Experiment: Die 3. Geschichte

In einer Woche drei Kurzgeschichten für Kinder schreiben – das hatte ich mir als Ziel gesetzt (den Beitrag dazu findet Ihr hier). Ihr wart so lieb, mir für jede Geschichte zwei Wort-Geschenke zu machen. Und hier kommt nun eins der Ergebnisse. Allerdings noch nicht überarbeitet und auch deutlich länger als die anvisierten 9.500 Zeichen. Aber da mir dieses Schreib-Experiment auch Spaß machen sollte, sehe ich das jetzt mal nicht so eng.

Und hier ist die 3. Geschichte mit den Worten Wuppstitätsfaktor und Regenwurmtunnel.

Es war ein ganz gewöhnlicher Donnerstag. Hannes war gerade erst von der Schule nach Hause gekommen und überlegte nun was er mit dem Nachmittag anfangen sollte. Die Hausaufgaben hatte er bereits in der Schule während einer Freistunde gemacht und Klassenarbeiten standen im Moment nicht an.
Eigentlich hatte er sich mit Marlon treffen wollen. Aber der war heute nicht in der Schule gewesen, vermutlich war er krank. Und nun lag ein langer Nachmittag vor ihm, mit dem er nichts anzufangen wusste. Auf seinem Dachfenster klopften dicke Regentropfen und er hörte den Wind ums Haus heulen. Also auch kein Wetter zum Radfahren, was er sonst immer gern machte.
Von seinem Elternhaus in der Ortsmitte von Winzlar, waren es nur wenige Minuten bis man auf den Rundweg kam, der um das Steinhuder Meer führte. Hannes war schon oft mit seinen Freunden oder mit seinen Eltern dort Rad gefahren und es gab immer etwas zu entdecken.

Er warf sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Für einen Moment fielen ihm die Augen zu, aber dann gab es plötzlich einen lauten Knall und Hannes wäre beinahe vor Schreck aus dem Bett geplumpst.
Herrje, was war das denn? Er sprang auf und lief hinaus in den Flur, aber da war alles in Ordnung. Ein weiterer Knall war zu hören. Hannes rannte die Treppe hinunter, öffnete vorsichtig die Haustür und da sah er sie. Eine grünliche Wolke, die aus einem Fenster des Nachbarhauses nach draußen drängte.
Vor zwei Wochen war dort erst Jemand eingezogen. Hannes hatte am Umzugstag ein knallbuntes Auto vorfahren sehen, aus dem ein Mann ausstieg, der einen weißen Kittel trug der mit Flecken übersät war. Auf der Nase hatte er eine große dunkelbraune Hornbrille und seine Haare standen zu Berge, als hätte er in eine Steckdose gefasst. Hannes hatte sich das Lachen nur mühsam verkneifen können.
Und als der Typ auch noch allen möglichen Kram in sein neues Heim schleppte, von alten Radios über kaputte Autoreifen bis hin zu durchsichtigen Plastikkisten in denen sich zahlreiche Gläser stapelten, da hatte er sich schon überlegt, ob das so ein Mensch war der vielleicht Müll sammelte.

In den letzten Tagen hatte er ihn wieder vergessen. Man sah und hörte ja nichts von ihm. Aber dieser Knall kam aus seinem Haus. Ob er doch einmal rübergehen und nachschauen sollte? Vielleicht brauchte der Nachbar Hilfe. Blöd, dass seine Eltern noch nicht von der Arbeit zuhause waren, in diesem Fall hätte er sie schon gerne um Rat gefragt. Aber nun musste er selber handeln.

