Experiment: Die 1. Geschichte

In einer Woche drei Kurzgeschichten für Kinder schreiben – das hatte ich mir als Ziel gesetzt (den Beitrag dazu findet Ihr hier). Ihr wart so lieb, mir für jede Geschichte zwei Wort-Geschenke zu machen. Und hier kommt nun eins der Ergebnisse. Allerdings noch nicht überarbeitet und auch deutlich länger als die anvisierten 9.500 Zeichen. Aber da mir dieses Schreib-Experiment auch Spaß machen sollte, sehe ich das jetzt mal nicht so eng.

Und hier ist die 1. Geschichte mit den Worten Baumhaus und Himbeersahnesirupsoße.

Sonnenstrahlen tanzten auf der Wasseroberfläche des Ententeichs. Die gelb blühenden Seerosen wiegten sich gemütlich im Sommerwind, während die Enten die Schnäbel unter ihr Gefieder schoben und ein Mittagsschläfchen machten.

Sarina und Finn hatten sich schon die ganze Woche auf den Ausflug in den Klosterwald gefreut. Glücklicherweise waren die Regenwolken, die am Vortag noch für Pfützen auf den Wegen gesorgt hatten, über Nacht verschwunden und hatten einen blank geputzten blauen Himmel zurück gelassen.
Auf den Bänken am Ententeich hatten sie ein Picknick veranstaltet. Während ihre Eltern dort noch gemütlich sitzen blieben, rannten Sarina und Finn voller Begeisterung am Ufer entlang, fütterten die plötzlich wieder sehr munteren Enten mit trockenem Brot und begannen dann an dem kleinen Bach, der durch den Wald floss, einen Staudamm zu bauen.

„Schau mal, da sind noch ein paar größere Steine, die können wir bestimmt gebrauchen“, Sarina, die mit ihren 11 Jahren zwei Jahre älter war als ihr Bruder, wies auf eine Ansammlung von Steinen, die am Ufer verstreut lagen.
„Aber wir werden ganz nass, wenn wir sie rausholen“, Finn sah skeptisch von den Steinen zu seiner Schwester, die jedoch nur lachend die Hände in die Hüften stemmte.
„Hast du etwa Angst davor, ein paar Spritzer Wasser abzubekommen?“
Mit älteren Schwestern war das immer so eine Sache. Einerseits konnten sie einem in vielen Dingen helfen, aber andererseits machten sie sich auch schnell über einen lustig.
„Nee, ich hab gar keine Angst davor, nass zu werden“, rief Finn, während er sich bereits die Turnschuhe auszog, um in den Bachlauf steigen zu können. Glücklicherweise war jetzt im Sommer das Wasser nur ganz flach, sonst wäre ihm vermutlich doch mulmig geworden.

