsschläfchen machten.

Sarina und Finn hatten sich schon die ganze Woche auf den Ausflug in den Klosterwald gefreut. Glücklicherweise waren die Regenwolken, die am Vortag noch für Pfützen auf den Wegen gesorgt hatten, über Nacht verschwunden und hatten einen blank geputzten blauen Himmel zurück gelassen.
Auf den Bänken am Ententeich hatten sie ein Picknick veranstaltet. Während ihre Eltern dort noch gemütlich sitzen blieben, rannten Sarina und Finn voller Begeisterung am Ufer entlang, fütterten die plötzlich wieder sehr munteren Enten mit trockenem Brot und begannen dann an dem kleinen Bach, der durch den Wald floss, einen Staudamm zu bauen.

„Schau mal, da sind noch ein paar größere Steine, die können wir bestimmt gebrauchen“, Sarina, die mit ihren 11 Jahren zwei Jahre älter war als ihr Bruder, wies auf eine Ansammlung von Steinen, die am Ufer verstreut lagen.
„Aber wir werden ganz nass, wenn wir sie rausholen“, Finn sah skeptisch von den Steinen zu seiner Schwester, die jedoch nur lachend die Hände in die Hüften stemmte.
„Hast du etwa Angst davor, ein paar Spritzer Wasser abzubekommen?“
Mit älteren Schwestern war das immer so eine Sache. Einerseits konnten sie einem in vielen Dingen helfen, aber andererseits machten sie sich auch schnell über einen lustig.
„Nee, ich hab gar keine Angst davor, nass zu werden“, rief Finn, während er sich bereits die Turnschuhe auszog, um in den Bachlauf steigen zu können. Glücklicherweise war jetzt im Sommer das Wasser nur ganz flach, sonst wäre ihm vermutlich doch mulmig geworden.

