Osterhasen-Aufruf: Das Ergebnis

Mit Eurer Unterstützung habe ich tatsächlich auch in diesem Jahr noch eine Ostergeschichte geschrieben! Nach meinem Aufruf im letzten Beitrag habt Ihr mir Wort-Geschenke gemacht und diese sollten dann in der Geschichte vorkommen. Ideen zu den einzelnen Wörtern waren rasch gefunden, aber mein Hirn weigerte sich anfangs beharrlich diese zu einer kompletten Geschichte zusammen zu setzen. Also war alles wie immer… ich hatte Spaß, habe geflucht wie ein Bierkutscher, wollte das Schreiben für immer und ewig aufgeben… Aber nun ist das alles – auch wie immer – längst vergessen und Ihr findet unten meine Ostergeschichte 2016.

Und auch Veronika hat sich auf die Schreib-Socken gemacht – ich freu mich riesig, dass sie spontan mitgemacht hat! – und aus Euren Wörtern sogar zwei tolle Geschichten gezaubert, die Ihr hier und hier findet.

Also viel Spaß beim Lesen der Geschichten!

Aufruhr im Osterhasenwald
von Nicole Vergin

So schnell ihn seine kleinen Hasenpfoten trugen, hoppelte er den Hügel hinauf. Die Morgensonne schien von einem mit weißen Wolken betupften blauen Himmel und auf den Wiesen blühten gelbe Osterglocken mit roten Tulpen um die Wette, was ein gutes Zeichen dafür war, dass der große Tag nahte.
DSC_0020Die Barthaare des hellbraunen Hasen zitterten vor Anstrengung und seine langen Ohren lagen dicht am Kopf an, als er die letzten Sprünge bis zur Spitze des Hügels machte. Dort hockte er sich einen Moment hin und atmete ein paar Mal tief durch.
Nun wurde es aber Zeit! Die Anderen warteten schon längst auf seine Nachricht. Er stellte sich auf die Hinterpfoten und hielt seine Vorderpfoten in die Luft. Ein Windhauch kam von der Stelle, wo sich die Sonne abends immer schlafen legte. Er ließ sich zurückfallen und hielt nun sein Näschen in die Luft und schnupperte. Ja, da war er – der Duft nach Frühling. Nach sprießenden Blättern und Blüten, nach grünem Gras, das sich aus der dunklen Erde hervor schiebt.

Blitzartig machte er auf den Hinterpfoten kehrt und hoppelte den Hügel vor Aufregung in Zickzacksprüngen hinunter. Am Fuß des Hügels floss ein schmaler Bach. Geschickt sprang er auf einen Stein in der Mitte des Quellklaren Wassers und landete gleich darauf sicher auf der anderen Seite.
Sein kleiner felliger Körper streckte sich und wurde immer flacher, die Ohren waren kaum noch zu sehen, seine Sprünge wurden schneller und weiter. In Windeseile hatte er sein Ziel, den Osterhasenwald erreicht.

„Es ist soweit! Kommt schnell!“
Auf sein Rufen kamen aus allen Richtungen andere Hasen angehoppelt.
„Bist Du Dir sicher?“ „Hast Du Osterglocken gesehen?“ „Und was war mit den Tulpen?“ „Und die Luft. Hat die Luft nach Frühling gerochen?“
„Wie soll Manni denn erzählen, wenn Ihr ihn alle so belagert?“ Barney, der älteste Hase im Osterhasenwald, drängte sich zwischen die wild hüpfende Hasenmeute und sorgte erst einmal für Ruhe. „Also Manni“, wandte er sich an den diesjährigen Osterbeauftragten, „hast Du alle Zeichen gefunden?“
Der kleine hellbraune Hase nickte. „Es gibt keinen Zweifel – Ostern steht vor der Tür, morgen ist es soweit!“
Herrje, was da für ein Jubel ausbrach. Fast ein ganzes Jahr hatten die kleinen und großen Osterhasen auf diesen Moment gewartet.
„Ihr habt es gehört Osterhasen – das Fest steht vor der Tür! Und wie Ihr wisst, haben wir noch jede Menge zu tun. Also, sputet Euch!“
Sie hüpften in alle Richtungen auseinander, nur Barney und Manni blieben zurück.
„Du hast Deine Sache sehr gut gemacht“, lobte Barney, „es war richtig, dass Du in diesem Jahr zum Osterbeauftragten gewählt worden bist. Aber Du weißt auch, dass noch jede Menge Arbeit auf Dich wartet. Also mach Dich auf den Sprung und schau, ob alle Vorbereitungen ihren Gang gehen, damit alles rechtzeitig fertig wird.“
Manni nickte eifrig. Er war sehr stolz gewesen, als ihn die anderen Hasen gewählt hatten. Das war eine große Ehre und er wollte sein Bestes geben. Mit diesem guten Vorsatz hüpfte er los in Richtung Osterhasenwerkstatt, um zu sehen, wie weit die Hasen dort mit dem Bemalen der Eier gekommen waren.

Ping, ping, pong, knacks, knirsch, drang es aus der Werkstatt an seine langen Ohren.
Manni vermutete das schlimmste, stieß die Tür auf und hoppelte in die Werkstatt hinein. Wie die Orgelpfeifen standen die fünf Werkstatthasen plötzlich nebeneinander. Anscheinend hatte einer von ihnen Schmiere gestanden.
„Habt Ihr schon wieder Eierpecken gespielt?“ Streng schaute er den jüngsten der Hasen, den kleinen weißen Mümmi an, dessen Barthaare auch sofort zu zittern begannen.
„I i ich ha ha hab nix… gemacht.“
Manni sah, wie einer der Hasen mit der Pfote zwei kaputte Eier über den Boden schob.
„Und was ist das da?“
„Nur runtergefallen.“ Treuherzig schaute Mümmi ihn an.
„Er hat gesagt, ich würde beim Eierpecken sowieso immer nur verlieren“, platzte Hopsi raus und zeigte mit der Pfote auf den großen schwarzen Waldemar, der schon als kleiner Hase angeblich nur Blödsinn gemacht haben soll.
„Du weißt doch nicht mal, mit welcher Seite man die Eier aneinanderschlägt“, brummte dieser mit seiner tiefen Hasenstimme.
„Und Du haust immer gleich so doll gegen das gegnerische Ei, dass gleich beide kaputtgehen“, wehrte sich der kleine braun-weiße Hopsi.
„Das kann doch alles nicht wahr sein“, Manni klopfte mit den Hinterbeinen auf den Boden, „nun ist hier aber Schluss! Ihr sollt die Eier bemalen und nicht damit spielen. Also, ran an die Pinsel und wenn ich…“