Gerade wollte er den großen Zeh seines rechten Fußes probehalber in das Wasser tauchen, da hörten sie über sich eine Stimme.
„Verflixt, wo sind denn nun die Himbeeris?“
Die Geschwister blickten verwundert auf. Sie schauten in die Richtung aus der die Stimme gekommen war, konnten jedoch niemanden sehen.
„Auaaaaaa!“, hörten sie die Stimme erneut.
„Hallo?“, rief Sarina und begann gleichzeitig durch den Bach zu waten, um dann die Uferböschung hinauf zu klettern. Finn sah ihr mit großen Augen hinterher und seufzte dann. Nun blieb ihm mal wieder nichts anderes übrig, als hinterher zu klettern. Er zog sich am anderen Ufer seine Schuhe wieder an, warf dann einen Blick über die Schulter zurück und winkte seinen Eltern zu, die nach wie vor auf der Bank saßen.
„Bleibt in Sichtweite“, hörte er die Stimme seiner Mutter. Er winkte ihr zu, als Zeichen dass er sie gehört hatte.
Als er endlich neben seiner Schwester anlangte, staunte er nicht schlecht. In einem Gewirr aus dichten Zweigen, hockte ein Mädchen mit langen braunen Zöpfen, in die Blätter und kleine Zweige hineingeflochten waren. Ihre Füße waren nackt und sie trug ein knielanges Kleid in verschiedenen Grüntönen, das sie gerade versuchte von einer Dornenranke zu befreien.
„Hallo“, rief sie und lachte fröhlich über ihr sommersprossiges Gesicht.
„Hallo“, antworteten Sarina und Finn im Chor.
„Wer bist du und was machst du hier?“ Finn hatte sich ein wenig an seiner Schwester vorbeigeschoben und sah das Mädchen neugierig an.
„Ich bin Milli und ich sammle Himbeeris“, Milli zeigte auf den kleinen Weidenkorb, den sie in der Hand trug und der mit einem blau-weiß karierten Tuch ausgelegt war auf dem bereits etliche von den roten Früchten lagen.
„Darf ich mal eine probieren?“ Finn begann bereits die Hand auszustrecken. Die Himbeeren sahen aber auch so lecker aus.
„Klar“, lachte Milli, „aber dann muss ich zurück. Meine Mutti macht nämlich gerade meine Lieblingsspeisi – Himbeersahnesirupsoßi.“
„Mutti, Speisi, Soßi? Kann es sein, dass du den Buchstaben I magst?“ Sarina grinste Milli an, die zurück grinste. „Stimmt! Ist das schlimm?“
„Nö“, lachten die Geschwister im Chor und Finn fügte hinzu, „aber lustig klingt es ja irgendwie schon. Aber sag mal was ist denn diese Himbeersirupirgendwas?“
„Himbeersahnesirupsoßi. Och ich weiß gar nicht, wie meine Mutti die macht. Aber ich esse das zu absolut allem. Löwenzahnsalati, Bärlauch Bratkartoffeli…“ Milli zählte noch etliches auf, während sie ein Stück weiter in den Wald hinein ging. „Kommt doch einfach mit. Meine Mutti freut sich, wenn wir Besuch haben.“
„Aber das geht nicht“, begann Finn, der an die Worte der Mutter dachte, dass sie in der Nähe bleiben sollten.
Sarina knuffte ihn in die Seite. „Wir gehen nur ganz kurz mit. Oder ist es weit bis zu dir nach Hause, Milli?“ Fragend sah sie ihre neue Freundin an.
„Nein, wir sind schon fast da. Nur noch ungefähr fünf Schritte, dann sind wir an unserem Baumhausi.“
Finn schaute nach oben in die Baumkronen. „Aber da ist nichts.“
„Warum sollte es da oben sein?“, fragte Milli und sah ihn erstaunt an.
„Na, du hast gesagt es ist ein Baumhaus und die sind doch oben in den Bäumen.“
„Unseres nicht. Es steht da hinten, neben dem“, sie brach mitten im Satz ab und sah sich verwirrt um. „Also eigentlich müsste es“, sie drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse, „eigentlich müsste es hier irgendwo sein.“
„Also ich sehe auch hier unten nichts, das wie ein Haus aussieht“, stellte Sarina fest.
„Kannst du auch nicht. Es ist unsichtbar“, erklärte Milli, während sie sich weiter suchend umblickte. „Zumindest für euch. Ich kann es natürlich sehen, sonst würde ich ja nicht mehr nach Hausi finden. Aber irgendwie“, das Gesicht des eben noch so fröhliche Mädchens wurde mit einem Mal so weiß wie die Laken von Sarinas und Finns Großeltern. Dann starrte sie die Geschwister mit großen Augen an. „Unser Baumhausi ist weg!“
Gemeinsam versuchten sie die arme Milli zu beruhigen, die vollkommen aufgelöst immer wieder ein paar Meter in jede Himmelsrichtung lief nur um festzustellen, dass ihr Zuhause sich offensichtlich tatsächlich in Luft aufgelöst hatte.
Sie setzten sich auf die Bank die oberhalb des Bachlaufs stand, an dem sie doch eben noch friedlich an ihrem Damm gebaut hatten.
„Das kann nur der garstige Waldgnom gewesen sein“, murmelte Milli vor sich hin, „wenn ich den erwische. Es ist nicht das erste Mal, dass er uns Ärger macht. Aber wenn er hinter dieser Haus-Verschwinde-Aktion steckt, dann kann er was erleben!“ Vor lauter Groll schien Milli sogar fürs Erste ihre Begeisterung für den Buchstaben I vergessen zu haben. Mit jedem Wort war ihre Stimme lauter geworden, während sie ihre Hände zu Fäusten ballte und mit diesen wild vor sich ins Nichts boxte.
„Nun mal eins nach dem anderen“, versuchte Sarina erneut sie zu beruhigen, „wer ist denn der garstige Waldgnom? Und was soll er mit eurem Baumhaus gemacht haben? So langsam steige ich nicht mehr durch.“
„Gustav heißt er eigentlich, aber alle nennen ihn nur Gustav den garstigen, weil, na weil er eben so grantig und garstig ist. Er ist seit einiger Zeit unser Nachbar. Seine Höhle befindet sich unter dem Baum, in den der Blitz eingeschlagen hat.“
„Der hier neben der Bank?“, Finn sah den Baumstumpf mit neu erwachtem Interesse an. „Und darunter ist eine Höhle?“
„Genau. Und unser Baumhaus steht nur wenige Meter entfernt und diesem Gustav machen wir zu viel Lärm. Naja, ich habe fünf Geschwister müsst ihr wissen. So richtig leise ist das bei uns natürlich nicht. Und er hat schon öfter gedroht und zu vertreiben. Tja, anscheinend hat er stattdessen nun unser Haus vertrieben oder verzaubert oder was weiß denn ich.“ Mit einem Satz sprang Milli auf. „Herrje, wo ist denn jetzt bloß meine Familie? Wahrscheinlich sind sie mit unserem Haus verschwunden.“ Nun lief eine dicke Träne über das Gesicht des sonst so fröhlichen Mädchens.
Sarine und Finn nickten sich hinter Millis Rücken zu. Klar, dass sie ihr helfen würden das ganze Unheil wieder zurecht zu rücken. Es war nur noch die Frage, wie sie es wohl anstellen sollten.
„Wir helfen dir“, versprachen sie Milli, die gleich etwas getrösteter aussah.
„Also, was können wir tun?“ Auf Sarinas Frage hin, steckten die Drei die Köpfe zusammen und beratschlagten flüsternd. Schließlich wollten sie nicht, dass der garstige Gustav sie hörte und ihrem Plan zuvor kommen würde.