Gerade wollte er den großen Zeh seines rechten Fußes probehalber in das Wasser tauchen, da hörten sie über sich eine Stimme.
„Verflixt, wo sind denn nun die Himbeeris?“
Die Geschwister blickten verwundert auf. Sie schauten in die Richtung aus der die Stimme gekommen war, konnten jedoch niemanden sehen.
„Auaaaaaa!“, hörten sie die Stimme erneut.
„Hallo?“, rief Sarina und begann gleichzeitig durch den Bach zu waten, um dann die Uferböschung hinauf zu klettern. Finn sah ihr mit großen Augen hinterher und seufzte dann. Nun blieb ihm mal wieder nichts anderes übrig, als hinterher zu klettern. Er zog sich am anderen Ufer seine Schuhe wieder an, warf dann einen Blick über die Schulter zurück und winkte seinen Eltern zu, die nach wie vor auf der Bank saßen.
„Bleibt in Sichtweite“, hörte er die Stimme seiner Mutter. Er winkte ihr zu, als Zeichen dass er sie gehört hatte.
Als er endlich neben seiner Schwester anlangte, staunte er nicht schlecht. In einem Gewirr aus dichten Zweigen, hockte ein Mädchen mit langen braunen Zöpfen, in die Blätter und kleine Zweige hineingeflochten waren. Ihre Füße waren nackt und sie trug ein knielanges Kleid in verschiedenen Grüntönen, das sie gerade versuchte von einer Dornenranke zu befreien.
„Hallo“, rief sie und lachte fröhlich über ihr sommersprossiges Gesicht.
„Hallo“, antworteten Sarina und Finn im Chor.
„Wer bist du und was machst du hier?“ Finn hatte sich ein wenig an seiner Schwester vorbeigeschoben und sah das Mädchen neugierig an.
„Ich bin Milli und ich sammle Himbeeris“, Milli zeigte auf den kleinen Weidenkorb, den sie in der Hand trug und der mit einem blau-weiß karierten Tuch ausgelegt war auf dem bereits etliche von den roten Früchten lagen.
„Darf ich mal eine probieren?“ Finn begann bereits die Hand auszustrecken. Die Himbeeren sahen aber auch so lecker aus.
„Klar“, lachte Milli, „aber dann muss ich zurück. Meine Mutti macht nämlich gerade meine Lieblingsspeisi – Himbeersahnesirupsoßi.“
„Mutti, Speisi, Soßi? Kann es sein, dass du den Buchstaben I magst?“ Sarina grinste Milli an, die zurück grinste. „Stimmt! Ist das schlimm?“
„Nö“, lachten die Geschwister im Chor und Finn fügte hinzu, „aber lustig klingt es ja irgendwie schon. Aber sag mal was ist denn diese Himbeersirupirgendwas?“
„Himbeersahnesirupsoßi. Och ich weiß gar nicht, wie meine Mutti die macht. Aber ich esse das zu absolut allem. Löwenzahnsalati, Bärlauch Bratkartoffeli…“ Milli zählte noch etliches auf, während sie ein Stück weiter in den Wald hinein ging. „Kommt doch einfach mit. Meine Mutti freut sich, wenn wir Besuch haben.“
„Aber das geht nicht“, begann Finn, der an die Worte der Mutter dachte, dass sie in der Nähe bleiben sollten.
Sarina knuffte ihn in die Seite. „Wir gehen nur ganz kurz mit. Oder ist es weit bis zu dir nach Hause, Milli?“ Fragend sah sie ihre neue Freundin an.
„Nein, wir sind schon fast da. Nur noch ungefähr fünf Schritte, dann sind wir an unserem Baumhausi.“
Finn schaute nach oben in die Baumkronen. „Aber da ist nichts.“
„Warum sollte es da oben sein?“, fragte Milli und sah ihn erstaunt an.
„Na, du hast gesagt es ist ein Baumhaus und die sind doch oben in den Bäumen.“
„Unseres nicht. Es steht da hinten, neben dem“, sie brach mitten im Satz ab und sah sich verwirrt um. „Also eigentlich müsste es“, sie drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse, „eigentlich müsste es hier irgendwo sein.“
„Also ich sehe auch hier unten nichts, das wie ein Haus aussieht“, stellte Sarina fest.
„Kannst du auch nicht. Es ist unsichtbar“, erklärte Milli, während sie sich weiter suchend umblickte. „Zumindest für euch. Ich kann es natürlich sehen, sonst würde ich ja nicht mehr nach Hausi finden. Aber irgendwie“, das Gesicht des eben noch so fröhliche Mädchens wurde mit einem Mal so weiß wie die Laken von Sarinas und Finns Großeltern. Dann starrte sie die Geschwister mit großen Augen an. „Unser Baumhausi ist weg!“
Gemeinsam versuchten sie die arme Milli zu beruhigen, die vollkommen aufgelöst immer wieder ein paar Meter in jede Himmelsrichtung lief nur um festzustellen, dass ihr Zuhause sich offensichtlich tatsächlich in Luft aufgelöst hatte.
Sie setzten sich auf die Bank die oberhalb des Bachlaufs stand, an dem sie doch eben noch friedlich an ihrem Damm gebaut hatten.
„Das kann nur der garstige Waldgnom gewesen sein“, murmelte Milli vor sich hin, „wenn ich den erwische. Es ist nicht das erste Mal, dass er uns Ärger macht. Aber wenn er hinter dieser Haus-Verschwinde-Aktion steckt, dann kann er was erleben!“ Vor lauter Groll schien Milli sogar fürs Erste ihre Begeisterung für den Buchstaben I vergessen zu haben. Mit jedem Wort war ihre Stimme lauter geworden, während sie ihre Hände zu Fäusten ballte und mit diesen wild vor sich ins Nichts boxte.
„Nun mal eins nach dem anderen“, versuchte Sarina erneut sie zu beruhigen, „wer ist denn der garstige Waldgnom? Und was soll er mit eurem Baumhaus gemacht haben? So langsam steige ich nicht mehr durch.“
„Gustav heißt er eigentlich, aber alle nennen ihn nur Gustav den garstigen, weil, na weil er eben so grantig und garstig ist. Er ist seit einiger Zeit unser Nachbar. Seine Höhle befindet sich unter dem Baum, in den der Blitz eingeschlagen hat.“
„Der hier neben der Bank?“, Finn sah den Baumstumpf mit neu erwachtem Interesse an. „Und darunter ist eine Höhle?“
„Genau. Und unser Baumhaus steht nur wenige Meter entfernt und diesem Gustav machen wir zu viel Lärm. Naja, ich habe fünf Geschwister müsst ihr wissen. So richtig leise ist das bei uns natürlich nicht. Und er hat schon öfter gedroht und zu vertreiben. Tja, anscheinend hat er stattdessen nun unser Haus vertrieben oder verzaubert oder was weiß denn ich.“ Mit einem Satz sprang Milli auf. „Herrje, wo ist denn jetzt bloß meine Familie? Wahrscheinlich sind sie mit unserem Haus verschwunden.“ Nun lief eine dicke Träne über das Gesicht des sonst so fröhlichen Mädchens.
Sarine und Finn nickten sich hinter Millis Rücken zu. Klar, dass sie ihr helfen würden das ganze Unheil wieder zurecht zu rücken. Es war nur noch die Frage, wie sie es wohl anstellen sollten.
„Wir helfen dir“, versprachen sie Milli, die gleich etwas getrösteter aussah.
„Also, was können wir tun?“ Auf Sarinas Frage hin, steckten die Drei die Köpfe zusammen und beratschlagten flüsternd. Schließlich wollten sie nicht, dass der garstige Gustav sie hörte und ihrem Plan zuvor kommen würde.