In diesem Moment kam ein weißer Hase mit schwarzen Ohren um die Ecke gesaust und knallte prompt in den diesjährigen Osterbeauftragten hinein.
„Oh, Entschuldigung Manni. Aber Du musst unbedingt, sofort, ganz schnell…“, er japste nach Luft, „der Berthold hat wieder was erfunden!“
Ohne weiter nachzufragen, machte Manni auf seinen Hinterpfoten kehrt und sprang zur Tür hinaus, vorbei an der Osterbäckerei aus der bereits der Geruch der traditionellen Osterpinze herauswehte und ihm für einen Moment den leckeren Geschmack des Hefegebäcks auf die Zunge legte. Aber für eine Kostprobe war jetzt keine Zeit, denn wenn Berthold der selbst ernannte Erfinder des Osterhasenwaldes in seinem Labor tätig wurde, dann bedeutete das selten etwas Gutes.

Einen Eichenslalom und ein Sprint über eine Lichtung später konnte er das Hasenlabor bereits von weitem sehen.
„Es qualmt“, rief hinter ihm eine Stimme und als er kurz über die Schulter zurückblickte erkannte er, dass sich ihm eine ansehnliche Schar Hasen angeschlossen hatte. Nun gut, vielleicht könnte er sie sogar als Helfer gebrauchen.
Als Berthold das letzte Mal mit einer Erfindung baden gegangen war, mussten sie im Umkreis von mehreren Metern die Blätter der Büsche einzeln abputzen. Und das alles nur, weil der Herr Erfinder eine Kompost Beregnungsanlage hatte basteln wollen. Ihm graute davor, was es dieses Mal sein könnte.
Knallpengbumm!
Schwaden kamen ihnen aus den offenen Fenstern des Labors entgegen.
Manni schnüffelte. Es roch süßlich.
„Holsenren“, hörte er drinnen eine trällernde Stimme. Und dann noch einmal: „Hopphasoh“.
Die Tür flog mit einem Knall auf und Luna Löffel, eine ganz entzückende Hasendame kam herausgehüpft. „Hopp… hopp.“
Hinter ihr erschien Berthold der Erfinder mit einem breiten Grinsen auf seinem Hasengesicht. Luna drehte sich zu ihm um und strich mit der Pfote über seine langen Ohren.
„Du hass sooooo schöne Hoppel…“, ihre Zunge stolperte erneut über das Wort, „Hoppelhasenohren.“ Zufrieden wollte sie ihn in die Seite knuffen, verfehlte ihn jedoch und plumpste neben ihm auf den Boden.
Mit Bertholds Unterstützung half Manni der Hasendame wieder auf die Pfoten.
„Berthold, was hast Du mit ihr gemacht?“
„Och, sie wollte unbedingt mein neuestes Experiment testen: Ostereier, die nach dem Essen eine Lebensfreudeexplosion auslösen.“
„Lebensfreudeexplosion? Das darf doch alles nicht wahr sein! Anstatt den anderen bei der Vorbereitung für Ostern zu helfen, bastelst Du hier wieder mit Deinen Kräutern herum. Sieh zu, dass Du Luna heile nach Hause bringst und sorge dafür, dass sie an Ostern wieder fit ist!“

Während Bernhard die hin und her schwankende Luna Löffel nach Hause begleitete, kam Emma, eine etwas behäbige dunkelbraune Hasendame mit weißen Pfoten laut rufend den kleinen Pfad, an dem das Erfinderlabor lag, entlang gehoppelt.
„Manni, Manni!“
„Immer langsam, Emma. Ich bin ja hier!“
„Es ist furchtbar.“
Manni hüpfte Emma entgegen. „Ganz ruhig. Was ist denn passiert?“
„Die Kleinen“, japste sie, als sie endlich vor dem Osterbeauftragten hockte, „die Kleinen. Sie sind alle verschwunden!“
Mit Tränen in ihren braunen Augen, erzählte die Hasendame, dass die Jüngsten des Osterhasenwaldes verschwunden waren. Eben hätten sie noch friedlich beim Eier bemalen geholfen und dann hätte sie nur kurz neue Farben geholt und schon hätten sich alle förmlich in Luft aufgelöst.
Auch das noch, schoss es Manni durch den Kopf. Als hätte er nicht schon genug Arbeit. Nun musste er auch noch Hasenkinder suchen. Rasch trommelte er ein paar Hasen zusammen, die mit ihren eigenen Ostervorbereitungen schon so gut wie fertig waren und dann durchkämmten sie gemeinsam den Osterhasenwald. Sie schauten unter den Büschen nach und befragten die Vögel, die bereitwillig von oben nach den Ausreißern Ausschau hielten.

Endlich, als sie schon dachten, dass sich die kleinen Racker einfach zu gut versteckt hätten, hörten sie Stimmen, denen sie folgten.
„Rundherum und immer wieder, singen wir die Osterlieder. Machen hier den Eiertanz, hoffen, dass das Ei bleibt ganz.“
Manni, Emma und die anderen Hasen glaubten ihren Augen kaum zu trauen. Auf einer Lichtung hüpften und sprangen die Hasenkinder im Kreis und jedes von ihnen balancierte dabei ein Ei zwischen den langen Ohren.
„Was macht Ihr denn da?“, rief Emma halb lachend und halb weinend und stürzte sich auf die Kleinen, die erschrocken zusammen fuhren. Wobei ein Teil der Eier aufgefangen werden konnten, ein Teil jedoch als Rührei auf dem Boden endete.
Rudi, der stets der Erste war, wenn es darum ging Blödsinn zu machen, rief: „Wir wollten Euch morgen mit einem selbst ausgedachten Eiertanz überraschen!“
Alle anderen nickten dazu und da konnte selbst Manni nicht mehr böse auf die Hasenkinder sein. Außerdem war er viel zu erleichtert, dass es allen gut ging.

