Schreibkick: Stille Straße

Nach langer Zeit mal wieder eine Schreibkick Geschichte. Wenn auch ein wenig verspätet… Aber als ich gestern Abend so durch die Gegend fuhr, meldete sich plötzlich meine Muse zu Wort. Na, lest selber…

Stille Straße
von Nicole Vergin

Der Wind rüttelte an dem kleinen blauen Auto. Nora bemühte sich, das Lenkrad so ruhig wie möglich zu halten. Ihr Herz klopfte aufgeregt.
Wo war sie hier bloß hingeraten? Ein Umleitungsschild hatte sie auf einer langen geraden Straße aus dem Ort hinaus geführt. Nur durch Zufall, hatte sie das kleine weiße Schild gesehen, das nach links wies.

Und nun fuhr sie über eine abgelegene Straße, deren Asphaltdecke mit Schlaglöchern gespickt war. Die Scheinwerfer ihres Wagens beleuchteten nur einen Bruchteil dessen was vor ihr lag. Zwischen dem Regen, den der Wind mittlerweile vor sich her trieb, übersah sie eine Schwelle auf der Fahrbahn. Das Rumpeln verursachte einen stechenden Schmerz, der wie ein Blitz in ihren unteren Rücken geschossen war.
„So ein Mist.“ Es tat gut, die eigene Stimme zu hören.
Obwohl Nora auf der anderen Seite der Felder, an denen sie sich förmlich vorbei tastete, einige wenige Lichter des Ortes erkennen konnte, fühlte sie sich, als sei sie fernab von allen Menschen auf sich allein gestellt.
„Du übertreibst!“ Der Versuch, ihre Stimme energisch klingen zu lassen, scheiterte kläglich.
Eine Rechtskurve beanspruchte ihre Aufmerksamkeit und als ein paar Hundert Meter die nächste Schwelle zur Geschwindigkeitsbegrenzung im Scheinwerferlicht auftauchte, war sie gewappnet. So sanft wie möglich ließ sie das Auto darüber rollen.
„Warum fährt denn hier außer mir niemand lang?“ Ihre gemurmelte Frage ging in einer vorbei heulenden Windböe unter.

Es war gerade einmal kurz nach 19 Uhr und die Gegend wie ausgestorben. Die einzigen Geräusche um sie herum, waren die des Motors, das prasseln des Regens und das heulen des Windes.
Für einen Moment war sie erleichtert, dass es wenigstens diese Geräusche gab. Denn ansonsten, das wurde ihr schlagartig klar, würde es auf dieser Straße still sein. Totenstill.
„Mach dich doch nicht verrückt, Nora!“
Aber ihre Selbstgespräche machten sie leider auch nicht mutiger. Sie schaute auf die Uhr und stellte fest, dass sie zu ihrem Termin zu spät kommen würde. Warum hatte man sie auch nicht vor dieser verdammten Umleitung gewarnt? Wie hätte sie denn ahnen können, dass es zur Zeit durch den Ort absolut kein Durchkommen gab?
Stattdessen musste sie durch diese Gott verlassene Gegend kurven.

„Es ist zwar nicht der Arsch der Welt, aber man kann ihn von hier aus durchaus sehen“, versuchte sie es mit einem Witz, der jedoch nicht einmal ein Zucken ihrer Mundwinkel zur Folge hatte.
Eine weitere Schwelle lauerte auf der Straße und während sie den Wagen langsam hinüber rollen ließ, sah sie plötzlich im Scheinwerferlicht ein paar gelbe Augen aufleuchten.
„Scheiße!“ Reflexartig trat ihr Fuß auf die Bremse und das Auto reagierte auf dem nassen Asphalt mit einem beleidigten Schlenker.
Als der Wagen stand, trommelte ihr Herz einen wilden Alarm. Nora stützte sich mit beiden Armen auf dem Lenkrad ab und versuchte durch gleichmäßiges Atmen ihr Herz zu besänftigen. Das hätte schief gehen können. Im Licht des Scheinwerfers erkannte sie, wie dicht sie davor gewesen war, auf den nebenliegenden Acker zu rutschen. Und bei dem Schlammwetter – da machte sie sich nichts vor – hätte sie das Auto allein nie wieder auf die Straße bringen können.

Es half alles nichts. Sie musste weiterfahren. Hier stehenbleiben war definitiv keine Alternative. Immerhin schien sich das Tier – was auch immer es gewesen war – in Sicherheit gebracht zu haben.
Obwohl ihr Pulsschlag sich immer noch in Rekord verdächtiger Höhe befinden musste, gab Nora wieder behutsam Gas und fuhr zurück in die Mitte der Straße.
„Ok, Nora ganz ruhig jetzt. Du schaffst das! Irgendwo muss ja auch diese Straße ein Ende haben.“
Meter für Meter schlich sie nun dahin, während sie versuchte ein wenig von ihrer sonstigen Gelassenheit zurück zu erobern. Aber erst, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit, das Ende der Straße vor sich sah, war ihr Herz bereit wieder einen normalen Takt aufzunehmen.

Sie war auf der anderen Seite des Ortes angelangt. Und obwohl auch dort kein Mensch zu sehen war, gab es Bürgersteige, Straßenlaternen. Leben.
Nora setzte den Blinker, bog rechts ab und schaute ein weiteres Mal auf die Uhr.
Pünktlich würde sie tatsächlich nicht mehr ankommen, aber dafür heil und unversehrt.

Diesen Monat waren dabei:

Eva

surf your inspiration

Veronika

Rina P.

Corly

Für den 24.12. gibt es ein Spezial-Thema: Unter dem Weihnachtsbaum

Für den 1.1.18 lautet das Thema: Jahresuhr

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10 Gedanken zu „Schreibkick: Stille Straße

  1. Pingback: Schreibkick: Stille Straße. | vro jongliert

  2. Pingback: Schreibkick: Stille Straße | Evas Geschichten

    • Liebe Solveigh,
      das war so was von Absicht! 😀 Als ich am Donnerstag zur Chorprobe fuhr und weit und breit Niemand zu sehen war, dachte ich: Hey, wie wäre es, wenn ich mich hier gar nicht auskennen würde… Freut mich, dass es Dir gefällt! ❤

      Gefällt mir

  3. Pingback: Schreibkicks – Dezember – Stille Strasse der Einsamkeit – Geschichtszauberei

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