Gleich darauf stand Hannes vor der Haustür des neuen Nachbarn und überlegte, ob er klingeln sollte. Vielleicht war gar nichts und er würde sich nur Ärger einhandeln. Andererseits, wenn er nichts tat und dem Nachbarn war etwas passiert? Mit diesem Gedanken drückte er auf den Klingelknopf und schon ertönte ein lautes oinkoinkoink, so als würde das Haus den drei kleinen Schweinchen gehören. Der Nachbar war offensichtlich noch merkwürdiger als er gedacht hatte.
„Moment! Bin auf dem Weg“, hörte er eine krächzende und hustende Stimme.
Dann wurde die Tür geöffnet und der Nachbar stand dort, wieder mit einem weißen Kittel bekleidet, der diesmal zu den zahlreichen Flecken auch noch Brandspuren aufwies. Und das Gesicht seines Trägers hatte ebenfalls einen leicht schwärzlichen Schimmer, als würde er im Kohlebergwerk arbeiten.
„Ja?“, war alles was sein Gegenüber sagte, während er versuchte seine Hornbrille mit einem Taschentuch abzuwischen.
Hannes schluckte. Hoffentlich war es kein Fehler gewesen, hier einfach so zu klingeln. Dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen: „Entschuldigung, ich heiße Hannes, ich wohne mit meinen Eltern nebenan und ich wollte nur fragen, ob bei ihnen alles in Ordnung ist.“ Er räusperte sich. „Also, ich meine wegen des lauten Knalls und den grünlichen Wolken.“
Ein fröhliches Lachen erschien auf dem Gesicht des Nachbarn. „Oh, das ist ja sehr aufmerksam. Ja, ich hätte längst bei euch vorbei kommen sollen. Aber ich befinde mich gerade in einer wichtigen Phase… Entschuldigung, ich sollte mich erst einmal vorstellen. Ich heiße Tiberius. Tiberius Erfindus.“
„Erfindus?“, Hannes sah seinen Nachbarn ungläubig an. „Sie heißen wirklich Erfindus?“
„Öh, ehrlich gesagt nein. Es ist so etwas wie, naja, ein Künstlername. Also, ich bin Erfinder und wollte gerne, dass mein Name ein kleiner Hinweis darauf ist. Meinst du das ist mir gelungen?“
Ob er diese Frage ernst meinte? Hannes antwortete vorsichtshalber mit einem „Ja“, woraufhin der Erfinder erneut über das ganze Gesicht strahlte.
„Wunderbar, wunderbar. Aber möchtest du nicht reinkommen? Dann kann ich dir zeigen, woran ich gerade arbeite.“
„Gern, Herr Erfindus“, Hannes musste sich das Lachen verbeißen.
„Ach, sag doch einfach Tiberius zu mir. Und nun komm rein. Hier geht’s lang in mein Labor“, Tiberius wies mit der Hand den Flur entlang und Hannes quetschte sich an etlichen Kisten vorbei, aus denen jede Menge Krempel herausschaute. „Du musst entschuldigen, ich bin noch nicht richtig eingerichtet. Aber meine derzeitige Erfindung nimmt mich einfach zu sehr in Anspruch.“

Der Raum, den sie betraten, sah eigentlich aus wie eine ganz normale Küche. Nur die zahlreichen Reagenzgläser, Messzylinder und Laborflaschen wiesen darauf hin, dass hier nicht ausschließlich gekocht wurde. Hannes kam sich vor, wie in der Schule im Chemielabor.
„Vorsicht, tritt nicht in die Glassplitter“, warnte Tiberius ihn. Kein Wunder, dass es zwei Mal einen lauten Knall gegeben hatte. Allein die vielen Scherben auf dem Boden erzählten davon. Ebenso wie die grüne Flüssigkeit, die nicht nur an den Wänden klebte, sondern auch von der Küchentheke herunter tropfte und sich dort in einer Pfütze sammelte.
Tiberius Grinsen wirkte verlegen. „Ja, so ganz will mir der Durchbruch noch nicht gelingen. Aber ich bin sicher, dass es bald so weit sein wird!“
„Was erfindest du denn gerade?“ Hannes sah sich neugierig um. Aus all dem was hier rumlag und stand konnte er nichts erkennen.
„Ich stehe kurz davor, den WTF zu erfinden“, erklärte Tiberius sichtlich stolz.
„Was ist denn ein WTF?“
„Das ist der Wuppstitätsfaktor“, war die erstaunliche Antwort. „Es wird sich hierbei um eine Flüssigkeit handeln, die man auf etwas drauftropft und das vergrößert sich dann. Also wenn ich zum Beispiel“, Tiberius legte die Stirn in Falten und überlegte einen Moment, „ja, genau, wenn ich einen Regenwurmtunnel vergrößern möchte. Dann tropfe ich ein, zwei Tropfen meines WTF auf die Stelle, natürlich sollte der Regenwurm gerade nicht in der Nähe sein, und schwupps ist es auf einmal ein großer Regenwurmtunnel.“
Skeptisch sah Hannes den Erfinder an. „Und was soll ein großer Regenwurmtunnel bringen? Dann kriecht da so ein kleiner Regenwurm herum…“
Noch bevor Hannes seinen berechtigten Einwand näher erklären konnte, unterbrach Tiberius ihn.
„Ja, du hast natürlich Recht. Das war kein kluges Beispiel. Dann stell dir vor, du hast eine Portion Eis und überlegst, dass du doch gerne ein größeres Eis hättest. Einmal kurz den Wuppstitätsfaktor draufträufeln und schon hast du eine Riesenportion!“
Ja, mit diesem Beispiel ließ sich doch etwas anfangen. Nun strahlte auch Hannes über das ganze Gesicht bei der Vorstellung was er demnächst alles vergrößern wollte. Seine Lieblingsnussschokolade zum Beispiel. Oder vielleicht konnte er selber auf die Art ein wenig größer werden, denn zu seinem Leidwesen war er nach wie vor der kleinste in der Klasse.