Als am nächsten Morgen, die Sonne den Ostertag begrüßte, waren tatsächlich alle Vorbereitungen abgeschlossen und alle bunt bemalten Ostereier versteckt. Endlich konnte sich auch Manni eine Pause gönnen und so hockte er sich zu den anderen Hasen, die bereits das Osterfest zu feiern begonnen hatten und schaute dem Eiertanz der Hasenkinder zu.
Und in diesem Moment wurde ihm eines klar – Ehre hin oder her – er würde sich nie wieder zum Osterbeauftragten wählen lassen.

 

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Geschichten-Zeit: Welt ohne Bücher

Die folgende Geschichte habe ich vor sechs Jahren geschrieben. Damals hat mich der Gedanke, dass es irgendwann keine Bücher mehr geben könnte, oft beschäftigt. Anlässlich der bevorstehenden Buchmesse, habe ich sie heute wieder aus der virtuellen Schublade herausgeholt. Für alle Leseratten, Bücherwürmer, Schreiberlinger – kurz: für alle die Bücher genauso sehr lieben wie ich!

Welt ohne Bücher

von Nicole Vergin

Traurig. Ich war traurig.
Irgendwie verstand ich die Welt nicht mehr. Gerade hatte mein Freund Jonas mir das Lese-TeddyErgebnis der Abstimmung mitgeteilt. Keine Bücher mehr. Nie mehr lesen. Nie mehr dem Singsang eines Vorlesers lauschen, während die Buchstaben um ihn herum durch die Luft tanzen. Nie mehr.

Nun saß ich hier auf dem kleinen Treppenabsatz, der ins Paradies führte. In mein Paradies. Dort wo die Bücher bisher zuhause waren. Der einzige Ort, an dem sie noch sein durften – die Bibliothek.

In meiner Kindheit besaßen viele Menschen Bücher. Damals gab es noch die mit den dünnen biegsamen Hüllen. Taschenbücher wurden sie genannt. Damals, als Bücher noch überall ihren Platz haben durften.
Ich kann mich noch erinnern, wie meine Eltern mit mir Lesepicknicks am See gemacht haben. Wir breiteten eine Decke im Sand aus, und auf ihr verteilten wir unser mitgebrachtes Essen. Köstliche Dinge gab es damals. Ich weiß noch, wie ich an allem zuerst roch bevor ich es in den Mund schob, um es dort genüsslich mit den Zähnen zu zermalmen und dabei die verschiedensten Geschmäcker ihren Zauber in meiner Mundhöhle hinterließen.
Das Beste daran war jedoch, wenn meine Mutter nach dem Essen ein Buch aus der Tasche zog und mir geheimnisvoll zublinzelte. Schon früh hatten mich meine Eltern mit der Leidenschaft für das geschriebene Wort infiziert. Bereits zu dieser Zeit waren Bücher in privaten Haushalten selten geworden und das jemand eines mit hinaus nahm war zwar noch nicht verboten, aber unerwünscht.
Zu unserem letzten Lesepicknick hatte meine Mutter das Buch „Tintenherz“ mitgenommen. Eine meiner Lieblingsgeschichten, vor langer Zeit geschrieben. Gespannt legte ich mich damals auf den Bauch, den Kopf in meine kleinen Hände gestützt und lauschte der Stimme meiner Mutter. Wie sie von Mo erzählte, dem Vater der kleinen Maggie. Er konnte Figuren aus den Büchern herauslesen. Zauberzunge nannten sie ihn. Ich lag da und träumte mit offenen Augen davon, dass meine Mutter ebenfalls eine Zauberzunge hätte.

Kurz darauf wurde ein Gesetz erlassen das besagte, dass niemand ein Buch mit hinaus nehmen durfte. Alle wurden aufgefordert, ihre Bücher in der großen Bibliothek abzugeben. Die Regeln, nach denen man diesen wunderbaren Ort besuchen durfte waren äußerst streng. Meine Eltern, beide Lehrer, erhielten eine Sondererlaubnis. Sie behaupteten oftmals, dass sie während ihrer Vorbereitungszeiten in der Bibliothek niemanden hätten, der mich beaufsichtigen könnte. Und so kam ich häufig in den Genuss in all den Bücherschätzen lesen zu dürfen.

Die Idee hinter diesem ganzen Wahnsinn? Menschen zu manipulieren. Keine Möglichkeiten der eigenen Fortbildung. Dumm sollten sie sein. Nur das Nötigste brachte man ihnen bei, ausschließlich in den Bereichen, in denen sie arbeiten sollten.
Anfangs hielt man es für sinnvoll, die Bücher aufzubewahren. Aber die Gegner des geschriebenen Wortes beriefen sich auf die Möglichkeiten der mündlichen Überlieferung. Dies hätte vor Urzeiten auch funktioniert.
Ich weiß nicht, wie es soweit kommen konnte. Wo waren die lauten Stimmen, die sich für die Buchstaben, die Wörter und Sätze stark machten? Sie verstummten nach und nach oder wurden mundtot gemacht. An ihre Stelle trat Resignation und Gleichgültigkeit. Inzwischen wuchs bereits die zweite Generation heran, die weder lesen noch schreiben konnte.

Und nun der Beschluss, alle Bücher zu vernichten. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Die Welt würde danach eine andere sein.

Ein lautes Rumpeln riss mich aus meinen Gedanken. Container wurden auf dem Platz vor der Bibliothek aufgestellt. Es dauerte einen Moment bis ich verstand. Die Bücher sollten abtransportiert werden. Sie würden ihre letzte Reise antreten, um dann wie so viele vor ihnen im Reißwolf zu enden.
In meinem Inneren schrie und tobte ich. Ich sah mich selber, wie ich vor die Männer sprang, die jetzt mit Kisten beladen die Bibliothek betraten. Ich hielt sie auf, zerrte den Einen am Kragen zurück, dem Anderen stellte ich ein Bein und den Dritten streckte ich mit einem Handkantenschlag nieder.
Die Wirklichkeit holte mich wieder ein und fand mich mit hängenden Schultern vor. Hier in diesem Moment konnte ich allein nichts ausrichten. Rasch drehte ich dem Gebäude den Rücken zu, setzte einen Fuß vor den anderen. Ich musste weg hier. Weg, bevor die Männer mit den Kisten wieder heraus kamen. Dieses Mal würden sie bis zum Rand mit Büchern gefüllt sein. Allein den Gedanken daran ertrug ich nicht. Daran, welche Geräusche die Bücher beim freien Fall in die Container machen würden. Das Rascheln der Seiten beim Versuch wie Vögel davon zu fliegen.