Kurz darauf begann Finn wie ein Wilder im Kreis zu hopsen, während er seine Hand immer wieder vor den geöffneten Mund schlug und so ein wahnsinnig lautes Indianergeheul von sich gab. Sarina machte das Gebrüll eines Orang Utans nach, so wie sie es einmal in einem Film gehört hatte und trommelte dabei mit den Fäusten auf ihrem Oberkörper. In dieses Getöse hinein begann Milli laut und schrill und schräg „Ein Männlein steht im Walde“ zu singen.
Die Enten am Teich flogen aufgeschreckt hoch und die Eltern der Geschwister sprangen auf und setzten sich erst wieder hin, als Sarina und Finn ihnen fröhlich zuwinkten. Und vermutlich hätten sie noch andere Waldtiere aufgeschreckt, wenn nicht plötzlich wie aus dem Nichts ein kleiner Gnom mit einem großen Kopf auf dem nur ein paar vereinzelte Haare hochstanden und dessen Ohren wie Henkel aussahen, vor ihnen gestanden und „Ruhe!“ gebrüllt hätte.
Sarina und Finn erschraken, denn Gustav der Gnom war zwar klein, aber durch die bösen Blicke, die er jetzt auf sie abfeuerte schien er irgendwie zu wachsen. Milli war jedoch wieder ganz obenauf. Sie schoss auf den kleinen Kerl zu, so dass dieser nun seinerseits vor Schreck den Mund zuklappte und sie nur anstarrte.
„Wie konntest du das tun“, schrie sie ihn an, während sie ihre kleinen Fäuste rechts und links in ihre Seiten schob und sich vor Gustav aufbaute. Obwohl Milli eigentlich selber nicht besonders groß war, sie reichte Finn gerade einmal bis zur Schulter, so war sie doch größer als Gustav. Und der musste nun wider Willen zu ihr aufschauen.
„Was meinst du?“, knurrte er.
„Na, du hast unser Baumhaus weggezaubert!“, warf sie ihm vor und an Sarina und Finn gewandt: „Gustav kann nämlich zaubern.“
„Ich? Warum sollte ich?“, nun sah der garstige Gustav gar nicht mehr so garstig aus, sondern nur noch erstaunt.
„Na, weil wir dich doch mit unserem Lärm immer so nerven.“ Leicht verunsichert ließ Milli die Arme hängen.
„Aber deswegen zaubere ich doch euer Zuhause nicht weg.“ Der Gnom schüttelte seinen beinahe kahlen Kopf. „Du hast wohl wieder vergessen, eure Haustür einen Spalt breit aufzulassen.“ Mit diesen Worten drehte er sich um, sprang in den nach oben offenen Baumstumpf und war verschwunden, während er „was für Nervensägen“ vor sich hin murmelte.
Sarina und Finn sahen ihre Freundin neugierig an. Was hatte denn das Verschwinden eines Baumhauses mit einer Haustür zu tun?
Millis Gesicht wurde knallrot. Anscheinend war an Gustavs Vorwurf etwas dran. Im selben Moment hörten sie ein Stimme laut schimpfen: „Hast du schon wieder die Haustür zugemacht Milli?“ Wie zuvor Gustav, erschien jetzt eine Gestalt ebenfalls aus dem Nichts, die Milli sehr ähnlich sah, wenn sie auch deutlich älter und größer war. Ohne Frage, hier stand die Mutter ihrer neuen Freundin vor den Geschwistern.
„Du weißt doch, dass du unser Baumhaus nicht sehen kannst, wenn du die Tür hinter dir zuschlägst“, liebevoll strich sie ihrer Tochter über den Kopf und versuchte dabei streng drein zu blicken, aber das leichte Zwinkern ihres einen Auges verriet sie. „Na, anscheinend warst du ja diesmal wenigstens nicht allein. Wollt ihr nicht reinkommen? Ich habe gerade die Himbeersahnesirupsoße gemacht. Ihr habt doch bestimmt Hunger!“
„Soßi“, jubelte Milli, offensichtlich wieder ganz die Alte, und sauste an ihrer Mutter vorbei.
Sarina und Finn rissen die Augen auf, als ihre Freundin schwupps einfach verschwunden war. Millis Mutter legte ihnen jeweils eine Hand auf eine Schulter und in dem Moment wo sie die Berührung spürten, sahen sie wenige Schritte vor sich eine Nebelwand, die sich rasch zurückzog und ein entzückendes kleines Holzhaus freigab, aus dessen Dach ein Baum herauswuchs.
Staunend folgten die Geschwister ins Innere des Hauses, wo es einen großen Wohnraum gab, in dem sich auf der einen Seite die Küche und auf der anderen eine Wohnstube befand. Und in der Küche stand Milli und schleckte genüsslich einen großen Löffel ab.
„Mmm, Himbeersahnesirupsoßi“, mümmelte sie und lachte über das ganze mit Soße verschmierte Gesicht.
Millis Mutter begann eifrig in der Küche zu hantieren und kurze Zeit später stand ein Teller mit einem Pfannkuchenberg vor ihnen und dann war nur noch ein einziges schmatzen und schlürfen und schlecken zu hören.
Als sie satt war, sah Sabrina auf die Uhr und sprang so hastig auf, dass sie an den Tisch rempelte und Finn gerade noch den Soßenkrug davon abhalten konnte sich vom Tisch zu werfen.
„Schon so spät! Unsere Eltern werden uns suchen. Danke“, rief sie Milli und ihrer Mutter zu, „aber wir müssen jetzt ganz schnell gehen.“
„Kommt doch mal wieder“, riefen die Beiden den Geschwistern hinterher.