Die Langeweile, die Hannes noch vor einer halben Stunde verspürt hatte, war zusammen mit der grünlichen Wolke verschwunden. Dieser neue Nachbar versprach ja spannende Einblicke in das Leben eines Erfinders. Wer weiß, vielleicht konnte er ihm ja sogar bei irgendetwas helfen. Als sein Assistent oder so. In Chemie hatte er im letzten Jahr immerhin eine zwei im Zeugnis gehabt.
„Wahnsinn! Und wann ist es wohl soweit, dass es funktioniert?“ Hannes schaute sich mit leicht zweifelndem Blick in der ramponierten Küche um.
„Oh, genau kann man das nie sagen. Aber“, Tiberius rieb sich die Hände, „vielleicht schon heute. Ich habe ein gutes Gefühl.“
Schon heute? Das wäre ja wahnsinnig spannend. Ob er vielleicht dabei sein könnte? Er müsste sich nur trauen, zu fragen.
„Möchtest du vielleicht dabei sein?“, der Erfinder zwinkerte Hannes zu, so als hätte er seine Gedanken gelesen. Und wer weiß, vielleicht hatte er ja auch schon einmal eine Gedankenlese Maschine erfunden.
„Das wäre toll! Kann ich dir denn irgendwie helfen?“
„Naja“, Tiberius sah sich um und zuckte mit den Schultern, „ich befürchte, als erstes müssen wir ein wenig aufräumen.“
Glücklicherweise geht das aufräumen zu Zweit wesentlich schneller, so dass bereits nach kurzer Zeit die Arbeit an dem Wuppstitätsfaktor fortgesetzt werden konnte.
Noch nie hatte Hannes so viele Flüssigkeiten gesehen und abgefüllt und zusammen gemischt. Unter den wachsamen Augen von Tiberius mahlte er mit einem Mörser Pfefferkörner, ein Stück Zimtstange und eine Kräutermischung klein. Im stillen fragte er sich in diesen Augenblicken schon, ob sie hier wirklich etwas erfanden oder nicht doch nur das Abendessen für Tiberius kochten.