Ich stürmte durch die Straßen. Vorbei an all den Menschen, die mit gleichgültigem Gesichtsausdruck die Geschehnisse hinnahmen. Lange genug hatte man ihnen eingeredet, dass dies der beste Weg sei, um wieder Ordnung zu schaffen. Ich ging an ihnen vorbei, meinem Ziel entgegen, das in einer abseits gelegenen Straße lag.
Eine alte Druckerei, vor Jahren dem Verfall preisgegeben. Neue Bücher wurden schon lange nicht mehr gedruckt, keine Zeitungen, gar nichts. Anfangs sollte das Gebäude noch für andere Zwecke genutzt werden, geriet dann jedoch schnell in Vergessenheit.
Sorgfältig sah ich mich nach allen Seiten um, bevor ich durch einen Nebeneingang schlüpfte. Während ich die Tür hinter mir schloss atmete ich ein paar Mal tief ein und aus. Diesen Geruch würde ich nie vergessen, egal was noch alles passieren würde. Der Geruch nach Büchern, nach Druckerschwärze, nach Geschichten.
„Unverwechselbar, nicht wahr?“
Lächelnd nickte ich Jonas zu, der mir durch den langen Flur entgegen kam.
„Sind die letzten Lieferungen wohlbehalten angekommen?“, fragte ich ihn besorgt.
„Alles glattgegangen“, war seine beruhigende Antwort.
Gemeinsam traten wir durch eine breite Flügeltür hinter der geschäftiges Treiben herrschte. Zufrieden schaute ich einen Moment zu, wie zahlreiche Frauen und Männer die neue Bücherlieferung in Regale einsortierte.
Dann sah ich Jonas an und las in seinen Augen, das er das Gleiche empfand wie ich. So lange es Menschen wie diese gab, würden wir immer Mittel und Wege finden das Bücher nicht vollständig verschwanden. In jahrelanger Kleinstarbeit nachdem abzusehen war wohin die Situation entglitt, hatten wir gemeinsam einen Teil gerettet. Auf diese Weise bestand die Möglichkeit andere Menschen in kleinen Schritten von der Notwendigkeit des gedruckten Wortes für unsere Welt zu überzeugen.

Und eines Tages, ich glaube fest daran, werden die Druckmaschinen hier in diesem Gebäude erneut ihre Arbeit tun – und Buchstaben werden wieder tanzen.

Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 3

Wer Hilde noch nicht kennengelernt hat, findet hier Teil 1 und hier Teil 2

Fortsetzung

Und dann war alles wieder da.
Der Wintersturm. Die Eiseskälte. Die Kirchenmauer, an der sie lehnte. Sogar die Stimmen und Töne aus der Kirche drangen wieder an ihr Ohr. Als sich Hilde umsah, bemerkte sie, dass sie allein war.
Ein Wunschtraum.
Lese-TeddyMühsam schluckte sie den Kloß in ihrem Hals herunter und wischte sich mit nun wieder frostkalten Fingern die feuchten Spuren von ihren Wangen. Nur ein Wunschtraum in einer kalten, einsamen Nacht. Wahrscheinlich konnte sie noch von Glück sagen, dass sie hier nicht eingeschlafen und erfroren war.
Nimm dich zusammen, Hilde!, schalt sie sich erneut selber.

Mühsam setzte sie sich wieder in Gang. Die kalten Füße taten ihr bei jedem Schritt weh, aber sie musste nach Hause, sonst würde sie wirklich noch über kurz oder lang erfrieren. Der Wind schien stärker zu werden, er heulte ihr entgegen und trieb ihr dicke Flocken ins Gesicht. Eine weitere Böe kam auf sie zu und Hilde sah, dass sie etwas Helles vor sich herjagte. Mit einem Klatschen landete ein DIN-A 4 großes Stück Papier vor ihrer Brust. Ihre Finger schafften es kaum, das Papier zu greifen und als sie es endlich von ihrem Mantel abgeklaubt hatte, fiel ihr Blick auf die in Großbuchstaben gedruckte Überschrift: HEILIGABEND ALLEIN? FEIERN SIE MIT UNS!
Darunter der Name einer Begegnungsstätte und eine Adresse.
Feiern sie mit uns. Das vermutlich von einem Kind gemalte Bild eines geschmückten Tannenbaums mit einem Berg Geschenke und einem dicken Weihnachtsmann davor lud dazu ein, sich auf die Weihnachtstage zu freuen.
Das verschwommene Bild eines wenige Tage alten Babys tauchte vor ihr auf.
„Wenn unser Kleiner damals nur nicht gestorben wäre…“ Hilde dachte an die kurze Zeit, in der sie ihr Baby hatte in den Armen halten dürfen. Wie viele Pläne und Träume, wie viel Hoffnung hatte sie damals für ihre kleine Familie gehabt. Letztendlich war es eine von vielen Seifenblasen in ihrem Leben gewesen, die zerplatzt waren.
Es sollte eben nicht sein, waren Karls Worte gewesen. Damals auf der Beisetzung des Kleinen. Als sie sich vor dem offenen Grab auf den Boden gekniet hatte mit der Hoffnung durch ein gnädiges Schicksal ebenfalls zu sterben. Seine kalten Worte hatten sie zu diesem Zeitpunkt nicht erreicht. Damals, als in ihr alles leer und hohl gewesen war. Erst viel später war ihr bewusst geworden, dass der Mann den sie liebte, ein Eisklotz war.