Gerade als Sarina die Tür öffnen wollte, hörten sie die Stimmen ihrer Eltern, die nach ihnen riefen. Mit einem Schwung öffneten sie die Tür und wären um ein Haar mit Mutter und Vater zusammengestoßen, die ihnen jedoch glücklicherweise den Rücken zukehrten.
„Hier sind wir“, riefen sie im Chor, woraufhin die Eltern sich umdrehten und sie völlig verdutzt anstarrten.
„Wo kommt ihr denn auf einmal her?“, fragte die Mutter.
„Wiiiir? Och, wir waren die ganze Zeit hier“, grinste Finn und zwinkerte seiner Schwester zu, „das hatten wir doch versprochen.“
„Und was sind das für rote Flecken in euren Gesichtern?“
Die Geschwister riefen wie aus einem Mund: „Himbeersahnesirupsoßi!“
Als sie sich gemeinsam auf den Heimweg machten, winkten sie heimlich über die Schulter zurück in Richtung des unsichtbaren Baumhauses und sie wussten Beide, dass sie Milli auf jeden Fall wieder mal besuchen würden.

Die 2. Geschichte des Experiments findet Ihr hier und die 3. hier!


Advertisements

4 Gedanken zu „Experiment: Die 1. Geschichte

  1. Pingback: Experiment: Die 2. Geschichte | Nicole Wanda Vergin

  2. Pingback: Experiment: Die 3. Geschichte | Nicole Wanda Vergin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s