Aber all das kam letztendlich in ein Becherglas, wo Tiberius es mit einem langen gläsernen Stab umrührte. Dann schüttete er es behutsam durch ein Sieb und als letzten Schritt nahm Tiberius einen Bunsenbrenner zur Hand.
Aus dem Schulunterricht wusste Hannes, das dieser mit Gas betrieben wurde und auch, dass es nicht ungefährlich war ihn zu benutzen. Und wenn er an den Knall und die grünliche Wolke dachte, ging er vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Tiberius reichte ihm wortlos eine Schutzbrille, die den größten Teil seines Gesichts verdecken würde.
Offenbar hatte der Erfinder den Regler des Bunsenbrenners zu weit aufgedreht, so dass eine große helle Flamme hervorschoss, die voller Begeisterung versuchte eine von Tiberius Haarsträhnen zu erwischen.
„Upps“, machte der Erfinder nur, drehte an dem Regler und schon wenig später blubberte die mittlerweile pinkfarbene Flüssigkeit munter vor sich hin. Tiberius stellte den Bunsenbrenner beiseite und starrte auf den Behälter mit der Flüssigkeit.
Worauf er jetzt wohl wartete? Die Antwort bekam Hannes in Form eines weiteren Knalls, der ihn so erschreckte, dass er über einen der Küchenstühle stolperte, diesen umriss und mit ihm gemeinsam zu Boden stürzte. Als er sich wieder aufgerappelt hatte und sich den schmerzenden Oberschenkel rieb, wo sich die Stuhllehne hinein gebohrt hatte, hüpfte Tiberius jubelnd durch die Küche. Wobei er über den Mülleimer stolperte und beinahe auch noch hingefallen wäre.
„Es ist vollbracht, es ist vollbracht“, rief er immer wieder.
„Aber woher weißt du das?“, Hannes sah skeptisch auf das immer noch brodelnde und blubbernde Gebräu.
„Ach“, Tiberius piekste sich mit dem Finger in den Bauch, „das sagt mir mein Bauchgefühl.“
„Ein Wissenschaftler, der auf seinen Bauch hört? Ich hätte gedacht, dass bei euch alles nur mit Logik und nachdenken funktioniert.“
Der Erfinder grinste. „Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber bei mir ist es eine Mischung. Aber jetzt komm, lass uns das WTF ausprobieren.“ Er sah an sich selber herunter, hob dann die linke Hand und wackelte mit den Fingern. „Na, da haben wir ja schon ein Versuchskaninchen. Ich träufle mir einfach was auf meinen Daumen.“
Hannes riss erschrocken die Augen auf. Der gute Tiberius war ja wirklich ein bisschen verrückt. Er griff nach einem Apfel, der in einer Schale auf dem Küchentisch lag. „Vielleicht ist es besser hiermit anzufangen. Deine Hand brauchst du doch noch zum erfinden. Wenn da etwas schiefgehen würde…“
„Oh ja, du hast Recht. Nun denn, dann hat also ein Vertreter aus der Familie der Malus die Ehre als erstes meine bahnbrechende Erfindung zu testen.“
„Malus?“, irritiert sah Hannes den Erfinder an.
„Aus dem lateinischen für Äpfel“, erklärte Tiberius, während er ihm den Apfel aus der Hand nahm und ihn liebevoll betrachtete. Dann holte er aus einer der Küchenschubladen eine Pipette, tauchte sie beinahe andächtig in die rosafarbene Flüssigkeit und füllte diese damit. „Nun heißt es Daumen drücken!“ Er nickte Hannes zu, atmete tief ein und drückte auf die Gummikappe.
Gemeinsam starrten sie auf den Tropfen, der langsam aus der Öffnung der Pipette hinausquoll und dann nach unten auf den Apfel fiel. Es vergingen ein, zwei Sekunden, dann ertönte ein sattes plopp und vor ihren Augen wuchs der Apfel auf seine doppelte Größe.

„Juchhu“, rief Tiberius und tanzte mit dem Apfelwunder übermütig durch die Küche.
Hannes schloss sich den Jubelrufen an und trommelte voller Begeisterung auf dem Küchentisch herum. Er konnte es noch gar nicht fassen. Gerade war er Zeuge davon geworden, wie der Wuppstitätsfaktor das allererste Mal zum Einsatz kam. Es war unglaublich. Am liebsten würde er sich gleich etwas von dem WTF auf den Kopf tropfen, damit er endlich größer als seine Klassenkameraden werden würde, aber zu seiner großen Enttäuschung stellte Tiberius die restliche Flüssigkeit in den Küchenschrank und schloss sorgfältig die Tür.
„Aber willst du nicht noch weitere Versuche machen?“ Hannes sah den Erfinder bittend an.
„Oh, wollen schon, mein lieber junger Freund. Aber es ist nicht ratsam, einen Versuch zu überstürzen. Ich warte bis morgen ab, was mit dem Apfel passiert und dann können wir uns an andere Versuchskaninchen heranwagen. Magst du morgen früh wiederkommen?“
„Ich kann nicht“, Hannes war maßlos enttäuscht, „ich habe doch Schule.“
Tiberius überlegte einen Moment. „Dann warte ich mit Teil zwei des Experiments auf dich. Da kommt es auf die eine und andere Stunde nicht an. Kannst du gleich nach der Schule herkommen?“
„Klar“, strahlte Hannes, „direkt vom Bus aus. Wenn ich die Nordstraße runterlaufe, bin ich in fünf Minuten hier. Das habe ich mal gestoppt!“
Mit dieser Absprache, trennten sich die Beiden und Hannes lief rasch nach Hause. Es war inzwischen Abendbrotzeit und seine Eltern würden gleich von der Arbeit kommen. Da wollte er lieber zurück sein.