Kurz darauf begann Finn wie ein Wilder im Kreis zu hopsen, während er seine Hand immer wieder vor den geöffneten Mund schlug und so ein wahnsinnig lautes Indianergeheul von sich gab. Sarina machte das Gebrüll eines Orang Utans nach, so wie sie es einmal in einem Film gehört hatte und trommelte dabei mit den Fäusten auf ihrem Oberkörper. In dieses Getöse hinein begann Milli laut und schrill und schräg „Ein Männlein steht im Walde“ zu singen.
Die Enten am Teich flogen aufgeschreckt hoch und die Eltern der Geschwister sprangen auf und setzten sich erst wieder hin, als Sarina und Finn ihnen fröhlich zuwinkten. Und vermutlich hätten sie noch andere Waldtiere aufgeschreckt, wenn nicht plötzlich wie aus dem Nichts ein kleiner Gnom mit einem großen Kopf auf dem nur ein paar vereinzelte Haare hochstanden und dessen Ohren wie Henkel aussahen, vor ihnen gestanden und „Ruhe!“ gebrüllt hätte.
Sarina und Finn erschraken, denn Gustav der Gnom war zwar klein, aber durch die bösen Blicke, die er jetzt auf sie abfeuerte schien er irgendwie zu wachsen. Milli war jedoch wieder ganz obenauf. Sie schoss auf den kleinen Kerl zu, so dass dieser nun seinerseits vor Schreck den Mund zuklappte und sie nur anstarrte.
„Wie konntest du das tun“, schrie sie ihn an, während sie ihre kleinen Fäuste rechts und links in ihre Seiten schob und sich vor Gustav aufbaute. Obwohl Milli eigentlich selber nicht besonders groß war, sie reichte Finn gerade einmal bis zur Schulter, so war sie doch größer als Gustav. Und der musste nun wider Willen zu ihr aufschauen.
„Was meinst du?“, knurrte er.
„Na, du hast unser Baumhaus weggezaubert!“, warf sie ihm vor und an Sarina und Finn gewandt: „Gustav kann nämlich zaubern.“
„Ich? Warum sollte ich?“, nun sah der garstige Gustav gar nicht mehr so garstig aus, sondern nur noch erstaunt.
„Na, weil wir dich doch mit unserem Lärm immer so nerven.“ Leicht verunsichert ließ Milli die Arme hängen.
„Aber deswegen zaubere ich doch euer Zuhause nicht weg.“ Der Gnom schüttelte seinen beinahe kahlen Kopf. „Du hast wohl wieder vergessen, eure Haustür einen Spalt breit aufzulassen.“ Mit diesen Worten drehte er sich um, sprang in den nach oben offenen Baumstumpf und war verschwunden, während er „was für Nervensägen“ vor sich hin murmelte.
Sarina und Finn sahen ihre Freundin neugierig an. Was hatte denn das Verschwinden eines Baumhauses mit einer Haustür zu tun?
Millis Gesicht wurde knallrot. Anscheinend war an Gustavs Vorwurf etwas dran. Im selben Moment hörten sie ein Stimme laut schimpfen: „Hast du schon wieder die Haustür zugemacht Milli?“ Wie zuvor Gustav, erschien jetzt eine Gestalt ebenfalls aus dem Nichts, die Milli sehr ähnlich sah, wenn sie auch deutlich älter und größer war. Ohne Frage, hier stand die Mutter ihrer neuen Freundin vor den Geschwistern.
„Du weißt doch, dass du unser Baumhaus nicht sehen kannst, wenn du die Tür hinter dir zuschlägst“, liebevoll strich sie ihrer Tochter über den Kopf und versuchte dabei streng drein zu blicken, aber das leichte Zwinkern ihres einen Auges verriet sie. „Na, anscheinend warst du ja diesmal wenigstens nicht allein. Wollt ihr nicht reinkommen? Ich habe gerade die Himbeersahnesirupsoße gemacht. Ihr habt doch bestimmt Hunger!“
„Soßi“, jubelte Milli, offensichtlich wieder ganz die Alte, und sauste an ihrer Mutter vorbei.
Sarina und Finn rissen die Augen auf, als ihre Freundin schwupps einfach verschwunden war. Millis Mutter legte ihnen jeweils eine Hand auf eine Schulter und in dem Moment wo sie die Berührung spürten, sahen sie wenige Schritte vor sich eine Nebelwand, die sich rasch zurückzog und ein entzückendes kleines Holzhaus freigab, aus dessen Dach ein Baum herauswuchs.
Staunend folgten die Geschwister ins Innere des Hauses, wo es einen großen Wohnraum gab, in dem sich auf der einen Seite die Küche und auf der anderen eine Wohnstube befand. Und in der Küche stand Milli und schleckte genüsslich einen großen Löffel ab.
„Mmm, Himbeersahnesirupsoßi“, mümmelte sie und lachte über das ganze mit Soße verschmierte Gesicht.
Millis Mutter begann eifrig in der Küche zu hantieren und kurze Zeit später stand ein Teller mit einem Pfannkuchenberg vor ihnen und dann war nur noch ein einziges schmatzen und schlürfen und schlecken zu hören.
Als sie satt war, sah Sabrina auf die Uhr und sprang so hastig auf, dass sie an den Tisch rempelte und Finn gerade noch den Soßenkrug davon abhalten konnte sich vom Tisch zu werfen.
„Schon so spät! Unsere Eltern werden uns suchen. Danke“, rief sie Milli und ihrer Mutter zu, „aber wir müssen jetzt ganz schnell gehen.“
„Kommt doch mal wieder“, riefen die Beiden den Geschwistern hinterher.