Hilde knüllte den Zettel zusammen und sah sich vergeblich nach einem Abfallkorb um. Seufzend steckte sie das Papierknäuel in ihre Manteltasche. Sie würde es zuhause wegschmeißen. Noch einmal sah sie die kindliche Zeichnung vor ihrem inneren Auge. Es wäre schon schön, nicht allein zu sein. Aber mit fremden Leuten Weihnachten feiern? Einfach dorthin gehen und um Einlass bitten? Nein, sie würde wie geplant nach Hause gehen, sich eine Kleinigkeit zu essen machen und dann früh schlafen gehen.
Zuhause ist es doch am schönsten, gab auch Karl seinen Senf dazu.
„Aber nicht, wenn man immer allein ist“, rief Hilde in die kalte Nacht hinaus. Manchmal hatte sie das Gefühl, als würde ihr Mann immer noch ihr Leben diktieren.
„Ich muss ihn loslassen“, murmelte sie vor sich hin, während ihre Hand wie von selbst in die Manteltasche wanderte und die Finger nach dem Papierball griffen und es herauszogen.
Die Straße, in der die Begegnungsstätte lag, war ihr gut bekannt. Dort betrieb eine Schneiderin ein kleines Geschäft. Hilde hatte ihr hin und wieder Kleidung zum Ausbessern gebracht, um einen Neukauf noch ein Stück weiter hinaus zu zögern. Ein kurzer Weg von zwei, drei Minuten und es lag sogar auf ihrem Heimweg. Sie würde es sich also immer noch anders überlegen können, ohne einen Umweg zu machen.
„Und du sei jetzt einfach mal still!“, rief sie beim Weitergehen und erstaunlicherweise hielt Karl sich sogar daran.
Hilde hatte das Gefühl, als wären ihre Schritte nun wieder leichter als zuvor. Auch die Atemnot war zurückgegangen. Vielleicht lag es auch nur an dem Wind, der anscheinend gerade eine Pause einlegte, so dass sie nicht mehr dagegen ankämpfen musste. Oder es lag tatsächlich etwas Magisches an diesem Heiligen Abend in der Luft. Bei diesem Gedanken lächelte sie.

Als sie kurz darauf vor dem Eingang der Begegnungsstätte stand und von außen die hell erleuchteten Fenster im ersten Stock sah, bekam sie doch ein mulmiges Gefühl. Sollte sie wirklich hineingehen und sich unter fremde Menschen mischen? Die Feier hatte längst begonnen. Auf dem Zettel hatte etwas von 17.00 Uhr gestanden und zu diesem Zeitpunkt hatte sie gerade einmal die Bürotür hinter sich abgeschlossen.
„Wollen sie auch zu der Weihnachtsfeier?“
Hilde schrak zusammen, als neben ihr eine Stimme ertönte. Sie sah die Frau mit der Wollmütze auf den grauen Haaren mit großen Augen an. Bevor sie etwas erwidern konnte, wurde sie untergehakt.
„Das ist ein Wetter heute, was?“ Fröhlich plaudernd nahm die Fremde sie ins Schlepptau und drückte die nur angelehnte Tür auf. „Also ich war schon öfter hier, aber sie habe ich noch nie gesehen. Es wird ihnen gefallen.“
Gehst du etwa mit Fremden…
„Sei still!“
Die Frau, die jetzt vor ihr die Treppe hinaufstieg, drehte sich um. „Was haben sie gesagt?“
„Oh, ich meine, also ich bin ein wenig aufgeregt.“
„Das gibt sich. Ich bin übrigens Frauke“, setzte die schlanke, grauhaarige Frau hinzu, „geben sie mir doch ihren Mantel. Dann hänge ich ihn gleich mit auf.“ Bei diesen Worten zog sie ihre eigene Jacke aus und hängte beide Kleidungsstücke an die Haken neben der Tür der Begegnungsstätte.
Hilde überlegte kurz, ob sie doch noch die Flucht ergreifen könnte, aber in diesem Moment wurde bereits die Tür von innen geöffnet.
„Hallo Frauke, schön, dass du hier bist. Oh“, der vollbärtige Mann, der seinen Kopf herausstreckte, sah Hilde freundlich lächelnd an, „du hast noch Jemanden mitgebracht. Ich bin Manfred.“
„Hilde“, entgegnete sie, während Manfred ihr galant die Tür aufhielt. Immer noch zögerlich trat sie über die Schwelle und spähte vorsichtig in den Raum hinein. Eine vergoldete Engelsfigur, auf der Spitze einer Blautanne balancierend, zog ihren Blick an. Der Baum war über und über mit rot-silbernen Kugeln und Lametta geschmückt.
„Hübsch nicht wahr?“ Frauke hakte sich fröhlich lachend bei ihr ein und zog sie weiter in den Raum.
Im Vorbeigehen sah Hilde wie kleine hölzerne Tierfiguren von den grünen Zweigen herabhingen. Die Tische im Raum waren zu Gruppen zusammengestellt, an denen andere Gäste saßen und aßen. Einige sahen auf, winkten und riefen „Frohe Weihnachten“.
Es roch nach Rotkohl, Gans und Klößen. Wie in Trance folgte sie Frauke und Manfred und ließ sich an einem der Tische zwischen ihnen auf einem Stuhl nieder.
Manfred nickte ihr freundlich zu und schob ihr gleich darauf die Schüssel mit dem Rotkohl näher. „Nehmen sie sich, es ist alles noch warm.“
„Dankeschön“, Hilde lächelte ihn, leicht verwirrt, an. All das sah aus, wie die Vision, die ihr der Fremde an der Kirche gezeigt hatte. Oder spielte ihr Gedächtnis ihr einen Streich? Sie ließ ihre Blicke weiter durch den Raum schweifen, vorbei an den mit Deko-Schnee besprühten Fenstern bis ihre Augen an einem Bild hängen blieben. Ein freundliches Lächeln mit Augen die von Lachfältchen umzingelt waren, sah ihr entgegen.
Hildes Herz schlug aufgeregt, sie wies mit dem Zeigefinger auf das Foto. „Da… das kann doch nicht sein!“
Manfred sah kurz auf das Foto. „Doch das kann es“, und mit einem Lächeln auf seinem Gesicht fügte er hinzu: „Frohe Weihnachten!“

Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 2

Wer Hilde noch nicht kennengelernt hat, findet hier Teil 1

Fortsetzung

Orgelmusik war durch die geschlossenen Türen zu hören. Aus etlichen Kehlen schallte „Stille Nacht, heilige Nacht“ an ihre frostkalten Ohren. Der Wind kam nun wieder direkt von vorn und trieb ihr dicke Schneeflocken ins Gesicht. Hilde senkte den Kopf, während sie an der großen Eingangstür der Kirche vorbei ging. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Gestalt dort sitzen. Neugierig hob sie den Kopf und sah einen Mann mit einer karierten Wolldecke um die Schultern auf einem Stück Pappe sitzen. Vor sich hatte er ein Einmachglas mit einer dicken roten Kerze aufgestellt, deren Flamme in dem Glas munter tanzte.
Lese-TeddyVermutlich ein Obdachloser, dachte sie. Und in diesem Moment hob auch der Mann seinen Kopf und es gab einen kleinen Augen-Blick zwischen ihnen. Hilde merkte, wie sie rot anlief. Rasch blickte sie zu Boden und ging ein paar Schritte weiter, bevor sie abrupt stehen blieb. Sollte sie ihn nicht wenigstens fragen, ob er Hilfe benötigte?
Jeder ist seines Glückes Schmied, tönte Karls Lieblingsspruch durch ihre Gedanken. Er war stets der Meinung gewesen, dass man sich selbst helfen müsste. Einmal hatte sie ihn gefragt, ob er sein Verhalten denn als christlich bezeichnen würde. Da hatte er nur mit den Schultern gezuckt.
Hilde atmete einmal tief durch und ging die paar Schritte zum Kircheneingang zurück.
„Entschuldigung?“ Obwohl sie nur zaghaft gesprochen hatte, sah der Mann sofort auf.
„Hallo.“ Ein offenes freundliches Lächeln zwischen einem dichten Bartbewuchs. Fragende braune Augen, die von Lachfältchen umzingelt waren.
„Also, Entschuldigung“, stotterte Hilde, „ich meine, ich wollte nur fragen, ob ich etwas für sie tun kann. Oder ob sie nicht vielleicht lieber in die Kirche hineingehen wollen. Oder… brauchen sie vielleicht Geld. Also viel könnte ich ihnen nicht geben. Aber…“ Ihr Mund klappte zu. Was redete sie hier bloß? War sie schon so weit von menschlichen Kontakten entfernt, dass sie nicht einmal mehr wusste, wie man mit anderen sprach?
Das konntest du doch sowieso noch nie, schob sich Karl spottend dazwischen.
Obwohl ihr Mann nun bereits über ein Jahr tot war, zuckte sie bei dieser Beleidigung zusammen.
„Ich brauche nichts“, schoben sich die Worte des Fremden in ihre trüben Gedanken. „Aber vielen Dank, dass sie gefragt haben. Und ich wünsche ihnen ein frohes Weihnachtsfest.“ Seine Stimme hatte einen warmen, freundlichen Klang.
Erstaunt sah Hilde ihn an. Wie schaffte dieser vermutlich obdachlose Mann es, in seiner Situation so gelassen und auch noch herzlich zu klingen. Unwillkürlich verglich sie Karls ewig nörgelnde und oftmals sarkastisch klingende Stimme damit.
„Das wünsche ich ihnen auch“, entgegnete sie und streckte dem Fremden impulsiv beide Hände entgegen, die dieser ohne zu zögern nahm und kurz drückte. Dann nickten sie sich zu und Hilde setzte ihren Heimweg fort.

Sie war erst wenige Meter vom Eingang der Kirche entfernt, als sie spürte wie ihr das Atmen schwerer fiel. Ein weiteres Mal bereute sie es, das Mitfahrangebot ihres Chefs abgelehnt zu haben. Der Tag war lang gewesen und sie war müde. Sie sah sich um, aber es war keine Bank in Sichtweite und so lehnte sie sich gegen die rote Backsteinmauer der Kirche. Durch ihren Mantel spürte sie den Kältehauch, der von den Steinen ausging.
Hilde schloss die Augen. Wie schön wäre es, wenn jetzt ein Wunder geschehen würde. Wenn plötzlich von irgendwoher ein Licht aufleuchten und sie wärmen würde. Und in der Wand an der sie lehnte, gäbe es eine Tür, die weit offen stehen würde. Jemand würde sie einladen, den dahinter liegenden Raum zu betreten.
Rasch öffnete sie die Augen wieder.
Du Närrin!, schalt sie sich selber.
Anstatt hier in der Eiseskälte zu stehen, sollte sie lieber machen, dass sie nach Hause käme. Wunder? Die gab es nur im Märchen!
„Und wenn nicht?“
Erstaunt horchte Hilde auf. Seit wann interessierte sich Karl für Wunder und Märchen? Doch dann begriff sie, dass es gar nicht die Stimme ihres Mannes war, die sie eben gehört hatte. Sie drehte sich um und sah den Mann vor sich, der eben noch im Eingangsbereich der Kirche gesessen hatte.
„Entschuldigung, was haben sie eben gesagt?“ Sie staunte selber, dass sie sich ohne Angst mit einem Fremden unterhielt.
„Ich meinte, was wäre wenn es besondere Momente nicht nur im Märchen sondern auch in der Wirklichkeit, jetzt und hier geben würde?“
Bevor Hilde darauf antworten konnte, merkte sie, wie es um sie herum still wurde. Der Wind heulte nicht mehr um die Kirche herum. Der Gesang und das Orgelspiel waren verstummt. Und die Mauer, an der sie eben noch gelehnt hatte, begann zu leuchten, als ob jeder einzelne Backstein glühen würde. Hilde wurde es warm. In ihre Fingerspitzen kehrte Gefühl zurück, die Wangen spannten nicht mehr vor Kälte und auch die Füße in den alten gefütterten Stiefeln fühlten sich wohlig warm an. Das Licht, das von der Mauer ausging wurde immer heller, bis sie schließlich geblendet die Augen schloss.
Als die gleißenden Strahlen, die auf ihre Lider fielen schwächer wurden, hörte sie Stimmengemurmel. Verlockende Düfte nach Gänsebraten und frischem Rotkohl mit Klößen drang in ihre Nase.
„Mach die Augen auf, Hilde“, hörte sie eine Stimme und dieses Mal wusste sie, dass sie nicht zu Karl sondern zu dem Fremden gehörte.
Zaghaft öffnete sie die Augen und sah sich voller Staunen um. Sie war in einem gemütlichen Zimmer, in dem mehrere Tischgruppen aufgebaut waren, an denen Menschen saßen, die ihr Weihnachtsmahl genossen und sich dabei angeregt unterhielten.
Eine große Blautanne, geschmückt mit rot-silbernen Kugeln, Lametta und kleinen hölzernen Tierfiguren stand in einer Ecke des Raumes. Die Fenster waren mit Dekoschnee kunstvoll besprüht, auf den Tischen lagen Tannenzweige und daneben die dicken roten Stumpenkerzen, die Hilde so liebte.
Eine Träne lief über ihr müdes, von Falten durchzogenes Gesicht. Was für eine wunderbare Weihnachtsfeier! Genau so hatte sie es sich immer gewünscht. Aber all die Jahrzehnte waren an ihr vorüber gezogen, ohne dass sie sich diesen winzig kleinen Traum erfüllt hatte. Stattdessen hatte sie an den Weihnachtstagen ihrem Ehemann meist schweigend gegenüber gesessen und davon geträumt Freunde einzuladen, die sie nicht hatten.
Ihr Blick wurde von der vergoldeten Engelsfigur auf der Weihnachtsbaumspitze angezogen. Er begann zu leuchten und das Leuchten wurde so hell, dass sie nach einer Weile die Augen erneut schließen musste.

