Schreibkick: Freibad

Meine Muse hat zur Zeit Urlaub – was hin und wieder auch sein muss! Trotzdem kam sie gestern Abend vorbei geschlendert und meinte so ganz nebenbei: „Hey, morgen ist doch der Schreibkick zum Thema Freibad fällig.“ „Ich weiß“, entgegnete ich, „aber ich will diesen Monat nicht mitmachen, keine Zeit.“ Aber sie ließ sich nicht abwimmeln, beugte sich zu mir herunter und flüsterte mir etwas ins Ohr… Und nachstehend findet Ihr das Ergebnis!

Freibad
von Nicole Vergin

„Setz dich zu mir, Froschmann!“ Aus der Vergangenheit wehte ihre Stimme zu ihm herüber. Er griff neben sich, da wo damals ihre Hand gewesen war und jetzt nur der Wind über seine Haut strich.
„Pippilotta“, flüsterte er. Immer hatte sie die Welt so gemacht, wie sie ihr gefiel. Nicht nur ihre eigene, sondern auch seine. Und jetzt, wo sie beschlossen hatte, aus seinem Leben zu verschwinden, da hatte er keine Welt mehr, in der er leben konnte.
Nicht einmal seine beiden blauen Pfeilgiftfrösche konnten ihn nun noch trösten. Vorbei die Zeiten, in denen ihre Existenz ihm neben dem atmen, essen und schlafen, genügt hatten.

Der graue, rutschfeste Kunststoffbelag des 10 m Sprungturms drückte sich unbequem in seine Oberschenkel. Hier oben hatten sie gesessen, nebeneinander und die im Licht des Vollmonds vorbeiziehenden Wolken beobachtet. In der Nacht, in der sie über den Zaun geklettert und das Freibad für sich erobert hatten.
„Das gehört jetzt alles uns.“ Und wenn Pippilotta so etwas sagte, dann glaubte der Froschmann ihr.

Er ließ sich zurück auf den Rücken fallen und schaute nach oben in den Nachthimmel, an dem nur vereinzelte Sterne wie Glühwürmchen glimmten. Seine Beine baumelten knieabwärts von der Kante herunter.
„Sie kommt nicht zu mir zurück“, rief er den Sternen zu. Aber denen war das egal. Genauso wie es Pippilotta egal war, dass sie seine Welt mitgenommen hatte. Oder hatte er zum Schluss gar keine eigene mehr gehabt? Er setzte sich kurz auf, dachte einen Moment nach und kam zu dem Ergebnis, das er es sich einfach in ihrer Welt bequem gemacht hatte. Und das war der Fehler gewesen. Jetzt sah er es ganz klar. Seine eigene Welt war ihm damals Scheißegal gewesen. Ihre bunte, aufregende Welt hatte ihn angezogen, eingesogen. Seine eigene war ihm plötzlich fad erschienen. Und nun hatte er keine Welt mehr, egal wie er es auch drehte und wendete. Da war nur noch ein großes Nichts, ein gähnender Schlund.
Stück für Stück schob er sich nach vorn, blickte in die Tiefe, die ebenso dunkel dalag, wie der Nachthimmel über ihm schwebte. Vielleicht gab es da unten für ihn eine neue Welt. Eine, in die er eintauchen konnte, wenn er es nur mutig genug versuchte.
Entschlossen ließ er auch das letzte Stück grauen Kunststoffs hinter sich und stürzte sich mutig durch die wirbelnden Schneeflocken hinunter auf den Boden der Tatsachen.

Diesen Monat waren dabei:

Veronika
Eva
Sabi
Rina P.
Corly

Das Thema für den 01.06.17 lautet: Hitze

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