Gerade als Sarina die Tür öffnen wollte, hörten sie die Stimmen ihrer Eltern, die nach ihnen riefen. Mit einem Schwung öffneten sie die Tür und wären um ein Haar mit Mutter und Vater zusammengestoßen, die ihnen jedoch glücklicherweise den Rücken zukehrten.
„Hier sind wir“, riefen sie im Chor, woraufhin die Eltern sich umdrehten und sie völlig verdutzt anstarrten.
„Wo kommt ihr denn auf einmal her?“, fragte die Mutter.
„Wiiiir? Och, wir waren die ganze Zeit hier“, grinste Finn und zwinkerte seiner Schwester zu, „das hatten wir doch versprochen.“
„Und was sind das für rote Flecken in euren Gesichtern?“
Die Geschwister riefen wie aus einem Mund: „Himbeersahnesirupsoßi!“
Als sie sich gemeinsam auf den Heimweg machten, winkten sie heimlich über die Schulter zurück in Richtung des unsichtbaren Baumhauses und sie wussten Beide, dass sie Milli auf jeden Fall wieder mal besuchen würden.

Die 2. Geschichte des Experiments findet Ihr hier und die 3. hier!


Experiment: Adola schaltet den Turbo ein!

In diesem Jahr habe ich mich schreiberisch fast ausschließlich mit dem Drehbuch für Marthas Gästeführung befasst. Anfang der nächsten Woche geht das fertige Manuskript an meine Auftraggeber und damit wird dieses Schreib-Projekt für mich abgeschlossen sein. Das ich dann für meine Rolle als Martha übe, steht auf einem anderen Arbeitsblatt!

Als kleinen Schreib-Gag nebenbei, schrieb ich vor einigen Tagen mein erstes Drabble. Das Ergebnis habe ich Euch gestern vorgestellt. Was mir beim Schreiben auffiel war, 20170125_142409dass ich zur Zeit ein wenig Probleme damit habe, mich kurz zu fassen. Und dann fiel mir doch gleich noch etwas ein: die Geschichten von Adola Adebar. Im November diesen Jahres werden die Kindergeschichten, die in meiner Heimatstadt spielen, als Buch veröffentlicht.