Den 3. Teil findet Ihr hier

Geschichten-Zeit: Hildes Heiliger Abend, Teil 1

„… drei, vier, fünf“, leise zählte sie die Glockenschläge der nahe gelegenen Kirche mit.
Es war schon spät an diesem Heiligen Abend, als Hilde die Bürotür sorgfältig hinter sich abschloss und die drei Stufen auf den Gehsteig vorsichtig hinunter stieg. Schnee lag auf den Straßen und sie hatte Sorge, dass sie ausrutschen könnte. Lese-Teddy
Ihr Chef, ein junger Anwalt, der sich erst in diesem Jahr selbstständig gemacht hatte, hatte noch lange gearbeitet und so war sie mit dem saubermachen nicht so rasch wie sonst voran gekommen. Aber sie hatte keine Eile, schließlich wartete nur eine leere Wohnung auf sie.
„Ach Karl“, seufzte Hilde. Sie vermisste ihren verstorbenen Mann. Und das obwohl das Leben mit ihm alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen war und er sie mit Schulden von denen sie nichts geahnt hatte, zurück gelassen hatte. Daher musste sie auch mit ihren 69 Jahren noch putzen gehen.
Mit langsamen Schritten ging sie die Menschenleere Straße hinunter. Die Geschäfte hatten bereits vor einer Stunde geschlossen, so dass der Alltagstrubel für diesen Tag bereits der Vergangenheit angehörte.
Hilde zog ihren selbst gestrickten Schal höher, damit die gleichmäßig fallenden Schneeflocken ihr nicht in den Nacken rieseln konnten.
„Es sieht ja schön aus“, murmelte sie vor sich hin, „wenn mir nur nicht so kalt wäre.“ Seit Karl völlig unerwartet an einem Herzinfarkt verstorben war, führte sie oft Selbstgespräche. Einen Freundeskreis hatten sie nie gehabt – Karl war ein überzeugter Einzelgänger gewesen – und ihr einziger Sohn war nur wenige Tage nach der Geburt verstorben. Und danach war sie zu ihrem großen Bedauern nie wieder schwanger geworden. Ihrem Mann hatte das nichts ausgemacht, er war stets zufrieden gewesen, wenn er nach der Arbeit in seinen Pantoffeln im Sessel gesessen und Ferngesehen hatte.

In Gedanken versunken bog Hilde um die nächste Ecke. Eine Windböe stürmte auf sie zu und versuchte sie zurück zu drängen. Diese Winterstürme setzten ihr zu, fraßen sich durch die wollene Kleidung direkt an ihre von Arthrose geplagten Knochen.
Wie verlockend bei einem solchen Wetter sogar eine leere Wohnung werden konnte. Hilde sehnte sich danach unter ihrer Decke auf dem Sofa zu liegen, eine Tasse Tee in den klammen Händen und die heiße Wärmflasche an den Füßen. Mit einem Mal fiel ihr ein, dass sie nun gar nichts mehr einkaufen konnte. Sie hatte fest damit gerechnet, es noch vor Ladenschluss in das Kaufhaus gegenüber ihrer Arbeitsstelle zu schaffen. Aber nun war sie nicht nur achtlos daran vorbei gegangen, sondern es war sowieso längst geschlossen.
Dabei hatte sie sich heute zur Feier des Tages ein schönes Nackenkotelett gönnen wollen. Sorgfältig paniert und in der Pfanne mit Zwiebeln und frischen Champignons gebraten. So wie früher. Stattdessen standen nun belegte Brote mit Salami und Käse auf dem weihnachtlichen Menüplan. Und wenn sie sich recht erinnerte, wartete im Küchenschrank noch ein Tütchen mit Marzipankartoffeln darauf verspeist zu werden. Immerhin.
Inzwischen konnte sie die Kirchturmspitze, deren Glockenschläge sie vorhin gezählt hatte, schon sehen. Wie in jedem Jahr war sie zur Weihnachtszeit hell angestrahlt, so dass es von weitem aussah, als ob die Spitze inmitten einer leuchtenden Kugel schwebte.
Hilde blieb einen Moment stehen und schaute auf das märchenhafte Bild, das sich ihr bot. Schneeflocken, die leichtfüßig durch den Lichtschein tanzten und dann nach und nach hinter den Dächern der Häuser verschwanden.
„Wie wunderschön“, wisperte sie.
Durch ihre Gedanken schwebte der Satz Du immer mit deinen kleinen Dingen des Lebens – so hatte sich Karl stets über sie lustig gemacht.
„Das hast du mir nicht abgewöhnt!“ Ihre Stimme klang trotzig.
Aber so vieles andere, fügte sie in Gedanken hinzu.
Eine weitere Windböe sauste ihr entgegen und sie ging, so schnell sie es sich auf dem schneebedeckten Gehsteig zutraute, weiter. Morgen würde es hier vermutlich wieder ganz anders aussehen. Die Stadt würde die Straßen und einen Teil der Gehsteige räumen lassen. Aber heute gehörte diese unversehrte Schneedecke nur ihr allein. Und trotz der Angst hinzufallen und hilflos liegenbleiben zu müssen, genoss sie es zu spüren, wie ihre Füße mit jedem Schritt in den Schnee einsanken und dann Spuren hinterließen.
An einer roten Fußgängerampel blieb sie stehen, obwohl weit und breit kein Auto in Sicht war.
Typisch Hilde, tauchte ein weiteres Mal Karls Stimme in ihren Erinnerungen auf. Sie zuckte jedoch nur mit den Schultern und wartete geduldig bis das grüne Ampelmännchen ihr die Erlaubnis gab, die Straße zu überqueren.

