Schreibkick: Platzregen

Mit ein paar Tagen Verspätung, kommt hier nun mein Beitrag zum aktuellen Schreibkick Thema Platzregen. Viel Spaß beim Lesen!

Platzregen
von Nicole Vergin

Wochenlanges Training lag hinter mir. Kilometer um Kilometer war ich gelaufen, hatte Tempoeinheiten trainiert und mit langen Strecken meine Ausdauer weiter verbessert. All das mit einem Ziel: die Teilnahme an einem 15 km Lauf.
Mit einem Seufzer wende ich mich von meinem Wohnzimmerfenster ab, öffne die Tür und gehe in den Wintergarten. Missmutig schmeiße ich meine Laufsachen in eine Kiste und lege ein paar Handtücher dazu. Über mir prasseln dicke Regentropfen auf das Dach des Wintergartens. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich das Ganze schlimmer anhört als es tatsächlich ist. Mein Blick nach draußen sagt mir, dass es zwar reichlich feucht aus den dunklen Wolken herab rieselt, aber dass das noch lange kein Grund ist nicht an den Start zu gehen.

Zwei Stunden später ist es soweit. Meine Laufschuhe sind nach drei Versuchen gut geschnürt, nicht zu fest und nicht zu locker. Das ist wichtig, denn im ersten Fall bekomme ich eine Druckstelle und im zweiten das Gefühl keinen Halt im Schuh zu haben. Die Laufwetterfee ist inzwischen gnädiger gestimmt. Das was nun noch vom Himmel herunter kommt, ist kaum mehr Feuchtigkeit als man an einem nebligen Herbsttag bei einem Spaziergang abbekommt.

Da, der Startschuss. Endlich geht oder vielmehr läuft es los. Um mich herum flitzen die anderen Läufer los, als gebe es an der nächsten Ecke etwas umsonst. Das einzige was ich dort umsonst bekäme, wären die ersten Seitenstiche an diesem Tag. Also halte ich mich streng an mein läuferisches Potenzial, was definitiv eher im langsamen Bereich liegt, und lausche dem tapptapptapp meiner Laufschuhe auf dem Gehsteig, der nach Verlassen des Sportplatzes durch den Ort führt.
Kurz darauf gelange ich als eine der letzten Läufer am Ortsrand an und mache mich auf den Weg durch die Felder. Inzwischen ist der Regen eindeutig stärker geworden. Die Tropfen sind größer und wenn sie auf meine nackten Arme platschen habe ich das Gefühl, das sie sich nach einer Weile auf meiner Haut zu einer Wasserfläche zusammenschließen.
Warum habe ich heute bloß meine Kontaktlinsen eingesetzt? Ich zwinkere mit den Augen und wische gleichzeitig mit dem ebenfalls nassen Handrücken vorsichtig darüber. Immer mit der leisen Furcht im Nacken, sie heraus zu spülen. Und halbblind durch die Gegend zu laufen, wäre sicherlich kein Vergnügen. Vorsichtshalber ziehe ich das Cappy, das ich heute aufgrund der Wetterverhältnisse trage, etwas tiefer in die Stirn. Was zwar einerseits meine Sicht ein behindert, aber meine Augen und somit die Kontaktlinsen ein wenig vor Überflutung schützt.

Inzwischen scheinen die Regentropfen sich noch mehr zusammen getan zu haben. Sie fühlen sich härter auf meiner Haut an. Bei jeder Landung sticht und prickelt es und ich wünschte ich hätte meine Laufjacke angezogen. Unwillkürlich laufe nun auch ich schneller, was den Vorteil hat, dass ich doch noch einige Mitläufer überhole. Und erstaunlicherweise geben meine Beine und meine Kondition dieses Tempo auch her. Einen Moment grinse ich über das ganze Gesicht und freue mich, dass mein Training offensichtlich erfolgreich war.
Wenige Minuten später vergeht mir das Grinsen. Aus den großen, harten Wassertropfen ist ein einziger Guss geworden. Wer in drei Teufels Namen hat denn da oben den Wasserhahn so weit aufgedreht? Ich bin pitschnass, bis auf die Unterwäsche. Ich kann es genau fühlen und dieses rundum nass Gefühl ist keinesfalls schön. Von meinem Cappy tropft es so beständig, dass ich mir wiederholt über das Gesicht wische ohne irgendetwas dadurch zu verbessern.
Ich setze einen Fuß vor den anderen, fühle das quietschen und quatschen in meinen Laufschuhen, die ebenfalls durch und durch nass sind. Und dann kommt dieser eine entscheidende Moment, in dem ich ganz sachlich darüber nachdenke, dass nun nichts weiter passieren kann. Ich bin nass, so nass wie vermutlich noch nie in meinem Leben. Mir ist trotz des für mich recht schnellen Laufes kalt, da mir der Wind im Moment erbarmungslos entgegen stürmt. Und ich kann gegen all das nichts, aber auch gar nichts tun.
Doch, eines. Es akzeptieren. Als ich das beschließe, fällt der Groll über das Regenwetter, über diese ach so unfaire Situation, dass es ausgerechnet an diesem Tag so ist, von mir ab. Ich kann es sowieso nicht ändern. Ich kann den himmlischen Wasserhahn nicht zudrehen und da weit und breit außer ein paar anderen Läufern niemand in der Nähe ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als bis ins Ziel weiter zu laufen.
Ich verlängere meine Schritte noch ein wenig, vorsichtig, damit ich nicht noch auf dem letzten Stück schlapp mache. Auf einmal fühle ich mich glücklich. Die Anstrengung des Laufens ist in den Hintergrund gerückt, rigoros von der Freude an der Laufbewegung verdrängt. Meine Mundwinkel wandern nach oben und ich bin sicher, dass meine Augen glänzen. Und das nicht nur von all dem Wasser.

Als ich nach der 15 km Runde wieder auf den Sportplatz einbiege, bin ich fast traurig, dass dieser grandiose Regenlauf nun zu Ende geht. Ich habe sogar noch Kraft für einen kurzen Sprint ins Ziel. Und während die Zuschauer mir und den anderen Läufern beim Überqueren der Ziellinie zujubeln, reiße ich beide Arme hoch, halte mein Gesicht in den Wind und tanze ausgelassen mit dem strömenden Regen um die Wette.

Diesen Monat waren dabei:

Veronika
Eva
Sabi

Das Thema für den 01.05.17 lautet: Kuriose Geschichten aus dem Freibad

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6 Gedanken zu „Schreibkick: Platzregen

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