Daher steht als nächstes Projekt das Schreiben von genau diesen Geschichten an. Denn mein bisheriger Fundus reicht dafür noch nicht aus. Da ich im Mai erst einmal drei Wochen Frühlingspause einlegen werde, wollte ich direkt danach mit dem Schreiben beginnen. Und obwohl die Geschichten auf jeden Fall mehr als 100 Wörter (Drabble) haben dürfen, sollen sie doch nicht allzu lang werden. Wobei ich wieder am Anfang meines Beitrags anlange: ich sollte mal wieder üben, mich kürzer zu fassen. Was ich auch gerade an diesem Beitrag bemerke…

Deswegen komme ich nun zum Punkt. Bevor ich in drei Wochen in meine Frühlingspause verschwinde, werde ich die nächste Woche zur Kurzgeschichten-Übungs-Woche erklären! Mein Plan lautet: ich schreibe drei Kurzgeschichten für Kinder, die in meiner Heimatstadt spielen und nicht mehr als 9.500 Zeichen (mit Leerzeichen) haben.

Durch diese „kleine Fingerübung“ bin ich dann gut gewappnet für die Aufgabe, die mich ab Ende Mai erwartet.

Und um dem ganzen noch ein kleines Sahnehäubchen aufzusetzen, bitte ich Euch mal wieder um Eure Unterstützung! Ich brauche für jede Geschichte drei Wörter, die ich dann mehr oder weniger sinnvoll unterbringen werde. Also, was meint Ihr? Fällt Euch dazu etwas ein? Das wäre echt super und ich danke Euch schon mal im Voraus von Herzen für Eure erneute Hilfe! ❤

Die Ergebnisse bekommt Ihr dann am 24. April!

Nachtrag: über facebook sind insgesamt acht Wort-Geschenke eingetrudelt 😀 :

– Wunschbrunnen
– Baumhaus
– Pfauenfeder
– Himbeersahnesirupsoße
– Hupperpferd
– Regenwurmtunnel
– Wuppstitätsfaktor
– Huschdichkalischdich

Von diesen habe ich mir sechs ausgesucht (die übrigen zwei sind für künftige Abenteuer notiert!) und mein Mann war so lieb zu entscheiden, welche Paare jeweils in eine Geschichte kommen. Damit ich es mir auch ja nicht zu leicht mache…

1. Geschichte: Himbeersahnesirupsoße und Baumhaus
2. Geschichte: Wunschbrunnen und Hupperpferd
3. Geschichte: Regenwurmtunnel und Wuppstitätsfaktor

Und JA, ich bin auch gespannt! 😀

Was hat das mit Sport zu tun?

Die meiste Zeit meines Lebens war ich ein Bewegungsmensch und bin es jetzt glücklicherweise auch wieder. Wobei Bewegung für mich auch ein ruhiger Spaziergang oder ein Stadtbummel sein kann. Aber ich begeistere mich auch für verschiedene Sportarten: reiten, laufen, radfahren.
Dabei setze ich mir durchaus gerne selber Ziele, aber der Spaß steht ganz klar im Vordergrund.
Hannover 96Was mir auch Spaß macht, ist anderen beim Sport treiben zuzuschauen. Früher habe ich mir gerne Radrennen angesehen. Inzwischen belasse ich es bei Leichtathletik (vorrangig Marathonläufen) und beim Springreiten. Was beinahe jede Sportart inzwischen eint ist das Thema Doping. Das war es letztendlich auch, was mir den Spaß an den Radrennen genommen hat. Ich war vermutlich der einzige Mensch auf Erden, der es nicht fassen konnte, das Lance Armstrong doch gedopt hat. Naiv nannte man mich deswegen schon, aber ich glaube nun einmal immer noch an das Gute im Menschen. Und damit werde ich auch nicht einfach aufhören!

Aber heute geht es mir jetzt um etwas anderes. Ich war heute mal wieder in Hannovers Innenstadt, ein wenig bummeln, gemütlich essen gehen. Eigentlich war auch noch ein Besuch des Frühlingsfestes geplant, aber das Wetter war dann doch zu kalt und zu nass. Außerdem wurde der heutige Beginn von 14 auf 16 Uhr verlegt und da hatte ich dann doch keine Lust mehr.
Der Grund war übrigens das Fußballspiel zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Wer sich mit Fußball auskennt, der weiß, dass diese beiden Vereine seit einer gefühlten Ewigkeit Erzrivalen sind. Dementsprechend wurde in Hannover auch Vorsorge getroffen.