Den ganzen Abend hatten seine Eltern kaum ein Wort von ihm gehört. Hannes war ganz in die Gedanken an die Erfindung vertieft gewesen. Als er später ins Bett gehen sollte, war er immer noch total aufgekratzt. Kein Wunder, dass er sich von einer Seite zur anderen wälzte und nicht einschlafen konnte.

Plötzlich sah er durch sein Dachfenster einen blauen runden Lichtfleck, der immer näher kam, so als wollte er sich durch die Scheibe bohren. Vielleicht war er doch eingeschlafen und träumte jetzt? Hannes kniff sich in den Oberarm.
„Autsch!“, Er rieb sich die schmerzende Stelle. Ok, anscheinend träumte er nicht. Und der Lichtfleck kam immer noch näher. Plötzlich erschienen in dem Fleck Worte, wie auf einem Anstecker. Er setzte sich im Bett auf und beugte sich nach vorn, um besser sehen zu können.
Komm rüber!, stand dort.
Komm rüber? Was sollte das denn nun schon wieder? Aber klar! Hannes sprang hastig auf und zog sich seine Sachen an. Das war bestimmt eine Nachricht von Tiberius, die er mit irgendeiner Erfindung hierher projiziert hatte. Er schlich auf Socken die Treppe hinunter, zog sich im Flur die Schuhe an und öffnete dann leise die Haustür. Glücklicherweise schienen seine Eltern schon zu schlafen, zumindest war unter der Schlafzimmertür kein Licht mehr zu sehen gewesen.

Als er vor dem Haus stand, sah er, dass das blaue Licht tatsächlich von Tiberius Haus herüber schien. Um Zeit zu sparen, nahm er den kürzesten Weg über den kleinen Zaun, der die beiden Grundstücke voneinander trennte.
Der Erfinder wartete bereits auf ihn und wedelte wild mit den Armen, als Zeichen, dass er hereinkommen sollte. Nachdem er die Tür hinter Hannes geschlossen hatte, atmete er aus.
„Gut, dass du mein Hey-bemerk-mich-Licht bemerkt hast. Ich konnte ja schlecht mitten in der Nacht bei euch klingeln.“
„Was ist denn passiert?“
„Sieh selbst!“ Tiberius öffnete die Küchentür und ließ ihn an sich vorbeigehen.
Hannes betrat die Küche. Was war denn das?
„Ist… ist das etwa der Apfel, den du mit dem WTF beträufelt hast?“
„Allerdings. Als ich gestern Abend ins Bett ging, habe ich nochmal hier reingeschaut und da kam er mir schon größer vor. Aber ich habe es auf die Aufregung geschoben und darauf, dass ich müde war. Aber nun…“
Gemeinsam schauten sie auf das was gestern noch ein ganz normaler Apfel gewesen war und jetzt locker die Hälfte der Küche einnahm. Zwei Stühle und den Küchentisch hatte er unter seinem Fruchtfleisch begraben. Und der Kühlschrank hatte vorne eine Delle, als hätte King Kong persönlich sich dagegen gelehnt.
„Hört der irgendwann auf zu wachsen?“, fragte Hannes, ohne den Blick von dem leuchtend grünen Apfel, ein Granny Smith seine Lieblingssorte, abzuwenden.
„Ich befürchte nein. Und genau deswegen habe ich dich gebeten rüber zu kommen. Wir müssen ihn klein schneiden und abtransportieren. Und dann irgendwo…“
„Verbrennen?“, ergänzte Hannes.
„Gute Idee! Also, hilfst du mir?“ Tiberius sah ihn bittend an.
„Klar. Aber wir müssen aufpassen, dass uns niemand beobachtet. Nicht, dass sie deine Erfindungen noch für etwas Gefährliches halten.“
Der Erfinder nickte, zog aus der Küchenschublade, die sich glücklicherweise noch öffnen ließ, ein großes Messer heraus und begann gleich darauf wie ein Wilder an dem riesigen Apfel herum zu schneiden.
„Kannst du die einzelnen Stücke rausbringen? Ich habe schon den Anhänger an mein Auto gehängt, so können wir das ganze hinterm Ort auf eines der Felder bringen.“
„Ok“, Hannes wollte schon zugreifen, als ihm noch etwas einfiel. „Aber was ist mit dem WTF? Ist es nicht zu gefährlich, es aufzubewahren? Wenn es umfällt ist auf einmal das ganze Haus riesig oder so.“
Tiberius hielt einen Moment inne und legte die Stirn in Falten. „Du hast Recht. Dieser Fehlversuch muss vernichtet werden. Am besten nehmen wir es mit und schütten es dann auf eins der Apfelstücke, bevor wir es ins Feuer werfen.“