Nachdem sie kurz darauf in eine kleine Seitenstraße abgebogen war, atmete Hilde erleichtert auf. Hier konnte sie der eisige Wind weniger angreifen. Die Häuser rechts und links boten ihr Schutz und sie drückte sich an den Fassaden entlang. Nun war es nicht mehr allzu weit, bis sie endlich zuhause sein würde.
Ihre Finger in den dünnen Handschuhen waren mittlerweile eisig kalt geworden und auch der über die Jahre fadenscheinig gewordene Mantel hielt nur bedingt die Kälte ab. Vielleicht hätte sie doch das Angebot ihres Chefs, sie nach Hause zu fahren, annehmen sollen. Aber sie wollte Niemandem zur Last fallen und hatte geantwortet, dass ihr ein kleiner Spaziergang vor dem Abendessen gut tun würde.
Die Straße führte direkt auf das Seitenschiff der Kirche zu. Inzwischen war der Weihnachtsgottesdienst sicherlich in vollem Gange. Im vergangenen Jahr hatte sie sich durchgerungen und war hingegangen. Sie hatte sich in die hinterste Bank gesetzt und sich einsamer als zuhause gefühlt. Trotzdem hätte sie es auch in diesem Jahr wieder versucht. Aber nun war es bereits zu spät.
„Vielleicht ist es besser so“, murmelte sie.
Wer rennt denn schon an Weihnachten in die Kirche?
, drängten sich Karls alljährliche Spotttiraden über die Menschen, die das ganze Jahr über die Kirche mieden wie der Teufel das Weihwasser, um dann an Weihnachten den Ganzjahres-Kirchgängern die Plätze wegzunehmen. Wenn sie ehrlich war, war sie stets nur ihm zuliebe zu den Gottesdiensten gegangen. Beinahe jeden Sonntag, so lange sie verheiratet gewesen waren. Und das waren immerhin über vier Jahrzehnte gewesen.
„Du wolltest dich doch immer nur von deinen Sünden befreien lassen“, Hildes Stimme war bei diesen Erinnerungen unversehens lauter geworden, so dass ein einsamer Passant, der sie plötzlich überholte, neugierig unter seiner Kapuze hervor sah. „Aber kaum hattest du die Nase unter dem Kirchendach wieder hervor gestreckt“, schimpfte sie nun leiser weiter, „dann warst du wieder so grob wie eh und je.“ Hilde seufzte. „Naja, nun ist es auch egal.“

Inzwischen war sie auf dem kleinen Platz angelangt, der vor der Kirche lag. Mit müden Schritten ging sie den Weg entlang, der erst auf den Eingangsbereich zuführte und sich dann rechts und links um die Kirche herum gabelte…

Und hier findet Ihr den 2. Teil!

Geschichten-Zeit: Die Nacht

Die Nacht

von Nicole Vergin

 

Schwärze über WäldernLese-Teddy
sickert durch Laub
sinkt schwer zu Boden.

Einsame Schritte
Widerhall im Innersten
Furcht erwacht.

Wisperndes Raunen entrindeter Bäume
zitternd in der Dunkelheit
sich verbergend, wartend.

Das Knacken gestürzter Zweige
Rufe der am Boden liegenden
kurzes Erheben ohne Kraft.

Geschichten-Zeit: Take it easy

Take it easy

von Nicole Vergin

Jahrein, jahraus kamen sie. Und noch wichtiger – sie blieben. Die Touristen in Bettyhill.

Lese-TeddyGemütlich fuhren sie in ihren Autos die Straßen, die sich zwischen den grünen Hügeln der schottischen Highlands hindurch schlängelten, entlang. Vorbei an dem Ortseingangsschild, an den ersten kleinen Häusern, die vereinzelt rechts und links der Straße in ihrem steingrauen Gewand geduldig standen.

Niemand erwartete etwas Großes in einem kleinen Ort namens Bettyhill. Und so fuhren sie weiter, während ihre Gedanken bereits einen Sprung auf der Landkarte machten. Einen Sprung, so groß, dass der Name Bettyhill im vorbeisausen nicht einmal mehr zu erkennen war.

Dem Einen oder Anderen fiel dann doch noch der kleine Friedhof auf und bereits kurz danach das Schild Richtung Farr Beach.

„Oh, ein Strand…“, mochte der Eine oder auch der Andere denken.

Ein kurzer Blick im vorbeifahren, ein rasches: „Ach wie schön!“. Denn schön ist der Strand in Bettyhill allemal. Feiner, weißer Sand, ganz ohne diese glibberigen, braunen Algententakel.

Aber zurück zu dem Einen oder Anderen, dem dieses Juwel ins Auge fiel. Der Moment war rasch verflogen. Verhallt wie ein Echo in weiter Bergwelt. Schon ging die Fahrt weiter. Weiter bis zu dem Moment, der alles veränderte und der Bettyhill in einem anderen Licht erstrahlen ließ. Dem Moment, in dem der Blick wie von einem Magneten angezogen, erst zu dem Schild auf dem B & B stand wanderte und einen Sekundenbruchteil später auf ein darunter stehendes Bild fiel.

Alle, die sich im Nachhinein über diesen Moment unterhielten, berichteten das Gleiche. Das man beim ersten Blick dachte, dass unter dem Schild ein Bild hing. Ein Bild, auf dem eine weiß lackierte Bank zu sehen war, auf der ein Mann saß und neben ihm eine Katze. Diese Katze hatte alles und jeden im Blick. Sobald jemand angefahren kam, sah sie den Reisenden direkt ins Herz und tief hinein in ihre Seelen.

Genau in diesem Moment begriffen alle, dass es kein Bild sondern Realität war. Der Eine oder Andere und alle restlichen Reisenden hielten an. Sie begannen eine Unterhaltung mit dem Mann, während Betty die liebevollen Streicheleinheiten genoss.

Der Eine blieb zwei Tage, der Andere auch mal drei. Und alle anderen Reisenden sogar eine Woche und länger.

Ja, genauso war das. Damals in Bettyhill. Mit Betty und den Reisenden.

Heute sitzt der Mann allein auf seiner Bank.

„Betty ist tot“, erzählt er den wenigen, die vorbei kommen. Und fügt mit dem Kopf nickend hinzu: „Take it easy…“