Ich wurde in dem Moment daran erinnert, als ich in den Hauptbahnhof hineingehen wollte und die Eingänge auf beiden Seiten von rund 60 Polizisten flankiert wurden. (Laut der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung waren insgesamt rund 2.600 Polizisten im Einsatz!) Man wartete auf die heimkehrenden Fans. Dass dies nur ein kleiner Teil des Polizeiaufgebots war, war mir klar. Und ich fragte mich, welche Kosten wohl bei so einer Veranstaltung entstehen. Dafür, dass diese Fußballspiele stattfinden können, ohne dass sogenannte Fans randalieren oder andere Menschen verprügeln.
Und da lange ich auch bei meiner heutigen Überschrift an: was hat das mit Sport zu tun? Nichts. Das ist mir durchaus klar. Da sind Menschen, die ihre Aggressionen loswerden wollen, ihren aufgestauten Frust. Oder gibt es darunter tatsächlich welche, die behaupten es ginge ihnen um die Fußballspiele? Vermutlich.

Ich erinnere mich daran, wie ich vor ungefähr 30 Jahren selber zwei Mal im Stadion bei Spielen von Hannover 96 dabei gewesen bin. Der Grund war übrigens keine Liebe zu diesem Sport, sondern mein Teenager Herz, das sich nach einem der Fans verzehrte. Schon damals hieß es direkt nach dem Spiel in Deckung gehen, denn die Besucher aus der sogenannten Fankurve – oder zumindest ein Teil davon – stürmte nach den Spielen mit geballten Fäusten auf die Gegner zu. Ich weiß das so genau, weil die Freundin und deren Freund, die mich zu diesen Spielen mitnahmen, normalerweise bei diesen Schlägereien mittendrin waren. Und damals fand ich das tatsächlich irgendwie cool, obwohl ich selber mich nie geprügelt habe und bis heute auch nicht das Bedürfnis danach verspüre.

Genügt denn all die Gewalt nicht, die es in der Welt der Menschen gibt? Die Bomben, die aktuell geworfen werden? Die Attentate? Ist es nicht schlimm genug, dass Menschen durch Unfälle und Krankheiten sterben? Nein, es muss außerdem solche Szenarien geben. Und das Warum, das will und werde ich nie begreifen!
Aber wie eingangs schon erwähnt, will ich weiter an das Gute in den Menschen glauben und von meiner Seite aus mit winzig kleinen Dingen wie einem Lächeln, einem freundlichen Wort zu einem friedlicheren Miteinander beitragen. Bin ich auch hier naiv, wenn ich glaube, dass das auch nur irgendetwas ändert? Vermutlich. Aber ich halte es da mit Konfuzius:
Es ist besser ein Licht anzuzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.

Oster-Experiment: Das Ergebnis

DSC_0020Ja, und hier ist es nun, das erste Drabble meines Lebens. Herrje, das war ja mal wieder etwas ganz anderes. Vor allem, da ich mich seit etlichen Monaten meist mit längeren Geschichten befasse. Und nun hieß es: kürzen, kürzen, kürzen.

Ach ja, wer nicht mehr weiß worum es hier geht, schaut sich doch bitte hier den entsprechenden Beitrag an!

Frau Vro hat beim Oster-Drabble-Spiel auch mitgemacht – worüber ich mich total freue – und das Ergebnis ist toll. Schaut es Euch hier unbedingt an!

So, nun wünsche ich Euch ein schönes Osterfest und vielleicht haben wir ja Glück und die Sonne lässt sich hin und wieder auch einmal blicken.

Oster Drabble

Wortvorgaben:

• Kugelrund
• Schnee
• Schnuppernäschen

„Hatschi!“ Fräulein Tulpe schüttelte sich den Schnee von ihren Blütenblätter. „Ich habe mich erkältet, nur weil es zur Osterzeit noch einmal geschneit hat. Hätte ich das gewusst, wäre ich tief unten in der dunklen Erde geblieben.“ Das Häschen, das neben ihr ein Osternest abstellte, wackelte mit seinem Schnuppernäschen. „Ja, mir macht der Schnee auch keine Freude. Ich muss mich beim hoppeln viel mehr anstrengen.“ Fräulein Tulpe nickte und sagte dann mit einem Blick auf das Häschen: „Und dein kugelrundes Bäuchlein macht es dir auch nicht leichter.“ Wen wundert es, dass dem Häschen sein „Frohes Ostern“ daraufhin im Halse stecken blieb.