Genau so machten sie es. Nachdem Hannes und der Erfinder alles aufgeladen hatten, die riesigen Apfelstücke passten gerade so in den Anhänger, fuhren sie es zu einem der Felder, die hinter Winzlar lagen. Glücklicherweise waren sie zu dieser nächtlichen Stunde die einzigen, die hier unterwegs waren.
Mit einem wehmütigen Gesichtsausdruck nahm Tiberius das Becherglas mit dem WTF, kniff die Augen zusammen und goss es über eines der Apfelstücke. Ein sattes plopp später war dieses doppelt so groß wie zuvor. Und bevor auch dieses nun weiterwachsen konnte, warfen sie alles nach und nach ins Feuer. Tiberius hatte extra ein paar große Feldsteine um den Apfelhaufen gelegt, um nicht versehentlich halb Rehburg-Loccum und Umgebung abzubrennen.

Der Geruch des bratenden Apfels erinnerte Hannes an die Weihnachtszeit, wenn seine Oma Bratäpfel mit Marzipanfüllung machte. Er musste grinsen, als er sich vorstellte, wie sie diesen riesigen Apfel gefüllt hätte. Und wie viel Vanillesoße dafür erst nötig wäre!
„Danke, dass du mir so toll geholfen hast“, der Erfinder klopfte Hannes auf die Schulter. „Vielleicht hast du ja mal wieder Lust, mich beim erfinden zu unterstützen.“
Hannes grinste. „Klar, wenn es nicht wieder damit endet, dass ich große Apfelstücke durch die Gegend schleppe.“
Auch Tiberius grinste. „Nein, das nächste Mal wird es etwas wirklich…“ Er stoppte mitten im Satz und überlegte einen Moment. „Eine Schubkarre.“
Hannes sah ihn nur fragend an. Schubkarren gab es ja nun wohl schon Ewigkeiten.
„Eine, die sich selbst belädt und dann alleine fährt.“ Ohne ein weiteres Wort machte Tiberius auf dem Absatz kehrt und marschierte den Feldweg zurück den sie gekommen waren.
„Aber dein Auto“, rief Hannes hinterher. Dann zuckte er mit den Schultern. Er konnte ihn nicht aufhalten. Soviel hatte er inzwischen begriffen. Am besten lief er einfach hinterher und versuchte das Schlimmste zu verhindern. Während er den Feldweg entlang lief, grinste er. Egal, was da noch auf ihn zukam, so einen Erfinder zum Freund zu haben, das war schon was ganz Besonderes.

Die 1. Geschichte des Experiments findet Ihr hier und die 2. hier!

Advertisements

2 Gedanken zu „Experiment: Die 3. Geschichte

  1. Pingback: Experiment: Die 1. Geschichte | Nicole Wanda Vergin

  2. Pingback: Experiment: Die 2. Geschichte | Nicole Wanda Vergin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s